Kaleidsokopisch: Auto-Farben im Wandel der Zeit

Drogentapete

Wenn Du so etwas dauerhaft an Deinen Wänden anbringst, was rauchst Du dann zum Frühstück?

Als Deine Eltern noch diese großmotivigen Tapeten in den Farben Grün, Orange und Braun auf die Wand kleisterten, da schien es auch nicht weiter irre, Autos in Cliffgrün Hellorange oder Milanbraun zu bestellen.

Und damit war es nicht getan. Lange bevor Wörter wie Styleguide erfunden wurden, ließ es der damalige Styleguide zu, dass Du in dein oranges Auto einfach grüne Sitze mit dunkelbraunen Nähten ordern konntest… Gerne wurde auch ein leichtes Taubenblau verkauft oder Oberklasse-Autos in Rot. Der W116 wurde noch in Tönen wie Signalrot verkauft – und die Farbe trug man dann auch gleich auf die Radkappen auf…

Aus heutiger Sicht tut einem das beinahe ein wenig weh… Wer jedoch in den 90ern einen hellgelben Mercedes W116 fuhr, der wusste, dass der auch auf großen Parkplätzen leicht zu finden war und somit durchaus ein paar relevante Vorteile im Alltag hatte, die bei der Bestellung niemand geahnt hatte.

W126 signalrot

Rot wurde schnell zur Un-Farbe in der Oberklasse

Was war geschehen? Rot als Farbe der Oberklasse verschwand wohl am schnellsten. Bei einem W116 noch durchaus üblich, war Rot am W126 schon eher die Ausnahme, während sich grün-Töne noch in gedeckten Schattierungen hielten. Orange wurde Colora non grata in allen Fahrzeugklassen und kam erst mit pseudo-nonkonformistischen Fahrzeugen wie dem Mini wieder, als die Farbe der Creme 21 längst Kult geworden war und eher „retro“ oder neuerdings „vintage“

Das Deutschland Helmut Kohls suchte nach gedeckten Farben. Wenn schon rot, dann dunkelrot metallic. Wenn Grün, dann mal mindestens malachit.

Mercedes W126 malachat

gedecktes Grün wie Malachat überlebte auch die 80er Jahre

Nach dunklen Rot-Töne  kam zunehmen Blautöne, dann verengte sich das ganze zunehmend zu den Dienstwagen-Tönen der Gegenwart. Herrschte beim W214 noch Farb-Vielfalt, wurden zwei Generationen später die Benze der gehobenen Mittelklasse praktisch nur noch in Tiefgaragen-Farben verkauft. Der Mercedes W211 verkaufte sich in den Farben schon zu gut 70% in den jetzt angesagte „seriös“-Farben

  • Brillantsilber (35%)
  • Obsidianschwarz (9,9%)
  • Cubanitsilber (8,6%)
  • Schwarz (7,9%)
  • Tealitblau (6,8%)

Und auch Weiss kam wieder. Galt die Farbe in den 60ern und 70ern als vollkommen gesellschaftsfähig, rutschte sie in den 80er und 90er Jahren zur Billig-Farbe und Kassengift ab. Wenn Du im Gebrauchtwagenhandel tätig warst, war der gängige Branchen-Spott „Kühlschrank-Metallic“. In den 90er Jahren ging das so weit, dass einzelne Leasing-Gesellschaften für die Farbe Weiss tatsächlich die Leasingrate erhöhten. Obwohl diese die billigste war, fraß der Wertverlust den Preisvorteil angeblich mehr als auf.

W140, E32 oder der erste Audi A8 waren tatsächlich in Weiss praktisch unverkäuflich geworden. Viele Hersteller stellten daher die „Umsonst“-Farbe auf Dunkelblau um, was erstaunlicher Weise auch die Farbe Weiss schnell wieder gesellschaftsfähig machte. Bizarr auch, wie sich der Wandle hier vollzogen hat: Waren in Auto-Prospketen der 80er Jahre noch die Hälfte aller Farben kostenfrei zu bekommen und nur die Metallic-Farben und Rot aufpreispflichtig, stellen die Hersteller heute im Regelfall exakt eine einzige Farbe kostenfrei zur Verfügung – im Grunde also sind pauschal alle Autos erst einmal einen Tausender teurer als im Prospekt…

Einen speziellen Vogel schoss hier sicherlich der Polo Harlekin ab, der nach dem Zufallsprinzip mehrere verschiedene Farben auf seiner Karosse vereinte. Das Ergebnis war zeitgenössisch besonders, das Experiment wurde jedoch nie wiederholt.

Werden bunte Farben je wiederkommen? Die Frage ist leicht beantwortet: Zwei Drittel der Neuwagen in Deutschland sind Firmenwagen – und da steht in jeder Dienstwagen-Ordnung „Wählen Sie eine gedeckte Farbe“….




5 Gedanken zu „Kaleidsokopisch: Auto-Farben im Wandel der Zeit

  1. Vom Werk direkt sieht es schlecht aus für bunte Autos, allerdings finden sich ja immer mehr Leute die ihr Auto folieren lassen, dadurch könnte grade bei Autos die aus der Leasingzeit raus sind die Farbenvielfalt zurückkommen

  2. Das ist auch ein Grund warum ich die alten Autos so gerne mag. Es gibt dort keine Farbtabus ob von Giftgrün bis Jägermeisterorange alles vorhandes gewesen. Der Innenraum sah nicht immer nach Bestattungsdienst aus der strahlte noch in Beige, Blau, Grün usw. Gut ich gebe zu die Windeier von heute sehen meistens in diesen Farben nicht gut aus. Die schlimmste Farbe ist aber Silber langweiliger geht es nicht. Da lob ich mir meine beiden Weissgold und Schokoladenbraun, wunderbar!

  3. Die letzte Zeit ist mir bei Neuwagen aufgefallen dass insbesondere Kleinwagen haeufig mit einem Zweifarben-Design daherkommen. Das Dach ist hier oft weiss. Da ist dem Hersteller wohl die Farbe ausgegangen xD Ganz oft bei Audi A1 und Skoda Fabia zu sehen.

  4. @ Alex
    Das suggeriert Sportlichkeit – ähnlich dem „Rallye-Streifen“ aus den 70ern.

    Ich hatte auch mal einen silbernen BMW E34 Touring – Rentnergepflegt aus erster Hand.

    Abgesehen von der völlig unnützen Karosserievariante (selbst als Eigenheim- und Hundebesitzer mit Kind nie wirklich ausgenutzt) hasste ich die Farbe inbrünstig. Überraschenderweise hat sich aber genau 1 Vorteil dieser biederen Hässlichkeit herausgestellt: Der Wagen sah NIE dreckig aus! Alle anderen Wagen muss/musste ich eben gelegentlich waschen – den silbernen „Buchhalterstolz“ extrem selten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.