Erinnerungen an dem Rumpel-Sechser und die Kultur des Individuellen

Es geht nicht um Perfektion, nicht immer jedenfalls. Und schon gar nicht hier, oder?

Das haben wir kürzlich mal wieder sehr herzlich zu spüren bekommen, als wir unseren Post über den PRV-Motor, den Europa-V6, veröffentlichten.

Nur selten haben wir so viele Reaktionen auf einen Youngtimer Post bekommen, der ja im Grunde sogar einen ungewohnt technischen Fokus hat. Aber mit einem Motor, der diese Marken-Breite erreicht hat, sind eben doch Erinnerungen verbunden.

Peugeot 604 PRV

Formale Eigenständigkeit – bei den Nutzern des PRV-Motors durchaus noch eine übliche Qualität

Da erreichen dich solche Mails

„Mir kommen echt die Tränen, wenn ich das lese. Ich hatte den R30 und den Talbot Tagora – beides schlimme Autos, aber die einzigen Oberklasse-Autos, die ich je hatte – und die hatten diesen Rumpel-Sechser und der war heilig für mich. Ich fand immer, dass so die Oberklasse für jedermann klingen musste, irgendwie bodenständig. Und das rumpelt dann eben.“

oder

Mein 264er hat mit dem knurrigen PRV satte 400.000 gemacht, bevor ihn mein Neffe an einen Baum setzte. Anschließend hab ich den Motor in einen 765er verpflanzt, in dem er noch mal 150.000 gemacht hat. Hubzapfenmumpitz hin oder her: Ein großer Motor mit großem Charakter – vor allem, solange er morgens noch kalt ist 😉

Nict viele Autos wurden mit so viel Mut designed - immerhin: Volvo ist auf dem besten Weg, dorthin zurückzukehren

Nicht viele Autos wurden mit so viel Mut designed – immerhin: Volvo ist auf dem besten Weg, dorthin zurückzukehren

Und krasser

Wir haben 1991 einen ZN3J in einen Super Seven gestopft – und siehe da: Er brummte immer noch – aber die Kraftentfaltung war jetzt wie beim AC Cobra!

Viele Leute beschreiben ihre Zeit mit dem PRV Motor und schreiben ihm Attribute zu, die man sonst nur selten über technische Gegenstände hört. Der Motor sei bescheiden, liest man da, auch wenn das nicht für den Spritkonsum gilt. Man entwickle ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm, hätte in all den Jahren Vertrauen zu ihm gefunden…

Reden wir da wirklich noch von einem Motor? Solche Beschreibungen kennt man sonst eigentlich nur von Subaru-Fahrern (Aber die würden auch öffentlich niederknien, um dem Boxer zu huldigen) und von Fahrern der Typen 43 und 44 mit heilig gesprochenen 5Zylinder-Motoren.

Wenn es je einen Mainstreamindividualisten gab: Hier ist er. Form, Technik, Status - da muss man zwei mal hinsehen

Typ43 Avant: Wenn es je einen Mainstreamindividualisten gab: Hier ist er. Form, Technik, Status – da muss man zwei mal hinsehen

Und irgendwie versuchst Du dir dann den Satz im Kopf zurecht zu legen „Mein 2.0 TDI, der hat eine Seele.“

Näääeehhh 🙁 Funktioniert nicht, nein.

Die Zeiten sind kulturell irgendwie ärmer geworden. Das mag manch einer von außen schräg finden, dass Leute solche Gefühle für einen Motor entwickeln. Eine Frage der Zeit? Waren die 70er hier kulturell anders? Wegen der Drogen und der Schlaghosen und dieser Hippie-Musik? Weil Autos noch einen anderen Stellenwert hatten?

Nein – das hat etwas damit zu tun, dass die Werte noch anders waren, dass es noch echte Unterschiede gab und nicht A4, C-Klasse, 3er und der neue Alfa zum Teil Millimeter-gleiche Abmessungen haben und vermutlich nur noch am Logo zu unterscheiden sind. Tests, in denen der Passat den Taunus mit 60 Punkten Vorsprung schlägt, der W124 den Citroen CX mit 75 Punkten Abstand deklassiert und die Leute die Test-Verlierer dennoch kaufen, weil sie sie für sich persönlich als das coolere und passendere Fahrzeug einstufen, sind vorbei…

Die eigene Meinung wird vielleicht demnächst auch auf den Scheiterhaufen der Geschichte getragen.




1 Gedanke zu „Erinnerungen an dem Rumpel-Sechser und die Kultur des Individuellen

  1. Ich vermute mal, dass man „damals“ noch mehr auf das Auto und vor allem auf den Motor hören musste. Zum einen beim Fahren die Fragen „Muss ich runterschalten, würge ich ihn gleich ab?“, „Der nächste Gang wäre evtl. kein Fehler, sonst überdrehe ich ihn.“. Die Fragen sind im Laufe der Zeit ins Unterbewusstsein gewandert. Damit hat sich der Fahrer aber auch ein Geräuschmuster eingeprägt, das ihm gesagt hat: „Alles i.O., dem Motor geht’s gut.“ Oder eben nicht, weil fremde, falsche Geräusche aufgetaucht sind, die einen haben hellhörig werden lassen „Da stimmt was nicht!“.
    Das hat sich eingeprägt und eine Beziehung zum Fahrzeug/Motor entstehen lassen.
    Heute übernimmt das alles die Elektronik, damit Mensch sich mit Navi, Bordcomputer und was weiß ich noch alles beschäftigen kann. Die Geräusche sind weggedämmt, alles klingt gleich. Oder sie werden künstlich erzeugt, damit es klingt wie ein Auto.
    Bei mir ist das Radio oft aus, weil ich lieber höre, was mir der Volvo-Fünfzylinder vorbrummelt. 🙂

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