Fünf Jahre später: Sören, was ist aus dem Youngtimer-Sterben geworden?

Warum Youngtimer bald sterben werden“ war lange Zeit einer der meistgelesenen Beiträge bei uns. Gespickt mit einer Menge Prognosen eines Beraters, der sich mit der Automotive Industrie schon sein Leben lang befasst. Es kam zu Tumulten und Protesten und zur Gegenbetrachtung von Hagen Hund mit dem naheliegenden Titel „Warum Youngtimer nicht sterben werden„. Beides ist nun schon ein paar Jahre her – Zeit, mal nach zu bohren, was aus den Thesen eigentlich geworden ist. Wir haben uns Sören noch einmal eingeladen und diskutiert.
YTB: Zurückblickend – wie hat sich die Automobil-Industrie im Bezug auf ihre Youngtimer in den letzten 5 Jahren aus Deiner Sicht entwickelt?

Technik, die den Namen gerade so verdient

Sören Mattson: Ich glaube, das wisst ihr mittlerweile fast besser als ich (lacht) – aber im Ernst: Die korrekteste Beschreibung wäre wohl „Gar nicht“ – Die Automobilindustrie ist zurzeit zu 120% damit beschäftigt, einen überlebensfähigen Platz in einer schadstoffsensiblen Welt zu finden – da ist für andere Themen kein Platz. Wenn das E-Auto Raum greift, dann kostet das die Branche am Ende mindestens ein Drittel ihrer Mitarbeiter – da denkst Du nicht an die Autos, die Du vor 20 oder 30 Jahren gebaut hast. Ausnahme: Mercedes Benz – aber da gehört das zum Programm – und es tut denen in der gesamt-Wahrnehmung der Marke auch gut.
YTB: Wenn das gut für die Marke ist – warum zeigen dann die anderen Marken aus Deiner Sicht kein weiteres Engagement in dieser Richtung?

Sören Mattsson: Was für die Marke Mercedes gut ist, muss nicht für alle Marken gleichermaßen gut sein. BMW zeigt schon ein wenig historisches Engagement hier und da – zu Audi will der Typ43 heute vielleicht nicht mehr so recht passen, wie ein W123 immer noch „Mercedes“ repräsentiert – mit all seiner wuchtigen Werthaltigkeit.
YTB: Vor 5 Jahren hast Du gesagt, dass Youngtimer und die Ersatzteilhaltung für Autohersteller teurer Ballast sind – mittlerweile nimmt ja die Haltedauer der Altwagen stetig zu und die Zahl der H-Kennzeichen steigt. Wie hältst Du es mit dieser Einschätzung heute?

Sören Mattson: Hier gilt eines, was ich vor 5 Jahren schon gesagt habe, mit wachsender Bedeutung: Die Autos, die jetzt in die Jahre kommen, stammen aus den Zeiten wachsender Modellpaletten – das macht die Sache nur schlimmer. Mercedes hatte in den 70ern 4 oder 5 Modelle – zur Jahrtausendwende wahrscheinlich schon 10 und heute gefühlt 20 – da steigt die Komplexität überproportional an. Gleichzeitig müssen die Hersteller alte Computertechnologie vorhalten, was keiner will. Schau: Mein Sohn und ich haben kürzlich alte Handys auf dem Speicher gefunden. Ein Nokia von 2002 – das funktionierte nach dem Laden tadellos. Daneben ein Samsung GT i5500 von 2012. Das hatte noch den Vorgänger des Playstores – den gibt es nicht mehr, also kannst Du damit exakt nichts mehr machen außer zu telefonieren – alle anderen Funktionalitäten sind für immer fort – und so ähnlich wird das auch mit dem BMW E65 gehen.
YTB: Sprich – du bleibst bei Deiner These, dass Youngtimer verschwinden werden?

Sören Mattsson: Hm … nicht ganz. Was wir natürlich als Gegenbewegung sehen, sind 2 Themen. Ihr habt nicht umsonst heute 10 Mal so viele Fans wie vor 5 Jahren – die Leute interessieren sich für das Thema und viele wollen aus den unterschiedlichsten Gründen lieber was reparieren, als etwas wegzuwerfen und zu ersetzen – das haben immer mehr Leute satt. Und die Rechnung, die besagt, dass das behalten oft ökologisch sinnvoller ist, kann jeder denkende Mensch mittlerweile aufmachen. Hinzu kommt: Die Welt ist messbar kleiner geworden. Wenn früher jemand in England oder Frankreich Ersatzteile für deinen exotischen Oldtimer nachgebaut hat, dann hast Du das schlicht nicht erfahren – heute findest du die mit wenig Aufwand. In Weissrussland etwa gibt es unglaubliche Ersatzteilmärkte. Effektiv organisieren nicht die Hersteller den Nachschub, sondern die Basis. Und 3D Drucker werden hier auch eine zunehmend große Rolle spielen.
YTB: Aber im Bereich der Elektronik hilft das eher nichts, oder?

Sören Mattsson: Das würde ich nicht sagen. Hier kommen die versierten Bastler mittlerweile in den semiprofessionellen Bereich. Wenn Dir die wichtigen Steuerteile für Deinen 15 Jahre alten Wage fehlen, dann findest Du die mittlerweile ganz oft wieder bei Elektronik-Fachversendern. Die sitzen irgendwo auf der schwäbischen Alp und bauen alte eproms und Platinen nach – für frühe Indsutrieroboter, Große Maschinen, Brandmelde-Anlagen und eben auch für alte Fahrzeuge. Das geht aber auch nur, weil es dafür tatsächlich einen wachsenden Markt, eine echte Nachfrage gibt. Die hätte ich vor 5 Jahren tatsächlich langfristig anders eingeschätzt.
YTB: Das beobachten wir auch und das lässt uns für die Idee als solches irgendwie hoffen. Du hattest vor 5 Jahren den Ökologischen Totalschaden skizziert – die Verschrottung eines Autos, weil man es nicht mehr umweltgerecht betreiben kann – wie schätzt Du das mittlerweile ein?

Sören Mattsson: Von allen Bedrohungen halte ich die mittelfristig für die größte. Im Grunde erleben wir das gerade in einer populistischen Form mit dem Diesel-Skandal. Da werden ganze Schiffsladungen einigermaßen neuer Autos verschrottet – dagegen war die Abwrackprämie nichts. Fahrverbote werden Hipster von heute auf morgen vom Betreiben ihres Saab 900 abhalten, weil das dann plötzlich nicht mehr cool ist. Hier wird es einfach ungemütlicher werden. Innenstadtfahrverbote für alte Diesel, die besten Parkplätze für Elektroautos, breite Verfügbarkeit von Shared Cars – da wirst Du dich schon fragen müssen, ob Du dir den Stress noch antust. Auf dem Land sieht das in Teilen anders aus – aber da wurden Autos schon immer länger betrieben als in der Stadt. Damit nimmt dann auch die soziale Ächtung zu. Wenn Du mit einem Hummer vor dem Bio-Markt anhältst, kann es dir schon mal passieren, dass dich einer verprügelt – und das ist kein Klischee.
YTB: Also macht uns die Energie-Wende den Garaus?

(Lacht) Soweit würde ich nicht gehen, nein. Aber das Thema wird einfach unbequem, untrendy und damit fehlt dann in dem Markt wieder Geld und Nachfrage. Und Spaß – ein wichtiger Faktor. Gleichzeitig nimmt die grundlegende gesellschaftliche Faszination am Auto ab. Deine ersten Youngtimer kaufst Du Dir meist mit 25 – wenn Du Dir das Papa-Auto aus der Kindheit für eine Handvoll Euros erlauben kannst. Heute haben viele da noch nicht mal einen Führerschein. Städter haben keinen Platz für die Karre und wenn Du dich ständig für den Wagen rechtfertigen musst und am Sonntag wegen des Fahrverbotes keinen lässigen Ausflug mehr machen kannst… dann nimmt eben der Spaß ab. Und der hält viele bei der Stange. So gesehen ist diese Bedrohung nach wie vor real und nimmt sogar zu.
YTB: Vielen Dank – und wir würden sagen: Wir sehen uns in 5 Jahren wieder.


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