Winter 1978 / 79 – der wahre Youngtimer-Test

Wer in den 70ern aufgewachsen ist, der kann sich an den Winter 78/79 erinnern – ein Jahrhundertwinter. Da hat jede Familie eines dieser Bilder im Album, auf dem die Kinder in schwarz weiss neben einem riesigen Schneehaufen stehen und halbe Landstriche praktisch von der Zivilisation abgekoppelt waren.

So erinnert sich die Presse an den Winter 78/79 - diese Bilder sind nicht gefotoshoped - so sah das damals wirklich aus

So erinnert sich später die Presse an den Winter 78/79 – diese Bilder sind nicht gefotoshoped – so sah das damals wirklich aus

Das kann man sich heute wirklich kaum noch vorstellen – aber wir Kinder hatten damals irgendwie ständig Kältefrei. Und ich wohnte damals nur 8 Geh-Minuten weg von der Grundschule und hätte den Weg notfalls auf Händen oder Stelzen geschafft – das beste Schuljahr meines Lebens – denn selbst, wenn Du selbst den dicken Scout auf den Rücken schnalltest und artig um 07:40 da warst – deine Klassenlehrerin war es garantiert nicht… 😉

Aber es war natürlich auch das Jahr des automobilen Materialtests. Allrad-Antrieb? Hatte damals kein Mensch… Aber wenn man mich fragt: es kann kein Zufall sein, dass der Lada Niva in diesem Jahr erschien…

Für unsere Familie war es das erste Jahr ohne Käfer – das erste frontgetriebene Jahr, denn wir hatten im Sommer 1978 unseren ersten Passat bekommen. Dieser Entscheidung waren lange Diskussionen mit Onkel Paul vorausgegangen, die ich als Kurzer nicht nachvollziehen konnte – die Frage, ob man die hinteren Räder eines Wagen antreiben wollte oder die vorderen, hatte schier religiöse Züge angenommen, bevor mein Vater mich eines Samstags Morgens brutal früh weckte und wir nach Wolfsburg fuhren und einen cliffgrünen Passat als Jahreswagen erwarben, während Onkel Paul eine Woche später seinen Kadett B von 1971 gegen einen nagelneuen Opel Ascona B eintauschte, der mir als Kind immer irgendwie repräsentativer erschien als der Passat.

Das permanente Vorhandensein von Schnee - und das über Wochen, kann man sich heute kaum noch vorstellen

Das permanente Vorhandensein von Schnee – und das über Wochen, kann man sich heute kaum noch vorstellen

Jetzt muss man eines verstehen: Mitte der 70er Jahre lebten wir in einer anderen Welt – einer Welt ohne mobile Flatrates und stets verfügbaren Informationen und Ähnlichem – da regierte die Stimme des Stammtischs! Und ein Wasserwecken kostete 20 Pfennig, wie Onkel Paul auch Jahrzehnte später noch mitzuteilen wusste. Ich mochte Wasserwecken nicht.

Fakt war jedenfalls: Winterreifen galten in den 70er Jahren – trotz Schneefalls – als überbewertet. Echte Männer kamen auch ohne Winterreifen durch den Schnee – alles eine Frage des fahrerischen Könnens… Kein Wunder, dass der 7. Sinn damals Rekordeinschaltquoten erzielte…

Auf unserem Käfer hatten wir lange Zeit gebrauchte Winterreifen von Onkel Paul gehabt – die vom 1200er passten auf unserem 1302er mühelos. Für unseren Passat hingegen hatte mein Vater gespart und auf Winterreifen verzichtet. Der Frontantrieb sollte ja Wunder wirken. Aber der Winter 1978 machte schnell klar: Auch wenn Du gerade 10.200 DM in Wolfsburg gelassen hattest: Das Geld für die Winterreifen würdest Du hinterher schieben müssen. Papa verkaufte die Winterreifen des 1303 für teures Geld – Kunststück: An dem Tag bauten meine beiden Brüder und ich ein Iglu im Hinterhof….

Wir fuhren noch am selben Tag schweißgebadet über geschlossene Schneedecken auf unseren Sommerreifen zu Reifen Schröder und ließen Winterreifen montieren – auf den Sommerfelgen wohlgemerkt… Damals nicht unüblich – 145er Schluffen – heute gibt es Motorräder mit breiterem Gummi…

In Norddeutschland kamen Mann und Maus zum Einsatz, um die Zivilisation zurück zu erobern

In Norddeutschland kamen Mann und Maus zum Einsatz, um die Zivilisation zurück zu erobern

Onkel Paul überlegte noch ein Zeit lang. Wie immer hatte er 4 Säcke Grab-Erde im Kofferraum, die Last auf die Antriebsachse legten. Irgendwann an einem Mittwoch früh aber machte sich auch Onkel Paul auf die Reise (6,2 Kilometer) zu Reifen Schröder. Er kam jedoch nur bis zum Bahnhof, wo ihn der Mut verließ, er den Wagen verschloss und die 2 Kilometer zu Tante Friedel zurück zu Fuß heim lief. Von dort startete er Donnerstags erneut und schaffte es bis zur freiwilligen Feuerwehr, bevor der Schneefall erneut einsetze und sein Ascona B Asyl hinter dem Leiterwagen fand.

Freitag traute Onkel Paul sich dann schließlich doch noch die Strasse zum Reifenhändler runter – und wie erwartet….  …ging das total schief. Der heck-getriebene Wagen kam bergab in einer Kurve ins Rutschen, schlitterte zunächst gegen eine Leitplanke und rutschte dann bergab in eine Garageneinfahrt – zum Glück ohne weiteren Schaden anzurichten – aber Frontkotflügel und hintere Stoßstange waren hin; eigenartiger Weise nicht mehr.

Am selben Tag rutschte mein Vater in der Dämmerung in eine Schneewehe, die zwar weich war, aber einen Pfosten verbarg, der die Stoßstange hinreichend verbog. Eine schöne Chrom-Stoßstange wohlgemerkt – und der ohnehin winzige Blinker des Passat musste dran glauben. Mein Vater hatte sich schlicht überschätzt. Als Onkel Paul bei uns anrief, um zu fragen, ob wir ihn zum Reifenhändler hochschleppen könnten, musste mein Vater passen, weil der Wagen in der Werkstatt stand. Also bot sich einen Tag später mein Nenn-Onkel Horst an. Der fuhr einen sehr gealterten Käfer mit Reifen, die auch einem Traktor zur Ehre gereicht hätten und schaffte Onkel Paul mühelos hin zu seinen Winterreifen.

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Am selben Tag jedoch wagte er sich mit diesen entschieden zu harten Reifen auf die A46 und verunfallte spektakulär am gefrorenen Kreuz in der Nähe des Wuppertaler Zoos. Nach dem Winter kaufte er sich nach der Nahtoderfahrung in dem kleinen Wagen den Gegenentwurf: einen Ford Granada, der ihm subjektiv sicherer erschien. Aus heutiger Sicht sicherlich auch kein Wagen, mit dem man einen ernst zunehmenden Unfall haben möchte… Aber damals galt: Je mehr Blech, desto sicherer.

Und als ob das nicht genug gewesen wäre für einen einzigen Winter: Der Audi 50 von Onkel Pauls Frau, zu dem Zeitpunkt gerade 2 Jahre alt und keine 10.000 Kilometer drauf, überlebte den Winter auch nicht. Jedoch war meine Tante zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Wagen. Sie wollte uns von der Schule abholen und davor noch schnell zur nahe gelegenen Volksbank, hatte sich keine 10 Meter vom Auto entfernt, als sich vom Dach des Gymnasiums die Lawine des Jahrhunderts löste, diverse Dachpfannen mit sich riss, auf dem Weg nach unten die große Scheibe des Physiksaals zerschmetterte (Einfachglas!) und dann – nach rund 15 Meter freien Falls – auf dem kleinen Dach des kleinen Audi 50 zum Liegen kam. Das Dach leistete nicht viel Widerstand – der Wagen war auch aus großer Entfernung leicht als Totalschaden zu erkennen.

Machte eigentlich einen ganz knackigen Eindruck - aber mehreren Tonnen Schnee aus zig Metern Höhe hatten die A und B Säule nichts entgegen zu setzen

Machte eigentlich einen ganz knackigen Eindruck – aber mehreren Tonnen Schnee aus zig Metern Höhe hatten die A und B Säule nichts entgegen zu setzen

Ich saß in der Grundschule schräg gegenüber und versuchte, dem Sachunterricht interessiert zu folgen – aber nach diesem spektakulären Vorfall zogen wir unser Jacken an, gingen nach draußen und unsere Sachkunde-Lehrerin nutze die Gelegenheit, uns am Beispiel des Audi 50 meiner Tante etwas über Materialien zu erklären, während der Direktor meines späteren Gymnasiums meine Tante mit bemerkenswert großen Mengen Cognacs ruhig stellte – was nötig war, da ihr aufging, dass auch sie ihre eigene Nahtod-Erfahrung gehabt hatte – 10 Sekunden später ausgestiegen und die Lawine hätte nicht die Kopfstütze zerschmettert, sondern Schädel und Genick meiner Tante.

Meine Erinnerung ist geprägt von Schneebergen, so hoch wie ich selbst und höher. Ebenso sehe ich vor mir driftende Autos als eine Art Normalzustand und ich erinnere mich, dass wir Kinder von den Müttern angehalten wurden, auf der Strasse zu gehen, damit uns keine Lawine traf. Wir Kinder spielten „Rutschauto“ mit unseren Schlitten und Ketcars, was gar nicht leicht war. Angefangen bei der Idee, dass Ketcar Fahren im Tiefschnee bei unseren Eltern auf wenig Gegenliebe stieß. Ich erinnere mich, mit unserem Fußballtrainer Kevin (dessen Eltern hatten ihm nicht viel zu früh den Deppen-Namen der 90er gegeben, Kevin war Brite) in seinem 71er Ford Escort ständig über den Schnee gerutscht zu sein – links, rechts, quer – als wäre es das normalste von der Welt. Am Ende des Winters stieg Kevin dann tatsächlich auf einen VW Golf um, der auf Schnee geradeaus fuhr – was wir Kinder blöd fanden. Aber der Unterschied war schlicht gigantisch! Das kann man sich heute nur noch ganz schwer vorstellen.

Der Stoff, aus dem Kinderträume in den 70er Jahren waren: driftende Ford Escort mit kurzem Radstand und Heckantrieb. Im Winter 1977 / 78 konnte man das wochenlang trainieren - und mit uns auf dem Rücksitz

Der Stoff, aus dem Kinderträume in den 70er Jahren waren: driftende Ford Escort mit kurzem Radstand und Heckantrieb. Im Winter 1978 / 79 konnte man das wochenlang trainieren – mit uns auf dem Rücksitz

Dass halb Norddeutschland damals phasenweise von der Zivilisation abgeschnitten war, bekamen wir als Kinder praktisch gar nicht mit – unser Welt war überschaubar und fand vor der Haustür statt. Es war der erste Winter, in dem ich drei paar Handschuhe hatte, weil immer eines auf der Heizung lag, die kurz zuvor unsere Öl-Öfen ersetzt hatte.

Nach dem Winter stiegen damals unglaublich viele Leute in unserem Umfeld auf Frontantrieb um, daran erinnere ich mich gut. Nur Onkel Paul wartete bis 1982 und erwarb dann den Ascona C als Schrägheck – mit dem sein 18jähriger Sohn sich später in einem Schneesturm überschlagen sollte – aber das ist eine andere Youngtimer-Geschichte.

Diese und weitere Youngtimer-Geschichten im Sammelband.




9 Gedanken zu „Winter 1978 / 79 – der wahre Youngtimer-Test

  1. Jaaa, ich kann mich errinnern wieviel Schnee es in den 70er und 80er gab. Da wurde noch frühmorgens am Radio gesessen und gewartet bis der Radiomoderator duchsagte „Nordrhein Westfalen“ aufgrund des Schneefalls schulfrei. Kann auch sein das nur der Kreis genannt wurde, ja, lang ist es her und schön war es 😉

  2. „Da hat jede Familie eines dieser Bilder im Album, auf dem die Kinder in schwarz weiss neben einem riesigen Schneehaufen stehen …“

    Ich glaube, du verwechselst da was. In den Jahren 1978/79 hat so ziemlich jeder bereits seit Jahren in Farbe fotografiert.
    Deshalb könnte ich nur mit Fotoalben voll mit Farbbildern dienen, genauso wie meine Verwandten übrigens auch. Nur weil die Pressebilder oben schwarzweiss waren, heisst das nicht, dass dies damals noch Standard war. In Autozeitschriften, wie z.B. „AutoZeitung“, war es allerdings noch bis Mitte der 80er üblich Bilder in schwarzweiss zu drucken, was allerdings primär wirtschaftliche Gründe hatte.
    Nur so am Rande von einem „Zeitzeugen“.

    1. Ich als Zeitzeuge stamme aus einer Familie, die bis in die 80er Jahre hinein Schwarzweiss fotografiert hat. Hab mir eben mal den Spaß gemacht, in das Familienalbum meiner Frau zu blicken – Einschulung Gymnasium 1982: Schwarz-Weiss…. Ganz so flächendeckend war die Farbfotografie da vielloeicht doch nicht.

      1. Das Fernsehen war auch s/w. Der alte Grundig lief und lief, also gab es keinen Grund einen neuen (Farb)fernseher zu kaufen. Ich glaube, heute nennt man so etwas nachhaltig…oder oldschool?

  3. Für diesen Winter wurde ich zu spät geboren – aber erkenne ich auf einem der Fotos einen LKW W50 (DDR-Fabrikat)?

  4. Ja ist ein Armee W 50. War schließlich mein Fahrschulauto :-). Im Osten war in diesem besagten Winter alles im Einsatz was laufen und Schnee schippen konnte :-). Ich war da noch Kind. Erinnere mich aber an die Schneeberge neben der Straßenbahn, Wenn sie denn fuhr. Ganz schlimm war es an den Küsten.

  5. In dieser Jahrhundertwinter heiratete die alten. Auch Dänemark war davon betroffen, und zwar stark! Ich selbst war keine 5 Monate alt, und kann mich daher nicht so richtig erinnern. Jedoch: Keiner konnte aus dem Hochzeitfeier zurück, indem in Mittjüttjland so viel Schnee viel, dass Nordjütland quasi abgeschnitten wurde – und im Radio was zu hören, die Fähren (damals gab es noch keine Storebæltsbrücke) konnten durch die Eismassen nicht mehr durch; die Eisbrecher waren in Øresund und den damals noch wichtigen komerziellen Binnenhäfen auf Fünen uns Seeland beschäftigt. Aus der Hochzeitfeier wurde somit eine 3tägige Ereignis, bevor die Schneemassen besiegt wurden, und die Fähren wieder segeln konnten. Damals fuhr der Senior noch DS, und war somit ein ziemlicher Winterkönig – die Göttinnen konnten, wie später die CXe, dank Hydropneumatik und ausgeklügelter Bauweise, selbst richtig harsches Winterwetter ab.

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