Durch Polen mit Youngtimer-Brille

Am Ende der alten „Transitstrecke“

Unsere Polenreise war wieder einmal sehr unterhaltsam – betrachtet durch die Youngtimerbrille fallen uns wieder viele dieser kleinen ethnologischen Feinheiten auf – und die Haltbarkeit von Klischees im realen Leben – wo Rauch ist, da ist auch Feuer… ;->

In Polen ist „Der 126er“ kein Benz – es ist ein Fiat, ein Polski-Fiat, wenn man es genau nimmt. Spricht man mit Polen über alte Autos, endet das Gespräch häufig in einer Scheune, von der man erstaunt ist, dass sie noch steht – und in der befinden sich dann normalerweise mindestens ein Fiat 126 übelsten Zustandes, vielleicht noch ein Polonez, und noch etwas „vielleichter“ ein „großer“ Fiat, der ein 125er aus den 80ern ist – in unseren Breitengraden ist diese Geo-Dreieck-Ikone eher unter dem Namen Lada bekannt (der ein 124er Fiat ist). Und häufig befindet sich dort eine Flasche Kartoffelschnaps, vorzugsweise ohne Etikett.

War in Deutschland eher bei Rentnern mit altem Klasse 4 Führerschein beliebt als im echten Leben – in Polen war er das automobile Grundnahrungsmittel

Viele dieser Fahrzeuge sind Erben einer politischen Ära, an die man sich nicht gern erinnert – und dann waren die Fahrzeuge plötzlich mit einer deutlichen Öffnung gen Westen total uninteressant. Der Pole jedoch, schlechte Zeiten gewohnt, muss sie einfach aufheben, obwohl er sie nicht mehr benutzen wird… Und so verschimmeln dort erstaunliche Fahrzeuge, bis die nächste Generation sie vernichten wird.

Abenteuerliche Zustände

Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind Fahrzeuge aus den späten 80ern und frühen 90ern, gerne von schrulligen Marken, die nur noch mit Weltraum-Klebeband und Draht zusammengehalten werden. Hier sieht man Fahrzeuge, deren Reifen sich nur noch aus weiter Ferne an „Profil“ erinnern können. Improvisieren ist in Polen immer noch allgegenwärtig – gerade bei älteren Autos und noch mehr bei älteren Nutzfahrzeugen.

Toyota Carina 2: Na und? Fährt doch!

Hier fahren Autos mit hohen Geschwindigkeiten an einem vorbei, denen man kaum zutraut, dass sie noch anspringen. Das ist schon abenteuerlich. Unsere beiden Mechaniker-Freunde winken ab. „Keiner kontrolliert – und wenn ist die strafe billig“.

Youngtimer? Billige Autos!

Billig sind für böse Wessis hier auch Ersatzteile oder typische Ausschlachtfahrzeuge, die man sich für den Fall der Fälle mal irgendwo in die Scheune stellt. Schrottplätze offerieren viele Autos um 1000 ZL, was etwa 250 Euro sind.

Ein Lexus Youngtimer, den man in Deutschland nie sieht – der ES 300, basierend auf dem Camry. Hier in gruseligem Detail-Zustand mit 282.000KM

Seit Polen die Währung gegenüber dem Euro abgewertet hat, kann man hier sogar schöne Youngtimer zu guten Preisen erwerben – sollte dann aber einen Polen haben, der sich um die Formalitäten kümmert – die werden leider immer noch gehandhabt, wie man das aus osteuropäischen Ländern schon in den 70ern kannte: Mit der offiziellen Gebührenkarte – und der realistischen…

Polen: Das Land, in dem jeder Spezialist für billige Autos ist

Was Polen wissen, ist, welche Automarken wirklich was taugen – das ist hier Stammtischthema Nummer 1. Und nach Jahren der Vorherrschaft von Mercedes sind das heute Audi und Toyota. Audi wegen der Dieselmotoren und der Verzinkung. Aber auch Skoda genießt hier einen guten Ruf und der Vectra gilt als brauchbares Fahrzeug – auch weil er noch halbwegs gut zu reparieren ist. Was man in diesem Kontext oft sieht: Fahrzeuge, bei denen ein einst offener Airbag einfach mal zugeklebt wird… VW geht auch, aber am liebsten der Jetta II oder der Passat aus den 80ern. Die neueren gelten hier als anfällig, die Ersatzteile sind zu teuer.

Polnischer Klassiker: der Polonez. Auch nach 20 Jahren riecht man hier noch Weichmacher, die vermutlich aus dem ABC-Waffen-Depot in Stepnogorsk stammen

Aber der W124 hat hier bei weitem nicht den Ruf wie in manch anderem Land. Er gilt natürlich als solide und die Dieselmotoren sind ein Kapitel für sich – aber hier ist es der Audi 80 und der Audi 100, die die wahren Könige sind. Da ist man sich einig: Die halten ewig und als Diesel sogar ein bisschen länger, also fast wie ein Toyota. Toyota ist hier mittlerweile der unbestrittene König – durchs Währungsgefälle aber immer noch erschwinglich – mit Ausnahme der großen Allrader vom Schlage eines HiLux – die sind preislich auf Weltmarktniveau, wenn nicht gar drüber – vom LC gar nicht zu reden… Für unsere beiden Lexi werden wir hier sehr bestaunt. In Großstädten sehen wir hin und wieder welche – auch den ES300, der nicht nach Deutschland importiert wurde.

Die Wolga-Youngtimer sind lässig, sammelnswert und vor allem praktisch kostenfrei. Gute Exemplare dieses Klassikers gibt es häufig deutlich unter 2.000€

Coupes, Cabrios und ähnlichen Quatsch findet man hier als Youngtimer in Polen nicht – Autos sollen 4 Türen haben, basta. In dem Bereich ist die Auswahl top.

Haben die Polen deshalb eine Youngtimer-Szene? Nein – nicht wirklich, zumindest nicht in der Art wie in den westlichen Ländern, bei denen die Youngtimer ja nicht gerade aus einer zeit der Entbehrung stammen. Die eigenen Marken sind  den Polen tendenziell verhasst – dann schon eher US-Amerikanische Autos als echte Oldtimer. Wobei die Haltung zu den Marken der eigenen Vergangenheit immer entspannter wird – vermutlich in Teilen längst zu spät.

The real Ostblock

Polnische oder russische Autos zu sammeln, kommt so gut wie nicht in Frage – und die Deutschen Autos zwischen 20 und 30 stehen hier noch mitten im Leben – 123er mit 600.000 auf der Uhr, gerne als 300D, findet man häufig genug. Wenn die Karosserie wegrostet, wird der Motor in andere Wagen gebaut. Jeder Mechaniker weiss hier, wie man alte Dieselmotoren in andere Karossen einpasst. Schade ist es um den sehr lässigen GAZ Wolga, den hier keiner so richtig liebt, obwohl er praktisch der W123 der polnischen TaxiSzene war [Von dem soll eine andere Geschichte erzählen]. Aber Youngtimer? Da müssen unsere beiden Kumpels grinsen – „Das ist eher was für Deutsche“.




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