Selbstversuch: Handy-Youngtimer

…hatte ich in den letzten Jahren mehr Handys oder mehr Autos…? Ich müsste es mal nachrechnen – aber viel nimmt es sich wohl nicht – schon deshalb, weil ich, wenn ich einen Youngtimer mit Handy-Halterung erworben hab, auch meist das entsprechende Handy dazu besorgt hab.

Noch geiler finde ich persönlich natürlich die coolen Mittelkonsolen-Versionen der Mobiltelefone – hier war BMW lange Zeit führend cool.

Wichtiger kann man sich nicht vorkommen: Telefoneinbau von 1992 – die Insignien der Macht von damals. C-Netz-Telefon mit historisch wirkendem Hörer

Jesus – das war was wirklich lässiges. Erinnere mich noch an den ersten Anruf, den ich auf diese Weise entgegengenommen hab – mit dieser klassisch geringelten Telefonschnur dran! So wichtig werde ich mich in meinem ganzen Leben nicht mehr fühlen. Aber darum soll’s hier ja gar nicht gehen. Wir haben ja schon mal über Handy-Youngtimer philosophiert – und jetzt ist es hier mal so weit: Wir machen die Probe aufs Exempel.

Tag eins: Einlegen einer Sim-Card in ein Siemens E10D – der germanische Rivale des damaligen Top-Seller-Klassikers Nokia 5110. Klassiker… Gibt es Klassiker in dieser Szene? Ja – wenn es sowas wie Handy Youngtimer aus der Business Szene gibt, die man auch heute in vielen Youngtimer-Autos als Festeinbau oder Halterung findet, dann sind das diese hier:

  • Siemens S6 / E10
  • Siemens S35 / S35i
  • Nokia 5110
  • Nokia 6110 / 6210 / 6310 [passen alle in die gleiche Halterung und können die gleichen Batterien benutzen!]

Erschien uns damals unfassbar modern mit seinem ausnehmend großen Display… Nokia 6210

Das waren die Marktführer der Business-Handys, bevor der Markt unübersichtlich wurde. Wir haben jedes einzelne davon! Unfassbar. Irgendwie war mir so, als hätte ich die alle bei eBay verkauft – aber ein paar kamen immer mal wieder mit dem einen oder anderen Auto reingespült.

Ich starte den Tag mit dem Siemens E10D. Das war mein erstes eigenes Handy, nachdem ich zuvor eines von E Plus als Diensthandy hatte – in GRÜN! Ichz vermute, dass das ein Motorola war, aber ganz sicher bin ich im Rückblick nicht. Und ich weiß noch: Alle Leute haben mich beneidet, weil mein Chef mich jetzt auch Samstags Abends erreichen konnte… Aber eins muss man sagen: Das blöde grüne Ding musste man weit seltener laden als heutige „smarte“ Telefone.

Ich hab damals nie ganz verstanden, was das E10 vom S6 unterschied – auch heute, wenn ich sie nebeneinander halte: Das S6 ist irgendwie häßlicher, kann aber das gleiche – und es gab auch diverse Motorolas damals, die exakt die gleichen Menüs und Fähigkeiten hatten… War damals auch schon eine eigene kleine Parallelwelt – und Vergleichsportale gab es 1997 auch nicht, wo man das hätte erfahren können – da kaufte man sich die Connect noch als Zeitschrift (gedruckt) und fraß sich durch lange Tabellen, wenn ich mich richtig erinnere – oder man ließ sich von dem Typen im D2-Shop übers Ohr hauen. D2? Ja, so hieß das heutige Vodafone damals…

Schon beim Starten des Siemens-Handy Youngtimers E10D tritt das erste Problem auf: Das Netz „Base“ ist dem Telefon nicht bekannt. Daher heißt es „Unbek.Netz“ – mehr Platz ist im Display nicht.

Wenige Sekunden später informiert mich mein Provider, dass jetzt gleich die Internet-Einstellungen für dieses Telefon per SMS kämen. Hä? Internet? Mit der folgenden SMS werde ich dann informiert, dass für mein Telefon keine Internet-Einstellungen vorlägen [überraschend!] und ich mich dem Studium meiner Bedienungsanleitung widmen sollte. Ob das hilft…? ;->

eigenartig – ich finde den Link zum App-Shop irgendwie nicht. Wo stellt man hier das Bluetooth-Profil ein?

Weg zur Arbeit. Mein Auto teilt mir mit, dass die Kopplung mit Bluetooth gescheitert sei – auch wieder nicht soooo überraschend, da Bluetooth auf meinem 14 Jahre alten Handy noch nicht erfunden war… Das ist schon reichlich blöd. Im Stau will ich eine SMS tippen und sagen, dass ich später komme – ich hab vergessen, dass auf diesem Handy keine Stauwarner-App drauf ist 🙁

SMS tippen gestaltet sich schwierig. Kein T9 und tatsächlich kann das Display auch nur 2 Zeilen Text darstellen und bei 160 Zeichen ist unwiderruflich Schluß. Eine erklärende Fehler- oder Hilfemeldung dazu gibt es nicht, weil für die kein Platz da ist…

Bei dem Display fragt man sich heute ernsthaft, wie SMS eigentlich zum Erfolgsprodukt werden konnte – und das ohne T9

Gegen 9:10 schockt mich der erste Anruf – Ein Klingelton wie ein Atom-Alarm. Das runterladen von Klingeltönen war noch nicht erfunden im Hause Siemens Ende der 90er – dagegen kann man also auch nix machen… Alptraum. Es gibt entweder 5 Klingeltöne, die alle weitgehend nach Super-Gau oder mindestens komplexem dringlichen Feuerwehreinsatz klingen – oder man schaltet auf Stumm.

Das ist allerdings blöd, weil es auch noch keine Vibration gab… Aber man spürt ganz klar: Wenn jemand damals einen mobilen Anruf erhielt, dann war das etwas besonderes, dann brauchte das die nötige Aufmerksamkeit. War ja auch wahnsinnig teuer – und zwar für alle Beteiligten. Ich hab damals mal in einem Call-Center gejobbt – da durften wir auf Mobil-Nummern nicht anrufen… 2001 wurde das geändert und es wurde nicht nur die Regel aufgehoben, sondern fortan immer gleich zuerst auf den Mobil-Nummern angerufen, weil man die Leute da wenigstens mal erreichte.

Immerhin kommt man mit dem Youngtimer-Handy mit Menschen ins Gespräch. Viele sagen solche Sachen wie „Das hatte ich auch mal…!“ Die jüngeren starren einen zum Teil entsetzt an und wissen einfach gar nicht, was sie mit diesem Gerät anfangen sollen. Es ist von ihrem Samsung Galaxy soweit entfernt wie der Audi A7 vom Ford Modell T. Kein Mensch wüsste heute noch, wie man einen Motor per Kurbel startet und was man da beachten muss, oder? Irgendwie hat man das gar nicht so richtig realisiert, was die Handys von heute alles können – dafür wird einem klar, warum der Ausdruck SmartPhone damals zurecht noch nicht existierte…

Als ich gegen 10:10 mein erstes Photo posten möchte, gebe ich auf – kein Photo, kein Posten, nix. Richtig – damals hatte man eine Kamera, im günstigsten Fall war die Digital und konnte so etwa 640*480 – aber nur 10 Bilder, dann war sie voll. Und wo hätte man die Bilder, nachdem man sie mit irgendeinem Kabel, das ausschließlich zu dieser Kamera und nichts anderem passte, auf den PC übertragen hatte – diese Bilder posten sollen? Auf Gesichtsbuch.de? Nein…

Ständig zuckt meine Hand zum Handy, weil ich schnell etwas googeln oder bei bei Wikipedia checken will – das ist wirklich frustrierend.

Irgendwann im Laufe des Nachmittags geb ich’s auf… Vielleicht versuch ich morgen mal das S35i – das hatte sogar WAP….! Ihr wisst nicht, was das ist, Kinder…? Recht habt ihr, das braucht ihr auch nicht….

Ich frage mich, ob so auch ein paar Kollegen auf mich schauen, wenn ich mal wieder mit einem 25 Jahre alten Auto vorfahre, das weder ABS, noch ESP oder überhaupt irgendwas zum Bluetooth koppeln hat…



2 Gedanken zu „Selbstversuch: Handy-Youngtimer

  1. Schöner Bericht. Das mit der Connect passt wie die Faust aufs Auge. Was habe ich damals, nach dem die zwei Jahre Vertrag verlängert werden konnten, dort nach Handys gesucht, und das ohne Preisvergleiche, Foren, generell ohne Internet. Heute unverstellter, wo Handys geleast werden können und mehr Elektronik haben als mein Mercedes. Meine beiden Münchener (E38 und E39) haben auch noch die guten alten Motarolas drin. Ich muss da unbedingt mal eine Prepaid Karte für kaufen.

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