Youngtimer im Fokus: Jetta I [1979-1983]

Ein Wagen mit LINIE

Ich hatte als als Kind in der ADAC Motorwelt gelesen: Der Jetta war dadurch entstanden, dass man hinten an den Golf Typ 17 einen Kofferraum dran schweißte. Das löste bei mir ein sehr lustiges Bild aus, in dem ein Haufen Arbeiter in Wolfsburg mit Golfs aus der einen Werkshalle fuhr, hinein in eine andere, wo dann ein Kofferraum angeschweißt werden sollte.

Später sollte ich im Laufe der Zeit Besitzer von nicht weniger als 4 Jettas dieses Typs werden – aber wer konnte das zu diesem Zeitpunkt ahnen? Was mich daran wirklich schockte: Der Jetta I hat tatsächlich eine Schweißnaht im Koferraum – dort, wo der Golf aufhörte… Hm…. lassen wir das.

Sachlich, schlicht und heute schon verdammt lässig: Youngtimer der ersten Jetta Generation

Der Jetta I war ein tolles Auto – und ein toller Youngtimer ist er erst recht. Er verbindet bis heute die ausnehmend simple Großserientechnik des ersten Golf mit der gediegenen Spießigkeit, die der Rentner von Nebenan so sehr schätzte. Dabei versuchte VW ja, den Wagen ein bisserl richtig 3er BMW schielen zu lassen: da waren immer die Kotflügelverbreiterungen vom Golf GTI an Bord und diese Ziertsreifen, die am Golf irgendwie lässig wirkten, am Jetta eigentlich nur dann, wenn er auch marsrot war. Die meisten Jettas gingen allerdings in so kernigen Farben wie weiss oder Inarisilber [eine art Grünmetallic] über den VAG-Händlertisch. Dorthin kamen sie jedoch traditionell auch zu jedem anstehenden Service wieder zurück – einer der Gründe, warum der Jetta immer des besser Golf war.

Auch heute noch machen die meisten Youngtimer des ersten Jetta eine ganz gute Figur. Die Preise haben in den letzten zwei Jahren massiv angezogen – der Preis, den man für H-Kennzeichen zahlt. Aber man bekommt auch was: Die Zustände der Jetta Youngtimer sind im Schnitt überdurchschnittlich. Die typischen Macken sind ohnehin recht schnell aufgezählt und decken sich mit denen der Golfs und Sciroccos aus denselben Jahrgängen: Ein wenig Rost hier und da – gerne an den Wagenheberaufnahmen und unter der Scheibe, wo sich das Laub sammelt und den Abfluss von Wasser verhindert. Beim Jetta sind eigenartiger Weise die hinteren Wagenheberaufnahmen entschieden gefährdeter als bei den beiden anderen. Dann verabschiedet sich der Auspuff überdurchschnittlich oft, speziell beim 1.5er Modell mit 70PS. Von diesem Modell gibt es teilweise Modelle, die statt der Startautomatik einen Choke aufweisen. Bei denen ist der Auspuff weitaus gefährdeter. Und natürlich der Klassiker: Die Manschetten der Antriebwellen – aber sonst ist der Jetta normalerweise recht vorbildlich. Beim 1.5er nervt hin und wieder die Startautomatik, indem sie nicht ausgeht und die Tankanzeigen reagieren auf alle möglichen äußeren Einflüsse mit blödsinnigen Angaben.

Seine Mitbewerber waren möglicherweise lässiger – aber der Jetta verkaufte sich in seinem Segment wie geschnitten Brot. Sachlicher, Spießiger, aber eben auch irgendwie aufgeräumter kam er daher – seine Raumausnutzung war brillant

Toll am jetta ist die Rundumsicht. A-, B- und C-Säule sind aus heutiger sicht schier erschrecken filigran und natürlich speziell im Heck-Bereich deutlich schmächtiger als beim Golf – das gibt ein tolles Über-Land-Feeling im Jetta. Ohnehin ist der Jetta auf der Landstraße in seinem Element. Während er auf der Autobahn leider verhältnismäßig laut ist, macht er bis 110 immer eine wirklich gute Figur – und ist zudem hier auch sehr ökonomisch: den 1.5er kann man lässig mit 7-8 Litern bewegen; das kann der Nachfolger auch nicht besser.

Profan, schlicht, liebenswert. Sentimental wird hier zunächst nur, wer im Jetta groß geworden ist – aber mit seiner ausgestorbenen schlichten Art erobert der Jetta auch heute noch Herzen

Der Jetta ist zudem noch im ganz klassischen sinne überschaubar gebaut und leicht – auch das hilft ihm auf der Landstrasse. so fühlt man sich sogar mit dem 1.3er mit seinen lächerlich wirkenden 60PS gar nicht mal so schlecht motorisiert – nur auf der Autobahn ist hier eben schon unter 150 Schluß – und das verbaute Getriebe hat ebenso Kleinwagencharme wie der Choke…

Die beste Maschine ist in vielerlei Hinsicht der 70PS 1.5er, der vor allem über ein gutes Drehmoment bei geringen Drehzahlen verfügt. Der 1.6er – ganz gleich ob mit 110, 85 oder 54 Diesel-PS ist ohnehin eher selten zu finden – die 85PS Doppelvergaser-Motorisierung wurde zudem nur in ein paar seltenen Sondermodellen verbaut. Wer solche heute findet, wie etwa den TX mit den Sportsitzen aus dem Scirocco, der hat eine Wertanlage gefunden. Die eingebaute spießigkeit des Jetta treibt die Preise ohnehin nach oben die simple Technik hilft dabei – und Seltenheit setzt dem ganzen die Krone auf.

Leider blieb auch der Jetta – ähnlich wie Polo und Derby – in den späten 80ern nicht von unsachgemäßen Tuningversuchen verschont. Es machte irgendwie Sinn: Die meisten teile aus Golf und Scirocco konnte man hier auch verwenden – und das mit ein bisserl Understatement…

Ein bisserl Macho steht dem Jetta Youngtimer wirklich gut

ach… irgendwann kauf ich mir nochmal einen – zumal unter 2.000€ immer noch eine Menge geht. Meinen letzten habe ich 2007 verkauf – ein blauer, metallic, GLS Austattung in Caramel und den 1.5er an Bord. 26 Jahre alt und 63.000KM auf der Uhr… Auch einer dieser „Ich-hätte-ihn-nie-verkaufen-sollen“-Wagen. Aber davon soll eine andere Geschichte erzählen.



19 Gedanken zu „Youngtimer im Fokus: Jetta I [1979-1983]

  1. Ich habe meinen (ein 83er, glaube ich) Jetta I geliebt. Gekauft für 2000 Mark mit 185 000 auf dem Tacho. Er lief parallel mit dem frisch erschienenen Golf II vom Band und hatte deshalb auch dessen (dunkelgrünen) Lack und war damit unrostbar, was bei den HU-Terminen immer die Prüfer begeisterte („Horst, komm mal gucken, nirgends Rost, das haste noch nicht gesehen“).

    Die 70 PS-Maschine lief gut und verzieh mir Versäumnisse in der Wartung, die auf jugendliche Unwissenheit beruhte (Zahnriemen? Hat er, ja. Tauschen? Nö, wieso?). Meine ersten Experimente in Sachen Öko-Fahrweise wurden mit einem Verbrauch von 5,3 Litern auf hundert honoriert.

    Die seinerzeit jedes Wochenende anstehenden 700 km hatte er mich komfortabel überstehen lassen, und mit frischen Gasdruck-Dämpfern nahm er die Kurven überraschend knackig, ohne eine Pseudosportlichkeit raushängen zu lassen. Understatement.

    Er würde heute noch fahren, wäre da nicht dieser Vergaserbrand gewesen, der den Nachbarn eine spektakuläre Show lieferte und mich nach siebeneinhalb Jahren von dem mittlerweile 18 Jahre alten Auto trennte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.