Insel der Vagabunden und zornigen Verteidiger: Terschelling

Dieses Jahr haben wir ja mal das Glück, mit unseren alten Freunden von allrader.de im Urlaub zu sein, was schon viel zu lange nicht mehr der Fall war. Klar, Hagen Hund fehlt – und vielleicht war er nie so allgegenwärtig auf seine Weise. Und er hätte diesen Urlaub gemocht – und wie.

Allgegenwärtig - in absolut jedem Zustand und jeder Modellevolutionsstufe - nur nicht der neuesten - die geht hier gar nicht

Allgegenwärtig – in absolut jedem Zustand und jeder Modellevolutionsstufe – nur nicht der neuesten – die geht hier gar nicht

Wir befinden uns auf einer der westfriesischen Inseln – Waddeneilanden, wie man hier oben sagt – denn ja, meine lieben Germanen: Wer als Kind bereits dumme Ostfriesen-Witze erzählt hat, hat sich vielleicht nie so recht gefragt, warum das eigentlich Ost-Friesland heißt, wo es doch eigentlich im Westen der Republik liegt… Genau – der andere Teil ist drüben in den Niederlanden. Texel sagt vielen Deutschen noch was, die anderen Inseln wie Ameland und Vlieland sind schon nicht mehr so bekannt – und auf Terschelling trifft man weit weit weniger Deutsche als auf den prominenten Inseln.

Allgegenwärtig - ob nun alt oder "neu," was ja im Falle des Landy eine irgendwie lächerliche Kategorie ist

Allgegenwärtig – Land Rover ob nun alt oder „neu,“ was ja im Falle des Landy eine irgendwie lächerliche Kategorie ist

Terschelling ist ein echtes Inselparadies, entspannt und irgendwie abgeschlossen in sich. In der kleinen Hafenstadt am Anleger leben ein paar nette Hippies in Häusern aus dem 17. Jahrhundert – unauffällige Leute. insgesamt tummeln sich hier gerade einmal 4762 Menschen nach der letzten amtlichen Zählung. Hagen Hund hätte die Insel so gut gefallen, weil sich hier vieles konserviert hat. Nicht in einem blödsinnigen Sinne, sondern vielmehr in der Art nüchterner vernünftiger Beurteilung, die sagt: Du brauchst nicht ständig etwas neues…

Ungeliebt - der steht da schon länger - fast zynische Kombination mit dem darüber gelegenen Schild...

Ungeliebt – der steht da schon länger – fast zynische Kombination mit dem darüber gelegenen Schild…

Am besten zeigt sich das nicht nur in den zahlreichen Suzi Jeeps jedweder Baujahre – sogar einen Eljot gibt es hier auf der Insel, auch wenn der nicht zugelassen ist. Vielmehr jedoch zeigt sich das in der krassen Lebensdauer all der Landrover verschiedenster Generationen, die auf der Insel zum Strassenbild gehören, wie auf Deutschen Strassen der Käfer in den 70r Jahren in all seinen schrulligen Farben und Erscheinungsformen.

Hier findest Du alles – die Landrover der Serie II sind noch präsent, hier und da eine Serie I, wenn auch betagt, aber ein riesen Tross S3 und Defender, die noch in vollem Saft im Alltag unterwegs sind.

Neumodisches Zeug - LandRover Discovery von 1990

Neumodisches Zeug – Land Rover Discovery von 1991

Ein 15 Jahre alter Nissan X-Trail hat hier schon fast etwas modisches, erscheint aber duldbar. SUVs fahren hier nur Touristen. Vieles spricht dabei auch tatsächlich für die idealen Lebensbedingungen des Landrover. Die Insel liegt Anderthalb Schiffsstunden vom Festland entfernt – das willst Du dich nicht wegen jedem Ersatzteil 2 Tage aufs Trockene setzen, da musst Du auch mal was improvisieren können. Und da schlägt schon mal die erste große Stunde von Suzuki SJ 413 und eben dem Land Rover Defender oder One Ten. Simple Technik ist hier wirklich kein Buzzword. Da gibt es noch große Schrauben, die die Karre zusammenhalten. Der Landrover ist so modular wie kein anderes Auto. Wenn Du das Dach abbauen willst, dann machst Du das eben. Anschlüsse für eine Seilwinde? Natürlich – und zwar jede Menge.

Ein Bisserl wie bei Ali Mitgutsch - hier hat jeder einen Landy irgendwo herumwimmeln

Ein Bisserl wie bei Ali Mitgutsch – hier hat jeder einen Landy irgendwo herumwimmeln

Und wer da jetzt mit der alten Leier kommt von wegen mangelnder Höchstgeschwindigkeit, üblem Bremsweg und unzeitgemäßem Verbrauch beim Land Rover, den wird man hier mal eher blöd anstarren. Die längste Verbindung auf der Insel ist knapp 20 Kilometer lang – wer hier schneller als 100 fährt, ist nicht ganz dicht – die Strassen geben das im Grunde nicht her. Moderne Hightech-TDIs schaffen unter diesen Bedingungen Verbräuche um 9 Liter- alles andere ist Laborbedingung auf diesen kurzen Strecken. Der Land braucht laut einhelliger Insel-Meinung 10, mal 9,5 – mal 10,5; abhängig von der Einsatzart. Aber hier wird Verbrauch eher in Wochen zwischen den einzelnen Tankstops gemessen als in Litern.

eng beieinander: Beide Welten

eng beieinander: Beide Welten

Viele Landys sind hier 40 Jahre und älter – das werden wir bei modernen TDIs so nicht erleben – einige haben das Lenkrad auf der falschen Seite – ist aber auch egal: auf der Insel gibt es kein Parkhaus, bei dem Du auf der Linken Seite sitzen musst, um den Zettel zu ziehen – weil es einfach kein Parkhaus gibt. Und als wir früh morgens an der Fähre stehen, sehen wir, wie der Mann von der Fährgesellschaft bei einem rechtsgelenkten Landy 88 einfach außen rum geht. Soviel Zeit hat man hier – oder nimmt sie sich; auch eine Fähigkeit, die andernorts oft verloren gegangen ist.

Marten, ein Typ, der wohl so um die 60 sein wird, lebt hier seit den späten 70ern, ist hier einfach hängen geblieben und kommt eigentlich aus Rotterdam, hat die Insel aber laut seiner eigenen Aussage seit 1993 nicht mehr verlassen. Damals hat er sich den Land Rover vom Festland geholt. Ein Modell, das mehrere Umbauten hinter sich hat, mittlerweile eine begehbare Motorhaube hat und Steigbügel, die dich aufs Dach bringen – und sogar noch die originalen Muldengriffe, die immer hakelig waren und manch einen Safari-Gast in Afrika nervös gemacht haben…

Technik, die den Namen noch verdient - Citroen 2CV und er... die überlebenden der CW-fernen Lüftungsklappe

Technik, die den Namen noch verdient – Citroen 2CV und er… die überlebenden der CW-fernen Lüftungsklappe

Wagen wie seiner sind hier keine Seltenheit – Typen wie er auch nicht. Die Frau, die den kleinen Strandpavillion betreibt mit dem gebatikten Zeug, hat einen Land Rover 88, die Typen, die das Euro-Festival hergeholt haben, fahren 2 schwarze TD5s aus der Phase, als BMW bei Land Rover das Sagen hatte – ungefähr das modernste, was Du hier findest.

Wir schwätzen mit einem Typen im Fisch-Imbiss, der uns erzählt, dass er mindestens 2 Leute in Midsland kennt, die ihren Land Rover vererbt haben. Was hier so klar wird wie in keiner anderen Konstellation ist, dass der Land Rover eigentlich einen Schritt in der Evolution gemacht hat, der immer mal wieder erträumt wurde: er ist so etwas wie das herbeigesehnte Langzeitauto. Er geht einfach einen ganz großen Schritt weiter: einen Land Rover ersetzt Du nicht – Du passt ihn einfach Deinen Bedürfnissen an. Land Rover umbauen ist vor allem in seinem Geburtsland England etwas völlig normales. Da wird auch nicht unbedingt geschaut, ob ds mit weltlichen Maßstäben gemessen wirtschaftlich Sinn gibt oder nicht.

Und die Idee hat unser Freund Hagen Hund immer gemocht.