Als die GTIs schrumpften I/VI: Ford Fiesta XR2

fiesta_xr2_auge!1976 kam „der GTI“ und rund um ihn schlugen die Bomben der Mitbewerber ein. Ford hatte den coolen heckgetriebenen Escort, Opel der Kadett C GT/E, younameit – aber es dauerte bis November 1981, bis der Virus auch eine Klasse drunter substanziell griff und den Ford Fiesta XR2 hervorbrachte.

Der Grund dafür waren tatsächlich nicht aus heutiger Sicht sehr nahe liegende Überlegungen wie „Was eine Klasse drüber funktioniert, wird doch wohl hier auch funktionieren?“ Nein – vielmehr stand hier die nackte Angst Pate. Tatsächlich gingen zu dieser Zeit die Verkäufer der sportlichen Wagen in dieser Klasse signifikant zurück. Die Wagen waren einfach zu üppig geworden und vor allem zu teuer, mutmaßte man nicht ganz unzutreffend – und Ford hatte den Technikbaukasten und die Voraussetzungen, um hier richtig Spaß zu haben, was in dieser Weise kaum wirklich auf die anderen Hersteller zutraf: Opel fehlte der Wagen, der unterhalb des Kadett angesiedelt war – der erschien erst ein Jahr später. Mit dem biederen Polo experimentierte VW tatsächlich. Der Vorgänger hätte die Linie gehabt, aber nicht die Karosseriesteifigkeit oder das entsprechende Fahrwerk. Der Fiesta MK1 hatte alles. Schon das 66PS Modell lief sagenhaft gut für damalige Kleinwagenverhältnisse – wie würde da erst eine dickere Maschine gehen?

Ford Fiesta XR2

Schlicht, eckig, geil: Ford Fiesta XR2 – geheime Sport-Ikone der frühen 80er Jahre

Als der XR2 mit seinen 84PS an den Markt kam, stieß er tatsächlich in eine Marktlücke, in der er lange Zeit der King bleiben sollte.

Der Fiesta XR2 ist auf gewisse Weise der Archetyp  – was der Golf GTI eine Klasse drüber war, war der Fiesta XR2 der ersten Generation nahezu unangefochten in der kleineren Klasse.

Und zwar zu Recht. Das Package war großartig und unerwartet sportlich. Man hatte dem Ford Fiesta XR2 mehr mitgegeben, als ein paar Rallyestreifen – das breitschultrige Fahrwerk mit den aus dem Vollen gefrästen Alus taugte etwas, die Sitze boten den nötigen Seitenhalt, das Getriebe brachte die Leistung fundamental sauber au die Straße.

Ford Fiesta XR2 MK1 schwarz

Vom Fleck weg Volksheld in Großbritannien: Ford Fiesta XR2 der ersten Generation

pffffuuuhhh – wer den Fiesta XR2 mit seinem perfekten Gang-Anschluß, der knackigen Lenkung und dem sauberen Fahrwerk das erste Mal bewegen durfte, mochte gar nicht mehr so recht verstehen, warum man wahnsinnig viel Geld für einen größeren Wagen ausgeben sollte, der dann GTI, GTE oder RS2000 hieß. Der Ford Fiesta XR2 hatte diesen unverfälschten ursprünglichen Spaßfaktor – schon, weil er leicht und klein war. Mit dem konntest Du um Kurven wedeln, die mach ein größerer Wagen vom Schlage eines BMW 316 so sauber nicht nehmen konnte. Auf Landstraßen war der Ford Fiesta XR2 damals eine echte Offenbarung – eine Mischung aus Power, Kontrolle, GoCart-Feeling und dem Wissen, dass man sich den Spaß auch noch leisten konnte. In UK wurde der Fiesta XR2 praktisch mit seinem Erscheinen zum Volkshelden.

Im Anspruch durchaus mutig - aber zurecht

Im Anspruch durchaus mutig – aber zurecht

Und da kam das weit wichtigere Thema aus dem Sack gekrochen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Du Deinem wohlsituierten Abteilungsleitervater einen Golf GTI zum Abitur aus den Rippen leiern konntest, war so derartig gegen Null gerichtet, dass Du Dir allein mit dem Wunsch Ärger einhandeln musstest. Aber so einen Fiesta…

Und dann muss man das mal im richtigen Universum einordnen, um geschockt zu sein: Der Golf GTI ging in geilen 9,5 Sekunden auf 100 und schaffte 182 – der Ford Fiesta XR2, dieser kleine Wadenbeisser, schaffte satte 172 und ging in 9,3 Sekunden auf 100 (!) – noch Fragen? 😉

yeah

yeah

Und all jene, die es nicht selbst mit erleben durften, ahnen schon irgendwie, was im Anschluß passierte… Der XR2 blieb nicht immer in erster Hand… Schnell sprach sich darüber hinaus herum, wie leicht sich der Wagen auf 96PS aufrüsten ließ – das konnten sich tatsächlich auch Schüler leisten. Ebenso wie der Trick mit der kostenlosen Tieferlegung… Und plötzlich konntest Du wirklich auch den Golf GTI verblasen… Konntest, ja wenn, …. wenn Du nur in der Lage gewesen wärst mit deiner geringen Fahr-Erfahrung…

Nahm es nicht mehr ganz mit dem Erscheinungsbild der ersten Fiesta Xr2 auf: Ford Fiesta XR2 MK2 - das gemilderte Erscheinungsbild war sehr bewusst gewählt

Nahm es nicht mehr ganz mit dem Erscheinungsbild der ersten Fiesta Xr2 auf: Ford Fiesta XR2 MK2 – das gemilderte Erscheinungsbild war sehr bewusst gewählt

Tatsächlich endeten diverse Fiesta XR2 an Bäumen, bevor sie so recht in die besten Jahre kommen konnten. Am Rande entwickelte sich daraus eine schlimme Spielart: Die Großserie gestattete es, ohne wirklichen Aufwand den Motor des Ford Fiesta XR2 der ersten Serie auch in die 1.1 oder 1.3 Modelle einzubauen, was die Spirale abwärts nur fortsetzte.

Der facegeliftete Fiesta MK2, der ab 1983 versuchte, seriöser daher zu kommen, trat daher auch bemüht sachlicher auf und trug nicht mehr die runden Scheinwerfer, die den XR2 der ersten Generation im Rückspiegel zum Schrecken gemacht hatten. In UK, wo die Versicherungsbeiträge des ersten XR2 längst astronomische Höhen erreicht hatten, war das ausnehmend wichtig und wurde belohnt. Dort nämlich konnte man es als Teenager vielleicht schaffen, den Wagen von Papi zu bekommen – nur versichern würde er ihn sicher nicht…

Ford Fiesta XR2 MK3 1989

Auch das 1989er Modell hatte eine feste Fangemeinde – zurecht – Strassenlage und fahrerischer Anspruch waren sehr ernsthaft und wurden von der Fachpresse nur selten ausreichend gewürdigt. Dennoch hatte VW dem nichts entgegenzusetzen

Dennoch verlor der XR2 als MK2 viel von seiner ursprünglichen Springinsfeld-Qualität – obwohl er tatsächlich ein besseres Auto wurde – mit besseren Bremsen, einer besseren Geräuschdämmung und serienmäßig den 96PS, die die Mehrzahl der eigentlich 84PS starken Vorgänger in der Realität ohnehin hatten – dem Motor aus dem bis dahin verkauften Ford Escort XR3, bevor dieser zum XR3i mutieren sollte und die magische 100PS Grenze endlich überschritt.

Nicht jeder konnte sich einen XR2 leisten...

Nicht jeder konnte sich einen XR2 leisten…

Mitbewerber kamen, der Ford Fiesta XR2 verlor Teile seines ursprünglichen Kultstatus und gewann den erst deutlich später wieder. Seine Nachfolger sind bis heute Killer in ihrer eigenen, fast selbst geschaffenen Szene. Hier gilt vor allem, dass ausgerechnet VW in diesem Segment nie so recht ein Bein auf den Boden bekommen hat, was dem Ford Fan bis heute stets ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern vermag, dass man nur operativ entfernen kann. In Deutschland lg VW da sogar noch ganz gut mit dem Polo – in Europa keineswegs.

Der meistgelesene und meist kommentierte Beitrag aus unserer Serie über die ungeliebten Kleinwagen ist ganz entschieden der über den Ford Fiesta – nicht der über den Polo. Vermutlich, weil es dem einfach stets an Seele fehlte.

Der Ford Fiesta XR2 – das ist ein Original.



5 Gedanken zu „Als die GTIs schrumpften I/VI: Ford Fiesta XR2

  1. Interessant dass Ihr schreibt dass die Sport-VWs immer teurer wurden. Das hing sicherlich damit zusammen, dass die dann meist ne Servolenkung und sonstige damals teure Details ab Werk hatten. Insbesondere der Golf II GTI hatte in den 80ern allen möglichen Schnick Schnack. Dabei sollte doch eigentlich die Sportlichkeit im Vordergrund stehen meiner Meinung nach. Der sportliche Mann der so einen Wagen damals fuhr, der war stark genug auch ne Mechanische Lenkung zu bedienen. Aber die zarte Dame, die braucht ne Servolenkung. Deswegen verstehe ich nicht so ganz warum VW so eine komische Modell-Ausstattungs-Politik betrieben hat. Ford ist da einfach cooler! Die haben ihren Sportautos diesen alten Pony Car Mustang Charme verpasst.

    Dennoch ist VW unheimlich erfolgreich. Naja gut, die haben ja zugegeben auch die Spaltmaße und sowas im Griff. Und wagen ohne Servolenkung gibts bei denen heute nur noch in der tschechischen oder spanischen Version des VW UP. Will sagen: Heute ist VW nicht nur Vollsortimenter sondern auch übertrieben gut ausgestattet. Während die in den 80ern noch ganz anders unterwegs waren.
    Naja, mal sehen wann die Koreaner „kommen“….

  2. Pingback: Anonymous

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