Die Qualitätslimousine für die Massen: 50 Jahre Mercedes E-Klasse

In den frühen Januar-Tagen des Revoluzzer-Jahres 1968, also ziemlich genau vor 50 Jahren, präsentierte Mercedes Benz der presse den Wagen, der sich für für die Stuttgarter und die kommenden Jahrzehnte der Marke als der wichtigste Meilenstein zeigen sollte: Die Baureihe W114 / W115, der erste Baustein der Geschichte von der Qualitätslimousine der gehobenen Mittelklasse.

Strich Acht – was war an dem eigentlich so besonders?

Der Mercedes, der später den Namen /8 oder eben gesprochen Strichacht erhalten sollte, war der erste Mercedes, den das Unternehmen mit der sogenannten Einheitskarosserie vorstellte – ein Wort, das damals übrigens keinerlei Beigeschmack hatte. Ganz präzise betrachtet war die Einheitskarosserie auch gar nicht ganz so einheitlich – der 115er (4 Zylinder) unterschied sich vom 114 (6 Zylinder) in auch leicht sichtbaren Details.

Die oft kryptische Nummerierung bei Mercedes erreichte hier einen schrägen Höhepunkt, da die kleinere Nummer die größeren Motoren bezeichnet, die größere Nummer jedoch die kleineren. Bei der damaligen S-Klasse, die freilich noch nicht so hieß, verwendete die kleinere Nummer für die stahlgefederten Modelle, die größere Nummer für die Luftgefederten. Historischer Scherz für Insider: Der Fünfzylinder des Strichacht hat das Fahrgestell 115.114… Klar…

breite Auswahl an Strichern

Historischer Verlauf des Strichachters im Morph:

  • Zu Beginn wurde der Wagen als zu schlicht kritisiert
  • Später war der Wagen der erste Benz, der die Millionen-Grenze knackte
  • Kurz vor seiner Ablösung war er zeitweise das meistverkaufte Auto in ganz Deutschland
  • Die Motor Klassik wählte die Dieselmodelle gegen Ende des Jahrtausends auf Platz eins der Alltagsklassiker des 20. Jahrhunderts

Tatsächlich eroberte Daimler mit dem Wagen eine völlig neue Klasse – laut vollmundigem Pressetext die erste Qualitäts-Limousine für die breite Massen. Wäre der Rost nicht gewesen, wäre die Qualität sicherlich noch legendärer geworden – so aber schuf der W114/115 zumindest den Volks-Mythos der Panzer-Türen, die für Qualität standen: Wer auf dem Firmenparkplatz morgens neben dem Kollegen mit dem Opel Rekord die Tür ins Schloss fallen ließ, der konnte sicher sein, dass der für die kommenden Stunden frustriert war.

Mercedes W114

Alltagsklassiker – die Definition

Alles am Benz /8 war so satt, so sauber, so wertvoll, so viel besser (und teurer), dass man ihn damals einfach anstreben musste. Hätte es damals schon Leasing für die breite Masse gegeben, hätte Mercedes nicht nur 1,7 Millionen des Wagens gebaut, sondern 2,5 – aber damals hatte Kauf auf Pump noch „a G’schmäckle,“ wie man in Gartenlauben rund um Böblingen wusste.

Dennoch: Der Wagen war der Meilenstein des modernen Fahrzeugbaus und anschließend wollten ihn alle nachbauen. Ein Opel Ingenieur hat uns mal erzählt, dass es hierfür einen klaren mündlichen Auftrag gab, der dann tatsächlich in Türverkleidungen mündete, die diesen Klang nicht erzeugen konnten, aber zumindest etwas sattes vorgaukelten und viel billiger waren.

1976: Der Mercedes W123

Mercedes hatte 1960 die Heckflosse gebracht, 8 Jahre später den Strichacht – und brachte schwäbisch stur 8 Jahre später den W123, dessen internes Kürzel auch wieder leicht zufällig wirkt (ja – das hat uns schon immer genervt….).

da kommen heute noch mehrere Generationen ins Sabbern

Auch der war gar nicht mal so cool in den ersten Feedback davon gekommen: Viele Presse-Vertreter empfanden den Wagen als eine Art Facelift. Denkt man sich einmal Front und die letzte Spitze des Hecks weg, muss man sagen: Da ist in gewisser Weise etwas dran. Dennoch schlug der Wagen ein und wurde zur Legende bei Taxi-Fahrern aller Nationen.

Ebenso stur hielt Mercedes am Muster fest: 2 bis 3 Liter Diesel – 2 bis 2,8 Liter Benziner. Der Fortschritt gegenüber dem Strichacht war dennoch groß, vor allem im Bereich Komfort, wo der Wagen vor allem durch geringere Dezibel-Werte glänzte und dadurch nochmals Langstrecken-tauglicher wurde. Wie der Wagen ein quasi-Standard in der Taxi-Branche war, wurde er ebenfalls zum Quasi-Standard der gehobenen Dienstwagen – damals beileibe exotischer als heute, wo zwei Drittel der Neuwagen nicht mehr auf Privatleute zugelassen werden.

Qualitätslimousinen

Die Redewendungen „Es geschafft zu haben“ oder es „zu etwas gebracht zu haben,“ waren streng mit der gehobenen Mittelklasse des Mercedes Konzerns verbunden.

Mit dem W123 hielten auch die Kombis Einzug in diese Klasse und Dinge wie serienmäßige Servolenkungen – heute auch schon schwer zu erklären…. Der Unterschied zu den restlichen Fahrzeugen der Klasse war nach wie vor groß. Testete ein Deutsches Magazin, musste man nie bis zu ende lesen – aber auch in anderen Ländern war klar, dass der Benz vorne dabei war – auch die britische Presse, die damals noch zu einem der mächtigsten Automobil-Länder gehörte, sah den W123 vorn – ebenso die Franzosen (wenn auch nicht immer), obwohl die dem sicherlich eine Menge guter Ideen entgegenzusetzen hatten.

Mercedes Benz W123 1975

getestet und für gut befunden

Das schwäbische Uhrwerk: 8 Jahre später kommt der W124

Historische Randnotiz bekennender Zahlen-Mystiker: Es ist eine Frechheit, dass Nachfolger des W123 W124 heißt, oder? Lassen wir das…

Mit Liebe

8 Jahre waren rum, also folgte der nächste Benz der gehobenen Mittelklasse mit der Sicherheit, dass Sylvester auf den selben Wochentag wie Heiligabend fällt. Mercedes glänzte mit wunderschönen Details wie dem Extender-Scheibenwischer und ähnlichen Details, die eines Daimlers würdig waren – ähnlich wie damals beim Strichachter die gerippten Rückleuchten, die die Verschmutzung verhindern sollten. Oder denken wir nur an Rückleuchten, die man zum Birnen-Wechsel einfach herausnehmen kann… Der elitäre Ingeniuerismus war einfach eine Klasse für sich, bevor die Marktlage enger wurde.

Der Legendäre Scheibenwischer mit dem besten Wirkungsgrad

Hinzu kam der unfassbare Boost beim Diesel. Hatte Mercedes den 200D mit der Mopf von 1980 von 55 auf satte 60PS gehoben, folgte 4 Jahre später ein Erdrutsch: 72PS! Die entsprachen der Leistung des vorherigen 240D. Taxi-Fahrer jammerten natürlich, da der 240er noch 137NM Drehmoment stemmte, der neue nur 123 – aber die haben ja immer was zu jammern, oder? Zunächst entdeckten die auch den Bonanza-Effekt, den Mercedes sehr still und effektiv behob – und nachdem sie kurz den Untergang des Abendlandes nach dem Ableben des W123 predigten, wurden sie später die glühendsten Verehrer des mittleren Benz, der jetzt aber in den Augen der Taxifahrer nun mal wirklich der letzte echte Benz war…

W124 gestohlen

Wird oft auch dann noch erhalten, wenn man das bei anderen Autos nicht mal mehr diskutiert

Sie sollten in mehrerlei Hinsicht Recht behalten – aber zunächst einmal wurde der W124 nicht im Jahre 1992 ersetzt. Nicht nur das! Noch ein Jahr später benannte Mercedes den Wagen in E-Klasse um, was sie später noch viel Geld kosten sollte – der Schritt gab Sinn, da sich die Angebotsbreite durch den kleineren W201 geändert hatte, der nun alphabetisch unterhalb der E-Klasse als Nachfolger W202 unter dem Namen „C-Klasse“ segelte. Darüber hinaus gönnte Mercedes dem W124 einfach alles: Kombi, Coupé, Cabrio, einen E500, Allrad-Antrieb… Natürlich kaufte Jens Jedermann den 230E oder einen 260E, wenn er einen Dienstwagen-Vertrag hatte, der für die Deutsche Automobilindustrie eine immer wichtigere Waffe wurde.

Und dann erschien der Nachfolger.

Mercedes Benz W210 – eine Klasse höher

Na gut: ergänze folgende Zahlenreihe […] 123, 124, ??? – na, wie schwer kann das sein? Richtig – die Lösung ist 210, was denn sonst?

In aller Fairness: Immerhin war jetzt Ordnung im Hause Benz: Den kleinen Limousinen gehören 201 bis 209, den mittleren 210 bis 219, den großen 220-229… Und wir machen uns jetzt schon Sorgen um das Jahr 2054, denn da erscheint der Nachfolger des W209…. Lassen wir das.

W210

naja… ganz so schlimm es es nicht…

Der Mercedes Benz W210 gilt in mehrerlei Hinsicht bis heute als qualitative Katastrophe – aber jenseits dessen ist er unzweifelhaft eines der besten Fahrzeuge der gehobenen Mittelklasse seiner Zeit. Tatsächlich waren die Komfortmaße im Innenraum der gehobenen Mittelklasse von Mercedes Benz teilweise vom W114 über den W123 bis zum W124 vollkommen identisch. Der W210 legte hier zum Teil signifikant nach und glänzte darüber hinaus mit dem größten (wenn auch möglicherweise nicht schönsten) Kombi, den man kaufen konnte. Ein Coupé der E-Klasse im landläufigen Sinne gab es nicht mehr – aber natürlich gab es sonst wieder die ganze Palette: Allrad-Antrieb, AMG-Versionen mit unvorstellbaren Leistungen, etc. – und all das in einer Karosserie, die der S-Klasse würdig gewesen wäre – und genau das war der Grund: Die E-Klasse musste eine Stück der Probleme des W140, der zu massig geratenen S-Klasse kompensieren.

Qualitätsdiskussion hin oder her: die gehobene Mittelklasse, die uns ins neue Jahrtausend befördert hat, war ein konzeptionell hervorragendes Auto – neben dem E39 unzweifelhaft das beste Autobahnauto seiner Zeit, aber erstmals nicht mehr der unangefochtene Führer aller Fuhrparks der gehobenen Klasse. Das lag nicht daran, dass er schlechter geworden war – der Rest der Welt im Bereich „Qualitätslimousine für die breite Masse“ war einfach viel besser geworden.

Hektik: Eine neue E-Klasse nach nur 7 Jahren….

Technik, komprimiert – aber diskret verpackt

De W211 tauchte ein ganzes Stückchen früher am Markt auf, als geplant: Nachdem der Wagen bei Dreharbeiten ungetarnt fotografiert worden war, sackten die Bestellungen für den W210 so stark ab, dass Mercedes reagieren musste – ein ungewohntes Bild.

Der Mercedes W211 hatte eine Menge zu tun: Verlorenen Boden gut machen im Qualitätsbereich, Boden wieder gut machen im wichtigsten Premium-Segment der gehobenen Mittelklasse – da, wo der Kampf gewonnen wird, der perspektivisch über die Führer im Fuhrpark entscheidet, da wo das Geld verdient wird.

Und der W211 machte seine Sache gut. Auch hier gab es zunächst Qualitäts-Probleme, wie scheinbar bei jedem Serien-Anlauf einer E-Klasse. Stress mit den Bremsen, mit Rost unter den Tür-Dichtungen, all diese Dinge und natürlich Multimedia-Stress und bla bla bla.

Dennoch gelang es der durchaus eleganten Limousine und dem nochmals eleganteren T-Modell noch einmal deutlich, den Markt zurück zu erobern. Hinzu kam, dass Mercedes auch bei den Dieseln – nach üblen Modellen wie dem 290er Turbodiesel beim W210 – wieder massiv in Richtung BMW und Audi aufholen konnte. Andere Premium-Marken gab es im Grunde in Deutschland eh nicht mehr: Saab war zu schwach beim Diesel, Volvo konnte im kleineren Segment nicht mithalten – beide hatten keinen S-Klasse, die Audi und BMW seit Jahren hatten.

Der W211 überzeugte international vor allem durch sein vollkommen neues Innenraum-Design, das bereits beim letzten Mopf des W210 angekündigt worden war. Der Wagen war hell und freundlich, hatte großzügige Flächen und begann, die guten Ideen von BMWs Idrive zu kopieren – Zentralisierung von Bedienelementen war gerade (zurecht) en vogue.

Mit über 1,7 Millionen Fahrzeugen wurden in deutlich kürzerer Zeit mehr 211er graduell mehr produziert als vom Vorgänger – und der W211 war profitabel für Mercedes, ganz im Gegensatz zum Vorgänger – und machte tatsächlich wieder Boden gut für Mercedes in der wichtigen gehobenen Mittelklasse. Und das trotz stärkster Konkurrenz in der Deutschen Premium-Liga.

Konnte man da noch dran bleiben?

Die 212er E-Klasse – Feinschliff

Die 212er Klasse setzte fort, was Mercedes mit dem 211 wieder geschafft hatte: Führerschaft in der Klasse der gehobenen Limousinen, stabile Absätze, die in Bestzeiten auf dem doppelten Niveau des Audi A6 lagen.

In mehrerlei Hinsicht jedoch war der 212er Benz auch ein Stück weit ein Endpunkt in der Geschichte der E-Klasse – zumindest für viele Fans. Da gibt es das T-Modell mit dem dicken Kofferraum, das sehr eigenständige, stolze Design der E-Klasse. Die E-Klasse ist für Mercedes Fans in dieser Form immer noch etwas Besonderes für die meisten Menschen, erst recht für die religiösen Mercedes Fans. Wie so viele E-Klassen die letzte echte E-Klasse waren, sollte auch die 212er bei ihrem Ableben die letzte echte E-Klasse sein. Nicht aufgrund von Qualitätsfragen – hier war Mercedes in den vergangenen Jahren wieder deutlich konsistenter als in den 90ern – Der W213 hingegen löste aus Design Gründen Bauchgrummeln bei den Mercedes fans aus – ähnlich wie bei vielen damals der W140 als unzweifelhaft gutes Auto galt, aber einfach zu protzig war.

S212

Das Heck, das noch die komplette Größe hat: XL

Der W213 ist nicht protzig – er ist zu glatt. Sein Heck wirkt nicht mehr limousinenhaft, ähnlich wie bei der aktuellen C-Klasse. Und das T-Modell wird in den Mercedes Foren gescholten, weil es zu sehr nach Audi aussieht, der Mercedes beliebiger geworden ist und sich dabei auch noch zu allem Überfluss einzelner Mercedes-Qualitäten beraubt hat. Im Fokus steht hier am stärksten der geschrumpfte Kofferraum, der eine Badewanne kleiner ist, um ein gefälligeres Heck mit weniger Glas zu erlauben.

Ebenso wird kritisiert, dass der 213er aus vielen Perspektiven nur schwer von der C-Klasse zu unterscheiden ist. Die E-Klasse Kunden können sich mit diesem Wagen nicht ausreichend vom kleineren Segment abheben, was in einigen Ländern tatsächlich von Vorteil ist – in Deutschland jedoch nicht. Aber der Wagen gewinnt Tests, der Wagen verkauft sich. Wer jetzt einen bestellt, bekommt ihn nicht unter 6 Monaten geliefert…

Es gibt nicht viele Fahrzeuge, die über die Jahrzehnte eine solche Konsistenz zeigen wie der Benz.



9 Gedanken zu „Die Qualitätslimousine für die Massen: 50 Jahre Mercedes E-Klasse

  1. Bin ich der Einzigste der die -8er nicht mehr sehen kann ?
    Bei uns in der Gegend bei jeder Oldtimershow bzw. Ausfahrt folgendes Bild: mehrere Dutzend -8 und eine halbe Dutzend W124 dann paar Käfer gefolgt vom Rest.
    Mag ja tolles Auto sein aber diese Dauerhuldigung geht mir auf dem Senkel.
    Da bleib ich lieber bei den Brot und Butter Autos wie Kadett und co.
    Aber über Geschmack lässt sich nicht streiten.

    1. 1. /8
      2. So übermäßig oft finde ich sieht man den gar nicht. Klar, andere Karren sind seltener auf Treffen, vielleicht ist es auch regionsabhängig. Mercedes ist, wie VW, halt in der Szene überproportional häufig vertreten.

      1. @derpinguin
        Danke für die Korektur.
        Ja das stimmt, bei uns in der Gegend herscht allgemein ne große Mercedesfraktion auch bei Neuwagen und Alltagsfahrzeugen. Fahre ich auf Treffen deren Landkreise weniger betucht sind wird es auch weniger mit den /8 und dem W124. (Gefühlt aber noch deutlich in der Mehrheit) Ich finde das nur etwas schade und sehr langweilig.
        Die Welt bestand nicht nur aus Mercedes, 911er und Cabrios;)

  2. „üblen Modellen wie dem 290er Turbodiesel beim W210“
    den Satz kann nur derjenige schreiben, der nie mit dem Modell mit dem Motor zu tun hatte. Für mich das beste was dem 210er passieren konnte, war eben der sehr solide, unproblematische und sparsame 290er TurboDiesel-Motor. Er ist auch der Grund warum ich meinen E290TDT immer noch fahre, da bis auf den Motor und eventuell den grossen und praktischen Innenraum ist die Baureihe eine Katastrophe.
    Noch kurz zu dem Motor: vielleicht nicht der kultivierste, dafür aber sehr stark und nahezu unkaputtbar. Bei mir ca.halbe Million Kilometer gelaufen oft mit Hänger, ohne irgendwelche Probleme(!). Springt immer an, nimmt kein Tropfen Öl, hat mich nie im Stich gelassen. Alles was ich an dem Motor habe machen lassen, waren vielleicht zwei Glühkerzen erneuern. Sonst NICHTS! Ein Kunstwerk des Motorenbaus!
    lg

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