Die (wahre) Entwicklungsgeschichte des Opel Senator A

Das Tolle an 4.000 Fans und einer langen Historie in dieser Szene ist: Hin und wieder triffst Du mal jemanden oder es kontaktiert Dich einer, der es einfach besser weiß als Du – beispielsweise, weil er damals bei der Entstehung des Senator A dabei war. Na gut – da haben wir auch einige schlechte Erfahrungen gemacht – aber eben auch viele viel sehr gute Erfahrungen mit ein paar wirklich tollen Leuten, denen wir viele unterhaltsame Stunden verdanken. Und so war das auch hier mal wieder ein wenig… 🙂
Bühne frei für Franz – einstiger Opelaner in der Zeit, als die Opel Oberklasse noch die einzige neben Benz in Deutschland war.


Es gibt mehrere verschiedene Geschichten zur Entwicklung des Senator A – die meisten davon sind unwahr und zum Teil idiotisch und halten schon kurzem Nachdenken nicht stand.

Zugegeben - der Admiral war nicht mehr so recht tragbar - auch wenn er heute irgendwie cool wirken mag - am Ende mochten wir ihn nicht mehr so recht

Zugegeben – der Admiral war nicht mehr so recht tragbar – auch wenn er heute irgendwie cool wirken mag – am Ende mochten wir ihn nicht mehr so recht

Ich kam 1973 zu Opel, als die Entwicklungen zu Senator A und Monza A in vollem Gange waren und durfte als dummer kleiner Schlumpf die coolen Jungs am Zeichentisch bestaunen und bewundern, die den Senator entwarfen und anpassten. Vom Monza hab ich zuerst gar nichts mitbekommen, erst, als ich nach 8 Wochen bei Opel und Stationen in diversen Abteilungen so richtig mitmachen durfte. Da fand ich, dass der Monza der totale Killer war – und leider machte ich mich ein wenig unbeliebt, als ich den Verdacht äußerte, dass der Senator den Leuten eventuell vorkommen würde, wie ein zu teuer geratener Opel Rekord und fragte, wie denn die Oberklasse oberhalb des Senator aussehen sollte.monza-explosionszeichnung

Erst in der darauf folgenden Diskussion musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich einen mentalen Fehler begangen hatte: Ich hatte den Senator für den Nachfolger des Commodore B gehalten und hatte anschließend nicht mehr nur Freunde in der Mannschaft. Ich war fortan der Blödmann, der es ausgesprochen hatte. Erst später erfuhr ich von diversen Kollegen, dass diese Diskussion geführt worden war – aber nicht lang. Die Disziplin in diesen Abteilungen ist heute nicht mehr nachvollziehbar- Die Chefs, die damals noch nicht Führungskräfte hießen, waren 1973 um die 50, also um 1920 geboren.

In anderen Worten: Viele hatten ihr Handwerk als Konstrukteure für Kriegsgerät begonnen – in der NS-Zeit, da wurden Befehle nicht hinterfragt wie in einem IT-Startup, wo auch der Pizzabote mitreden darf!opel-senator-03

Der Begriff „Zum Lachen in den Keller gehen“ muss damals irgendwann geprägt wurden sein…

Aber tatsächlich ist die Commodore-Geschichte eine der Geschichten, die oft tradiert werden: Angeblich sei der Senator ursprünglich als Commodore entwickelt worden und dann bei internen Vorführungen als hochwertiger wahrgenommen worden – und schwupp, machte man ihn zur Oberklasse. Was für ein unglaublicher Unsinn… Interne Vorführungen gab es damals einerseits noch gar nicht – und wenn, hätte ihretwegen niemand die Strategie geändert.

Ebenso falsch: Die Entwicklung des Senator A wurde später oft ganz anders beschrieben – so, als habe sie weit weit später begonnen, nämlich erst 1975. Das ist ebenfalls dummes Zeug und unwahr. Wer so etwas schrieb, hatte keine Ahnung, wie aufwändig die Entwicklung eines solchen Wagens ist. Viele wollten damit aus meiner Sicht die Mär nähren, die besagte, dass der Opel Senator A ein Notstopfen war und in Panik quasi ein paar Monate vor der Premiere aus der Erkenntnis heraus entwickelt wurde, dass niemand den Diplomat C kaufen würde – also nahm man sich angeblich einfach den fast fertigen Rekord E und schraubte einen Chrom-Grill dran. Die Geschichte wurde später oft und gern von Ahnungslosen erzählt – ist aber nicht wahr.

Opel Senator A

Steigen Sie ein, Chef

Richtig ist aber sehr wohl, dass parallel an einem Diplomat C gearbeitet wurde – wohlgemerkt nicht an einem neuen Kapitän oder Admiral. Ich habe damals auch die Geschichte gehört, dass der Senator zunächst der Ersatz für Kapitän und Admiral sein sollte, die ja unter dem wirklich noblen Opel Diplomat rangierten. Das hingegen ist kein Quatsch. Effektiv gab es zu der Zeit 3 Entwickler-Gruppe: Rekord E und Commodore C, die den Ersatz für Rekord D und Commodore B entwickelten – Senator A & Monza, die die Nachfolger für Kapitän und Admiral entwickelten – Und das Diplomat C-Team, das den Nachfolger des Diplomat B entwickelte. Das ging so weit, dass wir damals irre genug waren, einzelne Teile, wie etwa den Öffnungsmechanismus der Fronthaube, doppelt zu entwickeln…

Aber die Entwicklung an Senator A und Monza A startete keinesfalls erst 1975 – das ist kompletter Unsinn, was jeder bestätigen kann, der schon mal einen Wagen entwickelt hat. Seat hat für die Entwicklung, Erprobung und Abstimmung des Seat Exceo 19 Monate gebraucht – und der war praktisch fertig, als sie angefangen haben, weil er als Audi A4 verkauft wurde. Da hätten wir ohne lässige Computer einen Senator in 24 Monaten aus dem Boden gestampft…?

Eben.

Das vielleicht bekannteste und wichtigste Foto des Senator

Das vielleicht bekannteste und wichtigste Foto des Senator

Wahr ist aber, dass ich auf der Weihnachtsfeier 1974 das erste Mal hörte, dass es keinen Diplomat C mehr geben sollte – und kurz darauf wurde das offiziell und unser Bereich wurde mit wütenden Ingenieuren bereichert, deren Oberklasse nun nie in Serie ging. Viele von denen waren jedoch auch froh: Der Opel Senator A erschien damals vielen Leute vollkommen richtig – er brachte uns Opelaner weg von den V8-Motoren und der Abhängigkeit von GM, die damals schon als falsch angesehen wurde. Er sollte europäischer werden. Viele glaubten, dass der Diplomat zurecht kein Verkaufserfolg mehr war, weil ihm die Ölkrise das Genick gebrochen hatte. Und wir waren alle gehalten, den Wagen so zu bauen, dass er kein Säufer wurde. Was im übrigen gelang – und nicht nur das.

Hinzu kam auch ein wichtiger Faktor: Die Ölkrise war ein fundamentaler Schock – die machte uns zu schaffen. Wer also auf Wikipedia schreibt, Opel wollte keinen Oberklassewagen mehr entwickeln, weil man zu dem Schluß gekommen war, dass ein Massenhersteller das nicht könne, der ist ein Narr und alten Mythen aufgesessen. Das genaue Gegenteil war der Fall: Der Senator war in unserer Diktion eher die kluge Alternative geworden. Wir glaubten, dass die nächste Generation der Oberklasse genau so aussehen würde. Die GM-Leute hatten ihre Autos massiv geschrumpft und experimentierten mit Frontantrieb und Vierzylinder-Motoren – wir waren sicher, dass der Nachfolger des W116 unmöglich ein solches Schiff sein könne! Und so war der Senator schon sehr sehr ernst gemeint.

Meine Meinung kann nicht objektiv sein, weil ich viele Abstimmungsfahrten selbst durchführen durfte – aber im Gegensatz zu den Urteilen und Behauptungen der Motorpresse – allem voran der aus Stuttgart – konnte der Senator A SEHR WOHL mit den Oberklasse-Fahrzeugen des Jahres 1977 mithalten – wir müssen uns mal kurz vergegenwärtigen, von welchen wir da sprechen: Effektiv waren das die S-Klasse W116, die dem Ende ihrer Bauzeit entgegen ging und der BMW 7er. Da der 7er noch nicht auf dem Markt war, hatten wir 2 S-Klassen in einer Garage am Untertaunus, mit der wir Vergleichsfahrten durchführten, vorwiegend rund um Schmitten. Dazu einem großen BMW E3.

Klar gegliedert und sicher nicht überfrachtet - aber eben nicht das Hightech-Ding, das die Klasse gebraucht hätte - da lagen wir einfach falsch

Klar gegliedert und sicher nicht überfrachtet – aber eben nicht das Hightech-Ding, das die Klasse gebraucht hätte – da lagen wir einfach falsch

Und da muss man ganz klar sagen: Der Senator A war in seiner Gesamt-Abstimmung besser als die Mercedes S-Klasse des Jahrganges 1975, die wir zu Vergleichszwecken hatten. Die fuhr sich vergleichsweise vage und schwammig – der Senator war viel sportlicher, ohne hart oder aufdringlich zu sein – zumal mit den breiten Reifen, die wir damals verwenden wollten, die uns aber später gestrichen wurden. Die Sitze waren besser (sahen allerdings in ihrer finalen Form zu sehr nach Rekord E aus…) und die Geräuschdämmung war kein bisschen schlechter. Bei hohen Geschwindigkeiten war unsere Oberklasse leiser als der 280er und der 350er – und zu allem Überfluss: fahrdynamisch überlegen, weil die S-Klasse nicht gerade ein Leichtgewicht war. Auf Nässe und Schnee deklassierte der Opel Senator A die S-Klasse ebenso, die tatsächlich nur gefühlt besser war, wenn es um die ganz hohen Geschwindigkeiten ging. Und: Mercedes baute einfach die bessere Automatik – da kamen uns immer die Tränen, da waren wir schwach damals und auch beim Senator B noch nicht auf Augenhöhe.

Der eigentliche Fehler lag mit Sicherheit nicht im objektiven Bereich – er lag im Image. Der Senator kam zu sehr wie Brot und Butter rüber – hier war der Diplomat auch schon nicht richtig gut gewesen, der Senator machte  den Fehler wieder. Als ich hier die Mannesmann-Geschichte las, kamen mir echt die Tränen. Genau so hätten wir es damals machen sollen! Zur Upper-Class bekennen! Wir hätten den Senator deutlich verlängern und verbreitern müssen, größer daherkommen lassen sollen und irgendeinen moralischen Siegerposten haben müssen. Einen kleinen V8 vielleicht (den GM gehabt hätte) oder den 3,6 Liter bauen, der lange Zeit in der Entwicklungsphase zur Debatte stand. Mit 225PS hätte der auf dem Level des 450ers gelegen oder in den frühen 80er Jahren auf dem Niveau des Mercedes 500SE, der es auch nur auf 231PS brachte – bei höherem Gewicht (und besserer Aerodynamik, na gut). 235PS standen lange auf unserer Entwicklungs-Tafel, um einen Motor zu haben, der stärker war als der späte 5.4er V8 im Diplomat B mit seinen damals gigantischen 230PS.

Innenleben

Innenleben – irgendwie hätten wir einen größeren Motor reinbekommen – am liebsten hätten wir den Wagen in der Mitte verbreitert..

Wer den Motor gestrichen hat, weiß ich nicht – ich war zu der Zeit ein zu kleines Licht – aber es löste auch in der disziplinierten Abteilung ein Murren und mehr aus. Bei der Zigarette sprach man darüber und traute sich mal zu sagen, dass „Die da oben“ nicht begriffen, was am Markt vor sich ging. Mercedes hatten den W116 mit dem 450er Motor ausgestattet – Ölkrise hin oder her – und den 6.9er hatten sie nachgeschoben! BMW kam mit dem 252PS Turbo – das wussten wir auch schon vor dem Start der 7er Reihe sehr genau. Das waren die Kämpfe, die man gewinnen musste. Aber Opel haderte mit dem V8 – der klang so sehr nach USA und sorgloser Sprit-Verschwendung und passte eben nicht zu der clevern Idee einer kompakteren Oberklasse, mit der wir uns abheben wollten. Tatsächlich wurde die Option eines 4 Liter R8 – eine Dopplung des 2.0E diskutiert, was natürlich Unsinn war und unter keine Motorhaube der Welt gepasst hätte. Aber die Kollegen haben das damals vorsichtshalber schon mal gezeichnet (sah super aus!) und dann verworfen. Wette, das hängt heute noch irgendwo in einem Party-Keller in Hofheim oder so – leider nicht in meinem…

Und dann kam die Stunde der Wahrheit: Gezielte Indiskretionen.

Teil 2




15 Gedanken zu „Die (wahre) Entwicklungsgeschichte des Opel Senator A

  1. Hallo, danke für die Entwicklungs-Geschichte über Senator A/Monza ! Sehr interessant einmal die richtige Wahrheit zu lesen. Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung. Gruß

  2. Ich hab genau diese Geschichte von meinem Opa in den frühen 80er Jahren immer gehört – den kennen Sie wahrscheinlich: Gerhard Bürger, Jahregang 1934. Die Commodore Geschichte, wie sie oft zu lesen ist, hat ihn unglaublich aufgeregt.

  3. Die Commodore Geschichte, die immer erzählt wird, ist so blödsinnig! Solche Vorführungen gab es erst Mitte der 80er – da war der Commodore längst Geschichte… Und selbst,wenn dieser Unsinn wahr wäre: Wann hätten dann all die weiteren Entwicklungen stattfinden sollen? Auch damals wurde Autos ja schon langwierig erprobt….
    Mir hat diese Version der Geschichte 1987 jemand in einer Schrebergarten-Anlage in Herne erzählt, Mitarbeiter aus dem Werk Bochum, dürfte heute so um die 75 sein, schätze ich. Ich wundere mich seitdem dauerhaft, dass Opel diese Cleverness aberkannt wird…

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