„Ich hab den C-Kadett am Klang erkannt…“

1985

Mein Freund Barry und ich, wir sitzen an der Bushaltestelle und rauchen heimlich – Ich die luxuriös wirkenden „M“, er „Winston“. Die fand Barry immer cool, weil angeblich sein Vater sie geraucht hat. Barrys Vater war ein US-Soldat und kurz nach Barrys Geburt verschwunden. Barrys Haut hatte diesen leicht dunklen Touch, seine Züge mit der klaren Nase und die dunklen, stets zu langen Haare, gaben ihm etwas indianisches.

Und Barry und ich hatten das Glück, Ein Abo der Auto Motor Sport zu besitzen und eines der Oldtimer Markt – und das zu Zeiten, als die noch in diesem braunen Öko-Look erschien.

Kadett D

Eine Herausforderung erster Güte: Der Kadett D ähnelt im Klang sowohl dem Kadett C als auch dem noch älteren Kadett B – viele Komponenten haben sich da nicht groß eändert

Die Bushalte-Stelle war die zweit-nächste von der Sporthalle aus gesehen. Die nächste war… irgendwie zu nah. Da konnte es dir passieren, dass dich einer deiner Trainer beim Rauchen erwischt oder so. Die zweit-nächste erreichtest Du nur, wenn Du hinten über die bemalte Betonmauer sprangst, von dort aus über den steilen Grashügel durchs Gebüsch und dann die kurze steile Strasse hoch. Nach 12 Minuten kam der Bus – davor jede Menge Autos, die eine Straße mit satten 19% Steigung überwinden mussten, die erst gut 30 Meter vor der Bushaltestelle abflachte.

Das zwang die Autos lange Zeit in den zweiten, dann in den Dritten, nur 2 Sekunden, bevor die Fahrzeuge für uns an der zweit nächsten aller Bushaltestellen sichtbar wurde. Und noch besser: Wenn Du geschickt im Schutz der Haltestelle sitzt – das ist bis heute so – dann kannst Du in dem Moment immer noch Deine brennende Zigarette ins Gras werfen und sie rollt den steilen Hügel herunter und du bist clean.

Kann man mehr verlangen von der zweit-nächsten aller Bushaltestellen?

das leicht singende Geräusch des frühen Audi 80 erkenne ich heute noch aus tausenden heraus – aber wann sieht man so einen heute schon mal…?

Wir waren noch ein paar Jahre vom eigenen Auto entfernt – aber wir kannten sie alle, kannten ihre Modellhistorien, wussten ihre Geschichte und ihre Geschichten. Und: Wir kannten ihren Klang. Viereinhalb Jahre lang hatten wir bei Wind & Wetter nach dem Training bei Herr Witterscheidt an der zweit-nächsten Bushaltestelle 12 Minuten gewartet; dort, wo sie sich im zweiten Gang hochquälen mussten und dann in den Dritten Gang schalteten, kurz, bevor sie sichtbar wurden.

Und was machst Du da? Du wettest, was sonst?

Die Regeln waren simpel: Du musstest das Auto nennen, bevor der Wagen sichtbar wurde. Einzige Ausnahme: Der Käfer – der galt nicht. Den Käfer konntest Du schon hören, wenn er so weit unten war… das war einfach blöd. Leute mit feinem Gehör konnten sich trauen, mal auf einen 1500er oder einen seltenen 1600TL zu setzen – war aber mutig. Wenn es nachher ein Käfer war, verlorst Du doppelt – wenn es tatsächlich ein 1600er sein sollte, war allerdings auch der doppelte Gewinn drin – klassisches Risiko-Prinzip. Wenn Du sicher warst, dann hautest Du den Namen schnell raus – denn wenn der andere das gleiche dachte, konnte er nichts gewinnen.

Für ausreichend Druck war also bei Teenagern gesorgt. Ganz selten begleitete Stephan uns zur zweit-nächsten Haltestelle. Der konnte sich das allerdings eigentlich nicht leisten. Mit Mühe konnte der einen C-Kadett vom heckgetriebene Escort unterscheiden. Die Flasche. Klar – heute klingen alle Autos gleich – damals war das ganz anders, sehr spezifisch.

In Zeiten von Zigarettenwährung zockten wir Stephan stets hemmungslos ab. Jahre zuvor schuldete er Barry und mir einmal 81 (!) Maoam, nachdem der Bus Verspätung hatte – eine Schuld, die er tatsächlich erst 1987 auf einer Party in einem komplexen Umrechnungskurs samt angefallener Zinsen in Drum-und-Marie-Währung beglich. Was für ein abgefahrener Deal.

Aber 1985, da saßen Barry und ich an der Haltestelle. Es war kalt und es fuhren recht wenig Autos. Ich wollte eigentlich Musik hören, die erste Hooters Platte genial – aber die Batterien meines Philips Walkmans waren alle. Also rieten wir, wie eigentlich immer.

Ein dunkler Ton, brummig, langsam hochdrehend, langer Schaltvorgang – Barry und ich rufen im exakt gleichen Moment OPEL REKORD – also blitzschnelle Überlegung und ich rufe REKORD D und Barry sagt „Nein – der neue!“. Schaltvorgang, Dritter Gang – und ich spüre es schon: Er hat verdammt nochmal recht. Mist. Ich reiche ihm gerade eine meiner Zigaretten, als wir das nächste Geräusch hören. Bei der klaren kalten Luft hat man verhältnismäßig viel Zeit, ich überlege, aber es fällt mir Schwer. Ein K70? Zu selten. Ein Golf Typ 17 mit einem 1.6er? Das könnte sein – aber nein!! Im letzten Moment höre ich das charakteristische leise singendes Pfeifen der Karosserie und rufe AUDI ACHTZIG!!! ALTES MODELL – und Barry gibt mir meine Zigarette zurück, bevor der Wagen überhaupt zu sehen ist. Einen Sekundenbruchteil später hätte er es auch gewusst. Der Audi war leicht.

Ich weiss es noch wie heute: Es folgt ein Stummel-Escort, den wir beide nicht erkennen, ein XR3. Das ärgert mich, denn eigentlich kann man den erkennen. Dann etwas großvolumiges. Ich bin mir sicher und rufe: Ford Taunus! Barry wirft mir einen raschen Blick zu und grinst. Und er hat recht. Und ich weiß es. Und er weiß, dass ich es weiß und ich sage ruhig Capri, aktuelles Modell – Mist! und gebe ihm die Zigarette zurück, die er sich daraufhin siegessicher anzündet. Auch ich zünde mir eine an. eine Zeit kommt nichts. Dann sagen wir beide lethargisch „Käfer“ und keiner von uns Profis denkt auch nur eine Sekunde daran, dass es sich da um einen 1500er oder gar einen 1600TL handeln können. Es ist der 1200 Sparkäfer mit 34PS – den würde unser Dackel am Klang erkennen. Dann lieber in Ruhe rauchen.

Auch nicht ganz leicht von seinem Vorgänger zu unterscheiden – mit dem seltenen Diesel klangen die vollkommen identisch

Eine Zeit lang nichts. Dann ein Geräusch. Oh… das ist spannend. Das ist…. Das ist schwer. Ganz klar ein Kadett. Kann ein C sein – aber auch ein D oder gar ein Kadett B – bei den kleineren Motoren unterscheiden die sich im Klang nicht so sehr. Jetzt ruhe bewahren. In höheren Drehzahlen, kurz vor dem Schalten, kannst Du den B an der Dröhnfrequenz des Krümmers leicht vom C unterscheiden – vom Kadett D natürlich sowieso. Aber ich habe den starken Eindruck, dass es sich um einen C-Kadett handelt – ja, ein 1200er, um genau zu sein, da konnte ich mich festlegen. Und gerade will ich es rufen, da schreit Barry Herr Witterscheidt!! und wirft seine brennende Zigarette den Hügel runter.

Ich überlege kurz – aber mit so etwas würde er keinen Spass machen. Herr Witterscheidt fährt tatsächlich einen C-Kadett, Caravan. Würde Barry mit so etwas scherzen? Nicht, wenn es um Zigaretten geht. Ich werfe meine Zigarette den Abhang runter, stoße den Rauch aus und sehe wie Barry aufsteht. Schaltpunkt, dritter Gang, ich atme rasch frische Luft ein, so wie Barry neben mir – da kommt der Kadett um die Ecke, in diesem matten Gelb, das bei Opel damals so trendy war – freilich bevor ein Wort wie trendy erfunden wurde. In der Kälte kann man Rauch kaum von der vorgewärmten Atemluft unterscheiden und ich stehe ebenfalls auf und bewege mich, bevor Herr Witterscheidt herzhaft in die Eisen geht.

er röchelte ein wenig – aber eben nur ein wenig, da musste man schon genau hinhören. Aber am Ende verriet er sich stets. Ein Glück: Barry und ich konnten seinen Klang fehlerfrei entschlüsseln. Die Ford-Modelle waren schwerer

Was will der hier? Der fährt hier nie entlang – der muss exakt in die entgegengesetzte Richtung, das gibt überhaupt keinen Sinn! Bis er die Scheibe herunter gekurbelt hatte, war meine Zigarette längst im feuchten Gras versoffen, nicht einmal halb geraucht. Mist.

„Na – was macht ihr denn hier? Wieso fahrt ihr denn nicht an der unteren Haltestelle?“

„Ach… erklärte Barry – da ist der Bus immer so voll. Hier oben ist besser – und ich kann bis daheim durch fahren.“

„Ah… wusste ich nicht. Ich fahre normalerweise nie hier lang“

Wir nicken. Das wissen wir, sonst würden wir hier nicht sitzen….

„Ich muss Heute mal Richtung Krankenhaus – meine Mutter ist am Fuß operiert worden.“

„Oh… doch nichts ernstes…?“ fragt Barry artig nach.

„Ach – nein… Kommt, springt rein – ich nehm euch mit.“

„Oh, Super…..! Vielen Dank!“

Wir packen die klassischen beiden Addidas Sport Taschen – ich das blaue Nylon-Modell, Barry das hellbraune Leder-Modell, und nehmen im Kadett C platz, wo wir fast anfangen müssen zu lachen. Am Ende sind wir vor den Leuten in der Stadt, die den anderen Bus genommen haben und machen uns die Freude, zu diesem mysteriösen Phänomen keinerlei Erklärungen abzugeben.

Jahre später hat Barry mir einmal gestanden, dass er manchmal zum Samstags-Training ging. Nicht, um ein besserer Handballer zu werden. Er nutzte die Zeit, um an der Bushaltestelle Autos zu trainieren. Samstags fuhr nur die Linie 14 an der zweit-nächsten Haltestelle – da hatte man viel mehr Zeit.



6 Gedanken zu „„Ich hab den C-Kadett am Klang erkannt…“

  1. Vielen Dank für diese Geschichte aus klangvolleren Tagen.
    Leider gibt es kaum noch Autos mit Wiedererkennungswert (nicht nur beim Sound). Heutzutage kann man höchstens noch den Konzern/Marke erraten – TDI oder doch TDCi. Bei den Benzinern stechen fast nur die ollen 1.2 Liter 3-Zylinder raus, aber die will man eigentlich eh nicht hören.
    Bei all der modernen Langeweile genieße ich es umso mehr meinem 1800er Legacy zu lauschen, da macht sich von ganz alleine ein fettes Grinsen im Gesicht breit.

    mfg Alex

  2. Einfach wow! Wenn ich solche Geschichten lese und an meine eigenen Teenie-Stories denke, bemitleide ich immer die heutige Jugend. Die können nur noch auf Handy glotzen…

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