Wie Ford und Opel der Premium-Elite trotzten – Teil II

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Zukunft schaffen, Arbeitsplätze retten, das war das eigentliche Thema, um das es ging, als die höchstrangigen Manger der Marken Opel, Ford und Vauxhall sich wieder in ihrem Schloß in der Schweiz einfanden, um die Automobilgeschichte zu ändern. Wir schreiben das Jahr 1977, die Bedrohung durch die Premium-Marken ist sichtbar – es braucht einen Gegenpol – und den wollen die beiden Bürgerlichen schaffen – unter der Verwendung der Marke Mannesmann – so die Idee, geboren auf neutralem Boden in der Schweiz. Eine Idee, von der nicht einmal die Konzernzentralen in Detroit zu diesem Zeitpunkt etwas wissen.

Schloß Schadau am Thuner See… Heute kennt die Location jedes Kind – sie ist ein beliebtes Ausflugsziel mit gehobener Küche geworden. In den späten 70ern war Schloß Schadau nicht nur ein diskreter Ort in einem unabhängigen Land, es war auch der Ort einer historischen Zusammenkunft, die Automobilgeschichte schreiben sollte

Das wird sich jedoch nicht mehr vermeiden lassen: die ersten Gespräche zeigen interessante Bestrebungen. Mannesmann ist nicht nur daran interessiert, den Namen, die Marke für den Fahrzeugbau zu liefern – das Entwickeln von Technologiekomponenten würde ins Portfolio des Konzerns passen. Mit anderen Worten: Mannesmann möchte mitmachen! Das würde das Spiel ändern. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass einige Briten, die in Marktforschungen befragt wurden, ein Problem mit der Marke Mannesmann haben würden. Es zeigt sich jedoch dabei, dass das eher die Briten sind, in den 10er und 20er Jahren geboren sind – wenn diese Marke Realität werden sollte, dann werden noch ein paar Jahre ins Land gehen – bis dahin ist diese Zielgruppe nicht mehr relevant, dieses Risiko kann man eingehen, das wäre ein kalkulierbares wirtschaftliches Risiko, da die jüngeren Briten kein Problem mit der ihnen unbekannten Marke haben – sehr wohl aber an Deutsche Autos und deren Ingenieurskunst glauben.

 

Mit dem T-Modell des W123 beschreitet Mercedes neue Wege und zwingt die beiden bürgerlichen Marken zum Handeln, denn hier sind wichtige Umsatzbringer eventuell in Gefahr: Der Granada und der Rekord, denen bislang nur der Volvo 245 das Wasser reichen konnte, der jedoch in Deutschland das Manko hat, nicht aus inländischer Produktion zu stammen

Mit dem T-Modell des W123 beschreitet Mercedes neue Wege und zwingt die beiden bürgerlichen Marken zum Handeln, denn hier sind wichtige Umsatzbringer eventuell in Gefahr: Der Granada und der Rekord, denen bislang nur der Volvo 245 das Wasser reichen konnte, der jedoch in Deutschland das Manko hat, nicht aus inländischer Produktion zu stammen

Der Plant scheint Formen anzunehmen und zwei Dinge werden nun klar: Dieses Projekt muss ebenso geheim bleiben, wie es dringend erfordert, die beiden Mutterkonzerne in Detroit mit ins Bott zu holen. Beides gleichzeitig jedoch ist praktisch unmöglich: viel zu groß ist die Rivalität und viel zu schnell würden zu viele Menschen davon Wind bekommen. Man braucht einen Plan, der das zu verhindern imstande ist.

Puuhh… Die Parteien trennen sich wieder – aber klar ist: hier haben Leute Blut geleckt, die die Vision erkennen. BMW bringt den neuen 7er auf den Markt, der das Thema mit einem Ml mit neuer Aktualität belegt. BMW ist nun plötzlich ein klar ebenbürtiger Gegner für Mercedes – die Zweite Premium-Marke ist unaufhaltsam da – und klar ist, dass Audi unter Hochdruck daran bastelt. Es muss etwas geschehen.

Tatsächlich findet sich der Ort, an dem man mit geringem Aufwand die Chefs der beiden Detroiter Konzerne abgreifen kann, per Zufall – und auch noch auf Deutschen Boden: Die IAA 1977. Audi präsentiert den Audi Avant, Mercedes einen unglaublich großen Wurf: Den W123 als T-Modell! Für Audi und Ford eine Art Schockstarre – denn hiermit dringen Audi, aber noch mehr eben Mercedes mit einem echten Kombi ganz klar in eine Domäne ein, die den beiden bürgerlichen Marken gehört: Der große Kombi. Granada und Rekord beherrschen diese Fahrzeug-Klasse. Unzweifelhaft wird BMW das nicht so stehen lassen und nachziehen! Kurzerhand greifen die drei führenden Köpfe von Opel, Vauxhall und Ford zu einer List und es gelingt ihnen, die beiden wichtigsten Konzernmanager ihrer Unternehmen im Sheraton am Frankfurter Flughafen mehr oder weniger zu kidnappen in einer fiebrigen Sitzung ihre Vision zu erläutern. Es werden Zettel vollgekritzelt, es werden wütende Gespräche in Nebenräumen geführt, es werden Telefonate in die Heimat geführt. Gegen 23.00 treffen 2 Mannesmann-Manager ein – am Morgen gegen kurz nach 4 stehen Eckdaten auf einem Papier aus der Hotelschublade – unterzeichnet von wichtigen Menschen in ausreichender Zahl Automobiler Manger, die den Grundstein für eine Wende legen, wie sie die Auto-Branche bis dahin nicht kennt.

Die Nachtschicht im Sheraton gibt einen unerwarteten Ausschlag: Die US-Manager begreifen, dass der Europäische Markt sowohl ein Problem hat als auch Potential bietet

Die Nachtschicht im Sheraton gibt einen unerwarteten Ausschlag: Die US-Manager begreifen, dass der Europäische Markt sowohl ein Problem hat als auch Potential bietet

Der Kreis der Teilnehmer wird klar begrenzt: jeweils 4 ranghohe Führungskräfte der 4 Parteien und 2 Automobile Berater – allesamt mit der vertraglichen Androhung drakonischen Strafen zum Schweigen gezwungen – da stehen tatsächlich sechs- und siebenstelligen Summen im Raum.

Das Erscheinen des 7ers von BMW macht klar: Premium ist here to stay - dem kann Opel nichts entgegensetzen, Ford auch nicht

Das Erscheinen des 7ers von BMW macht klar: Premium ist here to stay – dem kann Opel nichts entgegensetzen, Ford auch nicht

Das Thema nimmt in den folgenden Wochen klarere Formen an: Den Parteien ist klar, dass die Premium-Welt dreigleisig aussehen wird – das, was BMW vorgemacht hat mit 3er, 5er und 7er BMW, markiert einen klaren Standard. Mercedes ist auf dem Weg dies zu kopieren, Volvo ist ähnlich aufgestellt, Audi kann mit dem nächsten Modellwechsel relevante Mitbewerber im Segment des 3er und des 5ers launchen. Geht man von einer durchschnittlichen Entwicklungszeit aus, könnte Audi bis dahin sogar eine S-Klasse im Programm haben. Die Entscheidung ist klar: es muss dreigleisig entwickelt werden, wenn man im Jahr 1986 mit dem Thema an den Markt kommen will.

Schnell sind sich alle einige, dass unter der Marke Mannesmann nicht zu viel Konzerntechnik da sein darf – die Entwicklung zu beschleunigen, wird also schwer. Klar ist auch schnell: das ganze geheim zu halten, ist praktisch unmöglich, da man hier ja von einem Entwicklungsaufwand ausgehen muss, der vierstellige Zahlen von Ingenieuren beschäftigt, der eventuell Banken beschäftigen wird. Wie soll das möglich sein?

Einer der Berater hat eine absurd klingende Idee: Man müsse ausserhalb Deutschlands entwickeln. Es ist keinem so recht klar, wie das gehen soll. Man witzelt ein bisschen über die DDR als Standort, denn da komme ja keine Information heraus. Schließlich bringt ausgerechnet ein Mannesmann-Manager einen ganz anderen Standort ins Gespräch: Mladá Boleslava. Dort fertigt Skoda. die Tschechoslowakei gilt als einer der moderneren Staaten hinter dem eisernen Vorhang. Hinzu kommt: Das Werk ist nagelneu, weil dort Jahre zuvor ein Werk abgebrannt ist. Der Konzern ist angeschlagen, braucht Devisen und gilt vor allem als eine Schmiede kluger Ingenieure. Wenn man das einfädeln könnte…. 

Kann Skoda die Lösung für Geheimhaltung sein?

Kann Skoda die Lösung für Geheimhaltung sein?

Eine Kommission von Beratern wird damit beauftragt – derweil nehmen Marketing-Ideen Formen an. Das Zahlensystem zur Modelleingrenzung von BMW scheint klar und etwas ähnliches wird favorisiert. Man einigt sich jedoch schnell darauf, das System zu drehen. Die Führungskräfte bei Mannesmann sprechen intern von der ersten Ebene, wenn sie die Vorstände und Geschäftsführer meinen – und das gibt der Ausschlag: Der S-Klasse-Gegner soll 1000 heißen, der Gegner des W123 3000 und der Gegner des 3er BMWs wird unter dem Namen 5000 gezeichnet.

Wie wird die Wende im Deutschen Premium-Segment Formen annehmen? Teil 3 beschäftigt sich mit den inneren Widerständen, Planungen und Rückschlägen – aber auch einem erstaunlichen Erfolg.

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