Youngtimer im Fokus: Toyota Carina E – der Nicht-Hingucker

Unser persönlicher Rekord mit dem Toyota Carina E war eine Reise von der Toscana bis nach Gießen – in einem Aufwasch. 1065 Kilometer – mit einem Benziner mit 60 Liter Tank – ohne auch nur ein Schnapsglas nachzutanken. Das gelang unseren Nachbarn, die hinter uns fuhren, mit ihrem Passat B5 – damals das Vorzeigeauto der Klasse – nicht. Wir hatten die Wagen mit nur 2 Wochen Abstand erworben. Der Germane dort für 41.000 Mark, unser Carina für 32.900 – mit vergleichbarer bis besserer Ausstattung… Zu der Zeit war der Passat frisch auf dem Markt, der Toyota Carina E ein Auslaufmodell, gerade vom Nachfolger Avensis abgelöst. Ganz fair war der Preis-Vergleich also nicht – aber dennoch war das Marktrealität.

Toyota Carina E

Der Carina E war nicht nur erfolgreich in UK – er wurde auch dort produziert, was die Briten vermutlich etwas versöhnlicher stimmte. Auf der Insel waren die Gebrauchtwagenpreise des Carina legendär stabil. Dort wurde auch das Stufenheck-Modell geschätzt, das in Deutschland unbedeutend war

Es gab nur einen Deutschen Wagen, der preislich in die Nähe kam – das war der Ford Mondeo, dessen Kofferraum noch etwas größer war. Der Mondeo hatte uns so lange gereizt, bis wir den Carina E fuhren – 1,8 Liter und 107PS Magermix-Motor. Der sollte sich zum Heiligtum entwickeln in den kommenden Jahren. Beispielsweise in solchen Momenten, in denen unsere Nachbarn auf der gemeinsamen Fahrt mit ihrem ach so modernen Passat mit seinen 100PS nachtanken mussten, unser Tank aber noch gefühlt halb voll war. Die Schweiz hatte dem Toyota gut getan – das war genau die Art Einsatzgebiet, die dieser Wagen brauchte: kontrollierte Bedingungen. Wer hier auf die Economy-Anzeige achtete, konnte mit einem Wagen in der Größe des Passat mit 5,X Litern Benzin fahren – voll beladen mit 4 Personen, Hund und Gepäck – unsere Nachbarn zu Zweit…

Snapshot from the Family Album: Die Hunde liebten ihn ;-D — Der Carina E Combi war der wahre Carina

Inspektionskosten des Carina? Selten über 200 Mark. Passat? 380 DM war die billigste Inspektion… Nach 2 Jahren entwickelte unser damaliger Nachbar eine gewisse Aggression gegen den Carina E. Als nämlich seine Garantie ausgelaufen war und dann der Reihe nach erst die Spurstangen den Geist aufgaben, dann die Stoßdämpfer, schließlich der Klimakompressor. Bei Tausch dessen stellte der Händler dann fest, dass eine der Scheinwerferhalterungen so angerostet war, dass man den halben Vorderwagen austauschen musste – im Volkswagenkonzern zu dieser Zeit keine ganz unübliche Not-OP – peinlich aber für einen Wagen, der gerade mal 30 Monate alt war und 70.000 drauf hatte. Der Toyota Carina E hingegen tat, was der ADAC versprochen hatte: Er fuhr. Und Fuhr. Und… äh fuhr…

Auch wenn die Deutsche Lobby alles versucht hatte: Diese Qualität im mehrfachen Wortsinne, die der Toyota Carina in seiner letzten Auflage an den Tag legte, war nicht wegzudiskutieren. Und nicht nur das: Sie war eben auch nicht zu schlagen. Zu dieser Zeit kamen die Deutschen Autos der schlimmen 90er Jahre bei Dauertests  oft nur auf katastrophale Werte, während die Corollas, Carinas und Camrys einfach ihren Job machten.

Waren die Japaner der Zeit totale Langweiler? Freilich waren sie das. Heute kennt den Carina kaum noch einer – die meisten Leute können ihn im Zweifel nicht von einem Mitsubishi Irgendwas unterscheiden oder vom Nissan Sonstwas der Mittelklasse, den sie auch schon längst vergessen haben. Innere Werte waren zu der Zeit in Deutschland offensichtlich irgendwie weniger wichtig als Chrom…

Der Toyota Carina ist der heimliche W124 des kleinen Mannes

Unser definitives Lieblingserlebnis mit dem Carina war der Anruf von Toyota Deutschland nach 2 Monaten. Die fragte uns, ob mit dem Wagen alles in Ordnung sei und wir zufrieden seien. Das bejahten wir. Nach mehrfachem beharrlichem Nachfragen, ob wirklich alles top sei, erwähnten wir, dass beim Bremsen aus sehr hohen Geschwindigkeiten zwei oder drei mal ein leichtes Knacken in der Nähe des Handschuhfaches zu hören gewesen sei. Wir würden das vielleicht mal bei der nächsten Inspektion erwähnen… 25 Minuten später: Anruf es lokalen Toyota Händlers, ob er uns einen Leihwagen vorbei bringen dürfe, um das Problem bei unserem Carina zu beheben… Erzählst Du so eine Geschichte deinem Passat-Nachbarn oder verzichtest Du darauf im Interesse seines Blutdrucks….?

Toyota Carina E Sxchrägheck

Werbefotografie verzweifelter Sportlichkeit. Bis zu satten 175PS guingen im Carina – und damit war der Wagen MEHR ALS motorisiert

Wir hatten zwei Tage lang einen Lexus GS300, was uns sicherlich prägte… Die Carinas fanden in Deutschland dennoch keine ausreichende Beachtung. Der Kombi (Combi bei Toyota) war großartig und ebenso leise wie ein Lexus – satte 3DB übrigens leiser als der 100PS Passat bei 130 KM/H – soviel zu Germanen-Premium. Unser damaliger Hund schlief praktisch ein, sobald wir auf der Hauptstrasse waren…

Die große Zeit der Japaner neigte sich in Deutschland zu dem Zeitpunkt bereits dem Ende zu – vor allem im Bereich der langweiligen Mittelklasse, die Nissan und Mitsubishi dann auch recht schnell komplett aus dem Programm nahmen. All die Carismas, Primeras und Accords verschwanden und gerieten in die Hände von Minimalisten.

Snief…

Mit ihnen verschwand eine Fahrzeugklasse der anspruchslosen Alltags-Begleiter, der Nicht-Hingucker, der unbeachteten – Autos ohne Story. Dieser Typ, der sich noch nicht Facility Manager nannte, sondern Hausmeister war. Hyundai und Kia bauten mit den Lantras und ähnlichen noch ein paar – aber dann war das auch vorbei und erreichte natürlich nie die Arten-Vielfalt wie bei den Japanern der 90er Jahre.

Kein Youngtimer – aber ein Wagen, für den auch heute noch viele vernünftige Autofahrer dankbar wären

2007 lief uns für unseren Umzug in unser Haus noch einmal ein Carina E zu. Unser Baustellen-Auto. Ein Kombi mit 133PS, damals eher selten – obwohl es sogar einen Carina mit 175PS gab – den GTI als Schrägheck, der interessanter Weise auch weniger Sprit benötigte als jedes andere vergleichbare Auto.

Der gemeine Russe weiß den Wagen auch heute noch zu würdigen. Youngtimer kennt man hier eh nicht – das ist der Carina auf seine Weise auch sicher nicht. Er ist ein Alltimer, für den auch heute noch viele vernünftige Autofahrer dankbar wären

Auf 144.000 Kilometern ersetzten wir die Bremsen und die Scheinwerferbirnen und ein Gurtschloss hinten, das unerklärlicher Weise auf Garantie getauscht wurde. Der Carina ist der heimliche W124 des kleinen Mannes, ohne Zweifel. Ähnliches erzählte uns der Verkäufer unseres Baustellen-Autos. Der 133PS Carina hatte etwas über 400.000 Kilometer drauf – jedoch war der Kilometerzähler irgendwann hängen geblieben… Das Lenkrad war abgegriffen, die Klima-Anlage funktionierte nicht mehr – Alles andere war so, wie es sein sollte. Da kratzte uns klapperte nix, da gab es keine verdächtigen Geräusche von Motor, Getriebe oder Fahrwerk – manchmal musste man den Rückwärtsgang zwei mal einlegen, bis der Rückfahrscheinwerfer leuchtete – irgend ein Wackelkontakt. Gilt das schon als Mangel….?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Leute den Carina E, der vor knapp 26 Jahren auf den Markt kam, als coolen Klassiker entdecken, ist deutlich unterhalb von gering. Sein Vorgänger, der späte Carina II hat ein paar Fans – viele davon in Polen und Russland – ganz wenige in Deutschland. Und bei unserem letzten Besuch in Russland sahen wir viele Carinas – in allen Formen bis hin zu total verranzt und fahrbar. Autos, deren Millionen-Tachos einmal rum zu sein scheinen, ohne einen Laut von sich zu geben.

Rest in Peace, Carina – Du warst ein besonderes Auto der anderen Art.




4 Gedanken zu „Youngtimer im Fokus: Toyota Carina E – der Nicht-Hingucker

  1. Leider mußte man aus Abgasgründen den Magermix Motor aufgeben, denn gerade der machte mit seinen verstellbaren Drallklappen den Benzin Motor so extrem sparsam, daß diese Motoren heute evtl. in den Hybriden eine Super Dieselalternative wären.

    Wir haben hier noch einen 97er Corolla E10 (1992-1997) aus der gleichen Ära. Fährt ohne zu mucken und außer Bremsen, ESD, Ölwechsel und einmal je ein Einspritzventil und die Achswellenmanschetten nichts ernsthaftes kaputt. Funktioniert bis zum verrosten…..

  2. Die Verbrauchswerte des Carina E waren pure Magie. Seine Verarbeitung auch. Wir hatten einen 93ziger von 96 bis 2001 und dann einen 97ziger bis 2008 – am Ende über 400.000 drauf. Wir haben uns manchmal gefragt, warum wir den nicht einfach behalten haben. Aber ja: Hingucker werden die irgendwie nicht

  3. Ich fahre jeden Abend auf dem Heimweg von der Arbeit durch ein Gewerbegebiet. Schon lange interessiert mich nicht mehr, was dort in den zahlreichen Autohäusern ausgestellt ist. Doch vor einigen Tagen, in der Schmuddelecke des Toyota-Händlers, ein altes Auto! Das Gesicht (so sage ich heute-damals waren das für mich gesichtslose Autos…) eines Carina der frühen 90er…. Wann habe ich denn da den letzten gesehen? Ich wende und fahre zurück. Das Auto ist im Lack ausgebessert, etwas Rost ist zu sehen, die Sitze sind verschlissen… Mit der Taschenlampe suche ich auf dem Tacho….Kilometerstand ist 429xxx…
    Ehrfüchtig gehe ich zurück zu meinem Ford Connect mit 194000 km und wünsche mir eigentlich nur eines…..
    Der Carina war nach 3 Tagen weg.

  4. Generell waren die 90 er Jahre Toyotas super sparsam,sauschnell, auch wenn sie so manche minimalen Macken hatten absolut treu, da konnte man sagen Schit was auf Seitenhalt der Sitze, oder den Teppich der etwas kreuselte, im Grunde absolut solide Autos,die wirklich kaum Reparaturen brauchten,nur Wartung wie Zahnriemen Kerzen und Öl,dabei ab und zu aufs Wasser geachtet ,Tnaken und immer weiter ging es, nur ein einziges mal,verstehe ich bis heute nicht ist mir ein Corolla 1300er mit 88 PS kaputt gegangen, lag wohl am Zahnriemen der um 1 Zahn schief war.

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