Wie Ford und Opel der Premium-Elite trotzten – Teil V, letzter Teil

Zum Nachlesen: Teil 1 und Teil 2 und Teil 3 sowie  Teil 4

Geheimhaltung war die ganze Zeit über ein sehr hohes Gut gewesen bei der Entwicklung der ersten eigenen Premium-Fahrzeuge der Firmen Mannesmann, Ford und Opel. Die Entwicklung über die Jahre hatte gezeigt, dass die Opel und Ford Leute mit ihrer Prognose recht gehabt hatten: Der Markt spaltete sich sichtbar auf in die drei Premium-Marken und „die anderen“.

Ab der gehobenen Mittelklasse fiel es For und Opel zunehmend schwerer, Autos zu platzieren. Der Senator B wurde nicht angenommen, der Ford Scorpio bedurfte eines Stufenhecks, sein Heck war zu mutig.hameen-sanomat-logo

Der finnische Journalist Arvo Jakobsen, der bereits Ende 1982 zu viel geahnt hatte, hätte eigentlich rund um das Entwicklungswerk jedermann bekannt sein müssen – war aber Anfang 1988 bereits stark in Vergessenheit geraten. So gelang es ihm tatsächlich mit einer Gruppe der schwedischen Feuerwehr, die eine staatlich vorgeschriebene Inspektion durchführten, in das Mannesmann-Werk einzudringen und ganz offen zu fotografieren. 4 Tage später waghte die Hämeen Sonomat eine eigene Sonderausgabe unter dem Titel:

Mitä saksalaiset salata meille: Mannesmann tapahtuu Mercedes!

Dem war im Grunde nicht viel hinzuzufügen – Hämeen Sonomat fügte dem Thema jedoch unvorstellbare 24 Seiten hinzu. Hier gab es Fakten, die dem durchschnittlichen Redakteur der Auto Motor und Sport Schweiß auf die Stirn trieben – und manchen Mitarbeitern von Mannesmann die Zornesröte.

Aber es war geschehen und es war nicht mehr aufzuhalten: Die drei Firmen traten die Flucht nach vorn an – ein Wirtschaftskrimi der Extraklasse fand hier ein Ende – aber eines mit Stil. die Pressekonferenz, die 3 Tage später stattfand in der Mannesmanner Konzernzentrale, hätte satter nicht sein können. Der Mannesmann 1050-10 wurde enthüllt als feierlicher Prototyp mit verdunkelten Scheiben. Die IAA 89 wurde klar angekündigt als Markteintritt. Die Manager von Ford und GM, die all das möglich gemacht hatten, ließen sich als Visionäre für den europäischen Markt feiern – großes Automobil-Kino der Extraklasse.

mannesmann_automotive_logoIn den folgenden Wochen führten Autozeitungen des gesamten Erdballs mehr Interviews in Deutschland und Schweden, als den US-Konzernchefs lieb war, aber die Story fand unfassbaren Anklang. Jeder schien die Idee zu lieben. Plötzlich schien es so, als würde Deutschland mit seinem Automobilbau weltweit für das große Besteck stehen – für die dicke Premium-Show, nicht mehr nur 2 oder 3 Marken.

Die IAA 1989 ist Legende. Fahrzeuge wie der 8er BMW und der Mercedes SL R129 gingen im Strudel der Ereignisse unter, den sich die drei Firmen etwas kosten lassen hatten. Mercedes hatte zwar die Halle 1 – Mannesmann, Ford und GM hatten jedoch den kompletten Innenhof eingezeltet. dort fand man neben den beiden bereits vorhandenen Modellen, dem 1000 und dem 3000, bereits sehr realistisches Material vom 5000er, der im Sommer 1990 erscheinen würde. Das würde auch der Anlauf der Produktion sein – einschließlich des riesigen Problems, dass bislang noch keine finale Produktionsstrecke für die Mannesmann Premium-Autos errichtet worden war. Im Schwedischen Werk entstand eine Vorserie, die größtenteils von Hand gefertigt wurde, die Motoren wurden im Opel Werk Bochum gefertigt, große Teile der Karosserien stammten aus Genk, einem Ford-Werk in Belgien. Das erneute Liebäugeln mit einer Tschechischen Produktionsstrecke war gefloppt: Die tschechische Regierung verhandelte bereits mit einem anderen Automobilhersteller. Schließlich sollte die Lösung aus einer gänzlich anderen Richtung kommen: nur wenige Wochen nach der IAA 1989 verkündete Günter Schabowski, dass die neue großzügige Reiseregelung für Bürger der DDR seines Wissens nach „ab sofort“ gelte und eröffnete damit einen vollkommen neuen Wirtschaftsraum.

Das Mannesmann Werk in Pritzwalk versprach blühende Landschaften. Im Gegensatz zu manch anderen dieser versprechungen wurden die Versprechungen hier auch eingehalten

Das Mannesmann Werk in Pritzwalk versprach blühende Landschaften. Im Gegensatz zu manch anderen dieser versprechungen wurden die Versprechungen hier auch eingehalten

Die Vereinbarungen über das Werk Pritzwalk an der A24 wurde noch mit diversen Ostmark-Vereinbarungen beziffert. Ab 1992 lief hier endlich eine gemeinsame Fertigung aller drei Modelle an, zunächst noch mit zugelieferten Motoren, die bis immerhin 1993, wie auch große Teile der Karosserien, noch von Hand gefertigt wurden. Speziell die frühen Modelle gelten heute als gesuchte Youngtimer – ihre liebevoll und sorgfältig von Hand gefertigte Qualität ist legendär.

Heute wissen wir, dass Ford und Opel rechtzeitig und richtig gehandelt haben, um sich gegen die Premium-Elite zur Wehr zu setzen, wenn auch mit einem unvorstellbaren Invest in den ersten Jahren. Und sie haben uns den Reihenzehnzylinder gegeben. Schon der Reihenachtzylinder, allem voran der kleinste, wie man ihn primär im 3022-8 in den ersten Jahren fand, garantieren eine schier unglaubliche Fahrfreude, die sich vor allem im Drehwillen manifestiert – ist nach wie vor ein Erlebnis. Im kleineren 5000er sprengte speziell dieser Motor ja lange Zeit die Unfallstatistiken… Er verleitet auch behutsame vernünftige Youngtimer-Fahrer mit seiner Leistungscharakteristik immer noch zu spontanen Eskapaden.

An die heutige Marktmacht der Mannesmann-Autos hätte dennoch wohl so schnell niemand geglaubt. Speziell der Zugang zur Hightech, der frühe Einbau des Mannesmann-eigenen Mobilkfunks in die Fahrzeuge, verschaffte den Fahrzeugen speziell Ende der 90er Jahre eine erstaunliche Überlegenheit. Die ersten großen Navigationsgeräte, serienmäßig in der zweiten Serie des 1000ers gleich von Beginn ab 1998, veränderten den gesamten Markt der Premium-Autos. Schade eigentlich nur, dass sich der Erfolg in Großbritannien nicht recht einstellen wollte und auch bis heute der Vertrieb dort nie den Erfolg erzielen konnte wie im restlichen Europa – schon aus historischen Gründen, da sich gerade die Briten zu Beginn so sehr für dieses Projekt stark gemacht hatten.

Das winzige Entwickler-Team der ersten Stunde

Das winzige Entwickler-Team der ersten Stunde – Leute mit einem unerschütterlichen Glauben an eine andere automobile Zukunft – erhöhter Alkoholgenuss und die gedrängte Arbeitsatmosphäre, so Arvo Jakobsen in Elää enemmän Liikkuvia, erzeugten neben technischem Fortschritt auch menschliches Leben

Dass Mannesmann im Osten der Republik und weiter östlich ein Riesen-Hit wurde, war so auch nicht abzusehen – aber spätestens ab dem Facelift von 1995 gehörte der Mannesmann in Moskau zur Pflichtausstattung des neuen Geldadels. Dass der 1050-10 und der spätere 1040-10 zudem dem Mercedes W140, der ein Jahr nach dem Mannesmann 1000 debütierte, derartig den Rang ablaufen konnten in Deutschen Vorstandsetagen, ist sicherlich mehr dem Fehler von Mercedes geschuldet, als ein echter Mannesmann-Erfolg – aber historisch ein schöner Nebeneffekt.

In dem 2002 erschienen Rückblick von Arvo Jakobsen mit dem unzweifelhaft zynischem Titel Elää enemmän Liikkuvia gibt es eine schöne Zusammenfasung gegen Ende des zweiten Teils, in der Jakobsen eine einzige Andeutung dazu macht, wie er nach seinem Werksbesuch (oder eben bereits deutlich früher „paljon aikaisemmin„) an die Informationen für die Sonderausgabe des März 1988 gekommen sein könnte. Sein unerwartet früher Tod im Jahre 2004 lässt uns leider diesbezüglich alle dumm sterben. Der von seiner Frau Birgitta ins Leben gerufenen Stiftung für investigativen Journalismus Kovalla Äänellä verdanken wir heute ein paar der wesentlichen Enthüllungen rund um die Attentate des 11. September – was Arvo Jakobsen ein angemessenes Denkmal setzt, ganz jenseits des Automobilen Alltags.




3 Gedanken zu „Wie Ford und Opel der Premium-Elite trotzten – Teil V, letzter Teil

  1. Hallo Blog Team,

    mit großem Interesse habe ich alle 5 Teile dieses Artikels verfolgt. Daher wollte ich mehr über diese Autos herausfinden. Allerdings kann ich rein gar nichts dazu im www finden. Mir war auch nie bekannt das es eine Automarke namens Mannesmann jemals gab. Auch bei Mobile usw. findet man keinen Mannesmann. Das verwirrt mich doch sehr, wenn es Autos vin Mannesmann in den 90er Jahren gegeben hat. sollte man doch was finden?

    Ansonsten bin Ich sehr oft auf eurer Seite und freu mich auf jeden neuen Artikel. Dass ihr eine bessere mobile Seite aufbaut kann ich nur begrüßen. Macht weiter so.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sven Gieschke

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