US Fullsize!

In unregelmäßigen Abständen überfällt uns der Wunsch, einen US-Oldtimer zu fahren. Einen Wagen aus der zeit, da man noch sorglos Benzin verbrauchen durfte oder das ganze Thema gar vollkommen irrelevant war. Tatsächlich führten US-Auto-Zeitschriften diese Angabe erst Jahre nach den Deutschen ein – und dann schenkten sie ihr auch lange Zeit keine wirkliche Bedeutung…

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Damals glaubte man das noch irgendwie. Aber da war auch der Marlboro-Mann noch ein Vorbild 😉

Das hat keinen wirklichen Grund. Wir finden die einfach irgendwie cool.

Die Erinnerung könnte ich noch wie heute für mich nachleben: Mein erster Ride in einem US-Auto hatten zwei von uns gemeinsam in einem Chevrolet Monte Carlo – auf dem Rücksitz in den frühen 80ern. Mein Vater fuhr damals einen fast neuen Jetta I, bei dem ich als Teenager immer gegen die Vordersitze stieß – und dann setztest Du dich in diesen fetten 5 Liter Schlitten und hast Raum… unfassbar.

Kurze Zeit später sollte ich bei einem Besuch in den USA herausfinden, dass der Monte Carlo dort eher als Mid-Size galt oder wie mein dortiger Onkel, damals im gehobenen Management bei einer großen US-Versicherung gerne witzelte „Kid-Size“ galt.

Wenn Du von allem irgendwie viel zu viel hast und dann einfach noch was oben drauf legst

Jahre später mieteten wir uns so einen Wagen noch einmal bei einer Durchquerung der USA. Mein Onkel hingegen als wichtiger Manager fuhr eine richtig fette Fullsize-Karre – und so auch die gesamte Nachbarschaft, damals in den ganz frühen 80ern. Während bei uns gerade Jute statt Plastik gepredigt wurde und die Grünen sich konstituierten, fuhr man in den USA mit dem fetten Klotz mit seinen 8 Zylindern die Strecke zum Diner eben rüber – die ganzen 300 Meter… Vollklimatisiert, versteht sich. Die nähere Nachbarschaft erkundeten nur Kinder zu Fuß. Ich liebte es, weil ich eine amerikanische Kamera und Filme im Überfluss für die zeit dort bekommen hatte und eigentlich JEDES Autos sofort fotografieren wollte.

Du ahnst nicht, wie groß ein Dodge Coronet ist, bis du in ihm drin sitzt. Auf eine bizarre Weise ist der Wagen dennoch übersichtlich

Was mich beeindruckte – und irgendwie bis heute beeindruckt – war dieser brutale Überfluss. Überfluss an allem. Selbst bei den kleinsten unbedeutenden Fahrzeugen, war eine dicke Chromschicht zu finden, Automatik, gigantische Motoren und Klimaanlagen. Ich hatte bis dahin nicht einmal gewusst, dass es Autos mit Klimaanlagen gab – in unserer Familie kurbelte man die Fenster im Sommer runter und schwitzte schlicht und ergreifend, wenn es warm war. Meine Tante hingegen fuhr mit ihrem klimatisierten Kombi mit uns in die klimatisierte Mall (Gab es damals bei uns auch noch nicht und ich wäre froh, es gäbe sie heute noch nicht) und ging dort klimatisiert shoppen. Und irgendwie erschien einem das gar nicht irre, sondern coooolll.

Das Wort „Hausfrauen-Auto“ variiert in seiner Bedeutung von Land zu Land…

Selbst die Europäischen Autos, wie eben der Jetta von meinem Dad – die hatten hier Automatik, flauschige Sitze und Weißwand-Reifen. Überall sah man den Plymoth Horizon – ein langweiliger Kompakter in Europa – hier mit Plüsch auf den Sitzen, die ihn aussehen ließen, wie eine Luden S-Klasse ersten Ranges.

Als wir kürzlich mal wieder in Nordeuropa unterwegs waren, konnten wir kaum glauben, wie selbstverständlich die US-Fullsize Cars hier noch vertreten sind. In Deutschland wurden sie geächtet und die Spritpreise machten einen fertig und die Versicherungen schlugen mit Fantasie-Einstufungen der Fahrzeuge, die keine Hersteller- und Typschlüsselnummer hatten, noch einmal feste drauf.

Eine Zange, zwei, drei Schraubenzieher, hier und da einen Kabelbinder…

In Norwegen und Finnland schauen die Leute da auf eine teilweise ganz andere Qualität: Die US Fullsize Cars sind in ihrer Konstruktion unfassbar simpel. Jeder Labrador kann hier die technischen Zusammenhänge verstehen. Und nicht nur das: die mechanische Belastung eines V8 Fünfliters mit kaum 150PS ist so gering – was soll da groß kaputt gehen. Und wenn doch; siehe einerseits Argument 1 und darüber hinaus: hast Du eine Ahnung, wie viele Small Blocks und Big Blocks je gebaut wurden und bei eBay nach Käufern suchen?

„Nuttenrot“ 😉

Fahrerisch können die Fullsizer allesamt nix, ausser irgendwie einigermaßen passabel auf der Strasse bleiben. Mutige 19jährige Europäer mit ein bisschen Fahrerfahrung können sich da einen Spaß draus machen. Wir spielten damals in der Wüste immer „Die Strassen von San Francisco“ 😉 Man kann ja so herrlich kontrolliert driften mit den Dingern.

Und im Gegensatz zu neumodischen Hecktrieblern fangen diese Autos sich noch selbst ein – einfach bisserl vom Gas gehen und geradeaus lenken…

Wir haben uns das auch in den Nordics mal wieder gegönnt – allerdings nur mit einem Chevy Citation… na gut, das war nur so mittelcool. Irgendwann… Ja – irgendwann müssen wir uns so etwas doch mal wieder gönnen. Es hat so wenig reell cooles, aber es ist vielleicht eine ganz spezielle Art der Realitätsflucht, die man sonst nicht oft findet.




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