Ford Mittelklasse Youngtimer – mittelklassig als Programm

Die Mittelklasse ist mittelklassig – alte Stammtisch-Weisheit aus meinen Kinderjahren.

Und Ford spielte die Geige dazu. Wenn man mit Leuten wie meinem Onkel, ein knallhart religiöser Ford Fahrer – über seinen Taunus, seinen Sierra und später seinen Mondeo sprach, sagte er im Regelfall sowas wie „Naja – kein Highlight, aber fährt und war günstig.“

Ford Taunus Knudsen - Mittelklasse mit Gesicht

Ford Taunus Knudsen – Mittelklasse mit Gesicht. So dekorativ wie dieser waren nur die wenigsten

Und alle paar Jahre kaufte es sich den nächsten.

Als ich ein Welpe war, hatte er noch einen dieser schrägen frontgetriebenen mit V4-Motor – schwer zu sagen, ob das cool war oder vollkommen schrullig – aber an den erinnere ich mich eh nur von Fotos aus dem Familienalbum.

Dann kam der Taunus TC – der Knudsen – den kaufte sich mein Onkel reichlich gebraucht – 5 oder sechs Jahre alt und schon ein ganzes Stück über 100.000 auf der Uhr, was mir damals wahnsinnig viel erschien. Meine stärkste Kindheitserinnerung an diesen Wagen: Braunes Äußeres, grüne Innenausstattung – und die matschigste Rückbank, die man sich vorstellen konnte. Ohne Gurte übrigens. Und tatsächlich: der Ford Taunus TC war einfach nur ein durchschnittliches auto, nicht mehr, nicht weniger.

Ford Taunus 1977

Der macht schon was her – leicht amerikanisch, aber nicht so viel, dass man bei den Nachbarn anecken würde – das 76er Modell war eigentlich ein Facelift, auch wenn das sehr geschickt gemacht war und der Wagen tatsächlich weit moderner wirkte

Aber Onkel Horst mochte den Wagen. Er kaufte auch den Nachfolger, den Taunus ’76. Irgendwie war nur Ford in der Lage, den als wirklich neues Auto zu platzieren, denn im Grunde war der Taunus TC 76 nichts anderes als ein Facelift. Damals störte das keinen – der Wagen war das, was man erwartete, ein verlässlicher Mitteklasse-Kumpel. Onkel Horst hatte ihn mit dem 2 Liter V6 – ein grauenhafter Säufer, der mich als Kind schon stutzig machte.

Im Auto-Quartett hätte man den einfach nie genommen, weil er genauso viel Hubraum wie der 4 Zylinder 2 Liter hatte- aber satte 11 PS weniger! Was für ein Fehler. Tatsächlich fuhr sich die Maschine auch fatal. Der Wagen soff realistische 14 Liter, auch mal 16. Onkel Horst regte sich mehr über diesen Motor auf als über alles andere. Hier lag Ford vielleicht einfach auch daneben, weil diese Maschine irgendwie nicht mehr recht in die Mittelklasse passen wollte. Wenn nicht mal Onkel Horst das so richtig akzeptieren konnte…

Ford Taunus Youngtimer

Der letzte Taunus war dekorativer. Im Herzen blieb er der mittelklassige Ford Taunus, der er schon rund 10 Jahre zuvor war. Allerdings mit deutlich besserer Rückbank 😉

1981 musste Onkel Horst mit einer klaren Meinungsäußerung eingreifen. Die idiotische ADAC Motorwelt behauptete in ihrer Jahresausgabe doch tatsächlich, dass der Nachfolger des Taunus mit Frontantrieb auf den Markt kommen sollte. Da musste Onkel Horst nach reichlich gebrauchten Exemplaren, die immer so angenehm billig waren, sich schnell noch einen neuen Ford Taunus kaufen. Fair betrachtet: Der schien mir als Kind innen – ich saß noch hinten – immer noch genauso, wie die Vorgängermodelle. So richtig unterschied der sich irgendwie immer noch nicht vom Knudsen, auch, wenn da natürlich viel Feinschliff drin war. Und auf der Rückbank ging es tatsächlich auch nicht mehr so matschig zu.

Und als Neuwagen hatte mein Onkel Horst sich einen Taunus bestellt, der für damalige Verhältnisse wirklich seinesgleichen suchte: Ein Turnier, weil mein Cousin und meine Cousine immer so viel Geraffel mit an die Nordsee schleppen wollten. Der Wargen erstrahlte in dunkelblau metallic – und das zu einer zeit, als mein Vater immer noch weiße Autos kaufte und Metallic-Lack für Teufelszeug hielt, weil der bei Problemfällen doch so schwer bei zu lackieren war… Innen eine helle Ausstattung – und natürlich einen gescheiten 101PS Vierzylinder unter der Haube, Handschaltung.

Ford Taunus Turnier

Ausgezeichneter Lastesel – der Ford Taunus als Turnier. Heute in Deutschland so praktisch nicht mehr zu bekommen, sondern bei Umzügen über die Jahre einfach verheizt – nur der von Onkel Horst hielt ganz ganz lange durch – und schaffte dabei fast 200.000 Kilometer

Als im November 1982 dann der Ford Sierra erschien, hatte der zwar keinen Frontantrieb, den Onkel Horst nie akzeptiert hätte, dennoch sah er für die Augen meines Onkels und sicherlich vielen anderen ist der Kernzielgruppe, grauenhaft aus. Der Wagen war glatt gelutscht, die abfallender Motorhaube beim Einparken praktisch nicht zu erkennen. Das konnte der Heckantrieb alleine auch nicht retten. Dafür kaufte man keinen Ford aus der Mittelklasse.

Ford Sierra

Die Stufenheckversion ging in Großbritannien ganz gut über den Ladentisch – für Onkel Horst reichte sie nicht recht aus – zunächst

Mein Onkel Horst war kein klassischer Spießer – eher schon wertkonservativ. Ich glaube, er hat sogar mal die FDP gewählt… Ford Sierra ging jedenfalls gar nicht. Da hatte Horst Glück, dass er sich den Taunus des letzten Modelljahres als Neuwagen zugelegt hatte. Der hielt eine Zeit…

Na gut – niemand konnte ahnen, wie lange sie den Sierra bauen würden. Der Taunus Turnier hielt tatsächlich durch bis 1993. Mittlerweile war der Wagen so etwas wie „DER Wagen von Onkel Horst“ Auf jeder Familienfeier war er dabei. Und dann, 1993, kam tatsächlich der Nachfolger des Ford Sierra – und der hatte tatsächlich Frontantrieb. Und da hörte der Spaß nun wirklich auf. Mein Onkel Horst suchte den Ford-Händler auf und erstand einen der letzten Sierra-Kombis. 11 Jahre zuvor noch undenkbar…. Aber zu diesem Zeitpunkt repräsentierte er doch das, was mein Onkel Horst von Ford in der Mittelklasse erwartete.

Ein klassischer Ford? Laut Geburtsurkunde tatsächlich auch schon 20 Jahre alt.

Ein klassischer Ford? Laut Geburtsurkunde tatsächlich auch schon 20 Jahre alt.

Onkel Horsts Kinder sind in meinem Alter – mein Cousin hat einen aktuellen Mondeo mit einem fette Diesel als Firmenwagen, tolle Ausstattung. Seine Schwester hat 3 Kinder und einen S-Max. Hier hat die jahrelange Prägung einer Automarke offensichtlich ganz klar Wirkung gezeigt.

Onkel Horst ist 73, leidenschaftlicher Opa und hat sich gerade den Tourneo Connect bestellt. Eine irgendwie hässliche Karre, aber ein Wagen, der irgendwie simpel ist, irgendwie angenehm mittelklassig und irgendwie profan und einfach. Kein Protzer-Auto, aber eben ein Ford, wie ihn mein Onkel mag.

Die beiden werden ein gutes Team werden.



3 Gedanken zu „Ford Mittelklasse Youngtimer – mittelklassig als Programm

  1. 14-16 Liter? Ich hatte ein paar von den 76er Taunus (und auch mal nen Capri) mit dem 2,0 V6. Ich kam immer mit 10 Litern aus – jugendlich forsch bewegt.

    Momentan fahre ich den Köln Motor mit 4,0 Liter Hubraum – DER braucht um die 14 Liter, wenn ich ihn mal trete.

  2. Das Design!! Egal welche Serie, der Taunus ist einfach wunderschön, Ford hat (wie Opel) in den 60er und 70er Jahren fantastische Entwürfe abgeliefert, einer schöner als der andere. Alles Vergangenheit

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