Der ewige Dritte: 30 Jahre Ford Escort

Ford Escort MK1

Serienmäßige Exemplare des MK1 waren in Deutschland schon nach kurzer Zeit ausgestorben. NUr die Sportexemplare überlebten – weit schlimmer noch als beim C-Kadett. In anderen Ländern sah das nicht so viel besser aus – der Escort MK1 steht für Sport

Schaut man sich die Deutsche Kompaktklasse an, dann sind die großen 3 seit Jahren dieselben – und mit ganz klitzekleinen Ausnahmen, bei denen sich der Opel Kadett D mal in einem kurzen Aufbäumen als Auslaufmodell am Golf vorbei schieben konnte, wie auch ganz kurz mal der W123 – ist der Golf immer vorn, dahinter kommen Kadett / Astra und erst dann folgt der Ford Escort, auch wenn der heute Focus heisst (was übrigens auch schon wieder schockierende 17 Jahre her ist).

Interessant daran ist, dass das ein deutsche Phänomen ist – in anderen Ländern ist das beileibe nicht immer so – und vor allem auch nicht immer auf diese Reihenfolge festgelegt – und da muss man gar nicht so weit schauen: Den Niederländern ist der Golf oft zu teuer – sie bevorzugen den Astra (und auch den Corsa immer wieder) – die Briten standen stets mehr auf Ford – hier gilt der Mondeo als der coolere Passat und der Escort wurde in seinen Anfangsjahren nicht mal ernsthaft mit dem Golf verglichen, weil der Golf ja nicht mal eine Limousine war-

Escort MK1

Zielgruppenkonflikt: Angelegt war der Escort eigentlich als Biedermann

Der Escort hingegen war eine Limousine – aus britischer Sicht sein ganzes Leben lang.

Der erste Escort, im Volksmund in den 70ern gern als „der Knochen“ bezeichnet, weil sein Gesichtsausdruck so charakteristisch daherkam und auch, weil der Wagen als ungemein robust galt, der war eine echte Limousine. Eine kleine Limousine zwar, aber das galt im Großbritannien der späten 60er Jahre als vollkommen in Ordnung. Als der Ford Escort 1968 erschien, mochte man andernorts die Revolution probieren – Großbritannien hingegen blieb konservativ und da kam der Escort MK1 gerade recht. Wie sein wichtigster Mitbewerber, der Vauxhall Viva, trug er das Kofferraumabteil separat. Und das kam auch in anderen Ländern gut an – ganz speziell in den Benelux-Staaten und in der skandinavischen Region.

Ford Escort

Die ernsthaften Rallye-Erfolge des Escort verschoben das Bild. Und auch serienmäßige Exemplare fuhren sich hart aber herzlich

Hier sprach sich auch schnell herum, dass man mit dem Escort nicht nur prima geradeaus fahren konnte – wer es konnte, vermochte mit dem Wagen auch prima quer um Kurven fahren und nahm dafür die etwas hoppeligere Federung in Kauf. Die versuchte Ford zwar ständig nachzubessern – in Deutschland kam das bei der Auto Motor und Sport aber nie ausreichend an.

Während der Escort erst 1970 auf den germanischen Kunden traf, fuhr er in UK zu dieser Zeit schon gehobene 6stellige Rekorde ein – Der Escort war ein Hit. In seinen  4 folgenden Jahren in Deutschland war es es nicht – und das war wohlgemerkt noch in der Zeit, als VW mit dem Käfer in diesem Segment agierte – aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar, da der Käfer zu dieser Zeit wohl unzweifelhaft längst seinen Zenit mehr als überschritten hatte und auch das nächste und übernächste Facelift daran nichts ändern konnten, während der VW 1500 zu teuer und im Grunde nicht konkurrenzfähig war.

Escort Turnier

Dem Golf mal eben 25 Jahre voraus: Escort MK1 als Kombi. Selbst die wurden später schnell zu Tuning-Opfern. Der Kombi des MK2 war ein Mk1 mit dem Gesicht des Nachfolgers, blieb in der Technik allerdings weitgehend identisch, was den gemeinen britischen Handwerker erfreute. Ebenso wie die dann doch schon skurril wirkenden Blattfedern hier durchaus Sinn ergaben

Und doch eroberte der erste Escort die Fans in Deutschland – wenn auch auf Umwegen. War er doch zu dieser Zeit der einzige Wagen der Klasse, der sich offensichtlich ernsthaft in Sachen Motorsport bewegen ließ und es auf bis zu 100PS brachte. Da hielt auch der Opel Kadett B mit bis zu nicht mit – der Käfer durfte da nicht mal mehr am Katzentisch sitzen…

Escort MK2 – Erfolg bei den Briten, aber auch nur dort

Der Szenenwechsel fand 1973/74 auf breiter Front statt: Opel kam mit dem Kadett C, VW mit dem Golf, Ford brachte den Nachfolger des Escort auf die Bühne: den Escort MK2. Hier mogelte Ford jedoch, wie so oft bei neuen Modellen, und schob im Prinzip ein sehr eckiges Facelift des MK1 vom Band – ein Wagen, der immer noch mit Blattfedern durch die Gegend fuhr, was zurecht als nicht ganz zeitgemäß galt.

Ford Escort MK2

Keine Schönheit, aber schlicht und sachlich. Wirkt irgendwie stattlicher als der schmalbrüstige C-Kadett

Erneut störte das in UK niemanden…. Der Wagen wurde vielmehr zu einem der beliebtesten Rallye Fahrzeugen weltweit – speziell natürlich wieder in den angelsächsisch geprägten Ländern wie Australien und Neuseeland, wo er längste Zeit gar das jeweils bestverkaufte Auto der Klasse und sogar des Gesamtmarktes darstellte, während die Deutsche Presse gewohnt kritisch mit dem Wagen umging. Tatsächlich muss man klar sagen: Der Escort wirkte speziell innen deutlich spießiger als seine Mitbewerber. Der Golf war zwar emotionslos, galt aber als modern – der Kadett war mit seiner Bürgerlichkeit irgendwo dazwischen – holte aber mit den SR Modellen und schließlich dem GT/E im Bereich Sport massiv auf.

The Professionals mit MK2

Die Legende: Der Ford Escort elektrisiert britische junge Männer in der Fernsehserie „The Professionals,“ die in Deutschland signifikant in ihrer ursprünglichen Action beschnitten wird.

Und schließlich kam 1976 der erste Golf GTI. Der war leichter und schneller als beide Mitbewerber – und durch seinen narrensicheren Frontantrieb für die meisten Leute einfacher zu bedienen als die beiden Gegner mit Heckantrieb.

Durch all diese kleinen Maßnahmen jedoch verlor der Escort immer mehr an Boden – mittlerweile tatsächlich auch in Großbritannien, wo diverse erfolgreiche Kompakte aus Japan Einzug hielten, die in Deutschland noch gar nicht so groß waren.

Ford Escort MK2 RS

Die Sportmodelle des Ford Escort hatten die einmalige Front, mit der auch Bowdie und Doyle durch die Gegend jagten. Schon das macht die Sport-Versionen zur Legende – erst recht in Großbritannien

Und natürlich fand ein intellektueller Wandel statt: Die Leute wollten in Europa in dieser Klasse immer mehr die Heck-Klappe und den Frontantrieb – beides hatte handfeste Vorteile in der Raumnutzung, die nicht mehr von der Hand zu weisen waren – und sich auch in Italien und Frankreich durchsetzten. Speziell in Italien war der Escort MK2 zunächst bei Erscheinen noch ein Star und stürzte dann massiv ab – ganz speziell, als 1978 der Fiat Ritmo den Fiat 128 ablöste und eine breite Umkehr der Vorzeichen stattfand.

Escort MK3: Bringt die Wende die Wende?

MK3 innen

Trist – die neue Generation – aber so sahen Autos zu Begionn der 80er Jahre wohl aus

Ford investierte zu diesem Zeitpunkt längst brutal in den Escort MK3, der in seiner Entwicklung eines der teuersten Automobile in der Geschichte von Ford war – und das Stummelheck einläutete, das für den Escort fast 20 Jahre prägend bleiben sollte. Tatsächlich war das Heck ein Tribut an die Briten. Ford stellte in einer ersten geheimen CarClinic ein Modell vor, das sich 30 Testpersonen anschauen durften, die je hälftig zur Ford und zur Vauxhall Zielgruppe gehörten. Dieses folgte dem Layout des Golf und Kadett D und fiel bei den konservativeren Käufern durch. Diese aber waren wichtig, weil sie die besser ausgestatteten und profitableren Escort Modelle kaufen würden. Also gab es einen kleinen Stummel am Heck, der irgendwie ein wenig Limousinenflair bringen sollte. Später war es auch der britische Markt, der den Sierra mit Stufenheck fordern sollte…

Escort MK3

Der dritte Escort ist langweiliger, bieder und mainstreamiger – aber ein Erfolg. Hätte Ford ihm modernere Motoren spendiert, hätte er auch in Deutschland bessere Verkäufe erzielen können

Der Ford Orion blieb in Deutschland Lichtjahre hinter dem Jetta zurück – was am Ende unerklärlich bleibt, da Ford eigentlich das Zielpublikum für den Wagen hatte. Die Umbenennung in Escort Limousine änderte daran – wie auch bei den Mitbewerbern – mal gar nichts, half aber in der Statistik, den diesen dann fortan zu den Verkaufszahlen des Escort addierte.

Interessant ist, dass VW zu diesem Zeitpunkt in der Klasse noch über 10 Jahre vom Kombi entfernt war, während Ford und Opel den selbstverständlich im Programm hatten – und dennoch siegte der Golf in Deutschland und verkaufte sich Ende der 70er auch durchaus passabel in UK. Das änderte sich schlagartig mit dem Erscheinen des Escort MK3 – der kam, sah, siegte und war bereits Ende 1981 wieder ganz oben, 1982 überragte er alle anderen Wagen bereits in der Gesamtjahresstatistik. Ebenso in den Benelux Ländern und wieder in Schweden und Finnland: Der Escort MK3 ist ein Abräumer, den nur Deutsche und Schweizer ablehnen – selbst in Österreich kommt der Wagen gut an und kommt immer mal wieder oben auf’s Treppchen.

Nie ganz so angriffslustig wie die anderen

Nie ganz so angriffslustig wie die anderen

Der Escort MK3 ist besser ausgestattet als die Mitbewerber und billiger – was den Germanen gewohnt egal ist. Die stehen allerdings immerhin auf das Cabrio, das sich tatsächlich Europaweit zum Knüller mausert. Dem hat vor allem Opel nicht so viel entgegenzusetzen – und der Golf I ist zwar immer noch irgendwie cool – aber basiert auf einer reichlich angestaubten Plattform. Die verbauten Motoren sind zunächst viel altbackener, als man der damals modernen Karosserie zutraut – die übrigens das Einparken erheblich erleichterte, verglichen mit Kadett D und erst Recht mit dem Kadett E oder Golf 2.

die späten Modelle hatten als Cabrio andauernden Erfolg. Erst 2000 war schluß - 18 Jahre nach dem Debüt der Grundform

die späten Modelle hatten als Cabrio andauernden Erfolg. Erst 2000 war Schluß – 18 Jahre nach dem Debüt der Grundform

Wer sich heute nach eine Escort Youngtimer umsieht, der findet vor allem aus dieser Phase unglaublich viele gut ausgestattete XR3/XR3i Cabrios, de von Beginn an in liebevollen Händen waren. Während die anderen Modelle natürlich schnell verbraucht wurden.

Der Escort mit Stummel blieb die Nummer 3 bis zum Lebensende, das Ford mit diversen Facelifts und Überarbeitungen hinauszögerte, die am Charakter des Wagens wenig änderten. Der Escort schwächelte Qualitativ zu Beginn der 90er – Zum Schluß jedoch galt der Escort als einer der solidesten Wagen der gesamten Fahrzeugklasse. Als Ford den Focus einführte, konnte man noch fast 2 Jahre Escort Auslaufmodelle zu super Preisen kaufen, die über Jahre bei TÜV und Dekra eine gute Figur machten.

Aber da war der Escort längst so durchgefallen in Deutschland, dass es eines Neustarts bedurfte.

Späte Rache: Der Nachfolger Ford Focus erreichte in seinem ersten Term 2001 die Spitze des Tüv und ADAC Reportings – und stellte alle angeblich so zuverlässigen Wagen in den Schatten.

Heute eher die normale Erscheinungsform des Escort XR: Das Cabrio

Heute eher die normale Erscheinungsform des Escort XR: Das Cabrio – ohne Servolenkung eher ätzend, aber unglaublich reichhaltig als Youngtimer vorhanden, was man von den Vorgängern nie behaupten konnte

Die Geschichte zeigt uns, dass es nicht immer die realen Fähigkeiten eines Wagens sind, die am Ende seinen Erfolg ausmachen, auch wenn Ford in dieser Klasse tatsächlich hier und da Fehler gemacht hat. Dennoch: Der Escort war nie soviel schlechter, wie er am Ende des Tages in Deutschland schlechter verkauft wurde, was auch schon der internationale Vergleich zeigt – und der ist beispielsweise für Skandinavien oder die Beneluxländer ja nicht durch Nationalstolz zu erklären (nehmen wir Genk mal aus). Und viele Konkurrenzvorteil wie etwa der Kombi wurden nie so richtig ausgeschöpft, wenn man sich die Zahlen anschaut.

Klar verbrauchte der Golf zunächst weniger Sprit, ein emotionales Auto war er nicht. Aber vielleicht sind wir Deutschen das eben auch nicht.