Der „Europa-V6“: War der PRV Motor eigentlich so schlecht?

Die Auto Motor und Sport schrieb in den späten 70ern und frühen 80ern immer wieder gerne Sätze im Stil von „Mit einem adäquaten 6 Zylinder würde der Wagen auch hierzulande mehr Käufer finden“ oder „Leider wird auch bei diesem Modell noch auf den Europa-V6 gesetzt“.

Man musste auf den Verdacht kommen, dass dieser Europa-V6 oder auch PRV Motor mit einem Fluch belegt war, aus einem Entwicklungsland stammte oder generell vielleicht nur 3 Zylinder habe oder etwas ähnlich ehrenrühriges.

Auch Staatsmänner fuhren mit dem "falschen" Zylinderwinkel

Auch Staatsmänner fuhren mit dem „falschen“ Zylinderwinkel

Man kann über den PRV Motor sicherlich eine Menge schlechter Dinge sagen – aber der Motor ist in seiner langen Bauzeit immerhin in Fahrzeugen von 11 Marken (!) zum Einsatz gekommen und gut eine Million Mal produziert worden. Der Motor war kompakt und leicht – und das waren zu der Zeit nicht viele, sonst hätte DeLorean den Motor beispielsweise gar nicht erst für seinen Wagen in Betracht gezogen.

Was man aber wohl ganz sicher über den PRV Motor sagen kann: Er war ein Kompromiss – und das war er von Beginn an.

  • Kompromiss 1 war die Idee, den Motor gemeinsam über mehrere Companies zu entwickeln (Peugeot, Renault, Volvo => PRV, wobei Volvo erst in der laufenden Entwicklung dazu stiess). Ein solches Setup führt selten zu High Concepts, sondern eben zu…. Genau: Kompromissenfranz!
  • Kompromiss 2: Der Motor war als V8 konzipiert. Im Laufe der ersten echten Ölkrise wurden jedoch 2 Zylinder sozusagen gestrichen (Verdammt – wir hätten einen Volvo 282 haben können!), was dann zu der dritten und eigentlich wirklich bitteren Pille führte, nämlich
  • Kompromiss 3: Ein Zylinderwinkel von 90 Grad. Der hätte bei einem 8 Zylinder gut funktioniert, bei einem V6 ist er aus verschiedenen Gründen unüblich. Auch für Nicht-Ingenieure: Es ergibt sich hier ein Timing-Problem, weil einzelne Zylindergruppen 90 Grad des Arbeitstaktes voneinander entfernt sind – andere jedoch 150 Grad – im Grunde also eine klassische „Unwucht“

Und die ams wurde nicht müde, auf diesen Umstand immer wieder hinzuweisen – diverse Volvo-Fans im übrigen auch, während Franzosen das Problem mit südlicher Gelassenheit hinzunehmen schienen und US-Käufer … naja – US Käufer eben.

Der Renault R30 gehört nicht nur zu den stärksten Kindheitserinnerungen - er war auch ein sehr ladefreudiges cooles Auto, das die Deutschen nie recht verstehen wollten - und natürlich brummte er

Der Renault R30 gehört nicht nur zu den stärksten Kindheitserinnerungen – er war auch ein sehr ladefreudiges cooles Auto, das die Deutschen nie recht verstehen wollten – und natürlich brummte er

Ich fuhr diverse Urlaube mit einem PRV Motor in aller Herren Länder, da wir mit Oma und Opa in den Urlaub fuhren, so lange die das noch konnten. Und mein Opa fuhr zunächst einen Renault 30, um dann zielsicher auf einen Volvo 265 umzusteigen, der zwar mehr Laderaum und vermutlich tatsächlich mehr Sicherheit bot – aber am Ende des Tages mit derselben „Unwucht“ gezündet wurde, wie sein französischer Vorgänger. Und das klang in der Tat anders als der seidige 528i, den der Vater eines Schulfreundes fuhr…

Aber war das so übel? Eine Menge Staatsmänner bewegten den Motor: Erich Honnecker, Valéry Giscard d’Estaing, Olof Palme, François Mitterrand, Jacques Chirac…. So schlimm kann der also gar nicht gewesen sein, oder?

Wer tatsächlich mal durch französische Foren streift, stellt schnell fest, dass der Motor hier nicht nur aus Nationalstolz verehrt wird – der PRV Motor gilt auf dem Markt, auf dem er die größte Verbreitung hatte, als einer der robustesten Gesellen. Selbst die Schweden mussten am Ende zugeben, dass der Motor richtig robust war – als sie ihn nämlich früher als ihre französischen Kollegen durch einen Eigenbau ersetzten, dem die zähe Langlebigkeit seines PRV-Vorgängers nicht gegeben war. Und immerhin: Die Franzosen bauten den Motor von 1974 an und hörten erst 1998 damit auf – das ist schon irgendwie cool.

Unter der Haube gab es noch einen "echten" Sechszylinder

Unter der Haube gab es noch einen „echten“ Sechszylinder – in Reihe allerdings

Tatsächlich jedoch sind Langlebigkeit und einfach Wartung nicht die Merkmale gewesen, die Tests gewonnen haben – denn tatsächlich: Der PRV Motor war konstruktiv bedingt ebenso brummig wie er nicht eben durch spontane Leistungsentfaltung glänzte. Beschleunigen war nicht seine Parade-Dispziplin, womit er zum Volvo 264 beispielsweise sehr gut passte – gerne aber vom 244 GLT mit seinem deutlich kleineren Motor B21ET und seinen 155 PS abgeledert wurde. Der Renault Alpine litt darunter sicherlich schlimmer und auch der DeLorean hatte mit dem PRV Motor keine würdige Motorisierung, da musste man schon ehrlich sein. Dass der Motor darüber hinaus (zurecht) als Säufer gilt, konnte ihm auch keine Weiterentwicklung abtrainieren.

Moderner Sozialismus: Der Alpine hatte die gleiche Maschine, die auch den R30, den R25, Den Espace und Volvos260er antrieb

Moderner Sozialismus: Der Alpine hatte die gleiche Maschine, die auch den R30, den R25, Den Espace und Volvos260er antrieb

Citroen trieb den PRV Motor beim XM zu Höchstleistungen an – aber auch diese Leistung entfaltete sich weniger spontan als geplant – obwohl beim PRV ab Mitte der 80er Jahre nachgelegt worden war und ein Hubzapfenversatz die Kritik der ams verstummen lassen sollte. LeMans lernte ebenso eine rassige Version des PRV kennen – und doch muss man ganz klar sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass noch einmal jemand einen Motor dieser leicht skurrilen Bauart auf den Markt bringen wird, ist gering…

Das Werk in Dunmurry - so ziemlich das einzige erkennbare Highlight der Region in diesen Zeiten

sicher nicht nur wegen des Motors auf Halde

Über 1.000.000 gefertigte Motoren sagen ja nicht, dass man es nicht hätte besser machen können… Top jedoch ganz entschieden: Je nach Zündsystem, Zylinderkopf und Kolben-Evolution brachte der PRV gerade einmal 142 bis 162 Kilo auf die Wagen und baute ausserdem sehr kompakt – ein vergleichbarer BMW (Reihen-)Sechszylinder lag eher bei 190 bis 200 Kilo, die Sechszylinder des 164ers waren entschieden schwerer gewesen.

Und beinahe wäre der Motor sogar im AMC Pacer zum Einsatz gekommen – aber das ist eine ganz andere Geschichte. Am Ende brachte er es immerhin zu einer Präsenz bei mehr als 10 Marken, was schon cool ist. Und meinen Opa brachte der Motor so ziemlich um die ganze Welt im R30 und 265er Volvo.



15 Gedanken zu „Der „Europa-V6“: War der PRV Motor eigentlich so schlecht?

  1. Mercedes musste es probieren mit dem M272 – und hat es ausgerechnet bei der deshalb nötigen Ausgleichswelle verbockt 🙂 Und der Nachfolger hat, tataaa, wieder 60°.

  2. Auch der M112 von Mercedes ist ein 90° V6, und vor allem in der Version mit 3,2 Litern ein hervorragender Motor.

    Die Audi V6 haben ebfalls 90° Bankwinkel.

    1. Stimmt, und die M112 sind ja fast schon Youngtimer 😉 Auf solchen kostengetrieben Gemeinschaftsentwicklungen lastet offenbar ein Fluch, am Ende macht wieder jeder Seins und unterm Strich ist es wahrscheinlich teurer als eine ordentliche Eigenentwicklung oder Lizensierung eines funktionierendes Konzepts.

  3. Konstruktiv ist der PRV m. E. nach in einigen Bereichen sichtbar vom Maserati C114 abgeleitet- dem Motor, den Citroen in den SM steckte. Brummig, nicht wahnsinnig viel Drehmoment, aber drehfreudig, geiler Sound, und der hatte den angesprochenen Hubzapfenversatz schon 1968….

    1. …den Hubzapfenversatz haben wir extra noch einmal nachgeschlagen. Da gibt es zwar verschiedene Aussagen zur Jahreszahl (84, 85, teils 86) – die könnten sich aber auch auf die Umsetzung in der jeweiligen Serie beziehen. Wikipedia sagt seit ein paar Monaten einheitlich 1985

  4. Schon klar.
    Was also macht ein französischer Konstrukteur, der einen 90Grad-V6 bauen soll: klar, er guckt nach historischen Vorbildern. Als da wären ein Buick odd-fire aus der Zeit der Langobarden, und ein in einem bestimmten französischen Automobil nicht unberühmt gebliebener Motor, der immerhin in der schärfsten Form aus 2.965 ccm ganze 220 PS holen konnte.

    Ich fahre selber XM- V6 (noch ein Nachfahr…)- Kolben in meinem SM…

    Carsten

  5. Immer wenn ich den R30 sehe, sehe ich den ersten Passat. Noch schlimmer ist es bei der Suche nach Modellautos. Wie oft habe ich schon den grünen Renault in der Hand gehabt…

  6. Ich meine, dass der V6 der in diversen aktuellen Mercedes verbaut wird, auch 90° Zylinderwinkel aufweist…soo unüblich ist das wohl doch nicht?

Die Kommentare sind geschloßen.