Die GTI-Gang I/XII: Youngtimer Golf GTI – Godfather of GTI?

Eine beliebte Stammtisch-Debatte in den 80ern war: Hat Volkswagen wirklich den GTI erfunden oder gab es das Konzept nicht schon viel früher? Beliebter „Erster“ war hier beispielsweise der Kadett C GT/E – der nämlich erschien schon 1975, während der heutige Youngtimer und Oldtimer Golf I GTI gar erst 1976 das Licht der Welt erblickte. Fanatische Ford-Fans wollten gar den ersten Escort RS 2000 zum ersten GTI erheben – und der erschien sogar satte 3 Jahre vorher. 2 Bier später fiel anglophilen Trinkern womöglich noch der Mini Cooper ein – und den gab es schon Ende der Sechziger…

Heute führt solche Diskussionen kein vernünftiger Mensch mehr länger als 2 Minuten: Der Godfather of GTI ist der erste Golf. Manchmal geht es nämlich nicht darum, der erste zu sein, sondern der Kultivierer einer Idee. Das erste Hybrid-Auto war auch nicht der Toyota Prius – dennoch ist er der Pionier.

Schottenkaro auf Traumsportsitzen, Golfball und Spucknapf im Lenkrad – so gehört sich das im ersten Golf GTI

Was machte das Konzept aus? Einmal war es die Tatsache, daß der GTI stets von einer der meistgebauten Serienkarosserien der Kompaktklasse umgeben war – dazu gab es ein bisschen Macho-Kriegsbemalung [rote Rahmen, mattschwarze Fensterrahmungen, Schotten-Karo auf den Sport-Sitzen….] – und natürlich einen kräftigen Motor – Aber all das mit Augenmaß. Wer versucht hatte, mit dem Escort RS um die Hand der Tochter anzuhalten, galt als gefährlich, Kadett GT/E Fahrer auch vom 2002 Turbo mal nicht zu reden – ein GTI-Fahrer war als Schwiegersohn voll okay.

Und das war wohl auch der Kern des Erfolgs: Der GTI war immer noch voll alltagstauglich – als Youngtimer sind die GTIs von Golf I und Golf II das auch heute noch in vollem Umfang. Hier paarten sich Vernunft und Sportlichkeit auf eine unaufdringliche Weise: Die Einspritzung im Zeitalter von Vergaseranlagen verlieh dem 1.6 Liter Motor nicht nur substanzielle Leistung – der GTI ließ sich auch noch sparsam fahren: 8 Liter waren auch bei flotter Fahrweise möglich. Da staunten Piloten des Kadett GT/E nicht schlecht. Die fuhren im kriegsbemalten Macho-Coupe einen konstruktiv wenig pfiffigen Motor aus dem großen Rekord spazieren – und brauchten 11 Liter Super…

Und in einem darf man sich nicht täuschen: 1976 waren 110PS noch Referenzklasse! Audi verbaute den 1.6er mit Vergaser im damaligen Top-Modell Audi 100 mit 85PS, ein Mercedes 230 im W123 hatte 109PS, konzernintern endete der große Bruder Passat bei 85PS, das Top-Modell des Konzerns, der Audi 100, bot maximal 5PS mehr. Also: mit 110PS konnte man das Bein am Baum schon ganz schön hoch heben.

Als Alltagsklassiker noch reichlich vorhanden – aber nicht eben immer in sinem solchen Zustand

Gepaart mit Spoilerlippe vorn, „breiten Reifen“ vom stattlichen Format 175/70, einem leicht tiefergelegten Fahrwerk und der generell narrensicheren Straßenlage des ersten Golf mit nicht mal 1000 Kilo legte der GTI somit ein Konzept vor, das viele viele Nachahmer fand in den folgenden Jahren und schließlich den großen Wilden vom Schlag Ford Capri, Opel Manta und ähnlichen, zunehmend den Rang ablief. Im Zuge des Wettrüstens ging es nämlich zügig auf die 200PS-Schwelle zu – und irgendwie sollte der Spass ja bezahlbar bleiben….

🙂

Heute ist der Golf GTI der ersten Serie längst nicht mehr bezahlbar – zu einzigartig war er bereits zu Lebzeiten, wurde schnell zum Kultobjekt erster Güte, unabhängig jeglicher gesellschaftlicher Kreise. Ein gepflegter GTI vom Typ 17 [76-83] wechselt den Besitzer nur selten unter 4000€ – selbst schlimm erhaltene Restaurationsexemplare kommen hier und da auf 2000€ realen eBay-Strassenpreis. Seltene Pirelli-Golfs, die schon zu Lebzeiten teuer waren, kommen auch mal auf 10.000€ – womit sie bereits wieder in der Nähe des ehemaligen Anschaffungspreises liegen….

Über die Jahre verwässerte VW das Konzept des Golf GTI – die heutigen Youngtimer waren genuin, der 3er und 4er Golf kamen von der Stange. Mit Modell 5 wurde es wieder besser

Wo viele Licht, da viel Schatten….? Auch hier, ja. Zwischen den guten Exemplaren befinden sich natürlich noch zeitgenössisch getunete Exemplare – und hier reicht die Skala von „bisserl tiefer und 205er“ bis zu „kaum noch als Auto zu erkennen“. Ganz schlimme Spinner demontierten so ziemlich alles und ersetzten es durch vermeintlich bessere Teile – hier sind dem Schwachsinn kaum Grenzen gesetzt.

Aber so ein gut erhaltenes Original macht auch heute noch was her und ist darüber hinaus sicherlich eine der besten Wertanlagen, die man zudem noch sehr entspannt fahren kann – repariert bekommt man immer noch alles, Ersatzteile scheinen an Bäumen zu wachsen – schließlich wurde der Golf I in Südafrika praktisch bis vor wenigen Monaten noch verkauft.

Die geradlinige Einfachheit von Design und Konzept sind auch heute noch bestechend – eben ein echtes Original, dass es sich zu erhalten lohnt.

Südafrika ist das Traumland für Freunde des Golf I -hier wurde er noch zig Jahre weiterproduziert…

Später verschnarchte Volkswagen eine ganze Zeitlang das Konzept und brachte fade Versionen auf den Markt, die sich in ein Konzept der Ausstattungslinie „GT“ fügen mussten. Erst vor wenigen Jahren fand VW dann wieder zurück und nahm sogar den Youngtimer GTI Typ17 mit in die Werbung auf. Heute ist der GTI wieder ein Stück weit dort angekommen, wo er einmal herkam. Mit einem Unterschied zu den 80ern und 90ern: Seine Marktmitbegleiter sind praktisch alle verstorben…



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