Fiat Coupé – schlichter Name für einen eigenartigen Meilenstein

Chris Bangle war erst Mitte 30, als er das Fiat Coupé entwarf – und das gilt in vielen Automotove-Designer-Kreisen ja noch als Welpen-Alter. Bangle war aber auch damals schon mutig – vielleicht sogar noch in einem etwas vernünftigeren Maße als in seiner Zeit bei BMW, wo sein Selbstbewusstsein und der Zwang zur Andersartigkeit seine designerischen Fähigkeiten mit hoher Geschwindigkeit überholten.

Wichtig für Chris Bangle war bei der Gestaltung des Fiat Coupé der Sieg: Fiat hatte das Konzern Design Studio Centro Stile beauftragt und parallel Pininfarina – und das Centro Stile mit dem Chris Bangle Team gewann.

Fiat Coupe 1996

Umlaufende Leiste im Innenraum – in Wagenfarbe. Damals noch schwer umzusetzen

Als der Wagen 1994 erschien, war Chris Bangle bereits bei BMW.

Hatte sein Team ein schönes Auto geschaffen? Hm… sicherlich ist das stark subjektiv – das Coupé war unzweifelhaft ein mutiger Entwurf, der nicht aus allen Perspektiven immer ausgewogen wirkt. Vor allem aber wirkte er nicht ganz so italienisch, wie sich das manch einer vorgestellt hatte. Wo waren die runden, eleganten Formen, mit denen die Italiener in den Jahrzehnten zuvor beeindruckt hatten?

Das Team hatte einen Wagen geschaffen, der elegant war und unzweifelhaft Individualität ausstrahlte – aber sie hatten nicht den Wagen geschaffen, den man erwartet hatte.

Sicher nicht die Schokoladenseite des Fiat Caoupés

Und dann passierte etwas eigenartiges: Die Leute rissen Fiat den Wagen aus den Händen – jedoch handelte es sich da nicht um die erwarteten Käufer, sondern um viele aus anderen Lagern und vor allem solche, die den Wagen kurzfristig leasen wollten – so lange, wie der Wagen heiß war.

Fiat fuhr die Produktion hoch, ergänzte sie im Folgejahr auch noch um den Fiat Barchetta – und dann machte es PLOPP….

…und dann floppte der Wagen.

Daran änderte auch der große 20V Turbo nichts, den Fiat nachreichte – das erste Serienauto, das mit Frontantrieb satte 250 KM/H schaffte. Ein Rekord für das Tagebuch – aber eben keiner, der wirtschaftlich etwas reißen konnte.

Gemessen daran, dass der Fiat auf einem ordinären Tipo basierte, der stets als ebenso schwer wie schwerfällig galt, war das Fiat Coupé ein knackiges Auto, das sich durchaus so fuhr, wie man von Außen vermuten konnte. Für die meisten Fahrer blieb der durchaus hoch angesiedelte Grenzbereich dennoch weit entfernt: Die Lenkung vermittelte nie das rechte Gefühl für den Grenzbereich, die Bremsen sind tendeziell schwer zu dosieren. Der Wagen ist nicht so verzeihend und freundlich wie etwa ein Scirocco – er ist eher bitchy und verzeiht nicht.
Wer den Grenzbereich nicht kapiert, der fliegt. Punkt.

Leider sind speziell die Bremsen auch sonst kein rechter Spaß: Sie verschleißen brutal schnell – was leider auch oft für den Zahnriemen gilt und dem Fiat traditionell gerne ins Off beförderte. Die Motoren, speziell die mit 5 Zylindern, die ausgezeichnet zur Sache gehen, gehen ebenso ins Geld. Reparaturen sind sündhaft teuer und können den Spaß an dem ungewöhnlichen Fahrzeug signifikant verderben – und hier ist das Risiko leider hoch, was kein Stammtisch-Klischee im Bezug auf Italiener ist.

Dennoch: Das Fiat Coupé ist kein Plastik-Bomber oder ähnliches. Konstruktiv ist der Wagen vielleicht nicht beeindruckend – aber handwerklich solide, bis auf einige Zugänglichkeiten, die dann eben auch oft die Reparaturkosten in die Höhe treiben.

Er ist ein Hingucker und die meisten Leute haben keine Ahnung, was sie da vor sich haben, sicherlich auch, weil der Wagen eben durchaus selten war. Bei unseren aktuellen Testfahrten fragten uns ständig Leute danach und viele hielten den Wagen für einen Maserati. (Zugegeben: einige andere hielten ihn für einen „Japsen“)

Fiat Coupe Geld 1997

Fiat Coupé – Traumfarbe

Am Ende ist das ein ganzes Stück weit die größte Leistung des Fiat Coupés: Er ist ein Hingucker erster Güte – ganz gleich, ob man sich nun in das Design verliebt oder nicht. Speziell die stärkeren Modelle sind echte Sportwagen, vor allem auf der Geraden – leider ohne Überholprestige: Im Rückspiegel wirkt das Fiat Coupé eher schmächtig.

Der Markt für das Fiat Coupé ist untypisch und schwer zu greifen – es gibt kein ausgeprägtes Muster und die Auswahl ist grundlegend nicht gerade gigantisch. Die Preise schwanken erheblich. Es gibt passable Exemplare für 3.000€ und weniger, die nicht einmal viel gelaufen haben – komplett verrückte wollen 20.000€ für Exemplare mit 6 Erdumrundungen auf der Uhr. Gute Exemplare finden sich in Italien und Frankreich, obwohl der Wagen dort nicht einmal so lange verkauft wurde wie in Deutschland.

Am Ende ist der Fiat daher nicht nur was für Leute, die sich mit dem Wagen auskennen – er ist auch ein Wagen für Fans – und einer jener seltenen Wagen, deren Preise sehr stetig steigt.

Die netteste Geschichte um das Fiat Coupé findet in einer anderen Firma statt: Peugeot setzte den Entwurf um, der gegen das Team von Chris Bangle verloren hatte – und der Wagen gilt als zeitlos schön.



5 Gedanken zu „Fiat Coupé – schlichter Name für einen eigenartigen Meilenstein

  1. Die Front und die Seite sehen mega schön aus. Nur beim Heck bin ich mir unsicher ob die Rückleuchten mutig sind oder einfach nur hässlich. Das ist wohl der einzigste Fiat aus den 90ern der für mich gut aussieht.

  2. Danke für die interessanten Blickwinkel und Hintergrundfakten zu diesem eigenartigen, aber beachtenswerten Wagen – ich konnte nie eine rechte Meinung zu ihm entwickeln – das fällt mir jetzt leichter. Noch eine Frage: welcher Peugeot, gezeichnet vom unterlegenen Team, wurde ein Erfolg?

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