Youngtimer – Zählen, Wiegen, Messen: Autos unserer Kindheit

Dieser Tage stecke ich mit meinem Vater und meinem Onkel wieder mal in einer unserer beliebten Diskussionen – ja, worüber wohl – über Youngtimer [Mann, sind wir eindimensional…]. Und tatsächlich kommen wir wieder mal in Diskussionen und Benzingespräche über all die „Frühers“ [Diesen Plural lässt die Deutsche Sprache eigentlich nicht zu…], die uns über all die Jahre so beschäftigt haben.

Der beige Käfer sah exakt aus wie der (Quelle: Motorvision) - und vermutlich haben wir auch irgendwo Bilder von diesem Wagen - nur, dass mein Vater damals aus Prinzip S/W fotografierte - nicht wegen des künstlerischen Aspektes oder o...

Der beige Käfer sah exakt aus wie der (Quelle: Motorvision) – und vermutlich haben wir auch irgendwo Bilder von diesem Wagen – nur, dass mein Vater damals aus Prinzip S/W fotografierte – nicht wegen des künstlerischen Aspektes oder so… Bei der Ollen Karre allerdings neigte die verchromte Stoßstange stets zu heftigem Flugrost… Wenn ich mir 5 Mark verdienen wollte, hab ich den mit der rauen Seite vom Schwamm weg“poliert“ 😉

Der beige Käfer, den unsere Familie über ewige Zeiten hatte – war der eigentlich damals auch schon ein Youngtimer, obwohl es das Wort nicht gab? Nein – ganz sicher nicht. Herr Schellack aus der Wohnung links unten hat ihn immer „Die olle Karre“ genannt – mit ausnehmend viel Verachtung für dieses Auto. Und wenn er schlechte Laune hatte, hat er mit Kreide Kreise um die Ölflecken [Beim Käfer eigentlich ein eher seltenes Phänomen…] gezogen und das Kennzeichen der Ollen Karre daneben geschrieben.

Er hasste jede Schraube des Wagens und ich glaube, dass er heimlich den Ölstand überprüfte, den Luftdruck checkte, um zu sehen, worüber er sich aufregen könnte – die Motorhaube des Käfers stand jedermann offen…

Solche Blockwart-Nummern konnte man auch nur in den 70er Jahren abziehen… Aber tatsächlich war der Käfer kein Youngtimer – er war ein malträtierter Alltagswagen, den mein Onkel gekauft hatte, mein Vater nach 3 Jahren übernommen hatte, dann meiner Mutter übergeben hatte, die ihn schließlich meiner Schwester weiterreichte, weil „an der ollen Karre“ ja nix mehr kaputt gehen konnte“. In Phasen meiner Teenager Zeiten hab ich dann zuerst befürchtet, der Wagen würde nie kaputt gehen, sodaß ich ihn am Ende wohl auch noch erben würde. Dann begann ich, den ursprünglichen Wagen cooler und cooler zu finden. Schließlich begann ich, ihn in Schuß zu halten damit er überleben würde und ich ihn erben konnte.

Plopp! Schon bist Du ein Klassiker - ohne je ein richtiger Youngtimer gewesen zu sein....

Plopp! Schon bist Du ein Klassiker – ohne je ein richtiger Youngtimer gewesen zu sein….

Als der Tacho bei rund 190.000 Kilometern seinen Dienst versagte, kam mein Führerschein nahe und meine Schwester, die sich absolut nichts aus Autos machte, behielt den Wagen stur, weil auch sie ihn mittlerweile irgendwie cooler fand als irgendeinen blöden Fiesta oder so. Schließlich und endlich fand sie ihn dann irgendwann so verflucht cool, dass sie ihn restaurieren ließ, was ihn übergangslos von der ollen Karre zu einem gepflegten Oldtimer werden ließ, den sie später, ohne ihn mir zu vererben, an irgendeinen irren Sammler verkaufen konnte. Herr Schellack nannte ihn in den letzten Wochen liebevoll „Euren Klassiker“ – eine Unverschämtheit!

Nie wieder half ich meiner Schwester bei irgend etwas am Auto und Herr Schellack starb kurze Zeit später, womit ich ihm nicht mehr böse sein konnte. Seine Frau erbte einen nahezu nagelneuen 3 Jahre alten Golf 3.
Pah!