Der Raphael-Effekt – oder: Waren Autos früher eigentlich wirklich billiger?

Mein Vater weist gerne darauf hin, dass das erste Eis, das er mir damals gekauft hat, für 20 Pfennig zu haben war – also in etwa 10 cent heutiger Währung. Und das war unten am Stadion, eigentlich eher eine Premium-Lage.

Ich hab es letztens überprüft – den Eisladen gibt es immer noch. Die Eiskugel kosten heute satte 2 Mark, also immerhin 900% mehr als in meiner Kindheit. Und doch bin ich mir nicht sicher, ob das ganze teurer geworden ist…zuviele

Warum? Angefangen bei der Tatsache, dass man das Eis früher an einer etwa 80cm breiten hellgrünen Resopal-Theke erwerben musste, viel zu hoch für Kinder, und das Eis vom grummeligen Vito verkauft wurde. Heute gibt es 24 Sitzplätze, die Resopal-Platte mit Baumarkt-Charme ist einer stattlichen Theke gewichen und die enthält auch noch einen Knick bis hinunter auf die Höhe meiner Kinder – und denen reicht heute Raphael das Eis – ein gutaussehender Typ von knapp 30, der nicht ansatzweise grummelig ist.

Nehme ich nun noch die Inflation hinzu, gemittelt mit 2,8% im Jahr seit 1974, würde eine Kugel Eis schon 62 Pfennig kosten, selbst dann, wenn Raphael nicht die neue Theke gekauft und den Laden ausgebaut hätte.

Höre ich nun meinen Vater sagen: „Der Passat hat uns 1974 gerade mal 10.200 Mark gekostet“ – dann komme ich ins Grübeln…

Passat 1975

Schauen wir uns das mal im Detail an. Der Passat L von 1974 kostete zwar nur den Gegenwert von rund 5100€. Wenden wir auch hier mal die Inflationsrechnung an, würde der Passat L auch bereits 15.823€ kosten – also soviel wie heute ein Polo oder ein ausstattungsloser Golf als Vorführwagen. Ein neuer Passat fängt im Jahr 2014 allerdings bei etwas über 30.000€ an – also immer noch stattliche 100% mehr. Nicht ganz so heftig wie bei Raphaels Eiskugel – aber immer noch stattlich. Wie passt das mit dem Durchschnittseinkommen zusammen? In absolut erschreckend deckungsgleicher Weise: Lag dies 1974 noch bei dem Gegenwert von 2 Passat, nämlich knapp 21.000DM, liegt das Durchschnittseinkommen heute mit 31.000€ auf einem Niveau, das bei einem neuen Passat gerade noch eine Metalliclackierung on top erlaubt, falls die nicht von den Überführungskosten aufgefressen wird. Der Passat ist also nicht nur mathematisch doppelt so teuer – auch gemessen am Einkommen bleibt er doppelt so teuer wie vor 40 Jahren. Wer sich in den 70er Jahren einen leisten konnte, kann das heute eher nicht mehr.

Unendliche Möglichkeiten, den 74er Passat mit Hightech zu garnieren ;-)

Unendliche Möglichkeiten, den 74er Passat mit Hightech zu garnieren 😉

Kein Wunder also, dass eine Durchschnittsfamilie sich heute vielleicht mal lieber einen Golf kauft oder einen Dacia. Rechnet man den Preis des heutigen Passat in die Gegenrichtung, hätte der 1974 21.000 Marrk gekostet – dafür bekam man einen stattlichen Strichachter – und der war dann schon ein 230.6 und gut ausgestattet. Niemand hätte für das Geld einen Passat gekauft, schon gar nicht einen Zweitürer mit kleiner Heckklappe und 55 PS.

Ah – Moment, richtig… die Ausstattung, da war doch was…

Wir wollen fair sein: Der Passat L von 1974 hatte folgende Ausstattungen des heutigen Passat nicht:

  • Servolenkung
  • Radio
  • ESP
  • ABS
  • 4 Türen
  • Von innen verstellbare Spiegel
  • Wärmedämmendes Glas rundum
  • Zentralverriegelung
  • Fernentriegelung
  • Außenspiegel rechts
  • Elektrische Fensterheber
  • Aussenspiegel elektrisch einstellbar
  • Klimaanlage
  • Müdigkeitserkennung
  • Multifunktionslenkrad
  • Bordcomputer
  • Aux in
  • USB Anschluss
  • Alufelgen

Man könnte die Liste ewig fortsetzen – einige der Ausstattungen sind schwer zu bemessen, da sie tatsächlich – wie etwa der USB Anschluß – 1974 noch nicht einmal erfunden waren – es gab ja nicht mal Computer, in die man irgendwelche USB Geräte hätte stopfen können.

Overflow

Overflow

Macht man sich aber einmal die Mühe und taxiert diese Ausstattungen mit den Preisen, die sie etwa 5 Jahre nach ihrer Serienverfügbarkeit hatten, also nicht mehr völlig exklusiv waren, so ergibt sich ein bemerkenswertes Bild: Der aktuelle Passat mit seinen gut 150PS ist preisindiziert faktisch gerade einmal 650€ teurer geworden mit all den Dingen, die er heute an Bord hat – auch solchen, die wir gar nicht mehr registrieren, wie die Zentralverriegelung, die nur Youngtimer-Fahrer bemerken…

Aber so wie bei Raphaels Umbau und den Sitzplätzen stellt sich doch die Frage: Will ich das? Will ich die ganzen Sitzplätze, die italienischen Accessoires, die neue Theke? Schmeckt sein Eis jetzt besser? Oder finanziere ich damit eventuell seinen neuen Passat (er sei ihm gegönnt – er macht ausgezeichnetes Eis und hat üble Arbeitszeiten)?

Der Punkt ist: ich kann es heute nicht mehr entscheiden. Ich kann nicht zum VW Händler gehen und sagen „Lass die Servolenkung, das ABS und das ESP doch weg – gib mir den Passat in den Grenzen von 1974“ – keine Chance.

Früher war mehr Lametta

Früher war mehr Lametta

Was ist passiert? Es sind tatsächlich 2 Entwicklungen, die sich seit 1974 vollzogen haben – ein Wettrüsten. Zunächst einmal kamen ab den späten 70er Jahren die Japaner. Die statteten ihre Autos grundsätzlich lieber ein wenig hübsch aus, der Japanischen Idee der „kleinen Geschenke“ folgend. Und für den Export nach Deutschland wollten sie die Logistik schlank halten: Da exportierte man nur die ausgezeichnet ausgestatteten Wagen in das anspruchsvolle Auto-Land, weil das am Ende praktischer war und Prozesskosten reduzierte. Da mussten dann plötzlich auch die Germanen nachziehen.

Und nicht nur das. Mercedes hatte in den 80er Jahren aufgrund der steigen Preiserhöhungen Streit mit den Händlern. In einer damals reichlich geheimen Vereinbarung einigte man sich darauf, künftig jede Preiserhöhung des Werks mit einer Mehrausstattung (spektakuläre Dinge wie von innenverstellbare Außenspiegel oder ähnliches) zu verbinden, um dem Händler ein Argument zu geben, dass das Gejammer um die neuerliche Preiserhöhung abmilderte.

Irgendwann einmal war dann alles Serie. Eine neue Berufsgruppe hielt Einzug in die Management Etagen der Automobilhersteller: Die Lebenszyklus-Manager. Das sind die Leute, die Planen, wann in welcher Modellreihe welche Ausstattung zum Serienstandard wird. Und die Manager gibt es dann in jedem Unternehmen. Führt der eine die Klimaanlage ein, zieht der andere nach. Das ist eine Art Kartell, ja – und das bringt immer mehr Ausstattungen mit hoher Marge in die Autos, macht sie komplex und langfristig teuer im Unterhalt.

Und dann sehne ich mich zurück nach dem mürrischen Angebot von „wir haben nur Erdbeere, Schoko und Vanille“




6 Gedanken zu „Der Raphael-Effekt – oder: Waren Autos früher eigentlich wirklich billiger?

  1. Nicht vergessen, dass größenmäßig dem Passat der 1970er Jahre eigentlich ein heutiger Golf entsprechen würde. Der Passat ist ja über die Generationen deutlich gewachsen. Den Passat von damals müßte man mit dem Golf von heute vergleichen bzw. den Golf von damals müßte man mit dem Polo von heute vergleichen… Wie würde das inflationsbereinigt aussehen?

    1. Das haben wir hier auch lange diskutiert. Tatsächlich stimmt es weniger, als man denkt, wenn man die Komfortmaße im Innenraum vergleicht. Und wenn man es dann mathematisch anschaut, ist selbst der Golf nicht richtig günstig…

  2. Ihr habt noch etwas vergessen: Die verwendeten Materialien und die daraus resultierenden Folgekosten.
    Nimmt man den damaligen Käfer, so hatte der Inspektionsintervalle von 5.000 KM. Das wäre bei manchen Pendlern wie mir dann ein monatliches Intervall.
    Heute sind die Inspektionen zwar 2-3 mal so teuer (da ja auch mehr „Extras“ kaputt gehen können), aber sie finden ja auch nur alle 30.000 KM statt, und somit 6 mal weniger.
    Ich möchte hiermit aber auf keinen Fall die Automobilindustrie und ihre Preispolitik stärken.

  3. Aufgrund der Fortschritte in der Materialwissenschaft kann einer moderner Motor theoretisch länger halten als einer zB aus den 70ern. Dazu muss man ihn aber vorsichtig fahren und nicht alles an Leistung rausholen. Dann erst ergibt sich der Effekt der langen Haltbarkeit moderner Materialien. So etwa auch durch die Auswahl der Motorisierung: Wenig PS, viel Hubraum. Dann klappts auch mit der Haltbarkeit.
    In den 60ern und 70ern solls ja PKW Motoren gegeben haben die oft schon nach 100 000 km ne komplette überarbeitung brauchten. Heute schafft man, wenn man das mit der vorsichtigen Fahrweise umsetzt, viel größere Laufzeiten.
    So gesehen bekommt man auch heute, wenn man denn geschickt kauft, viel Auto fürs Geld.
    VW ist meiner Meinung nach auch nicht das beste Beispiel. Nehmen wir mal den Ford Fiesta. 10 000 Euro und Du bekommst nen Wagen mit Dämmverglasung und sogar Klimaanlage. Schon 1999 hatte unser Fiesta ab Werk Dämmglas und Servolenkung.
    Kauft man nen Fiesta der sagen wir mal 5 Jahre alt ist, gehts noch viel billiger. Und selber reparieren kann man auch beim modernen Ford noch so einiges. Mit andere Worten: „früher“ war es eben anders. Nicht unbedingt besser. Heute kann man aufgrund der Fortschritte der Technik theoretisch zumindest mehr „rausholen“.

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