Seltener Youngtimer im Fokus: Audi 200 Typ44

Platz ist in der größten Hütte…. Hier war der Typ 44 wirklich generös – der heutige A6 ist kleiner

Aus heutiger Sicht scheint einem der Audi 200 immer ein wenig schwer zu verstehen – aber damals galt das Badge-Engineering in dieser Arena gar nicht mal als so ungewöhnlich: Opel leitete Commodore und Senator vom Rekord ab, Ford den Consul vom Granada, Volvo suggerierte mit den 760er Modellen in einer anderen Klasse unterwegs zu sein als mit den 740ern…

Der Audi 200 vom Typ44 kann leider kaum als ein erfolgreicher Vertreter dieses Konzeptes bezeichnet werden. Aus vielen Perspektiven fällt es selbst eingefleischten Fans schwer, einen Unterschied zum Audi 100 Typ 44 zu erkennen – und doch hat der heutige Youngtimer Audi 200 ebenso viel eingefleischt Fans wie der damalige Audi 90 – Audi war dabei, seine eigene Marketingstory zu lernen und zu begreifen.

Ohne Zweifel war der Audi 200 ein sehr gediegenes Auto, zudem ein qualitativ hochwertiges. Für viele heute 40jährige, die in typischen VAG-Familien [Mama Polo, Sohn Golf, Papa gönnt sich einen Audi] aufgewachsen sind, wird er stets den Nimbus des Traumwagens behalten, der er leider für die breite Masse nie recht geworden ist, die lieber zum W124 oder E34 griffen, mit denen er faktisch eher konkurrierte als mit dem Siebner oder der S-Klasse.  Mit der echten Oberklasse konnte der Audi 200 einfach Image-seitig noch nicht mithalten, da brauchte es noch ein paar Jahre. Selbst der spätere Audi V8 hatte das Stress. aber auf die Frage „Muss es der W124 sein?“ war der Audi 200 eine verdammt gute Antwort.

Immer noch höchst appetitlich: Youngtimer Audi 200 von innen

Was machte diesen Wagen aus? Einmal feuerte Audi hier das gesamte Technik-Feuerwerk ab, das der VW-Tochter zur Verfügung stand. Da gab es die coolen Fünfzylindermotoren, da gab es Turbos, ABS, Allradantrieb – der Audi 200 galt speziell in gehobenen Ingenieurskreisen als das NonPlusUltra. In eher traditionellen Käuferschichten jedoch fehlte der Sechszylinder, wie man ihn im 5er praktisch als Grundausstattung bekam. Hochwertiges Leder, Sportextras und alle möglichen Zusatzinstrumente konnte man bestellen, die jedoch auch eher die Technik-Freaks ansprachen. Einige vergaßen darüber das Bestellen der Klimaanlage, was im im Typ 44 im Grunde das Todesurteil ist. Das ausnehmend kurze Dach, die geneigten großen Scheiben… eine Sauna erster Güte.

Einfach und dekorativ, aber irgendwie zu viel Audi 100

Der Audi 200 ist auch heute noch ein wirklich schnelles Auto. Motorisierungen bis 220PS erlauben auf Autobahn und Landstraße so ziemlich alles – gepaart mit einem zwar weichen und zum Nicken neigenden Fahrwerk aber einer unfassbar guten Straßenlage, speziell auch in Verbindung mit dem hervorragenden Allradantrieb. Aus gutem Grund wurde der Wagen gerne in Niederbayerischen Gebirgsregionen gefahren oder im Westerwald – wo dann auch in ländlicher Umgebung gerne mal Tempolimits und ähnlicher Kram ignoriert werden. Der heutige Youngtimer war ein Raser-Auto, daran rüttelt nichts. Darüber hinaus war er ein Langstreckenauto, was ihn als Youngtimer etwas einschränkt – viele der Wagen wurden sozusagen einfach vor der Zeit „verbraucht“.

Wer von praktisch unbenutzten Scheunenfunden von freundlichen älteren Herren mit knapp 70.000 auf der Uhr träumt, kann jetzt wieder in die Realität zurückkehren. Realistisch muss man froh sein, wenn man ein Exemplar mit weniger als 150.000 findet. Aber wie bereits mehrfach berichtet: Qualitativ sind die Audis dieser Epoche ein Traum – Karosserie und Fünfzylindermotoren stecken die Laufleistung munter weg. Auffällig auch: Der Innenraum ist erfreulich verschleißfrei. Speziell die Sitze machen auch nach 20 Jahren und 400.000 Kilometern meist noch eine gute Figur. Die Lenkräder und Schalthebel sind da eher schon mal abgegriffen.

In solchen Umgebungen fühlte sich der Audi zu hause – ob mit Front- oder Allradantrieb

Hohe Laufleistungen sind besonders ausgeprägt bei den Avant-Modellen – die waren in erster Hand bereits gerne Tag und Nacht auf der Autobahn zu hause und weil sich hier Langstreckentauglichkeit auch noch mit Laderaum und Kapazität paart, hat sich daran nichts geändert.

Die verzinkten Karosserien dieser Zeit haben ebenso einen erheblichen Anteil an der Haltbarkeit, wie sie sich auf die Preise auswirken: Ein Audi 200 kostete zu Lebzeiten auch schon mal knapp 100.000 Mark – und man ist verleitet zu behaupten, dass einige Leute das auch heute noch gerne für ihren Audi 200 Youngtimer haben möchten…

3000€ sind der unterste Einstieg in Deutschland, 4000€ normal, Spitzenexemplare mit ein bisserl Treser-Beiwerk hier und da und einem dicken Turbo bringen es eher auf 6-7.000€, als Avant manchmal mehr. Nahe der österreichischen Grenze haben wir kürzlich ein Exemplar gefunden, das mit Garantie vom Audi-Händler verkauft wurde – Spitzenzustand, aber für 8.950€ [220PS, 267.000 Kilometer drauf]. Nach 2 Wochen war er weg…

Was die Preise angeht, hat der 200er längst Sammlerstatus – wie gesagt: in vielerlei Hinsicht zurecht. Ebenso wie sein kleiner Bruder vom Typ Audi 100 zeichnet ihn neben der einmaligen Quality auch das Thema Zeitlosigkeit aus, was etwa das Fahrwerk angeht, auch was Reisekomfort angeht. Der Audi 200 ist die Luxus-Version des Langzeitautos – und dafür sind 6.000€ eigentlich nicht zu viel, oder?