Mittelklasse verliert die mittlere Klasse: Opel Ascona und seine Enkel

Opel Ascona A

Bürgerlich: Der Opel Ascona A passte in die frühen 70er, war jedoch ein wenig zu klein

Als der Opel Ascona 1970 als A-Model debütierte, war er wirklich nötig: Opel hatte zwischen dem Kadett B und dem Rekord C nix gescheites zu bieten – der Opel Olympia, den Opel von 1967 bis zum Erscheinen des Ascona in die Lücke stopfte, ist zwar heute aufgrund seiner Seltenheit ein gesuchter Oldtimer; zu Lebzeiten war er eher eine Lachnummer, da er auch von Laien als geschminkter Kadett B erkannt wurde und mit einem Ford Taunus im Status nicht mithalten konnte. Selbst VW hatte mit dem VW Typ3 für die Aufsteiger vom Käfer etwas zu bieten – da kam der Ascona A also goldrichtig.

Bizarre historische Randnotiz: Opel machte hier aus der Not eine Tugend, denn eigentlich sollte der Ascona A / Manta A als Kadett C debütieren, bevor sich diese Mittelklasse so sehr etablierte, dass Opel nachzog. Das war jedoch auch von vornherein gleich das größte Manko des Ascona A: Er war im Grunde zu klein. Speziell der Knudsen Taunus, der wenige Wochen zuvor im selben Jahr erschien, machte Opel einen heftigen Strich durch die Rechnung: er war größer und repräsentativer als der Ascona A. Jenseits dessen hatten ihn seine US-Väter mit V6 Motoren von bis zu 2,3 Litern Hubraum gesegnet – großes Kino zu Beginn der 70er Jahre, wenn der Opel Ascona A mit maximal 4 Zylindern auskommen musste. Die Ölkrise jedoch spricht hier unerwartet und unplanbar für den wirtschaftlicheren Opel.ascona_a_71

Und so etablierte sich der Opel Ascona A erfolgreich und blieb bis 1975 im Programm. Als jedoch 1973 der Passat erschien, fraß dieser seinen Verkaufserfolg erstmals substanziell an: Er war größer, verfügte über den moderneren Frontantrieb, signifikant sparsamere Motoren, Heckklappe… Der Ascona A Caravan – oder in seiner ultra-seltenen Luxus-Version „Voyage“ betitelt, machte die Handwerker der Nation fortan auch nicht mehr ganz so glücklich – der lieblos verkleidete Laderaum konnte weder mit dem Ford Taunus TC noch mit dem Passat mithalten.

Man behalte das im Hinterkopf für später….

Opel Ascona B – der Familiensportler mit Format

Opel Ascona

Unfassbar selten – der Opel Ascona A als Voyage

1975 legt Opel nach – und zwar heftig! Der Ascona B kommt bedeutend stattlicher daher – fette 17 Zentimeter länger und mit bedeutend mehr Radstand etablierte der Ascona B die Marke Opel voll in der Mittelklasse und wurde von da an auch bedeutend öfter mit 4 Türen verkauft – auf der Höhe des Opel-Erfolges in Deutschland. Zwar hatte VW Boden gut gemacht – aber gerade in der Mittelklasse, die für den Erfolg in Deutschland so wichtig war, hatte Opel nun ganz ernsthaft etwas zu bieten. Und Opel gelang es, ein weiteres Thema zu besetzen, bei dem der Passat spießig wirkte und der Taunus kneifen musste: Sport.

Opel Ascona B

Mit ihm kehrte endgültig der Sport in die bürgerliche Mittelklasse ein – der Opel Ascona B war ein ausgezeichnetes Ausgangsobjekt für Tuning jeder Art

For the Good and the Bad. Das Thema Sport sollte Opel massiv helfen, Fans an sich zu binden, sollte später aber auch heftigst zum negativen Opel-Image beitragen, als Macho-Gehabe nicht mehr so recht gefragt war.

Der Opel Ascona genoss das Thema noch: Heckgetrieben und neutral abgestimmt, ließ er sich mit ein paar Kunstgriffen leicht und kostengünstig aufpeppen – SR Modelle mit Rallyestreifen unterstützten das Thema. Hinzu kam: Im Motorraum war abartig viel Platz für mehr. Und noch schlimmer: Alle Tuning-Teile für den Manta B passten auch in den Ascona. Tieferlegen wurde dadurch entschieden einfacher – Tuning-Themen, die für Passat und Ford Taunus zu dieser Zeit einfach noch nicht vorgesehen waren und Opels Marktanteil von damals noch rund 20% nachhaltig festigten.

Opel Ascona B braun

Dass der Opel Ascona als B im Grunde ein biederer Mitteklässler war, vergisst man im getuneten Rückblick beinahe

Leider geriet dies für den Opel Ascona nicht immer nur zum Vorteil. Und hier ist ganz klar historische Vorsicht geboten: Wer einen Ascona B mit schwarzen Streifen und mutig gestylten Felgen heute belächelt, der hat nicht in den 70ern gelebt. Opel brachte das Thema sportlich Fahren an eine Zielgruppe, die das dankbar aufsog. Eine Gesellschaft, die noch Schnurrbärte trug und auf dem Weg zur Arbeit Cassetten mit Deep Purple und Led Zeppelin hörte. 61qTE9kINgL._SX300_Die Masse wollte das – und Opel gab es der Masse. Das machte sonst nur BMW – aber eben auf einem elitären preislichen Niveau. Kam ein Opel Ascona für 13.000 Mark daher, wollte BMW dann doch eher 16.000 DM haben – und damals war die blinde Premiumgläubigkeit noch nicht gesellschaftlich etabliert.

Am Ende gab es dann sogar den absolut ernsthaften Sportler Ascona 400 und für die Masse den Ascona B 2.0E, der mit dem Motor aus dem Rekord E mächtig abräumen konnte. Ebenso gab es einen Diesel am anderen Ende des Spektrums – mit 58PS und der Beschleunigung eines Welpen auf einem polierten Parkettboden und einem dicken Knubbel auf der Motorhaube – aus guten Gründen kein Erfolg.

Opel hatte also die ganze Palette – beging jedoch einen massiven modellpolitischen Fehler, der nicht nur aus der historischen Distanz heraus unentschuldbar ist – er war es auch damals schon. Opel verlor die Mittelklasse aus dem Auge. Hatte es noch einen Ascona A Kombi gegeben, wurde dieser für den Ascona B nicht angeboten.

Die Kombi-Sünde

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So nie in Deutschland erhältlich – eine der schlimmsten Sünden in der Opel Modellpolitik

Und hier unterlag Opel einer massiven Fehleinschätzung. Opel sah den Kombi in dieser Klasse nicht als notwendig an. Der Caravan war für Handwerker – die mit geringen finanziellen Mitteln kauften einen Kadett Caravan, die mit großem Transportbedarf einen Rekord. Das jedoch war längst nicht mehr Lebensrealität. Und die Zeichen waren klar zu erkennen: spätestens mit dem Erscheinen des W123 als T-Modell war der Kombi in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der VW Passat verkaufte sich längst besser als Kombi und erreichte nur noch Limousinen-Anteile um 35% – oder anders gesprochen: Opel verzichtete vermutlich auf 65% des theoretisch vorhandenen Marktes für den Ascona B (mathematisch nicht ganz korrekt, schon klar…).

Der brachte es zwar dennoch auf 1,3 Millionen Exemplare, was cool war – aber neben diversen anderen Merkmalen des Opel Niedergangs zeigte sich hier ein strategisch wichtiges Merkmal: Vollsortimenter-Marken wie Opel basieren auf dem Lebensphasen-Modell. Den späteren Corsa als Anfänger, den Kadett in den frühen 20ern – alternativ den Manta, den Ascona, wenn die Familie kommt, später zum beruflichen Aufstieg Rekord, Commodore oder gar Senator – und schließlich kaufst Du den Corsa für Deine Tochter…

zeitgenoessisch_801r_ascona_c_paletteWird diese Reihe in Höhe des Ascona durch einen Passat unterbrochen, weil es den Ascona nicht als Kombi gibt, funktioniert der Spaß plötzlich nicht mehr so recht. Ein System erodiert.

Und nun legt Opel noch einen drauf, der einen modellpolitische Krokodilstränen über die Wangen kullern lässt: Mit dem Erscheinen des Ascona C mit Frontantrieb kommen Limousine, Schrägheck-Limousine und Kombi auf den Markt – mit einer Ausnahme: Den Kombi verkauft Opel nicht in Deutschland – nur die Schwestermarke Vauxhall verkauft dieses Modell!

What??

Und  nun schlägt die wohl größte Stunde der Mitbewerber. Mit dem 81er Passat wird der Kombi lifestylig und cool. Die sogenannte Freizeitgesellschaft mit ihrer 35 Stunden Woche entdeckt den Kombi für Familienausflüge mit dem Rad und Hiking, das damals noch Bergsteigen heißt. Der Sierra Turnier verkauft sich wie geschnitten Brot – und der Ascona C Kombi … der kommt nie auf den Markt.

Opel Ascona D

Beim Nachfolger des Opel Ascona half im Grunde eh nicht viel – er dürfte der langweiligste Opel von allen sein – vielleicht verzichteten sie deshalb vorsichtshalber gleich auf den Kombi

In dieser Phase hat Opel natürlich ohnehin jede Menge anderer Probleme – dieses jedoch ist ein katastrophaler hausgemachter Lapsus, der seinesgleichen sucht und einer der dickeren und rostigeren Sargnägel am Opel-Marktanteil sind.

Der Ascona C gerät trotz allem zum Erfolg – über 1,7 Millionen werden von ihm zwischen 1981 und 1988 gefertigt. Jedoch: die VW-Manager lachen darüber – die verkaufen in derselben Zeit vom Passat 2,8 Millionen. Könnte am Kombi liegen…

Dass es den Nachfolger Vectra A pauschal nie als Kombi gab (Auch nicht in UK), ist da nur eine Randnotiz in der Opel-Geschichte, in der Opel den Kampf um die Mittelklasse ohne Not verloren gab. Was für ein Fehler…