Premium-Autos – Vorboten der Apokalypse?

Hand hoch: Wer von Euch kann sich noch an die Zeit erinnern, als es noch keine Premium-Autos gab?
Es ist schwer, so ganz genau festzumachen, wann sich die Klasse der „Premium“-Autos eigentlich etabliert hat in Deutschland – erwähnt wurde sie erst in der späten 90ern ständig – da ging es dann allerdings häufig eher um den „Premium-Anspruch“ – und den hatte auch nur die Auto Motor und Sport so richtig entdeckt – ähnlich wie die „Haptik der Innenraummaterialien“ und den später heilig gesprochenen „Spaltmaßen“ – aber dazu später mehr.

Ein ganz schlimmer, der Audi Typ 44 - mit dem stürmte Audi erfolgreich das Premium-Segment

Ein ganz schlimmer, der Audi Typ 44 – mit dem stürmte Audi erfolgreich das Premium-Segment

Was ist denn das Premium-Segment? Erstaunlicher Weise ist das nicht international identisch – in Deutschland ist es heute ganz klar besetzt: Audi, BMW, Mercedes. Früher auch noch Saab, Volvo und ein bisschen Lexus.

In England gab es diese Klasse witziger Weise schon früher – dort heißt sich allerdings „Execs“ oder korrekt „Executive Cars“ – was interessant ist, da es die Klasse eher an den Leute festmacht, die sie fahren und nicht so recht am „Premium-Anspruch“ ihrer Hersteller. Und es spielten dort auch andere Hersteller mit – wie etwa Rover und Jaguar – speziell letztere gelten in Deutschland ja fälschlicherweise eher als Dekadent, nicht als Premium.

Premium bedeutet in der Deutschen Wahrnehmung ja auch ganz klar nicht „Luxus“ – das ist dann eher Rolls, Bentley und ähnliche – sondern eher so etwas wie „bessergestellt“, frei übersetzt.

Der Opel Omega A - kein Vertreter der Premium-Klasse - - dafür aber eben ein großes Auto mit viel Platz, das sich auch normale Leute leisten konnten

Der Opel Omega A – kein Vertreter der Premium-Klasse – – dafür aber eben ein großes Auto mit viel Platz, das sich auch normale Leute leisten konnten

Früher war das mal nur Mercedes – aber ein Hersteller allein macht eben noch kein Segment aus – zwei jedoch offensichtlich auch nicht, denn als BMW stark aufholte und sich auch die gleichen Baureihen als Mitbewerber aufstellten, reichte das auch nicht – als aber Audi in einer beispiellosen Aufholjagd vom Plüsch-VW zur Premium-Marke aufholte, da gab es dann plötzlich das Premium-Segment in Deutschland. Und das ist aus mehreren Gründen interessant, denn diese Aufteilung in den Auto-Marken hatte weitreichende Konsequenzen.

Heute kann man im Grunde gar ein Stück weit sagen, dass diese Entwicklung bereits eine Entwicklung vorweg nahm, die sich auch in der Deutschen Gesellschaft zeigte: das Verschwinden der Mittelklasse. Deutschland steuert heute ganz klar auf eine Gesellschaft ohne Mittelklasse hin – entweder bist du Senior Assistant vice President oder Jens Jedermann. Dabei war die Mittelklasse in meiner Kindheit ein Stück weit das, was Deutschland ausmachte – selbstgebackene Kuchen, Kleingartensiedlungen, Nordsee-Urlaub – dazu gehörten eben Marken wie Ford und Opel.

Premium-Gesindel der Gegenwart - kaum noch voneinander zu unterscheiden - aber tolle Spaltmaße. Über Fertigungsqualität und Zuverlässigkeit sagen die rein garnichts

Premium-Gesindel der Gegenwart – kaum noch voneinander zu unterscheiden – aber tolle Spaltmaße. Über Fertigungsqualität und Zuverlässigkeit sagen die rein gar nichts, wie uns die Spaltmaße von Subaru zeigen

Mit einer verschwindenden Mittelklasse in Deutschland wird es eben auch viel schwieriger, die bürgerlichen Marken meiner Jugend noch an den Mann zu bringen – denn an wen soll man sie eigentlich bringen? Der Herr Vice President hat Dienstwagen-Anspruch – und das bedeutet in Germanien eben Premium-Marke – vielleicht traust Du dich mal noch einen VW Passat – aber eigentlich fährst Du Audi, BMW, Mercedes in Deutschen Fuhrparks.

Und Jens Jedermann? Der greift mittlerweile zu Kia, Hyundai, Dacia und Skoda – die einzigen Marken, die in Deutschland auch in 2013 noch ein veritables Wachstum zu verzeichnen haben.

Zu dem Zeitpunkt hätte man noch etwas retten können

Zu dem Zeitpunkt hätte man noch etwas retten können

Und so muss man auch viele Facetten des Abstürzens von Opel und Ford durch diese Brille betrachten: Als der letzte Senator verzweifelt um Marktanteil kämpfte, der letzte Scorpio im Showroom schimmelte – da war das nicht nur ein Versagen der einzelnen Marken oder Fahrzeuge. Im Detail war es das natürlich – aber es spiegelte längst auch schon den Trend wieder, dass sich Abteilungsleiter eben nicht mehr mit einem Opel schmücken wollten.

Ferdinand Piech hatte das nicht erkannt, als er mit Audi zum Angriff auf das Premium-Segment blies und damit langfristig betrachtet Omega und Scorpio tötete. Er erkannte es aber sehr wohl in den 90ern – und reagierte. Ab Golf IV und dem Passat von 1997 schlichen sich plötzlich immer mehr der Premium-Elemente in die VW Modelle ein. Ein bisserl Chromzierrat hier, die lustige blaue Instrumentenbeleuchtung da – und die Innenraum-Haptik: aufgeschäumte Kunststoffe mit teurer Ummantelung, die sich irgendwie wertiger anfühlen als im Toyota Carina E seinerzeit. Das war der Stoff aus dem die Helden sind: Qualitativ gehört vor allem der Passat bis zum Facelift zu den schlechtesten VWs, die je gebaut wurden – aber seine Spaltmaße sind toll, zugegeben – ebenso die Slush-Haut auf dem Armaturenbrett – solange sie nicht abplatzt – oder wie im ersten Scharan die abblätternden Innenraumbespannungen, die immer als erstes dein Geist aufgeben. Ein Armutszeugnis – sah aber „Premium“ aus, als die Wagen noch neu waren und getestet wurden – und hier hatte Herr Piech nun wirklich das bessere Händchen: VW ein bisserl Richtung Premium rücken – und für den Jens Jedermann-Kunden Skoda nachziehen – so wie Seat für all jene, die sich keinen Audi mehr leisten konnten oder wollten.

Na gut... das war vielleicht ein wenig vermessen - aber es hatte Strahlkraft

Na gut… das war vielleicht ein wenig vermessen – aber es hatte Strahlkraft

Wir haben davon heute gigantische Preisschlachten im Premium-Segment, die für uns alle negativ sind – und wir haben das bezahlbare große Auto verloren, den Granada der Gegenwart. Denn leider gibt es in dieser Klasse nur noch Premium – einzige Ausnahme: Der Skoda Superb – und der ist auch nicht mehr ernsthaft günstig. Der heutige Omega D, der 2009 auf den Markt gekommen wäre, wäre es vielleicht – aber wir haben ihn nie zu Gesicht bekommen. Deshalb haben auch nur noch Youngtimer-Fahrer große bürgerliche Autos.

Für unsere Kinder geht großes Auto längst mit Premium-Marke einher, da kein Toyota, Kein Renault, kein Opel und kein Ford in der gehobenen Mittelklasse angeboten werden.

Danke, Herr Piech…

Und in der nächsten Folge spinnen wir einmal die wilde Phantasie, die uns zeigt, wie Opel und Ford das alles hätten verhindern können…. ;D




9 Gedanken zu „Premium-Autos – Vorboten der Apokalypse?

  1. Hallo, netter Senator auf dem Foto oben. Als ich jung war, also in den tiefsten 90ern, da waren solche Wagen schon lange nicht mehr in der Hand von Leuten die den Wagen wirklich zu schätzen wussten, sondern da saßen oftmals komische Leute am Steuer.
    Tja, und dann landeten diese Wagen meist irgendwann auf dem Schrott oder bestenfalls im Export.

    Ich muss Euch zustimmen bezüglich dieses sehr netten Artikels.

    Nun sind, zumindest in meiner Gegend, kaum noch Opel Senator zu sehen. Selbst bei gutem Wetter kaum. Viel zu spät nämlich haben Youngtimer-Liebhaber diese Wagen für sich entdeckt.
    Dafür sieht man in Neuss Massenweise W124. Aber das ist ja noch mal ein ganz anderes Thema.

  2. Bin einfach traurig,das heisst nicht das die Autos schlecht aussehen heute,ich mag einfach den Luxus nicht,bin eher der Minimalist,auch wenn ich grosse Autos fuhr drehe ich gerne die Scheiben von Hand runter oder öffne das Schiebedach wie bei Mercedes mit drehen und Ziehen gerne.Ich fühle mich in den neuen Autos nicht wohl,zu unübersichtlich und zu viel Plaste,schlechte Materialien selbst bei den Premiumfahrzeugen lassen mir sagen nehm nen Dacia,das ist Auto pur und gar nicht mal schlecht gemacht,Wertverlust hat der Rumäne kaum so das man alle drei Jahre das Auto fast umsonst bewegt.Zudem muss ich sagen Renault hat mit dem Fahrzeug so viel Raum geschaffen wie kaum ein anderer.Ach man könnte so viel schreiben-man sollte bedenken der Kunde ist König-wenn der König nicht das bekommt was er will sucht er andere Wege.
    Warum kaufen so viele Kia,Hyundai und so,zum bewegen reichts,aussehen ist auch angepasst.
    Also Autohersteller aufgepasst-auch kleine Firmen die tolle Autos von Hand bauen können ganz gross rauskommen

  3. Was heute fehlt sind sog. „Granadas der Neuzeit“.
    Leider ist der hat zB Ford diese Modellreihe bzw. dessen Nachfolger Ende der 90er abgeschafft.

    1. Der aktuelle Mondeo ist zwar groß und gut ausgestattest, aber schon lange keine bürgerliche, obere Mittelklasse mehr. Kein Brot und Butter Auto. Eher ein Lifestylekombi. Mit Lifestyle Preisen…

  4. So ein Opel Senator macht auch heute noch wesentlich mehr her, als jeder seelenlose Audi der Neuzeit. Dazu bietet er Hinterradantrieb und keine Allradkrüke(ohne ist Fahren im Winter, heute kaum noch vorstellbar) und mit einem 3.0l Reihensechszylinder ist er auch anständig motorisiert. Schade das es sowas heute nict mehr gibt.
    Ich fuhr selber 2 x Ford Scorpio und mochte sie gern, tolle Reisewagen.

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