Als Diesel noch schmutzig waren und Kombis was für Handwerker

Als ich mir damals meinen ersten Kombi gekauft hab, musste ich mich dafür tatsächlich meiner Oma gegenüber beinahe rechtfertigen – ganz so, als hätte ich etwas irgendwie idiotisches getan oder gegen die Regeln verstossen – vermutlich mal wieder ungeschriebene…

Die „Erklärung“ meiner Oma dafür war, dass Kombis Handwerker-Autos seien. Und offensichtlich wollte meine Oma sich wohl nicht dem Verdacht der Nachbarn aussetzen, dass ihr Enkel ein Handwerker sei. Meiner Oma schien das irgendwie anrüchig oder passte nicht zu ihrer vermuteten gesellschaftlichen Stellung oder so. In der Tat war das damals ein Punkt – auch wenn es einem heute schon fast schwer vorstellbar erscheint: Handwerker fuhren Kombis – und Kombis hatten auch keine coolen Namen wie heute, wo sie Sports Tourer heißen – Opel etwa verkaufte seine Kombis unter dem Namen „Caravan“, was tatsächlich ein Morph aus den Wörtern Car und Van war – also irgendwie signalisierte „Ein richtiger PKW ist das nicht – aber auch nicht direkt ein Bus“.

Riesig war der Kofferraum des Ascona B sowieso nicht – und ich hätte eh lieber einen Ascona A Voyage gehabt

Die gesellschaftliche Veränderung ist schon lustig – meine Eltern zogen es auch stets vor, unser Urlaubsgepäck in den Kofferraum des Ascona B zu pressen und noch ein paar Tüten im Innenraum zu verstauen, anstatt sich einen gescheiten Kombi zu kaufen, den ich schon als Kind wollte. Heute kann man sich das schon aus einem ganz anderen Grund nicht mehr vorstellen: Unsere Gesellschaft hat einfach zu viel Geraffel und hat es sich auch noch zur Gewohnheit gemacht, das überall hin mitzuschleppen. Wir nehmen die Wii mit in den Urlaub, jede Menge Spiele für den Strand, die man dann in 2 verregneten Wochen nicht ein einziges Mal braucht, vielleicht noch ein Notebook und ganz sicher den DVD Player für die Kinder… Somit stellen Kombis also eigentlich gar keinen Lifestyle-Trend dar – sie sind vielmehr eine gesellschaftliche Notwendigkeit geworden, die zu Zeiten unserer heutigen Youngtimer einfach nicht nötig waren.

Wir nahmen sogar die Ajona Zahncreme mit, weil die Tube kleiner war…. [Und Rei in der Tube, was wir meiner Erinnerung nach nie gebraucht haben….].

Dennoch ist der Kombi bei den Youngtimern nicht so sehr im Fokus wie die Limousine, obwohl die 245er, die 123er T-Modelle und ähnliche Kaliber ja nun auch schon eine Zeitlang verfügbar sind.

Wollen wir Youngtimer-Fahrer die nicht, weil wir das Gefühl von Ajona, Rei in der Tube und hartgekochten Eiern wiederhaben wollen?

Diese Idee haben wir in letzter Zeit tatsächlich öfter mal gehört. Fakt ist: hier ist primär mal wieder Mathematik und Soziologie am Werk.

Zunächst einmal gab es damals verhältnismäßig weniger Kombis – Kombi-Anteile um 90%, wie man sie bei Passat, Subaru Legacy und manchen Volvos findet, waren in den 80ern in weiter Ferne – einer der Gründe, warum beispielsweise BMW lange Zeit vorsichtshalber keine Kombis gebaut hat: Es war einfach unwirtschaftlich. Dann kommt beim Kombi natürlich das Nutzungsverhalten dazu – eine 123er Limousine wurde immer gepflegt, bis sie in 4. Hand war – dem T-Modell können da schon ganz andere Einsätze blühen – und viele der Besitzer waren einfach auch rohe Gesellen, die den Wagen eben als „PkwTransporter“ eingesetzt haben. Schweinehälften, Strohballen, 4 Bobtails – all diese Dinge bekommen Limousinen nie zu Gesicht – ebensowenig die Art Umzüge, bei denen man hier und da schon mal wogegen fährt.

Natürlich werden wir in den nächsten Jahren erleben, dass sich das ändert – denn: Die Lifestyle-Kombis kommen auch in die Jahre – und die Anteile an den damaligen Jahrgängen waren auch größer. E34, E30, Audi 100… da rollt eine erfreuliche Welle auf uns zu. Und wer dann den Wagen seiner Eltern nach 20 Jahren noch einmal fahren möchte, kann auf Rei in der Tube getrost verzichten. Gibt es das eigentlich noch…?



11 Gedanken zu „Als Diesel noch schmutzig waren und Kombis was für Handwerker

  1. Ich finde diesen Beitrag über den Kombi sehr, sehr Interessant.

    Da ich seit Geburt an durch meinen Grossvater mit dem Ford-Virus befallen bin,
    und seit Sept. 2002 auch Ford Scorpio-Besitzer und –Liebhaber, fehlte mir auch noch ein Kombi
    in meiner Sammlung

    Im April 2006 fand ich per Zufall in einer Auktionsplattform in der Schweiz ein
    Ford Scorpio 2.0 i GLX, Kombi, Jg. 1992 mit dem DOHC-Motor und 140‘000 km.
    Fast kein Rost – aber einige Jahre still gestanden.
    Das Fahrzeug war gepflegt, war also kein Handwerkerfahrzeug.
    Mittlerweile hat das Fahrzeug 175‘000 km und ich fahre es nur im Sommer, teils schönem Wetter.

    Hier stelle ich mein Ford Scorpio 2.0 i GLX, Kombi vor.

    https://jpwuethrich.wordpress.com/2015/07/15/mein-ford-scorpio-2-0-i-glx-kombi-mit-dohc-motor-jg-1992/

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