Volkswagen T4 – kein richtiger Bulli mehr?

In meinen Uni-Jahren gab es immer noch eigenartige Zeitgeist-Typen, die ihre Zigaretten selbst drehten, ihrem eigenen Guevara-Klischee folgten, sich gerne auf Diskussionen über Andreas Baader und Sartre einließen und auch sonst den Schuß nur so halb gehört hatten – die fuhren 2 Autos: Einen Strichachter als Diesel oder einen VW T2 – den Bulli, gebaut von 1967 bis 1979 in allen erdenklichen Formen und Farben – und stets untermotorisiert. Damals galt der eckige T3 schon ein wenig als Sakrileg – zumindest, wenn Du diese Typen fragtest – und der 1990 erschienene Volkswagen T4 wurde keiner ernsthaften Reaktion gewürdigt – der ging gar nicht, obwohl diese Floskel damals noch nicht verwendet wurde.

Gut... der letzte heckgetriebene Bulli war an Coolness und Lifestyle wohl nicht so einfach zu überbieten...

Gut… der letzte heckgetriebene Bulli war an Coolness und Lifestyle wohl nicht so einfach zu überbieten…

Mittlerweile sind die ältesten Modelle 26 Jahre alt – Zeit, umzudenken?

Das erste Mal, dass ich den VW Bulli T4 gefahren bin, ist nicht viel länger her – das war während eines Ferienjobs, bei dem ich unter anderem viel mit dem T3 fuhr und dann noch viel mehr mit dem T4 – den fanden die richtigen Kerle nämlich blöd, weil der Frontantrieb hatte – das allerletzte, wenn man den echten Kerlen glaubte. Am ersten Tag zeigten sie mir etwas lustiges: Die 2 Liter Benziner, von denen die Firma mehrere frisch gekauft hatte, waren nach dem Kaltstart so schlapp auf der Brust, dass sie aus gingen, wenn Du hektisch nach links und rechts lenktest und somit die Servolenkung beanspruchtest, die ihrerseits beim ersten Lenkradeinschlag die Leerlaufdrehzahl nach unten trieb und beim zweiten Einschlag den Motor abwürgte.

Über solche Sachen machte man sich damals lustig und beschloss in kernigen Männer-Kreisen, dass der T4 was für Mädchen sei.

...daneben wirkte der erste T4 einfach irre blutleer, ganz so, wie viele Volkswagen dieser Zeit, die dennoch eine irre Erfolgsgeschichte hinlegten. Auch hier macht der VW T4 keine Ausnahme

…daneben wirkte der erste T4 einfach irre blutleer, ganz so, wie viele Volkswagen dieser Zeit, die dennoch eine irre Erfolgsgeschichte hinlegten. Auch hier macht der VW T4 keine Ausnahme

Nachdem ich in der ersten Woche – im Januar des Jahres 1991, der Nass, kalt, hässlich und verschneit war, ausschließlich den T3 gefahren war, schätzte ich den T4 ehrlichgesagt nach 3 Tagen. Der Frontantrieb war top und versagte auch nicht bei der Last, die wir durch die Gegend fuhren, die meist aus ein bis 2 Paltetten mit irgendwelchem Metall-Geraffel bestand, das zu einer anderen Produktionsstätte musste (der perfekte Ferienjob übrigens für einen jungen Kerl…).

Ich arbeitete dort die kommenden 3 Jahre immer wieder – und irgendwann war der T3 ausgestorben und die „Moderne“ war mit Macht eingezogen, die bessere Ladefläche und die Akustik hatten schneller überzeugt, als gedacht – auch wenn die Fahrer nicht so recht auf den Wagen gestanden hatten im ersten Winter…
Und technisch wie optisch hatte VW seinen Stil für die kommenden 30 Jahre gefunden.

Oh Captain, mein Captain! Fhren im VW Bulli T4 hatte sich gegenüber dem T3 enorm dem Limousinen-Fahren agenähert - aber die weit vorn gelegene, hohe, aufrechte Sitzposition hat immer noch etwas von Nutzfahrzeug, auch im T4. Dennoch stellt sich in dem Wagen nach kurzer Zeit eine ganze eigene, verlässliche Gemütlichkeit ein - das echte Captains'-Feeling

Oh Captain, mein Captain! Fahren im VW Bulli T4 hatte sich gegenüber dem T3 enorm dem Limousinen-Fahren agenähert – aber die weit vorn gelegene, hohe, aufrechte Sitzposition hat immer noch etwas von Nutzfahrzeug, auch im T4. Dennoch stellt sich in dem Wagen nach kurzer Zeit eine ganze eigene, verlässliche Gemütlichkeit ein – das echte Captains‘-Feeling

VW selbst allerdings hatte durchaus auch seine Schwierigkeiten, den T3 abzulösen – auf den meisten europäischen Ländern Märkten wurden diverse Modelle noch bis 1992 oder gar 1993 verkauft – und in Südafrika schaffte es der T3 zwar nicht zum Legendenstatus des T2 in Brasilien oder des Typ17, den VW SA immerhin noch 2010 (!) als Auslaufmodell verscherbelte – bis 2003 wurde der T3 dort aber dennoch gebaut – mit Heckmotor, also quasi im genetischen Ur-Layout der Marke. Zu der Zeit erschien hier bereits der T5…

Von 1991 bis 1993 fuhr ich im Schnitt gute 250Km im vierten Bulli, was einer Jahresfahrleistung von gut 90.000 Kilometern entspricht – ich hatte also ein sehr intimes Verhältnis zu dem Wagen, von dem ich in meinem letzten Jahr sogar das heilige „Konferenzmobil“ bewegen durfte – ein Bulli mit fettem Motor, Ledersitzen, einem Autotelefon und einem eingebautem FAX. Science Fiction… 10 Meter hinter dem Fuhrpark wurden da noch regelmäßg Telexe auf dem Fernschreiber empfangen…

Das Beste am „Konferenzmobil“ war der Motor: Ein 5Zylinder mit unvorstellbaren 195 Newtonmetern, der den Wagen substanziell kräftig voran brachte – die später verkauften Sechszylindermodelle konnten das gar nicht mal viel besser.

Und ich mochte die Sitzposition. Im Konferenzmobil, in dem ich immer eine Stoffhose und ein Hemd tragen musste, wurde man mit Ledersitze  entschädigt, Armlehnen, bizarren Trinkgeldern der Geschäftsleitung und der Möglichkeit, den Linken Arm von sehr weit oben auf dem dicken Fensterbrett abzulegen, wenn man mit offenem Fenster fuhr. Wer den Wagen fahren durfte, der galt etwas…

Nicht nur Konferenzmobil: Die späten T4 sind teilweise luxutiös und gut ausgestattet - und bieten darüber hinaus noch divere technische Schmankerl wie 5 oder 6 Zylinder, Allradantrieb, lange und kurze Radstände - was das Herz begerht. Die Vielseitigkeit war stets einer der Erfolgsschlüssel des VW T4 - späte Exemplare sind auch mit 300.000 auf der Uhr immer noch stattlich teuer - frühe einfach Exemplare gibt es schon mal für 2000 mit TÜV - oft garniert mit nicht mehr funktionsfähigen Tachos, die bei 673465KM den geist aufgegeben haben

Nicht nur Konferenzmobil: Die späten T4 sind teilweise luxuriös und gut ausgestattet – und bieten darüber hinaus noch diverse technische Schmankerl wie 5 oder 6 Zylinder, Allradantrieb, lange und kurze Radstände – was das Herz begehrt. Die Vielseitigkeit war stets einer der Erfolgsschlüssel des VW T4 – späte Exemplare sind auch mit 300.000 auf der Uhr immer noch stattlich teuer – frühe einfach Exemplare gibt es schon mal für 2000 mit TÜV – oft garniert mit nicht mehr funktionsfähigen Tachos, die bei 673465KM den geist aufgegeben haben

Konferenzmobile waren eine vorübergehende Erscheinung und verlangten nach 15.000 Mark für Technik, die heute von jedem 79 Euro Smartphone um ein vielfaches ouperformed wird – die Qualitäten des Bulli überdauerten jedoch. Speziell sein Raumkonzept und seine Vielfalt sind auch bei den heutigen Youngtimern immer noch ebenso überzeugend wie seine Alltags-Fahreigenschaften. Das gilt zumindest, solange man von den Höchstgeschwindigkeiten absieht, denn der T4 ist auch bei kräftiger Motorisierung immer noch so strömungsgünstig wie ein aufrecht stehender Sicherungskasten.

Tatsächlich war das einer der Gründe, warum seine Beliebtheit bei Familien Mitte der 90er Jahre einen massiven Dämpfer erhielt. War der Bulli bis dahin neben dem Ford Transit praktisch alleine im Segment der Großraumlimousinen zuhause, zogen die Vans in die Familien ein – in Deutschland in erster Linie die Konkurrenz aus dem eigenen Hause: Der VW Sharan. Dieser, in unheiliger Allianz mit Ford und Seat entwickelt, konnte im Alltag vieles besser und fuhr sich fast wie ein Passat – und so taten es mit ihm seine diversen Mitbewerber vom Schlage des Toyota Picnic, Toyota Previa, Mitsubishi Space Wagon, Opel Sintra und wie sie alle hießen.

yeah - hier hätte notfalls auch mal B.A. Baracus seine Freude gehabt

yeah – hier hätte notfalls auch mal B.A. Baracus seine Freude gehabt

Und plötzlich wirkte vielen potentiellen Käufern so ein T4 zu sperrig – und ganz nebenbei auch zu teuer, denn hier griff die versatile Strategie der T4 Plattform: während die billigen Transport-Versionen zu passablen Preisen angeboten wurden, waren die kuscheligen Familienversionen gerade in den späteren Baujahren weit jenseits der Bodenhaftung entschwunden und für Familien im Grunde unbezahlbar geworden.

Diese kuscheligen Versionen sind als Youngtimer überaus gefragt – für Caravelle-Versionen werden auch mit astronomischen Laufleistungen noch stolze Preise aufgerufen – und Top Modelle später Baujahre kosten immer noch fünfstellige Summen. Hier gibt es dann zum Teil natürlich auch liebevolle Teil-Umbauten und Wohnmobile verschiedenster Güte – ebenso vielfältig und unübersichtlich wie die Umbauten sind entsprechend auch die potentiellen Mängel, die so ein Bulli in 20 Jahren mitnehmen kann. Klar muss hier sein: Den Bulli am Besten auf die Bühne. Der Wagen ist nicht besonders komplex oder anfällig – aber der Rost nistet hier gerne an unübersichtlichen Stellen – und bei Umbauten ist Vorsicht angebracht, da die auch schon mal sehr studentisch durchgeführt werden – „noch schnell einen Gaskocher für den Urlaub einbauen…“ Autos dieser Ladekapazität werden überdies generell auch mal mit minimalsten Kapitaleinsatz betrieben – daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert – nur, dass der T4 das oft etwas besser verkraftet als der T2 und nicht so zum Rost neigt.

auch facegeliftet und hochgerüstet hat der VW T4 bis zum Schluß seine Qualitäten nicht eingebüßt

auch facegeliftet und hochgerüstet hat der VW T4 bis zum Schluß seine Qualitäten nicht eingebüßt

Schlimm sind hier leider oft schlecht behobene Unfallschäden – da ist der T4 leider ein schlimmer Sünder (genau genommen natürlich seine Besitzer…)

Dennoch ist der Bulli alles in allem ein zäher Geselle, was hohe Laufleistungen demostrieren. Man muss sich weder vor den hohen Laufleistungen wirklich scheuen, noch vor den winzig klingenden Leistungen, die manche Modelle haben. Auch mit weniger als 100PS kann man so einen Wagen fahren – es stellt sich nur ein gänzlich anderes Fahrgefühl dabei ein, dass für viele Leute nach kurzer Zeit eher zum Lebensgefühl wird.

Die hervorragende Übersicht gibt dir das amtliche Captains Feeling, Schnell fahren sollen die anderen, wir schauen uns die Landschaft an… 🙂

Es muss nicht immer Camping- und Vollausstattung sein. Die einfachen Exemplare mit wenig Ausstattung haben einen sehr eigenen Charme und sind teilweise für 2 bis 3 große Scheine mit Tüv zu bekommen

Es muss nicht immer Camping- und Vollausstattung sein. Die einfachen Exemplare mit wenig Ausstattung haben einen sehr eigenen Charme und sind teilweise für 2 bis 3 große Scheine mit Tüv zu bekommen

Selbst in meiner Fahrer-Tätigkeit hab ich das manchmal gemacht. 2 Mal hat es mich dabei allerdings fast zerlegt, denn ein T4, der durch Unachtsamkeit mal ins Rutschen gelangt, der ist gar nicht mal so leicht zu fangen, weil das Höhen-Breiten-Verhältnis natürlich nicht so super ist. Da besteht jetzt aber kein Grund, nach neumodischem Tinnef wie ESP zu schreien – wenn der Wagen 300.00 Kilometer gelaufen ist, dann schafft er auch noch einen Fahranfänger. 😉

Am Ende ist der Un-Bulli mit dem Frontantrieb doch ein klassischer Bulli geworden – einer der gemütliche Langstreckenfahrten mit Kind und Kegel ebenso verdaut wie Stop-and-Go entlang der Theresienwiese und Platz für individuelle Umbauten liefert. Unauffällig, zuverlässig, ein Kumpel mit guter Erziehung – seit 26 Jahren. Und wir kaufen ihn immer noch gerne jetzt um die Jahreszeit für den Sommerurlaub…



6 Gedanken zu „Volkswagen T4 – kein richtiger Bulli mehr?

  1. Als ehemaliger T1- und T3- und derzeitiger T4-Fahrer kann ich nur sagen: Jeder Bulli hat so seine Reize. Sowohl rost- und fahrtechnisch als auch vom Gesamtfeeling her.

  2. Richtig fröhlich macht ein gepflegter T4 Multivan oder California mit Wohnmobil-Erweiterung. Leider nicht das Portemonaie: 15. bis 25.T€ werden abgegriffen, wenn man keinen Kernschrott erwerben will. Wenn es ein 2,5l TDI ist, sind auch hohe Kilometerstände (>300.tkm) kein Kaufhindernis. Sehr wertstabil bzw. den fehlenden Wertverlust kann man in Pflege und Technik investieren. Ökologisch weit besser als Neuwagen zu verbrauchen.

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