Youngtimer im Fokus: VW Golf 2 – unser aller Youngtimer

Als wir jünger waren, war der Golf 2 so etwas wie die Definition des Mainstreams – und deshalb wollten wir ihn nicht haben – und doch hatten wir alle einen. Der eine erbte ihn im Moment der Not von seinem Bruder, der nächste bekam ihn zum Abi geschenkt, der Dritte nahm ihn dankbar vom Vater an, als sein studentischer Youngtimer den Geist aufgab.

VW Golf 2 Typ 19 Youngtimer

Mann, war der modern…. VW hatte sich alle Mühe gegeben, den Golf 2 so zu bauen, dass er wie ein Golf I wirkte, inklusive der idiotisch breiten C-Säule, die schon in der Fahrschule genervt hat, dem VW Golf 2 aber zweifellos einen großen Teil seiner gefühlten Solidität verleiht.

Früher oder später kriegte uns der VW Golf 2, der Typ 19 von VW.
Und dann mochten wir ihn irgendwie doch – nur sehen lassen wollten wir uns nicht in ihm.
Als Youngtimer machte das dem Golf I schon zu schaffen und beim Golf II war es wieder das gleiche. Beide wurden lange gebaut, beide verkauften sich gut und beide waren an jeder Ecke zu finden. Golf geht irgendwie immer. Der Jetta I war irgendwann ein akzeptierter Youngtimer, der Scirocco auch – mit dem Golf Typ 17 dauerte es – und dann gab es gar nicht so viele. Vom Golf 2 gibt es noch enorm viele – allerdings auch enorm viele, die nur noch dadurch zusammengehalten werden, dass sie ein Golf sind. Golf ist so etwas wie eine Zweitwährung – den bekommst Du immer irgendwie verkauft.
Wie fing das alles an? Mit einem Riesen-Flop.VW Golf 2 - mit dem Erlkönig fing alles an
Der Golf 2 samt Rucksackkollege Jetta II wurde von 2 Fotojournalisten aufgespürt – die verkauften ihre Bilder an die „Auto Zeitung“ – und die machte prompt ihre Titelstory daraus über die Testfahrten in der Wüste. Das dazugehörige unterhaltsame Buch „Testfahrer und Autospione“ wurde zur Legende, der Beruf des Erlkönigjägers stand plötzlich im Rampenlicht und wurde cool. VW kochte, denn das hätte durchaus problematisch werden können. Es waren schon Erlkönige des Kadett E in den italienischen Berg-Regionen gesichtet worden, man stand unter Strom. Immerhin sollte hier das Auto ersetzt werden, das den Konzern gerettet hatte, der allzulange am veralteten Käfer festgehalten hatte. Das machte man unauffällig und behutsam – und dann das!

VW GOlf 2

Mit dem VW Golf 2 kann man sich heute immer noch überall sehen lassen – und mit jedem Jahr mehr. Gut zu sehen: das kleine Fenster, das den Spiegel idiotisch weit nach hinten versetzt. Der Facelift 2er fährt sich schon durch dieses Detail viel besser

Dass es dem Erfolg des VW Golf 2 keinen Abbruch tat, wissen die Historiker mittlerweile – der 2er Golf sollte zu einem der wichtigsten VW überhaupt werden – und er wiederholte die Erfolgsgeschichte des Golf I nicht nur, er etablierte den Golf II als klassenloses Statussymbol. Ende der 80er Jahre war er statistisch der Wahrscheinlichste Zweitwagen zum Mercedes W124 – das sprach eine sehr klare Sprache, denn hier spielten Ford Escort und Opel Kadett keine Rolle – die waren die Zweitwagen zum Omega und zum Scorpio; den Klassensprung schafften sie nicht – und damals war Opel ja theoretisch noch ein ernst zunehmender Gegner.

VW Golf 2

Hier ist alles da, wo wir es in der Fahrschule gelernt haben – die zu ähnlichen Schalter sind dämlich

Eins muss jedoch klar sein: Der Kadett E war kein ernstzunehmender Gegner des Golf 2. Der VW Golf 2 strahlte rundherum Solidität aus, bevor man noch richtig drin saß. Er gewann so ziemlich jeden Test gegen seine beiden Mitbewerber, weil er einfach gediegener und ruhiger daherkam. Die Straßenlage des stark gewachsenen Radstandes ist bis heute absolut passabel und berechenbar, vor allem mit Servolenkung fährt sich der 2er Golf immer noch absolut anständig – so sehr, dass er vielerorts einfach noch ein Alltagsauto ist, obwohl die ersten Exemplare nun bald schon 30 Jahre alt sind.
Aber langsam formieren sich die Liebhaber und suchen die gutem Exemplare raus – und davon gibt es noch reichlich. Mit einer ganz kurzen Unterbrechung war der Golf 2 praktisch immer das meistverkaufte Auto seiner Zeit. Und er hielt und hält wirklich lange – mit Ausnahme einiger unschönen Quirks, die er hat.
Da ist einmal die geerbte Empfindlichkeit der Antriebswellen, beziehungsweise der Faltenbälge drum herum. Die taugen nix und gehen überproportional oft kaputt. Die Heckklappe mit ihrem ewig auslaufenden Rostschutz, die dem Golf 2 das charakteristische Schwarze Rinnsal am hinteren Blinker verleiht, ist übel und bleibt übel.

hm..

3 – 2 – 1 – Die Golf-Ahnengalreie lässt erkennen, dass zögerliche Weiterentwicklung im Design am Ende doch zum Ziel führt: Wertstabilität, Vertrautheit

golf_2_facelift_seite

Die bessere Seitenscheibe ab dem Facelift. Der Speigel sitzt da, wo er hingehört

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Unauffällig

Die vorderen Kotflügel rosten oben, am liebsten um die Antenne. Unter der Scheibe sammeln sich Blätter und es modert vor sich hin – nur der Golf 3 ist da schlechter. Das sind alles Sachen, die nerven, die aber eben alle auch beherrschbar und bezahlbar sind. Der Golf 3 ist ohnehin qualitativ weit schlechter – hier ist der Golf 2 echt eine Burg.
Nerven tun ausserdem die gleichartigen Schalter. [Einer der Autoren musste mal 10 Mark Strafe zahlen, weil er die Nebelschlussleuchte mit der Heckscheibenheizung verwechselt hat]. Die spät verbauten Vergaser machen viel Stress – Die Zwickauer Modelle hatten da echte Mühe. Aber der Rest ist Legende. Dennoch: der VW Golf 2 ist natürlich ein technisch übersichtlicher Youngtimer mit ausgezeichneter Ersatzteillage.
So, wie auch das kleine doofe Fenster, dass der VW Golf 2 vor dem Facelift vorne immer noch mit sich herumschleppen musste, weil es kurz nach dem Krieg beim Käfer mal ein Ausstellfenster war und die senkrechte Scheibe billiger ist.
Insgesamt gilt: Der facegeliftete Golf ist weit besser, leicht erkennbar am fehlen Fensterchen vorn und natürlich am grobmaschigeren Grill, der weniger schnell ausbleicht.
Die Modellvielfalt war gigantisch, die Auswahl ist auch heute noch groß: vom 54PS Diesel bis rauf zum ungefilterten VW Golf 2 GTI 16V – ein Name, der sehr technogermanisch detailliert daherkam. Er half noch einmal, dem GTI wieder Legendenstatus zu verleihen – denn zumindest hier hatten Opel und Ford ziemlich respektabel nachgezogen und der Kadett GSI war ein schnelles Auto und galt als schneller als der GTI…
Aus sowas entstanden in den 80er Jahren noch Kneipenschlägereien 🙂
Auch hier wissen die Historiker mittlerweile, wer gesiegt hat – und irgendwie sogar zurecht. VW mochte noch so blutleere Autos herstellen – der VW Golf 2 ist und bleibt ein fundamental gutes Auto, ein Meilenstein.
Als VW zum Golf III überging, bauten sie den Golf 2 tatsächlich noch eine Zeit parallel – immer ein gutes Zeichen für die Beliebtheit eines Wagens. Und trotz stolzer Preise wurde der Golf II vielerorts dem 3er sogar vorgezogen – vielleicht ahnten die Leute, was da qualitativ mit dem Golf 3 auf sie zukommen würde.

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Seiner Zeit Lichtjahre voraus: Golf Country – heute selten und teuer

Wer heute einen Golf 2 als Youngtimer sucht, kann immer noch so ziemlich alles finden. Die besten Modelle sind die facegelifteten mit 1,6 oder 1,8 Litern – speziell letzterer beeindruckt mit seinen 90PS und dem stattlichen Drehmoment von unten heraus, auch wenn er klimatisch schlechter ist als der 1,6er. Die Krönung ist der Golf GTD mit 70PS – der beeindruckt auch heute noch mit seinem phänomenalen Durchzug – durch seine lange Übersetzung schafft er bergab wahnwitzige Geschwindigkeiten…
Wer aussuchen kann, sollte die Servolenkung nehmen – die macht den Golf wirklich handlicher. golf_gti_spaetes_modellToll ist dann auch ein 185er Reifen, der auf dem Golf schon wirklich groß wirkt – am besten mit den Stahlfelgen der Sondermodelle, von denen VW speziell beim Golf 2 eine Unzahl aufgelegt hat – Passadena, Flair, Function, Manhatten, younameit… Einer der schönsten ist der 10 Millionen Golf mit dekorativen Alus von 1989. Hat was.

Der aller coolste jedoch ist ohne Zweifel der Golf Country – auch, wenn der damals polarisierte.
Der VW Golf 2 wird sich – ein wenig wie auch der Mercedes W124, zweifellos diesmal noch stärker als Legende etablieren als der erste Golf – er gehört einfach dazu und er ist diese Trutzburg, die man immer sucht – und das alles auf einem sehr kompakten Niveau. Wie sehen große Fan-Treffen vor uns.
Legende eben.



18 Gedanken zu „Youngtimer im Fokus: VW Golf 2 – unser aller Youngtimer

  1. übel ist aus meiner Sicht dass die dicken 185er Reifen auch ohne Servolenkung ab Werk verbaut wurden. Das war eine grobe Fehlplanung. Durch sowas ging dann schon mal die Lenksäule kaputt oder sonst ein teil der Lenkanlage (mechanische Lenkung).
    Aber zugegeben, die Karosserie ist robust beim Golf II.

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