Mercedes W116 – Nachruf des Dickhäuters für Wirtschaftsbosse und „Roma“

Wenn Du dich in den  Mercedes W116er setzt, dann ist Dir eins sofort klar: So hat sich früher mal Macht angefühlt. Politische Macht, Macht in einem Unternehmen, Prominenz, der Zugriff auf ein Heer, egal. Der Mercedes W116 strotzt vor Stärke und Selbstbewusstsein, auch heute noch.

Angefangen bei der im Grunde natürlich designerisch durchaus lächerlichen Doppelchromstoßstange – die Stoßstange der Stoßstangen überhaupt. Dennoch: Eigentlich war sie natürlich grotesk, wie eben vieles in den Siebzigern aus heutiger Sicht irgendwie schrill und schrullig anmutet. Vorgänger und Nachfolger waren viel viel eleganter.

Gerne im Fadenkreuz des Terrors – Feindbild-Auto Mercedes W116

Dennoch: Der W116, der ist es. Wenn die RAF in den 70ern einen Politiker oder Wirtschaftsboss ermordete, so saß der gefühlt eigentlich immer in einem Mercedes W116 – und falls nicht, würde es im Nachhinein dennoch jeder glauben…

Der W116 war somit auch so etwas wie der Wagen des Feindes, das protzige Gefährt der Wirtschaft.

Das war noch anders als heute, wo es Audi, BMW und Mercedes gibt. Mercedes war der Olymp – und innerhalb des großen Olymps war der Mercedes W116 der klassische Zeus, also die Spitze der Spitzen sozusagen. Und da reden wir – um das klar zustellen – nicht nur vom legendären Sechsneuner.

Beton war die authentische Umgebung seiner Zeit

Eine Zwoachtziger S-Klasse, selbst mit Vergaser und heute irgendwie untermotorisiert wirkenden 156PS, die heute jeder Golf Diesel hat, war ein Statussymbol, wie man es heute kaum noch kennt oder wirklich nachempfinden kann. In der Nachkriegsgeneration war der W116 der Beweis, dass man es geschafft hatte – auch ein Begriff, den es heute gar nicht mehr gibt…

Dann jedoch folgte ein dickes Tief in der Karriere des W116… der Abstieg der Luxus-Karosse war phasenweise beispiellos. Der W116 war DAS Auto der klassischen Gruppe, die man damals noch ungestraft „Zigeunerbanden“ nannte. In den 80ern sah man viele 116er, die technisch okay, aber verrottet und verwohnt waren – die größte Sammlung davon hatte in den 90ern Jahren noch die Oldtimer-Halle Dortmund, das Mekka der W116-Pilger!

Sabber: Wer die besten Zeiten in Dortmund erlebt hat, kann es kaum in Worte fassen – der W116 bestimmte das Bild und versetzte Dich eine ganze Generation zurück

Dann wurde der W116er immer mehr zum Ober-Herrscher der Youngtimer-Szene in den lässigen Innenstädten – aus heutiger Sicht muss man sich bei dieser Karriere beinahe wundern, wie viele wirklich gute Exemplare es heute noch gibt. Einerseits liegt das sicherlich an der schieren Qualität, andererseits auch an den vielen anderen, die den Wagen gepflegt haben und solchen, die Ungepflegte mit viel Mühe wieder vorzeigbar gemacht haben. Führt man sich vor Augen, dass der Wagen seit über 30 Jahren nicht mehr gebaut wird, ist die Dichte der Modelle noch gigantisch.

noch der Innenraum nach dem alten Muster, erkennbar an den senkrechten Stellhebeln

Das Fahrgefühl ist auch heute noch irgendwie toll, erhaben im angenehmen Wortsinne. Der W116 kann auch sportlich – muss aber nicht. Es ist aber cool, zu wissen, dass er könnte, denn genau das macht Dich so gelassen beim Fahren.

Und dann der Klang.

Wir finden bis heute, dass Luxus genau so klingen muss…. ;-> Mechanisch, großvolumig. So ein W116 ist schon irgendwie laut im Vergleich zu heutigen Luxuslimousinen – aber nicht störend, mehr wie akustische Patina. Speziell der 280er klingt sehr mechanisch, da weiss man, was die Nockenwelle tut. Der Innenraum ist in seinen wesentlichen Zügen und Details im Grunde bereits der, wie er bis 1993 noch im W201 zu finden war. 

Motorisch liegt die Wahrheit nicht in der Mitte beim W116. Der 450SE oder SEL ist cool – aber mit seinen 225PS liegt er kaum wirklich weit entfernt vom 280SE mit seinen 185PS. Der 280S mit 156PS ist kein Highlight – und die Mitte, der 350er, ist zwar ein Achtzylinder, kann aber kaum mehr als der 28SE, vor allem in der zweiten Evolutionsstufe, die etwas abgasfreundlicher daherkam und in der Leistung praktisch mit dem 280SE gleichauf lag – bei höherem Gewicht.
Hinzu kommt: Wer einmal einen 280SE morgens zum Leben erweckt hat, weiss, dass sein Klang einfach alles übertrifft. Der Motor ist so fordernd, hat so etwas Rasselndes, rastloses an sich und dreht traumhaft. Dagegen kommt ein 350er phlegmatisch rüber, speziell mit der Dreigang-Automatik an Bord, die man sich heute ohnehin nur schwer vorstellen kann.


Wenn es nach mir ginge:

280SE, Milanbraun, helles Velours innen und ein mechanisches Schiebedach aber elektrische Fensterheber und natürlich Automatik. Leder brauche ich nicht, die fetten Maschinen sind zweifellos geil – brauche ich aber auch nicht undbedingt.

280er, schlicht, berechenbar.

Mehr. braucht. es. nicht.



20 Gedanken zu „Mercedes W116 – Nachruf des Dickhäuters für Wirtschaftsbosse und „Roma“

  1. Ich muss sagen der 280 S mit 156 PS war verflucht schnell,einen GTI hat er locker stehen lassen trotz des hohen Gewichtes,und der 350 er war eher was zu Cruisen,und bequemer waren die auch,das beste daran ist die Übersichtlichkeit.
    Der Nachteil war wie immer,auch heute noch der ROST.Beim w 116 leider an der Achshalterung

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