Mercedes W210 – Youngtimer-Verdacht?

Machen wir uns nichts vor: eines Tages sind bislang alle Benze begehrte Youngtimer geworden; sollte der W210 da wirklich eine Ausnahme sein. Wie wir schon bei der Spurensuche nach dem letzten echten Benz festgestellt haben, sagen manche Profis, dass der Wagen vor dem Facelift gar nicht der schlechteste Benz war, weil dann noch einmal zu viele Steuergeräte Einzug in den Mercedes W210 hielten.Mercedes W210 Tacho der ersten Serie

Andere sagen jedoch auch, dass vor dem Facelift der Rost auf dem schlimmstmöglichen Niveau für einen Benz war. Von den Bremsen halten die meisten auch nix.

Wir hatten zwei Benze des Modells W210 und müssen sagen – irgendwie ein wenig was liegt da schon drin. Dennoch muss man auch sagen, dass der Mercedes W210 alles andere als unbenzig war. Im Gegenteil: Vor allem der erste 210er hat noch diese Uhrenlandschaft hinter dem Lenkrad, in der man sich als Mercedes-Freund sofort heimisch fühlt – so wie auch der W202 der frühen Jahre.

Der hatte eine feine Linie, wirkte wertvoll – aber irgendwie war er es nicht so recht – overpromised, underdelivered, wie der Brite sagt

Ebenso fährt sich der W210 einfach wie ein guter Benz und ist dem W124 wirklich in allen Fahrsituationen haushoch überlegen: sicherer, komfortabler, leiser. Wenn auch nicht pauschal agiler. Vor allem unser W210 mit Automatik und schrägen 136PS… Der hatte zwar dieses brutal Schlichte des 2 Liter Benziners, den rohen Klang, den Spaß, dennoch in einem Auto zu sitzen, dem auf der Autobahn alle ausweichen – die man dann aber nicht überholen kann…

Und doch mochten wir den. Der Zweite war ein E270CDI, auch T-Modell, aber gemopft und mit dem damals theoretisch obercoolen Command-System, das den Wagen schon sehr S-Klassig machte. Überhaupt war davor nie eine E-Klasse so S-Klassig gewesen wie der W210 im Verhältnis zum W220.

Mercedes W210 T-Modell

Im Design ist der Mercedes W210 sicher zeitloser als manche Zeitgenossen – das konnten sie damals noch bei Benz

Dennoch: qualitativ gute Autos waren das durchgängig beide nicht. Der erste W210 rostete im Alter von 4 Jahren bereits sichtbar am hinteren Kennzeichen, an der Heckklappe, den hinteren Türen – und bei näherer Betrachtung auch in Höhe der vorderen Wagenheber-Aufnahmen. Beim facegelifteten Modell rostete die Heckklappe und der Wagen hatte Elektronik-Macken noch und nöcher – und ständig musste irgendeine Birne gewechselt werden. Beide Mercedes W210 hatten Schiebedächer, die aus unerklärlichen Gründen in unregelmäßigen Abständen einfach offen blieben. Cool immerhin: Dafür hat Mercedes eine Kurbel zur manuellen Schließung im Bordwerkzeug, was wieder mal echt Benz ist, wie auch die extrem robuste Wendematte im gigantischen Kofferraum. In den Kofferraum konnte man den großen Hund laden, daneben den Kinderwagen und hatte noch Platz für Gepäck – ein Traum. Die Sache mit der Kurbel hinterließ hingegen immer irgendwie einen faden Nachgeschmack – sollte denen etwa klar gewesen sein, dass die Schiebedächer ständig….?

Dennoch: War der Mercedes W210 ein gutes Auto? Kein besseres als andere Autos seiner Zeit. Der Audi A6 kämpfte ab dem Modelljahr 1998 mit diversen Technikproblemen, die Passat der späten 90er waren ein Grauen.

Und irgendwo liegt da vielleicht auch ein wenig der Punkt: Der Mercedes W210 war nicht mehr besser als seine Mitbewerber. – er war genauso gut oder genauso schlecht – und damit hatte er als Mercedes eben auch schon verloren. Der Kampf wurde in der Mittelklasse entschieden – und hier hatten E34 und E39 – und auf der anderen Seite Audi 100 / Audi A6 in den frühen 90ern kräftig nachgezogen. Der Mercedes-Vorsprung, der zuvor zweifelsfrei bestanden hatte, war einfach weg. Und schon deshalb schwand der Mythos Mercedes aus diesem Wagen – der Mercedes W210 machte die Klappe zu und reihte Mercedes damit gleichmäßig in die Reihe der anderen Premium-Marken ein (zu denen man damals auch noch Saab und Volvo zählte).

Innen eine klare Sache – aber nicht mehr von der Masse abgehoben

Heute sagen Kfz-Mechaniker daher gern: Früher war Mercedes besser – und das hast Du bezahlt – heute ist Mercedes nur noch teurer.

Tja … wird der W210 so ein Youngtimer werden? Die ersten Modelle sind jetzt 17 Jahre alt und wirken gar nicht so recht alt – außer vielleicht innen ein wenig, aber mehr angenehm angegraut.

Zum Youngtimer reicht es noch nicht und der Mercedes Nimbus ist zerplatzt und hat einem großen Auto platz gemacht, das derzeit sogar billig zu haben ist. Ein schönes großes Auto, das wir gerne gefahren sind.

Aber irgendwie auch nicht mehr – Mercedes wurde Mainstream.

Der gehobene Youngtimer Charme ist weg, weil die Wettbewerber soviel besser geworden sind, wie Mercedes nachlässiger, das sagen auch die Taxifahrer. Und wenn es einer weiß, dann die.

Die gute Nachricht: Was danach kam, war erst recht mau – also wird der W210 in ein paar Jahren Freunde finden, vor allem die ungemopften Modelle – und die gibt es momentan geschenkt. Wenn nur der blöde Rost nicht wäre…



5 Gedanken zu „Mercedes W210 – Youngtimer-Verdacht?

  1. Ich suche seit nunmehr 4 Jahren immer mal einen 210er T Model. Steht mal ein 220CDI oder 270CDI in der Nähe nehme ich mir die Zeit und gucke mir diesen an um immer wieder Abends Kopfschuttelt zu Hause zu sitzen. Ich möchte sagen das ich selten so ein schlimm rostendes Auto gesehen habe, wie den 210er. Meine letzte Besichtigung war mal ein fast rostfreier, vom Werksangehörigen. Türen, Heckklappe sowie Achskörper schon neu. Aber Löseschalter (das heisst, ganzer Bremskraftverstärker muss getauscht werden), Getriebe im Notlauf, Hochdruckpumpe oder im bessern Fall nur die Leitungen am lecken und nur ne´gelbe Plakete. Dafür war wirklich alles an Blech hinter der Stossstange hinten noch da. Ich habe schon S210er gesehen, da hing das Reserverad nur an der Schraube in der Seitenteilfestigung. Komplette Mulde unten weggerostet. Ganz gefährlich, ein 210er wo der Dom vorne komplett mürbe war. Also ich komme immer mehr zu dem Resultat, das der 210er das Oldtimeralter als Daily Driver nie erreichen werden wird, Den harten rostigen Weg hält Er nicht durch !!!

    1. Ich bin durch Zufall zu diesem Wagen gekommen. Eigentlich wollte ich eine bayrische Katze aber dann Stand er da. Der Rost ein wahres Problem. Wenn man aber hinterher ist, bekommt man es in den Griff.

      Technisch und Mechanisch ein solides Auto, mit einprägsamer Optik. Für mich die Zutaten eines Youngtimer.
      Ein Youngtimer für Menschen mit Herzblut und kein „mainstream“ „stubenreiner“.

  2. Ich hatte 2001 einen neuen W210T gekauft. Neupreis damals mit Extras 98.000,- DM. Nach 3 Jahren Vorderachsträger durchgerostet, Fahrertür vom Rost durchlöchert und komplett erneuert. Die anderen Türen wurden mangels Rohbautüren nur entrostet und neu lackiert. Nach 4 Jahren linkes Federbein weg gerottet und die Heckklappe fing an zu blühen. Dann Pixelfehler und das Leder fing an zu reißen. Dazu andauernd Probleme mit den Glühkerzen. Ich hatte die Schnauze voll aber Mercedes wollte mir keinen anständigen Preis bei Inzahlungnahme anbieten. Also erst mal weiter 1 Jahr gefahren und per Zufall beim Stamm-Griechen am Tresen die Hütte dann endlich verkauft. Ich sehe das auch so. Der 124iger hat zwar auch Rostprobleme, die aber der 210er bei weitem in den Schatten stellt. Youngtimer? So leider nicht.

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