Youngtimer im Fokus: Mercedes Benz W210

1995 geschah designerisch etwas bizarres in der Premium-Klasse: Nachdem Mercedes seine Doppelscheinwerfer traditionell hinter einem durchgehenden Glas verbarg und BMW die doppelten Lichter immer offen zeigte, stellte BMW einen 5er vor, dessen vier Lampen geschlossen hinter Glas lagen – und Mercedes befreite seine Lampen und kam mit dem Vieraugengesicht bei der E-Klasse vom Typ W210.

Da muss man sich bis heute fragen, ob die sich damals nicht abgesprochen haben.

W210 Promo

Ja… so ein W210 macht schon etwas her – auch wenn sich nicht alle Kunden gleich mit dem Vieraugengesicht anfreunden wollten

Die neue Vieraugen-E-Klasse trat gleichzeitig 2 schwere Erben an. Einerseits war sie die Nachfolge des W124, der in dieser Klasse seit immerhin 11 Jahren als das Maß der Dinge galt – jedoch vom BMW E34 erstmals massiv in die Zange genommen worden war – da bestand Handlungsbedarf. Gleichzeitig musste Mercedes den W140-Flop kompensieren, der vielen Käufern als S-Klasse zu groß war. Die brauchten eine größere E-Klasse, bis die neue S-Klasse kam. Hier standen also jede Menge Pflichten im normalen Geschäft an. Im Taxi-Geschäft hatte Audi heftig gewildert mit dem neuen Typ 100, der gerade zum A6 facegeliftet worden war und den das Taxigewerbe zu schätzen gelernt hatte, seit 1990 das neue Modell auf die Strassen gekommen war. All das prasselte auf die Entwickler des Mercedes W210 ein.

Und als der Mercedes W210 1995 auf den Markt kam – der W124 sollte als Kombi zunächst noch weiterlaufen – da schien Mercedes zunächst einmal eine Menge richtig gemacht zu haben.

Der Kofferraum des T-Modells definierte "unschlagbar groß" vollkommen neu - da wurde manch einer der gerade aufkommenden Vans blaß -knapp 200 Liter gehen in so einen mächtigen Benz

Der Kofferraum des T-Modells definierte „unschlagbar groß“ vollkommen neu – da wurde manch einer der gerade aufkommenden Vans blaß -knapp 200 Liter gehen in so einen mächtigen Benz. Der 7 Sitzer, wie hier im Bild, ist gar nicht mal so selten – aber eher was für junge Mitfahrer mit belastbarem Magen

Der Mercedes W210 war repräsentativ geworden, stand breit da und erhielt zunächst einmal hervorragende Kritiken: Leiser war die E-Klasse geworden, lag satter bei hohen Autobahngeschwindigkeiten und bot für das Taxi-Gewerbe mehr Raum vor den Rücksitzen – alle freuten sich auf den Kombi, der riesig werden sollte. Verhalten nur die Reaktionen der Käufer, denen der Wagen ein wenig zu teuer geraten war. Das kannte Mercedes schon vom Strichachter und vom W123 und W124 in ihren ersten Wochen – das schockte niemanden so recht. Hinzu kam: Die Ausstattung war mit Fensterhebern rundum und ähnlichen Features deutlich kompletter geworden – Mercedes rechnete öffentlich vor, dass der Wagen so genau genommen billiger geworden war.

Schnell jedoch sprach sich auch herum, dass der Mercedes in der Herstellung zwischen 20 und 27% billiger geworden war. Da fragte sich nun wirklich jedes Milchmädchen, wie das genau gehen sollte, ohne an irgendwelchen wichtigen Dingen zu sparen. Und die Zweifler behielten Recht…

W210 ROST

Irgendwann gab es eine Erklärung zum Thema Rost, die keiner so recht glauben mochte – die bösen Bakterien waren es… Die meisten glaubten lieber das Naheliegende: Mercedes hatte den Wagen zu Hyundai-Kosten hergestellt und ihn anschließend zu Benz-Preisen verkauft

Nach kurzer Zeit stellten sich die ersten Probleme ein. Und die wurden enorm schnell öffentlich, denn da stimmte vieles nicht am stattlichen Benz, war vieles so gar nicht E-Klassig benzig und hochwertig – im Gegenteil. Da lösten sich Innenkotflügel, da streikten Fensterheber, da lösten sich Verkleidungen und ähnliche sichtbare Späße – und während Mercedes sich gerade mit den Problemen des Serienanlaufs herausreden wollte, da trafen Fotos der ersten rostenden W210er neuwagen in den Redaktionen der Auto-Zeitschriften ein.

Und zwar nicht das eine oder andere – hunderte. Und nicht solche, wo man mal flugs drüber polieren konnte. Der W210 rostete wie der Strichachter der frühen Baujahre. Ein Desaster.

Selbst wirklich gute und gepflegte Exemplare kosten zur Zeit so wenig, wie nie ein großer benz vor ihnen - und der Wagen fährt sich immer noch toll. Der 7 Sitzer, wie hier im Bild, ist gar nicht mal so selten - aber eher was für junge Mitfahrer mit belastbarem Magen

Selbst wirklich gute und gepflegte Exemplare kosten zur Zeit so wenig, wie nie ein großer Benz vor ihnen – und der Wagen fährt sich immer noch toll.

Während Mercedes heimlich still und leise ganze Fuhrparks neu lackieren musste, stellte sich zudem heraus, dass der Wagen nicht nur an den absurdesten Stellen rostete (und dass Mercedes das nicht wirklich in den Griff bekam), sondern sehr bald machte auch die Runde, dass an weniger gut sichtbaren Stellen Schweißnähte betroffen waren und plötzlich versank hier und da ein Federbein in der braunen Masse – und nun wurde es also wirklich gefährlich….

Hinzu kam, dass das Zitat eines großen Mercedes Händlers die Runde machte, der W210 sei verarbeitet wie ein Traktor im albanischen Hinterland – das zitierte jeder Journalist gern, oft auch aus dritter Hand. Und Obwohl Mercedes nun wirklich in die Vollen ging und die technischen Probleme behob, wurde die Rost-Thematik kritischer und stellte sich zudem als Serien-Streuungs-Problem dar. Einzelne Modelle waren schlicht gar nicht betroffen. Limousinen zunächst mehr als Kombis, dann irgendwann umgekehrt. Ein Alptraum.

Unter der kleinen Abdeckung verbirgt sich eine echte Mercedes-Legende: Eine kleine Kurbel, mit der das elektrische Schiebedach im Notfall manuell geschlossen werden kann - wenn beispielsweise mal wieder irgendein mysteriöser Kreischstrom die Batterie leergefressen hat

Unter der kleinen Abdeckung verbirgt sich eine echte Mercedes-Legende: Eine kleine Kurbel, mit der das elektrische Schiebedach im Notfall manuell geschlossen werden kann – wenn beispielsweise mal wieder irgendein mysteriöser Kriechstrom die Batterie leergefressen hat

Dass das irgendwann noch die nagelneue A-Klasse beim Elch-Test umkippen sollte, war ein Presse Desaster – die Probleme mit der E-Klasse W210 waren eigentlich die größeren Sorgen und ließen sich auch beileibe nicht beheben.

Als Mercedes der Ursache des Rosts auf die Spur kam oder zumindest eine plausible öffentliche Erklärung abgeben konnte, die aber im Grunde klang wie „Wir waren  es nicht und ausserdem hat mein Hund die Hausaufgaben gefressen,“ war der Ruf der E-Klasse ziemlich hinüber. Und das nicht ganz zurecht. Wer sich heute nach W210 Youngtimern umschaut, der stellt sehr wohl fest, dass es gute Exemplare der ersten Serie gibt, die auch sehr gepflegt sind – zumindest als Limousinen mit Benzinmotor. Fair betrachtet: Der W210 ist zu schnell ein Billigauto geworden – im schlechtesten Wortsinne. Er wurde verheizt, weil er billig war. Wie gesagt: da gibt es Ausnahmen.

Einfach ein top Arbeitsplatz, so ein Benz-Cockpit - bei der klackernden Automatik angefangen

Einfach ein top Arbeitsplatz, so ein Benz-Cockpit – bei der klackernden Automatik angefangen

Und eins muss man ganz klar sagen: Ein tolles Autos ist der Wagen trotzdem – und das oftmals für erstaunlich wenig Geld. Auch heute fährt der Wagen sich noch angenehm elitär und hat viel des ursprünglichen Daimler-Spirits, den man wirklich nur dort so richtig findet – angefangen beim Klacken der Automatik, wenn Du auf D gehst… Der Wagen hat eine tolle Strassenlage – auch heute noch, da gibt es wirklich nichts zu meckern. Viele andere Wagen haben diese Mischung aus seriösem Komfort, ausreichender Agilität und Dynamik, nie erreicht – und das vor allem ohne Härte im Fahrwerk. Die Sitze sind ein Traum. Vor allem jene, die mit der Luftunterstützung gekauft wurden. Die sind ein wenig anfällig, aber ansonsten waren sie ihrer Zeit unfassbar weit voraus. Die Materialien, wie sie etwa im Kofferraum verbaut wurden, sind sorgsam ausgewählt und solide – der Kombi hat gar eine Wendematte für verschiedene Schmutzarten – typisch Benz!

w210-linieUnd doch hassen ihn alle, weil es ihm eben an der knallharten Solidität des W124 fehlt in den meisten Fällen. Und nachdem Daimler das Rostproblem hatte, die A-Klasse umgefallen war und das Facelift alles besser machen sollte, kam die Modellpflege, die mehr Plastik brachte, den originalen Mercedes-Tacho vermissen ließ und alles in allem zuviel anfällige Elektrik und Elektronik brachte – und die ging kaputt, wie nach kurzer Zeit jeder Taxifahrer der Erde wusste. Diese Modelle wirken einerseits nicht wie Youngtimer, vor allem innen – sie sind es eigentlich auch nicht, weil ihre Komplexität im Durchschnitt einfach höher ist. Die Birnen der zu klein dimensionierten Lampen rundum brennen bis heute durch – und zwar ständig.

Die Standheizungen sind der letzte Mist und lecken in Richtung Kühler, man könnte das fortsetzen… Ein tolles Fahrgefühl vermittelt er dennoch, wenn man den Rost vergisst und die anderen Unzulänglichkeiten, denn konzeptionell war der Wagen toll und macht es einem leicht, ihn heute zu mögen.

Am Ende ist er dennoch kein wirklich erstrebenswerte Youngtimer – oder zumindest nur in wenigen Ausnahmefällen. Schade.