Youngtimer-Olymp S-Klasse – oder: Chronik einer schleichenden Sucht

GAST POST von SÖREN MATTSSON,

International Automotive Consultant

PAFF! Der W116 von 1972 war die erste S-Klasse – verwendet wurde der Begriff erstmals Ende 1970. Auch davor gab es schon Mercedes S-Modelle – die waren aber ein Konglomerat mehrerer Baumuster und erst mit dem W116 begann Mercedes in der offiziellen Pressemappe von der S-Klasse zu sprechen. Jetzt kann man sagen: Ja, hat sich denn da keiner gefragt, wie die W114/w115 eigentlich heißen….? Die Antwort gab Mercedes tatsächlich erst 2 Jahrzehnte später – erstaunlich – aber damals hieß Marketing auch noch Verkaufsförderung.

Auf gewisse Weise drückte sich hierin aber auch etwas aus: Die S-Klasse war eben eine echte Klasse – so wie Indische Kasten oder eben die gesellschaftliche „Oberklasse„.

S-Klasse fahren – und das kennt man heute wirklich so aus unserer Fahrzeuglandschaft nicht mehr – war echt etwas anderes. Wenn auf dem Gang eines der jungen Büromädels tuschelte, dass Herr Doktor Wichtig jetzt eine S-Klasse fährt, dann wusste auch Janina Jedermann gleich, dass das schon etwas anderes war, als „Der große Opel“ oder „Einen Mercedes fahren“.

magische Linie

2010 musste ich in der gehobenen Münchner Bäckerei „Bogenhausener Backmanufaktur“ den hohlhirnigen Dialog zweier Münchner Finanzdienstleistungsfunktionäre mit anhören, die tatsächlich beklagten, dass es die S-Klasse jetzt als VIERZYLINDER gibt – Skandal – beleidigend..! Hätte das beim Siebner auch jemanden schockiert? Hätte sich beim A8 jemand am 5Zylinder gestört?

S-Klasse ist S-Klasse.

Als ich klein war, da war der W116 eine Art Götzenbild für mich – an dem drückte ich mir die Nase platt – schon, um diesen unfassbar dicken Innenverkleidungen bestaunen zu können, an deren Stelle bei dem Wagen meines Vaters ein kunstbeledertes Stück Pappe klebte. Die richtig coole Großen – die fuhren die S-Klasse. Wim Thoelke, Sepp Maier und – wie mein Opa immer sagt – Mireeeh Matjöh. Ein paar Jahre später waren sie fest in Hand der Zigeuner- die zogen mit dem 350SE ihre zweiachsigen Wohnwagen und bezahlten die Kisten mit Geldscheinen von der Rolle.

Von so einem kaufte ich meine erste S-Klasse: einen weißen 280s, mit kaum nachvollziehbarer Historie, aber billig. Ich musste den Wagen haben. Das vielleicht bizarrste war die Karosserie: die war zu lang, was mir beim Kauf nicht auffiel. Richtig: Eine lange Karosserie gab es für den 280S nie – da konnte man schon stutzig werden. Das hätte ja schon mit dem Namen nicht funktioniert – der wäre in dem Falle nämlich 280SL gewesen… Stutzig machen kann einen auch die Tatsache, dass der Zigeuner, der mir den Wagen verkauft hatte, mich 3 Wochen später in der Fußgängerzone sah und etwa eine Stunde später der Wagen weg war. Hmm…

Er ist der schönste von allen – alles andere ist Kaffeehausgeschwätz

Aber der Virus, er hatte mich so klar infiziert – kaum war die Kohle von der Versicherung da, schlug ich die Samstagsausgabe auf – 3 Wochen lang vergeblich – bis der 350 SEL auftauchte, Baujahr 1979 mit ABS!- und auch wieder: Im Detail nicht ganz original. Unter der Haube ein 380er Motor aus dem W126 – mit nachgerüstetem Kat von 1991. Hatte die erste S-Klasse schon ein Maß der Dinge gesetzt, das anschließend schwer zu toppen war – der hier mit seiner lässig seidigen Kraft erledigte den Rest. Ein knappes Jahr war er mein Hauptauto, endete jedoch leider auf Glatteis an einem Brückenpfeiler, während mir so gut wie nichts passierte.

Dagegen nicht versichert, erwarb ich einen Golf II aus dem Familienumfeld.

Ähm ja… Wie sag ich das jetzt….? Nichts gegen den 2er Golf, der war schon irgendwie… Also.

Sagen wir es so: Im Verhältnis, im direkten Vergleich….: Zum Kotzen.

Selbst die S-Klassen, die noch nicht so genannt wurden, hatten das Konzept des eleganten Reise-Traumwagens schon drauf

Ich war reif für den W126, keine Frage.

Was vielen Leuten nicht klar ist: Eine S-Klasse, speziell den W126 zu fahren, ist nicht so viel teurer wie einen blöden Opel oder profanen Ford oder so. Die Solidität des Wagens leistet einiges, Wertverlust ist ab einem gewissen Alter kein Thema mehr – und die kleinen Motoren sind auch in der Versicherung bezahlbar. Ein 126er der ersten Generation hat außerdem beispielsweise 14 Zoll-Räder, bezahlbare Bremsen und ähnliches. Klar: Sprit ist teurer – und wenn mal was grobes kaputt geht, ist der Wagen nix für die schmale Tasche. Aber mein 280SE, Baujahr 1983, machte knapp 2 Jahre lang alles richtig.

Mittlerweile war ich reich geworden <Naja… verfügte über ein sehr regelmäßiges Einkommen….> Und da musste ich es dann wissen.

Der W140 musste her.

Das

war

ein

Fehler

Snapshot from the Benz Family Album: Der W140 fügt sich majestätisch aber widerwillig der Linie des Hauses. Die entspannte Coolness seines Vorgänger hat er nicht

Der W116 sah fett aus, war aber bis auf den Verbrauch ein ökonomisches Auto. Der W126 war ein ökonomisches Auto in allen Belangen.

Der W140 war es nicht.

Verbrauch – übel.

Versicherung – der Wahnsinn.

Ersatzteile – Alptraum.

Und Rost. Ich gebe zu, ich hab den Fehler vorsichtshalber 2 mal gemacht, um ganz sicher zu sein, dass es nicht die Schuld des 500ers war – aber ein 300er ist gar nicht besser…

Der W140 war einfach ein erheblicher Bruch in der Riege diskret cooler Oberklasse. Man kann den Wagen mögen – schon aufgrund seiner unfassbaren Sitze. Ich bin 1,89 und hab die dicken Sessel immer geschätzt – wie überhaupt den abartigen Platz in dieser S-Klasse. Aber der W126 war eigentlich nicht mal schlechter, der W116 eigentlich auch nicht – außerdem belohnen die beide mit viel besserer Rundumsicht.

Mittlerweile könnte ich mir eine neue S-Klasse kaufen und würde damit beileibe nicht an die obere Grenze meiner Dienstwagenregelung stoßen. Und was fahre ich?
Einen W220 für den profanen Alttag – S400 CDI Lang. Der W220 hat viele der Qualitäten, die ich auch am W126 zu schätzen wusste – nur eben auf ein historisch neues Niveau gehoben. Der W220 ist wieder diskret. Schaut man sich die Historie an, hat man das Gefühl, dass das immer abzuwechseln scheint: W108/109 – diskret – W116 protzigW126 diskretW140 Protz – W220 – schlicht.

Die aktuelle S-Klasse mit ihren bauchigen Radhäusern geht wieder ein Stück Richtung fett – vielleicht gönn ich mir die nächste S-Klasse also doch in neu?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Ich finde es einfach cool, diese Kisten gebraucht zu fahren. Mein 400er CDI mit satter Ausstattung hat letztes Jahr lächerliche €5.800 gekostet, 195.000 Kilometer auf der Uhr. Technisch Top, Tüv frisch, der Fensterheber hinten links defekt,
Zentralverriegelung wankelmütig bezüglich ihrer Funktion. 600€ später funktioniert die S-Klasse ausgezeichnet. 27.000 Kilometer haben wir beide zurückgelegt, häufig mit Geschäftspartnern, die oftmals verwundert sind, weil sie gar nicht recht glauben mögen, dass der Wagen 11 Jahre alt sein soll. Mit dem W220 kann man sich heute noch überall sehen lassen, obwohl die Radläufe bald mal professionell entrostet werden müssen. Aber das Konzept des Langzeitautos hat Mercedes hier dennoch wieder verwirklicht, diskret und unauffällig. Einer meiner Geschäfts-Partner aus Schweden hat einen S320CDI, Baujahr 1999, 440.000 KM auf dem Zähler – optisch neuwertig.

S-Klasse ist einer Art Dauerkonzept, das die Jahre überdauert hat.

Ach ja -Und für’s Wochenende ist da unter anderem ein W126 in meiner Garage – 420SEL, Baujahr 1989, der einmal einem mittelständischen Geschäftsführer gehört hat. 220.000KM, 5-8.000KM Laufleistung im Jahr. Der hält bis zur Rente.




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