Youngtimer im Ostblock

965305_623164931045481_1187929642_oOstblock – schon das Wort ist aus heutiger Sicht irgendwie cool. Unsere Welt ist zersplittert in Fantasillionen unverständlicher und ebenso flüchtiger Einzelinteressen – und da redet man noch von „Block“ – etwas solidem, Zusammenhängendem. So etwas wie einen richtigen Block gibt es heute gar nicht mehr – nur noch kurzfristige Interessengruppen.ddr_flagge

Erklär doch heute mal Deinen Kindern, wie die DDR war – wenn Du daran gescheitert bist, versuchst Du es mit einem Land wie Albanien erst gar nicht…

Und mal ganz klar: Ja, die Welt war anders, als es den Ostblock noch gab, keine Frage. Nicht nur in der Auto-Welt, dort aber im ganz speziellen. Hier hat der Ostblock wirklich eine dieser Subkulturen hervorgebracht, die ohne das zwanghafte politische Konstrukt des Ost-Blocks nie hätten entstehen können.

Gedeihen Youngtimer in so einem Umfeld? Nicht direkt…. Aber irgendwie doch, nur halt anders.trabant-601-beige!

Youngtimer sind auf ihre Weise in Deutschland ein Produkt der Überflussgesellschaft. Die Youngtimer kommen aus verschiedenen Strömungen – da mag es sogar eine ökologische geben: Diejenigen, die die Autos nicht immer gleich wegwerfen wollen. Dann gibt es da eine ganz breite, die einen eher kulturellen Anspruch an das Thema haben, das Alte zu erhalten. Und natürlich solche, die die Autos aus der Jugend einfach cooler finden.

alekoSolcherlei Überlegungen waren im Ostblock, wie wir gerade in der Serie über das Zweite Leben gesehen haben, komplett unbekannt. Hier erhielt man Autos, weil es schlicht keinen Nachschub an neueren Fahrzeugen im Ostblock gab. Und natürlich, weil es die Idee, ein Auto nur 3 Jahre zu fahren und dann ein neues zu kaufen, in Ländern wie Polen oder Tschechien grundsätzlich nicht so gab. Auch Leasing war unbekannt. Hier kaufte man Autos und hielt sie am Laufen – über viele viele Jahre. Oft wurde das Geld dafür aus einem Familienverbund heraus aufgebracht und das Auto gehörte der Familie, wurde aber stets vom ältesten Mann der Sippe gefahren.

Trabbi mit liebevollem Detail-Tuning - selten geworden, schon kurz nach der Wende

Trabbi mit liebevollem Detail-Tuning – selten geworden, schon kurz nach der Wende

Das gab den Autos dann oft auch einen sehr persönlichen Touch – Wer mal in den 80er Jahren in einen Fiat 125p in Polen stieg, der weiß, wie wohnlich ein solches Auto werden kann, wenn man den Besitzern ausreichend Zeit gibt. Da kommen Teppiche zum Zug, Felle, kleine Ventilatoren, Bilder von Familienmitgliedern, gerahmt… Das war schon unglaublich.

Hier passten die unzerstörbaren Diesel der alten Benze rein. Eine Legende

Hier passten die unzerstörbaren Diesel der alten Benze rein. Eine Legende

Eine klassische Szene an Youngtimern gab es so nicht. Man erhielt Autos – und u einige herum bildete sich auch durchaus ein Kult. Der Warshawa [im Polnischen eigenartiger Weise die Warshawa] war so ein Wagen, um den sich ein Kult sponn. Der Grund dafür war zunächst mal ähnlich wie bei uns – wo es auch zuerst die großen Wagen waren, die cool waren, wenn sie erst mal billig waren – beim Warshawa kam ein ganz spezieller Ostblock-Grund hinzu: Der Wagen kann die Motoren des Strichachters und 123ers so gut wie ohne Umbauten verwenden. Als die Strichachter auf den Schrott wanderten, weil ihre Karosserien gerne schneller rosteten als der Rest der Wagens verschliss – da gingen viele 220D und 240D nach Polen und lebten hunderttausende von Kilometern in den Warshawas weiter, die diese Spende, die gerne von sogenannten Spätaussiedlern gemacht wurde, würdig und dankbar verarbeiteten.

DaciaPolen galt generell innerhalb des Ostblocks als das wohl autoverrückteste Land – und das, obwohl die Benzinknappheit in den 80er Jahren teils bizarre Formen annahm. Dennoch: In Bezug auf Autoaffinität stehen die Polen den Deutschen in nichts nach, traditionelle Feindschaften hin oder her. Deutsche, Italiener, Polen – hier haben sie einen 100%ige Überlappung.

In den 80er Jahren wurde das schier absurd: Für den kleinen Fiat 126 bekam man Tankgutscheine über 24 Liter im Monat, normal große Autos hatten 36 Liter zur Verfügung. Realistisch kommt man damit mit einem Fiat 125p gerade so 300 Kilometer weit, der Fiat 126 schafft mit seinen 24 Litern auch nicht viel mehr. Mit zweimal Krakau <-> Kattowitz im Monat war die Sache gelaufen… jedoch: nicht so in Polen. Hier fand man kreative Wege – einer der Gründe, warum es damals beispielsweise unfassbar viele Taxen gab – die nämlich bekamen 120 Liter Sprit….

24 Liter Sprit mussten reichen für einen ganzen Monat, wenn man den kleinen Polski Fiat fuhr

24 Liter Sprit mussten reichen für einen ganzen Monat, wenn man den kleinen Polski Fiat fuhr

Und um die Autos von damals bildete sich in den späten 80ern durchaus eine Szene. Es gab 125p-Treffen, 126er Treffen – und der Polonez hatte eine feste Fan-Gemeinde – nur eben mit anderem Fokus. Da ging es viel ums Schrauben, ums Improvisieren. Wer weiss, wie man ohne das und das Teil den Wagen wieder flott bekommt? Eine ganz ganz eigene Szene, die im übrigen heute durchaus in eine eigene Youngtimer-Szene mündet. Anders als bei uns spielen da jedoch Erhaltung und der Originalzustand kaum eine Rolle, sondern eher das Umarbeiten. Dicke Chromfelgen – pimp my Lada; das ist hier der Punkt. Alles aus germanischer Sicht ein wenig grob, aber eben eine echte Szene – bisserl wie in den Staaten zum Teil, die in Polen auch heute noch gerne als Vorbild gesehen und kopiert werden.

Doch, es gibt eine Szene...

Doch, es gibt eine Szene…

Gar nicht so anderes war es in Tschechien oder der damaligen Tschechoslowakei. Skoda war der König und hatte schon damals eine feste Szene. Im Gegensatz zur DDR wurde hier die Vergangenheit auch nicht in den Hintern getreten – man hielt sich an die Vergangenheit und achtete sie nach der „Wende“. Wie in vielen Punkten waren die Tschechen hier ungewöhnlich ruhig und bedächtig. Die heckgetriebenen Skodas haben immer noch eine feste Fan-Szene – anders als in der DDR oder Polen wurden die Fabrikate aus den anderen sozialistischen Ländern später eher wenig geehrt – Ausnahme: Lada.

Nicht in allen Karossen steckte Liebe...

Nicht in allen Karossen steckte Liebe…

Lada ist in allen Kernländern cool, ebenso die großen Russen wie der Wolga, die natürlich viel zu selten sind. Vielleicht schwingt da irgendwie Erziehung mit – schließlich waren die Russen doch noch irgendwie King of the hill hinter dem eisernen Vorhang – davon bleibt doch irgendwas haften. Das erzeugte später eine ziemlich klare, abgezirkelte Szene – genau wie im Westen. Lada war auf eine skurrile Weise schlicht der Benz des Ostens – des gesamten Ostens.

Unzählige Evolutionsstufen und doch irgendwie immer gleich: Der Wolga

Unzählige Evolutionsstufen und doch irgendwie immer gleich: Der Wolga

Speziell Wolga definierte natürlich das wahre Gefühl von Luxus im Ostblock, dem strebte man nach. Aber der blieb eben auch im Regelfall unerreichbar. Außer als Taxi… Aber lassen wir das 😉

am_ende_youngtimer_ostblockSchade um so viel zerbrochene Automobile Kultur, denn nach den diversen Wenden in den Ostblockländern pfiff man auf einen gut erhaltenen Wolga und tauschte ihn lieber gegen einen schlecht gepflegten überteuerten W124 in einem üblen Zustand mit 365.000 auf der Uhr. Da war die Revolution total unromantisch – erts mal musste man den Westen nachspielen. Verständlich, in vielerlei Hinsicht – aber Denkmalschutz schaut offensichtlich immer nur auf Steine 😉



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