Altes aus der Vorstands-Etage: Der Wandel der Oberklasse

Als zwei von uns in den frühen 90er Jahren den weltbesten Ferienjob für Studenten antraten, hatte das Unternehmen, bei dem wir fortan in den Semesterferien arbeiten sollten, 8 Vorstände. Der Vorstands-Fuhrpark bestand aus

  • Mercedes S-Klasse (6x)
  • BMW 7er (2x)

…und ein Teil unseres Jobs war es, die Vorstände hin und wieder zu fahren, was viel unserer Fahrerfahrung ausmachen sollte. Zwei der S-Klassen waren zu der Zeit noch 126er – ein 420SEL und ein 560er (Vorstandsvorsitzender). Beide fantastisch ausgestattet und beide mit verlängertem Leasing, weil die 140er S-Klasse einfach nicht gut ankam.

Schon mal in Büffel-Leder gekuschelt? Kannst Du dir nicht vorstellen…

1992 trat eine kleine Revolution ein: Ein neuer, zusätzlicher Vorstand hielt Einzug – und brachte einen Audi V8 mit – den hatte er noch bei seinem alten Arbeitgeber bestellt und die Firma hatte ihn praktisch bei Lieferung übernommen, als er wechselte. Audis waren tatsächlich zu dieser Zeit im Kanon der Vorstandsfahrzeuge nicht vorgesehen. Bereichsleiter hatten hier und da einen Audi 100, ein Lieferabkommen bestand, aber die Vorstände nahmen den nicht, es gab kein Referenzfahrzeug.

Die Langversion war nicht durchgängig hübsch, aber ausgezeichnet

Tatsächlich war das auch durchaus problematisch: Man hatte den Audi V8 abgelehnt, weil es den zunächst nur in einer reichlichen Vollausstattung gab und der Wagen sozusagen serienmäßig zu teuer war. Aber nun war er da – und jetzt musste man damit umgehen. Es verging ein Jahr, in dem 2 Dinge geschahen: Vorstand Nummer 10 wurde engagiert und die Dienstwagen-Regelung wurde geändert: Jetzt ging auch der V8 – und kaum, dass der dort explizit erwähnt war, stellte Audi den A8 vor.

Sommer 1994 sah der Vorstandsfuhrpark dann so aus:

  • Mercedes S-Klasse (5x)
  • BMW 7er (3x)
  • Audi V8 (1x)
  • Audi A8 (1x)

Der neue Vorstand mit seinem A8 sagte mir bei einer langen Fahrt nach Hamburg einmal: „Es ist doch auch einfach irgendwie langweilig – du willst doch Mal was anderes fahren als immer nur Mercedes, oder?“ Luxusprobleme. Aber die Welt wandelte sich. Die Abteilungsleiter fuhren nun tatsächlich mehr BMW und hier und da auch vermehrt Audi.

Audi V8

Speziell die frühen Photos aus der Pressemappe schafften es nicht recht, den Audi V8 ausreichend vom Audi 100 abzuheben

Die Ski-Fahrer kauften Audi wegen des Allradantriebs – mit dem Allradantrieb lieferte Audi praktisch die Entschuldigung, Audi zu kaufen, was clever war. Aus dem weniger respektierten Auto wurde dadurch eines, das technisch überlegen war und sich gleichzeitig vom „Kleinwagen-Makel“ Frontantrieb distanzierte. Tatsächlich gab es den A8 sogar mit Frontantrieb, den V8 noch nicht. Audi hatte es geschafft und war technisch gesehen oben angekommen – nach einer beispiellosen strategischen Initiative.

Technisch ist der A8 vor allem weniger exotisch (bremsen, Automatik, Motor) und hat das breitere Angebot an Motoren. Die Modellpolitik des V8 war der einzig schwachsinnige Aspekt des Premium-Planes gewesen – und den hatten sie korrigiert in Ingolstadt.

Der Fuhrpark 1997 mit jetzt 11 Vorständen:

  • Mercedes S-Klasse (2X)
  • BMW 7er (5X)
  • Audi A8 (3X)
    und einem irgendwie exotischen
  • A6 Allroad Quattro der ersten Generation

Tatsächlich deutete der Allroader an, dass nicht nur Audi echt angekommen war, sondern 2 weitere Dinge passiert waren: Die echte Deutsche Oberklasse in  Form der drei heiligen Premium-Könige war hier mit dem „kleineren“ A6 unterminiert worden. Gleichzeitig hatte eine neue Generation von Vorstand Einzug gehalten und die wollte am Wochenende auch mal ein Mountainbike in den Kofferraum ihres Dienstwagens werfen und auf den Feldberg fahren. Das war neu und sollte zunehmen.

Der Vorstands-Klassiker

Tatsächlich war in den Neunzigern hier einerseits ein Umdenken eingezogen, gleichermaßen war auch etwas anderes passiert: Die gehobene Mittelklasse war entschieden dichter an die Oberklasse heran gerückt und begann, die Oberklasse ein wenig obsolet zu machen. 1995 war der Mercedes W210 erschienen – Qualität hin oder her: Mercedes hatte den W210 deutlich dichter an die S-Klasse heran gerückt,um sicherzustellen, dass die Kunden, die die fette S-Klasse nicht mochten, bei der Marke blieben und mit dem deutlich gediegeneren und gewachsenen Wagen eine Alternative zur Oberklasse hatten.

2003 zog BMW aufgrund desselben Problems nach, Audi schließlich 2005, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Hinzu kam nun: Die Welt veränderte sich – spätestens nach dem September 2001 und der ersten daraus folgenden Finanzkrise. 2002 wurden die Spielregeln geändert: Nur noch der Vorstandsvorsitzende durfte jetzt Oberklasse fahren, die „normalen“ Vorständen, mittlerweile in scheinbarer spätrömischer Dekadenz derer 13, durften nur noch 5er, A6, E-Klasse und nun neuerdings auch noch den Volvo S80 / V70. Die Regelung war im Grunde nicht notwendig gewesen: der Kombi hatte Einzug gehalten und den gab es nun mal nicht in der Oberklasse. Der Fuhrpark des Jahres 2003 zeigte die Spuren des Wandels:

  • 7er BMW (VV, 1X)
  • 5er BMW (5x)
  • Audi A6 (4x)
  • Mercedes E-Klasse (3x)
  • Volvo V70 (1x)

Die ganz großen waren durch – und in aller Fairness: Die Unterschiede, wie man sie in den 70ern noch kannte, hatten sich immer mehr reduziert. Der erste Hersteller, der alle drei Premium-Klassen sauber abdeckte, war 1977 BMW mit dem erscheinen des ersten  Siebners. Wer damals aus einem 3er vom Typ E21 in einen 5er umstieg, der spürte den Unterschied. Und on top: Wenn Du im Anschluss in den 7er wechseltest, dann konntest Du merken, dass eine Reise von Hamburg nach Frankfurt sich plötzlich entschieden kürzer anfühlte. Du kamst entspannter an: Kräftigerer Motor, gewichtsbedingt besser Federung, mehr Raum, bessere Geräuschdämmung, Hochgeschwindigkeitstauglichkeit… Die Komposition des 7ers kam im Verhältnis zum 3er aus einer anderen Welt.

Heute? Steig vom A6 in den A8 und Du…. Du… also ja: da gibt es irgendwie noch mehr Microprozessoren, ja….

Zwischenzeitlich sind noch die großen SUV dazu gekommen – die sind in ihren zweiten und dritten Generationen… äh – ja, was eigentlich? Höher? Genau… ein X5, ein GLE, der Q7 – die müssen sich vor der Oberklasse nicht mehr verstecken.

Und unser altes Lieblingsunternehmen? Kürzlich waren wir nach langer Pause mal wieder da. Mittlerweile dürfen wir mit dem Vorstand dinieren. Es gab Zukäufe, Umstrukturierungen, Verkleinerung des Vorstands, dann wieder ein Merger mit neuen Vorständen. Erkenntnis: die Oberklasse-Limousinen haben fertig. 15 Vorstände fahren

  • Audi A8 (VV)
  • Audi Q7 (2x)
  • E-Klasse (4x)
  • CLS (2x)
  • A6 (2x)
  • 5er (3x)
  • A7 (1x)

Eine E-Klasse ist eine Limousine – alle anderen Wagen der gehobenen Mittelklasse sind Kombis. Die große Zeit der ganz großen Limousine…? Abgelaufen.



6 Gedanken zu „Altes aus der Vorstands-Etage: Der Wandel der Oberklasse

  1. Interessanter Artikel, der auch meine Beobachtungen der letzten Jahr bestätigt.
    Das Markenbewusstsein hat sich natürlich über die Jahre gewandelt, so dass Audi, BMW und Mercedes-Benz mit ihren Oberklassemodellen alle in einem Atemzug genannt werden.
    BMW hatte auch erst gegen Ende der 80er mit dem 7er aufgeholt und bot eine Alternative zur S-Klasse an – und Audi dann mit dem A8 in den 90ern.
    Qualitativ sind sicherlich nur noch Nuancen unterschiedlich – wie Du ja auch schön geschrieben hast: Heutzutage wahrscheinlich nach unten hin auch nur noch die Steuergeräte.

    Dennoch mein Eindruck ist auf die Welt gesehen ein anderer. Um genauer zu sein: Der Klassische.
    Wer ganz oben steht (oder MEINT oben zu stehen), fährt S-Klasse. Die S-Klasse ist dafür immernoch ein Synonym. Das Markenimage ist immens wichtig.
    Und die inneren ‚Werte‘ (Steuergeräte) – im Ernst, kommt es darauf wirklich an? 😉

  2. Ganz schön den Trend beschrieben. Der heutige (nach außen hin dynamische) Vorstand muss eben den Aktiv-Urlaub machen, das Fitness-Studio regelmäßig besuchen und natürlich einen passenden Wagen fahren.

    Ich habe nie verstanden, was man an Audi so besonders finden konnte (oder als Youngtimer kann) – das Design ist es ja wohl kaum und die Technik? Naja – Proconten ist bis heute umstritten und der Allrad-Antrieb nett. Dürft Ihr natürlich weiterhin toll finden 😉

    Was Horch jun. aber mMn. in die Oberklasse beförderte war (und ist) eine eindeutig clevere Marketingabteilung. Stichwort: Agressives Erscheinungsbild mit Leuchte-Gimmiks und Pseudo-Sportlichkeit, aufbauend auf normaler Technik.

    Ein Benz war immer grundsolide, komfortabel und geräumig. Ein BMW das gleiche zu 80% und dafür etwas sportlicher. Beiden gemeinsam WAR eine schlichte Eleganz ohne Langeweile und die gewisse „Präsenz“.

    Übriggeblieben ist – besonders in der Oberklasse – relativ wenig „Premium“. Die Materialien (außen, innen und technisch) werden immer „unsolider“ und das Design beliebiger und nur durch Blendwerk aufgehübscht. Das treibt dann Blüten wie eine Außenbeleuchtung á la D&W-Katalog der 90er in einem „Oberklasse“-Benz.

    So gesehen ist es (auch) für Vorstände egal, welches Fahrzeug gefahren wird – Hauptsache „deutsch“ und dynamisch. Sichert eben Arbeitsplätze (in China, Belgien, Tschechien etc. :-0

  3. Und … in drei der sieben Bilder zum Beitrag erscheint der W126 … mein Klassiker.
    Heute ist weniger Solidität, dafür mehr Bling-Bling, gerade im Innenraum. Modern Autos werden immer ähnlicher und sind halt Plastikbomber.

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