Die Oberklasse ist tot – es lebe die Youngtimer-Oberklasse!

Wer sich heute ein Oberklasse-Auto kauft, der geht wahrlich nicht mehr als klug denkender Mensch durch. War ein W126 noch ungleich charmanter, wertiger, größer und sorgte bei Langstreckenfahrten tatsächlich für höhere Entspanntheit als ein W123, muss man heute schon arg mit der Lupe am neuen A8 entlang schreiten, um zu verstehen, was an dem wirklich besser sein soll als beim A6.

Nur echt ohne Holzlenkrad, das leider viele Leute aus dem Zubehörhandel in den Audi hineinbastelten

Nur echt ohne Holzlenkrad: Hier steckte noch etwas drin, was den 100er drunter nicht konnte; der Motor beispielsweise  – heute ist das schon schwerer zu erklären

Vor allem: 25.000€ besser… Das ist immerhin etwa die Differenz des Neupreises, den der Durchschnittsdeutsche für ein vollständiges Auto ausgibt…

Klar – hier und da findest Du beim 7er irgendein noch abgefahreneres Assistenz-System, das Dich vielleicht vor schlecht sitzenden Krawatten warnen kann – das war es dann aber auch. Die Hersteller verzweifeln zunehmend dabei, ihre Oberklassen zu definieren – viel größer können sie sich schlicht nicht mehr bauen, weil man schon mit der sogenannten „Gehobenen Mittelklasse“ kaum noch irgendwo ohne Angst und Assistenzsysteme in ein durchschnittliches Flughafenparkhaus kommt.

Tatsächlich liegt die eigentliche Oberklasse längst im Sterben. In einzelnen Segmenten liegt der Fuhrpark-Anteil hier bei 90+% – in anderen Worten: Kein Mensch kauft sich mehr privat eine Oberklasse. Echte Ausnahme: Tesla und in Teilen Porsche.

Lange galt: listed houses require limousines....

Lange galt: listed houses require limousines….

In anderen Ländern ist die Nachfrage nach den ganz großen Wagen spätestens mit der Finanzkrise signifikant zurückgegangen. So kommt man heute vor dem London Underwriting Center hier und da schon mal noch im A8 vorgefahren – aber auch auf dem Europäischen Hochparkett ist das nicht mehr der Standard. Und wer mal in die Tiefgarage der Deutschen Börse fährt, wird sich über die „Vernunft“ bei den Fahrzeugen wundern.

Ich war kürzlich mit dem COO eines großen Finanzdienstleisters Essen. Der fährt privat in den schönen Stunden einen E30 als Cabrio und hat einen W126 in traumhaften Blau in der heimischen Garage. Davor parkt das A3 Cabrio seiner Frau – und sein Dienstwagen: Ein Audi A6. „Den A8 kannst Du doch heute nicht mehr bringen, da machst Du dich doch lächerlich,“ erzählt er mir und der anwesende Bereichsleiter ergänzt „Alle glauben doch eh, dass der gesamte Finanzdienstleistungssektor nicht weiß, wohin mit der Kohle – ein Oberklasse-Auto ist da doch ein Statement, dass Du nicht willst! Und international schon mal gar nicht. Unsere Partner in Frankreich, in Italien, in Spanien – die würden die Nase rümpfen. Da fährt keiner etwas größeres als 5er BMW oder Audi A6. Warum auch?“

Und da muss man in der Tat sagen „Ja – warum auch?“

Als ich das erste Mal durch die Auto Motor und Sport geblättert hab, regierten noch Autos wie der E28. Der war hinten tatsächlich zu klein für Teenager. Das Thema ist heute durch. Ein 3er BMW hat als Kombi aktuell mehr nutzbaren Laderaum als etwa noch der E39 hatte – und das ist gerade mal 20 Jahre her. Der aktuelle Polo ist längst größer als ein Typ17. Wer soll da eigentlich noch eine S-Klase wollen?

7er BMW E23

Die Front war der Killer beim 7er BMW vom Typ E23 – aber der Wagen leistete mehr, hatte hinten ausreiched Platz für Teenager und machte was her, was der 5er nicht hermachen konnte – heute bist Du froh, wenn Du die „gehobene Mittelklasse“ von der „Oberklasse“ unterscheiden kannst – in den meisten Ländern gibt es gar keine Oberklasse mehr

Auch die Autohersteller labeln die Oberklasse-Fahrzeuge eigentlich nur noch als Technologieträger und ähnlichen Nonsense – und meinen immer noch, sie bräuchten sie, damit sie auf die kleineren Klassen abstrahlen – und natürlich für China… Da muss man ganz klar sagen: Ihr habt den Schuss nicht gehört – sinkende Führerscheinquoten, Carsharing, die Moovels dieser Welt… Machen wir uns nichts vor: Die Oberklasse ist wirtschaftlich längst blödsinnig – und vernünftige Companies haben sie längst begraben. Wir sollten sie also genießen, unsere alten großen Wagen, denn auch sie werden verschwinden. Vielleicht werden Historiker irgendwann mal sagen „Opel und Ford waren damals klug genug, die großen Autos als erste aus dem Programm zu nehmen,“ denn selbst in der Klasse des 5ers ist heute manch ein Passat größer – der aktuelle Octavia kann diese Klasse in den meisten Komfortmaßen outperformen…

Another one bites the Dust – also: Schön polieren und pflegen die W140er und XJs – irgendwann werden unsere Enkel auch über die die Köpfe schütteln.



3 Gedanken zu „Die Oberklasse ist tot – es lebe die Youngtimer-Oberklasse!

  1. Automobilproduzenten sind globale Konzerne. Da werden Autos nicht nur für DE konzipiert. Und natürlich wird da vorher ein Business-Case gerechnet, und zwar für jede Sonderausstattung und Variante! Und da gibt es in anderen Märkten nun mal andere Vorstellungen, („Schuss nicht gehört“…) Das liegt neben der Mentalität auch an der Kaufkraft, die seit Euro-Einführung in der EU ziemlich in den Keller gerauscht ist. Der grösste Markt für den BMW G11 ist – mit deutlichem Abstand – China (50% Absatz), dann USA und Nahost. Der durchschnittliche CN-Kunde ist etwa 36 Jahre alt. Das sind alles Vollausstatter-Fahrzeuge, die BMW (neben dem X5) die grösste Rendite bringen. Nun ja, zehn 3er anstelle eines 7ers würden es aber auch tun 😉 Der kulturelle Einschätzung eines 7ers durch deutsche Kunden ist, wenn ich das mal sagen darf, für BMW eher weniger relevant…

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