Eiserner Vorhang: Wolga kaufen 2018

Mit dem Wolga M24 liebäugeln wir schon etwa ebenso lange wie mit einem (oder einer, je nachdem, wen man fragt) Warsawa. In beide kann man tatsächlich Dieselmotoren einsetzen, wie sie im Strichachter und im W123 verbaut wurden, was die Wagen bis heute weltweit attraktiver macht, als sie im normalen Leben gewesen wären.

In Hinterhof-Lagen wie dieser kann dir immer mal ein Tamaskan begegnen. Im Gegensatz zu Owtscharkas sind die eigentlich ganz süß – aber sie sehen nicht so aus. Der Owtscharka hingegen wirkt wie ein Wookie, ist aber tendenziell eher eine Bestie. Was man dem Wagen nicht ansieht: Mischbereifung, ein Fahrwerk, das den Namen nicht mehr verdient

Über den Wolga muss man zudem sagen, dass er schlicht auch das Posterboy-Auto des KGB war, was ihn natürlich mental cooler macht als alles andere und schon fast in die mentale Nähe des ZIL rückt. 😉

Also nutzen wir zwei dienstliche Aufenthalte in Russland und Polen und treffen uns mit unseren alten Freunden, was ohnehin mal wieder überfällig war, um uns die Autos anzuschauen, die „hinter dem eisernen Vorhang“ (Original Wording meiner Oma – so wie auch „Zone“) produziert wurden.

Wir sind ja in unregelmäßigen Abständen in Russland und Polen – aber in der Konstellation waren wir es lange nicht mehr. Wir hatten uns mit den Jungs schon mal hier und da einen Wolga angesehen und leider nie einen rechten gefunden – aber mittlerweile sind wir grundlegend offener, was das Baujahr und ähnliches angeht – wir finden die Karre einfach grundlegend cool. Die Preise für die massigen Limousinen schwanken stark – und in Russland wie in Polen hat man teilweise auch heute noch sehr bizarre Vorstellungen von Verkehrstauglichkeit, weshalb wir durchaus bereit sind, zu neueren Modellen zu greifen.

Wolga M24

Den hätten wir genommen – und wir waren auch hier mal wieder wirklich weit angereist – aber den wollte uns der Besitzer nicht geben…

Gleich der erste Wagen, den wir anschauen, schockt. Am Telefon sagt der Verkäufer nichts besonderes – ein Bild, das er uns im Vorfeld schickt, ist vollkommen in Ordnung – bei Ankunft stellen wir jedoch fest, dass die Beifahrerseite verbeult, zerkratzt und verrostet ist, geflickt mit Draht (!) – und das nach knapp 3 Stunden Fahrt… Wir reden von einem großen Land. Fotografieren des Schadens ist nicht gerne gesehen – wir werden uns nur nicht einig über nichts, wir gehen auch laut und wild gestikulierend auseinander, was nicht schön ist, wenn man nur jedes 5. Wort der Sprache in Ansätzen versteht.

Nicht lustig.

Wolga Youngtimer

Keines der verwendeten Materialien der neueren Versionen des Wolgas ist wirklich gut. Hinzu kommt eine sorglose Verarbeitung, gepaart mit sorgloser Nutzung und Strassen, die den Fahrwerken nicht wirklich schmecken

Wir schauen uns diverse Exemplare an, die allesamt nicht zu teuer sein dürfen, denn auf dem Weg nach Europa blühen uns noch ein paar fantastische Steuern, eine Vollabnahme wie bei einer Erstzulassung und diverser Papierkram. Und man ist überrascht, was man so findet: Erste Exemplare des Wolga, primär vom Modell 3110, gibt es ab 800-1000€ bei normaler Umrechnung des Rubels – je nachdem wo und mit wem man tauscht, sinkt dieser preis teilweise massiv… Aber es spielt im Grunde kaum ein Rolle – auch, wenn man willens ist, 5.000€ auszugeben, sind gute Exemplare praktisch nicht zu bekommen. Wir finden ein perfektes Exemplar – in bestem Chromzustand. Dessen Besitzer will es allerdings aus Gründen, die sich uns am Ende nicht erschließen, an Leute außerhalb Russlands verkaufen. Die meisten Modelle, die man findet, sind 3110er, auch 3102er, den wir dekorativ fänden und 31029er.

Noch immer in vollem Alltagseinsatz…

Die Modelle unterscheiden sich in der Außenhaut, im Inneren sind sie im Grunde gleich, wie uns unsere Mechaniker-Freunde an diversen Stellen demonstrieren. Die verwendeten Schalter finden sich manchmal an anderen Stellen, sind aber technisch über Jahrzehnte praktisch identisch – und das gilt für weite Teile der verwendeten Technik uneingeschränkt.

Es ist schwer vorstellbar, wie sich einige der Wagen, genau genommen die meisten, fahren. Unsere polnischen Freunde erklären uns, dass diese Fahrzeuge schlicht seit Jahren in den falschen Händen sind. Junge und/oder arme Russen kaufen Sie, weil man die Ersatzteile auf der Straße findet – und das ist in dem Falle wörtlich gemeint. Nach dem Niedergang der UDSSR in allen historischen Schattierungen, ist nicht nur die Selbstjustiz zu einer gewissen Verbreitung gekommen, die immer noch ihren Ausdruck hier und da in Baseball-Schlägern findet. Auch die Beschaffung von Ersatzteilen findet in einem eigenartigen Selbstbedienungsverfahren statt – ausschlachten der undemokratischen Art. Das sieht man nicht in den großen Städten, die sich in Teilen längst stark „verwestlicht“ haben – aber verlasse die großen Städte und die russische Welt verändert ihr Gesicht. Hier und da findest Du ausgeschlachtete Modelle am Rande der Straße – vielleicht einer der Gründe, warum diverse Besitzer, deren Wagen wir uns anschauen, ihre Fahrzeugen mit Tamaskanen und Owtscharkas umgeben – Hunde, die Wölfen in die Flucht schlagen… (googelt das – die sind wirklich respekteinflössend, vor allem der Tamaskan….) Bizarre Parallele: Hatten wir das nicht schon mal mit dem BMW E32, der uns auch nicht wollte….?

Wolga 3110

Der macht in mehrerlei Hinsich einen guten Eindruck – aber das Fahrwerk wurde unfachmännisch umstrukturiert

Ebenso interessant: Probefahrten und Fotografieren sind nicht so recht gewünscht. Die rechtliche Lage dazu ist tatsächlich schwierig: Wenn wir bei der Probefahrt einen Unfall haben sollten, blutet der Besitzer dafür. Und so finden einige der Fahrten auf dem Beifahrersitz statt – was bei den meisten Modellen leider dicke ausreicht, um zu begreifen, dass wir sie nie über einen TÜV oder etwas vergleichbares bekommen werden. Und auch auf Smartphones sind die Reaktionen nur begrenzt freundlich, was uns etwas klischeehaft vorkommt – zumal in einem Land, in dem jedes Dreirad eine Dashcam hat.

Einen der Wagen fahren wir schließlich am dritten Tag selbst – und das fühlt sich im ersten Moment gar nicht mal so schlecht an – bis wir an den Rand fahren und unsere Freunde uns einerseits aufzeigen, dass der Wagen durch sichtbares manuelles absägen der Federn abgesenkt wurde – zumindest an drei Rädern, während am vierten Rad der Original-Federweg vorhanden ist, die Aufnahme des Fahrwerks jedoch entschieden geflickt aussieht – und das nicht sehr vertrauenerweckend.

Ebenso erschreckend ist durchgängig, wie schlecht der Zustand nahezu aller Teile bei den getesteten Wolgas ist. Die verwendeten Kunststoffe stinken auch nach 15 oder 20 Jahren nach eigenartigen Weichmachern, die Oberflächen sind empfindlich, die verbauten Stoffe sind übel und oft von Hand nachgenäht – notwendiger Weise. Die erwähnten Schalter sind überwiegend im Eimer – auch die entschieden neueren Fahrzeuge sind da keinen Deut besser.

„Tuning“

Aber das schlimmste sind am Ende die verschlissenen Fahrwerke. Die einzige echte Ausnahme bei Wolgas bis umgerechnet 4000€ ist ausgerechnet der älteste Wagen von allen – und den dürfen wir nicht kaufen und mitnehmen, obwohl unsere Freunde bei mehreren Telefonaten alles versuchen. Wir sprechen mit einer Werkstatt darüber, einen der besseren zu reparieren oder alternativ ein neues Fahrwerk mitzunehmen und zu tauschen.

Das letzte Modell, das wir uns anschauen, hat tatsächlich sogar einen Mercedes Diesel unter der Haube – einen 240D mit möglicherweise bis zu 72PS. Der Wagen ist auch sonst in einem sehr vertretbaren Zustand – nicht nur nach unserer Einschätzung, sondern – weit wichtiger – auch nach der Einschätzung von unseren lokalen Lieblingsmechanikern Zbigniew und Jerzyk.

Einziger Nachteil: Dieses Modell soll nicht nur 5200 nach offiziellem Kurs kosten – 2 der 4 relevante Fahrzeugpapiere fehlen dem Besitzer. Und da will man jetzt nicht in Klischees verfallen – aber das macht uns nicht wirklich ruhiger. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass er sich verhandlungsbereit zeigt, sobald es zu den Papieren kommt.

Wir beschließen, uns das einfach nicht zu trauen und uns lieber noch einmal im entschieden europäischeren Polen umzusehen 🙁




1 Gedanke zu „Eiserner Vorhang: Wolga kaufen 2018

  1. Als ich das letzte mal meine Familie in Russland besucht habe, war gerade folgendes Thema aktuelle. In Russland werden mehr Baseballschläger als in den USA verkauft( angeblich) aber niemand in Russland spielt Baseball 😉

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