Youngtimer Cabrios: moralische Gewinner

Gast Post von Cabrio-Portal.de

Mein erstes Cabrio war ein Golf I – und da war er noch kein Youngtimer – er war schlicht mein erstes Auto. 140.000 auf der kleinen runden Uhr und ein ziemlich klappriges Gerät – 4500 Mark, absoluter Nepp. Aber ein geiles Auto mit einer schönen Erinnerung 😉

Youngtimer cabriosEs folgten alle möglichen Autos, die meisten offen, heute als zweites Auto, denn irgendwo müssen ja die Kinder, der Hund, das ganze Geraffel hin… Und die Wagen sind immer besser geworden. Mein aktuelles ist ein Opel Cascada – und der ist wirklich viel cooler als die meisten leute glauben. Und dann passierte im Frühjahr dieses… dieses Ding. Die Überlegung, ein billiges Cabrio zu kaufen – und dabei stießen wir auf einen unauffälligen Youngtimer den wir gar nicht als solchen ansahen – er war einfach in erster Linie billig und passte in das Raster unseres Selbstversuches.

Und nun ist er da – seit ein paar Monaten. Und Du merkst: Das mit diesem Selbstversuch ist ja … irgendwie – warte mal: Wann bist du eigentlich zum letzten Mal den Cascada gefahren?escort_cabrio_2014_1200e

Hm… tatsächlich: 950 Kilometer mit dem Cascada, 4.000 Kilometer mit dem kleinen Ford mit seinen 22 Jahren, seinen schmalen Reifchen, ohne die elektrischen Fensterheber… Was ist da passiert? Es ist eine eigenartige Sache. Du sitzt in diesem kleinen tiefen Wagen, die Velours-Sitze, die Du mal im Ford Scorpio hattest, der dir gegenüber den 5ern und W124er auf dem Parkplatz immer so ein klein wenig peinlich war. Und Du sitzt da drin und empfindest diese eigenartige Dankbarkeit.

Youngtimer CabriosIch meine: Das elektrische Schiebedach funktioniert nicht mal recht, die Klimaanlage gibt es nicht – es gibt nur diese paar wenigen Bedieneinheiten – und die sind eher streng mechanisch, wie etwa die Fensterkurbel.

Youngtimer Cabrios sind etwas ganz anderes als neue Cabrios. Sie bringen dich von A nach B und Du findest das cool, weil Du denkst „Mann! 22 Jahre und der kommt immer noch einfach so an.“ und das bringt dich in eine Situation, in der Du Deinem Youngtimer Cabrio gegenüber etwas ganz eigenartiges empfindest: Dankbarkeit.

Ja, einem Auto gegenüber.

Weil es sich nach all den Jahren immer noch so anstrengt, weil er es immer noch schafft. Und weil Du das Gefühl hast, dass Du den Wagen immer noch begreifen würdest. Du siehst die Teile, während im Cascada geheime kleine Gnome hinter den Kulissen mit Festplatten und moderner Vernetzungstechnik hantieren, die einem nur so lange akzeptabel erscheint, wie man nicht drüber nachdenkt.

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Wenn ein solches Baumarkt-Radio die Meßlatte für Hightech in Deinem Wagen setzt….

Fensterkurbel sind nicht das schlechteste. Sie gehen nicht oft kaputt – und wenn schon – selbst handwerkliche Vollnieten könnten sich irgendeinen Ersatz schnitzen. Mit Fensterhebern kannst Du nicht diskutieren, mit Klimaanlagen auch nicht, von einem abgestürzten Navigationsystem mal ganz zu schweigen.

Ja, Youngtimer Cabrios, die dich dabei noch laut und rauchig offen durch die gegen befördern – die bringen dich wieder dahin zurück, wo alles begonnen hat. Handschaltung, Mechanik, Grenzbereiche, quietschende Reifen, Fahren begreifen und verstehen. Und dann kannst Du das Offenfahren wieder genießen, ohne Hightech, ohne Navi, ohne Klima, weil es so ist, wie es sein soll. Fahren pur in der Natur. Hierzu passt das ganze Youngtimer Ding tatsächlich viel besser – das findet im Bauch statt. Nicht im Kopf.

Noch nicht im Kopf.

Wir denken darüber nach, den Cascada zu verkaufen. Im Grunde steht er nur rum.