Fiat Ritmo – der traurige Abstieg von Fiat in den 80ern

Fiat Ritmo

Weit luftiger als der Golf von damals: Fiat Ritmo – erste Generation mit den Türgriffen, die ständig nervten

Der Fiat Ritmo trat in große Fußstapfen, tat es aber selbstbewusst. Die Werbung war stämmig, italienisch, fast aufgeblasen und kokettierte gerne mit dem Class leader Golf, dem der Ritmo angeblich das Wasser reichen konnte.

Fakt war: er hatte ein paar wirklich gute Gene, das Wasser reichen – hm… eher ein bisserl vermessen.

Was der Fiat Ritmo tatsächlich weit besser konnte als der VW Golf oder der Opel Kadett, das war Platz im Innenraum – immerhin reden wir von 1978 – also Golf 1 und Kadett C – beide nicht bekannt für ihre generösen Innenräume, speziell letzterer.

Fiat Ritmo motorraum

Handwerklich gut zugänglich: Entspannter Motorraum des Fiat Ritmo mit Platz für ein Ersatzrad

Das vermochte aber nicht über die gravierenden Mängel des Fiat Ritmo hinwegzutäuschen, die sehr bald zutage traten und sich ebenso schnell herumsprachen. Hatte Fiat damals noch in allen großen Automobilzeitungen der wichtigen Märkte Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden mit den großen Sprüngen in der Qualität in den späten 70ern geprahlt, die für den Fiat 128 beispielsweise am Ende seiner Lebenszeit zutreffend waren, so erwies sich die Neukonstruktion des heutigen Youngtimers Fiat Ritmo schnell als sehr problematisches Fahrzeug.

Das größte Problem war massiver Rost – also exakt das Problem, von dem Fiat behauptete, es im Griff zu haben. Speziell unter den großen Kunststoffbeplankungen blühte der Rost im verborgenen, um die Karosserie dann schier zu fressen. Aber wenn Du es sehen kannst, ist es bereits zu spät…

Sportversionen wie der 130c hatten tatsächlich viel italienisches Flair - und reichlich Platz für damalige Verhältnisse der Kompaktklasse

Sportversionen wie der 130c hatten tatsächlich viel italienisches Flair – und reichlich Platz für damalige Verhältnisse der Kompaktklasse

Das ganze wurde heftig dadurch begünstigt, dass Fiat behauptete, die dicken Kunststoffstoßstangen würden Stöße bis 8 KM/H unbeschadet überstehen. Die Auto Motor und Sport wies 1980 nach, dass das kompletter Blödsinn war. schon bei 6,5 KM/H entstanden da Schäden im vierstelligen Bereich unter der Stoßstange, die für diesen Zweck schlicht ungeeignet war, von vielen Einparkenden aber genau so genutzt wurde als ob – schließlich konnte ja biss 8 KM/H nix passieren…

Übel auch: die runden Türgriffe der ersten Generation, ganz schlimm bröselige Fensterkurbeln, die vermutlich schlimmsten Achsmanschetten nach Volkswagen Typ17 und stets gehobener Verschleiß der hinteren Radlager.

Vor dem Facelift galt der Fiat Ritmo als qualitative Lachnummer. Beim großen Report der Dekra war seine Fehlerquote bei 4jährigen Modellen schlechter als die Durchschnittsquote bei 8jährigen PKW – Ein Desaster für Fiat. Regelrecht gemein: sein Klon aus der ehemaligen Konzern-Ehe mit Seat, der Seat Ronda, schnitt deutlich besser ab.

Fiat erfüllte sein eigenes Klospruch-Klischee: Fehler in allen Teilen…

Glanzvoll: Die Sportmodelle des Fiat Ritmo

Damals extrem selten: Ritmo Cabrio mit ziemlich dekorativer Linie

Damals extrem selten: Ritmo Cabrio mit ziemlich dekorativer Linie

Obwohl der Fiat Ritmo durch beinahe bizarres Untersteuern auffiel, waren die Sportmodelle sehr begehrt. Auffällig: allein mit zunehmender Reifenbreite ließ sich die Untersteuerneigung bereits bemerkenswert stark eindämmen – und die Sportmodelle 105TS Abarth bis später rauf zum 130er Topmodell lagen wirklich toll, während ihre kleinen Brüder mit Energiesparreifen mit schlechtem Grip im Entenformat leben mussten.

Schon der 105 TC hatte eine Performance, die real in dieser Klasse kaum Mitbewerber fand – schon, weil der Fiat-Motor, der durchaus was taugte, so enorm drehfreudig war. Das blieb auch dem 130er erhalten und machte ihn zu einer echten Kampfmaschine auf den germanischen Strassen der späten 80er.

Hinter diesen Kunststoffanbauten hasute oftmals unerkannt der Tod

Hinter diesen Kunststoffanbauten hasute oftmals unerkannt der Tod

Das erkannten sogar die Fachzeitschriften an, wenn auch unwillig, denn die Qualitätsmängel wurden hier stets so sehr ins Feld geführt, dass alles davon überschattet wurde. Tatsächlich verschwand der Ritmo bemerkenswert schnell. Wer heute nach einem Ritmo als Youngtimer sucht, tut das oft aus Kindheitserinnerungen heraus – es gibt ihn nicht mehr wirklich oft. Das eigentlich seltene Cabrio ist heute überproportional verbreitet, den Stufenheckbruder Regatta findet man so gut wie gar nicht mehr.

Der Fiat Ritmo hat der Marke in Deutschland keine guten Dienste erwiesen, leider – darunter litt die Marke noch lange und fasste auch mit dem Nachfolger Tipo nicht Fuß auf unserem Markt, erst mit dem Bravo wieder – und auch nur in engen Grenzen.

Die heutigen erhaltenen Youngtimer haben oft eine gute Substanz und sind nicht einmal teuer – man kann also durchaus mal mit einem liebäugeln. Wir mochten ihn als Kinder, aber gekauft hätten wir ihn wohl damals auch nicht, den Fiat Ritmo.



10 Gedanken zu „Fiat Ritmo – der traurige Abstieg von Fiat in den 80ern

  1. Ich mag den Ritmo! Mein Vater hatte einen 1982er und ich später einen 1987er Regata. Die Autos hatten einen ganz eigenen Charme!

    P.S.: Cooler Blog! 🙂

    1. Ich hatte selber als erstes Auto ein Ritmo 60CL und kann nur bestätigen dass es das schlechteste Auto war das die Sonne je gesehen hat! Allein auf einer Fahrt von München nach Italien hatte ich mehr Pannen (und Notreparaturen am Strassenrand) wie in den darauf folgenden 30 Jahren.
      Zumindest in einer Sache war der Ritmo super: Du wusstest nie ob du ankommst, egal wie weit du gefahren bist!
      Der zweite TÜV nach 5 Jahren hat dann die Welt von diesem automobilen Karzinom befreit. RIP Ritmo

  2. Im Jahr 1998 habe ich einen 88er Regata 75i.e.SX bei meinem Fiat-Händler in der letzten Ecke stehend entdeckt. Aus erster Hand, alle KD´s gemacht, 57tkm. Das Metallic-Grün konnte mich auch nicht davon abhalten, zuzuschlagen. Sofort blühte „Oma Hanke“ (Kosename für den Regata, abgeleitet von der ersten Vorbesitzerin welche Jahrgang 1918 war) Einsatz unter erschwerten Bedingungen: Mein neuer Studienort war 60km entfernt. Doch als Langstreckenauto taugte der Regata mit seinen Wohnzimmersesseln hervorragend und der Motor zog wie Harry – auf gleicher Augenhöhe mit den damals in Mode kommenden Golf TDI. Störend war lediglich die Fiat Check Control. Täglich – ja manchmal stündlich oder bei feuchtem Wetter im Minutentakt – verbreitete sie mit ihren 237 Lämpchen neue Schreckensmeldungen über den Zustand von „Oma Hanke“, die sich aber aber samt und sonders als hypochondrische Erscheinungen abhaken ließen.
    Das Desingn lag irgendwo zwischen echt italienisch und schrullig, Rost gab es keinen. Der Motor sang eine angenehme Partitur von sonor bis kernig, die Straßenlage war straff und direkt und, man mag es ja kaum glauben, die Verarbeitung astrein! Kein Klappern und Quietschen, saubere Passungen.
    Doch nach einem dreiviertel Jahr mit fast 40.000km (!) ohne Defekt machte Oma Hanke zunächst mit einem Renault, und drei Wochen später mit einem VW unverhofft und unverschuldet so heftig Bekanntschaft, daß sie das leider nicht überlebte.
    Gerne denke ich an diesen Wagen zurück, der auf sehr unpompöse und zurückhaltende Art Stil hatte.

  3. Ist sicher alles Geschmackssache, aber ich finde das Design der ersten Ritmo-Serie wirklich gelungen. Nur deshalb hatte ich mal einen Ritmo – ich fand das Auto nicht gut (Fahrverhalten etc.).

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