Das Deutsche JetSet stirbt…. ;-)

2017 stirbt planmäßig eine Deutsche Institution. Ein Wagen, der 1979 auf den Markt kam und alle Höhen und Tiefen durchgemacht hat: Der VW Jetta.

So wurden Kinder zu Süchtigen gemacht...

So wurden Kinder zu Süchtigen gemacht…

Ich habe zu dem Wagen eine besondere Beziehung. Ich war 8 Jahre alt als er erschien, las aber schon seit gut einem Jahr die Auto Motor und Sport. Mein Vater nahm mich mit zur Präsentation des Jetta beim freundlichen VAG Partner – Bockwurst und Kartoffelsalat, Bier vom Fass – Bürgerliches Show-Highlight der späten 70er. Am Rande Verkaufsgespräche und dieser rote Prospekt, der diese eigenartige Dynamik ausstrahlte. Irgend etwas an dieser Idee, dem Golf einen Kofferraum dran zu löten, erschien mir irre clever – und hey: Ich war 8. Die folgenden Wochen und Monate erklärte ich meinem Vater, dass wir diesen Wagen kaufen müssten – unzweifelhaft: Das war das Auto der Autos. Wir fuhren einen VW 412 – ein Auto, für das es keine Entschuldigung gab – abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass er die für damalige Verhältnisse schier obszöne Leistung von unfassbaren Fünfundachtzig Pferdestärken hatte. Da zuckte damals noch manch einer am Stammtisch – das muss man wirklich einordnen: Der Mercedes 200 unserer Nachbarn 2 Häuser weiter hatte auch nur 10PS mehr und war praktisch gleich schnell – und hinzu kam in unserem Falle: Wir hatten den Wagen Familien-intern geerbt – davor hatten wir einen Käfer gehabt (allerdings auch schon einen mit satten 50PS).jettasilber

Beim Jetta konnte man mit dem 1,5er Motor mit gerade mal 70PS die komplette Dynamik unseres ach so schnellen 412 outperformen – und dabei rund die Hälfte Sprit verbrauchen. Ich lag meinem Vater in den Ohren – ich wollte den Jetta! Mein Vater liebäugelte mit dem facegelifteten Passat des Jahres 1979…

Aber tatsächlich: eines sehr frühen Morgens im Frühjahr 1981 weckte mein Vater mich mitten in der Nacht, wir setzten uns in den Zug, fuhren nach Wolfsburg und erwarben einen Jetta als Jahreswagen eines Werksangehörigen von Volkswagen. Jetta S mit 70PS, lachhafter Ausstattung, aber ein sportliches Marsrot und ein Cassettenradio. Auf der Rückfahrt hörten wir QUEEN GREATEST HITS – Bohemian Rhapsody in irrem Stereo-Klang und Bicycle Race, das jetzt plötzlich mit seinen Fahrrad-Klingeln aus jeder Ecke des Raumes zu kommen schien.welcome-jetta-19

Und der Jetta war der coole Dynamiker, den ich mir erhofft hatte. Ab Hannover durfte ich ausnahmsweise vorne sitzen („Aber erzähl es nicht der Mama!“). Willkommen im Himmel eines 10jährigen!

Der Jetta diente uns lange Zeit gut und mein Vater liebte ihn. 1984 erwarben wir einen zweiten Jahreswagen – einen Jetta TX mit 85PS! Der 70PS Jetta ging an meine ältere Schwester – mit auch schon 110.000 auf der Uhr. Der Jetta TX hatte diese Sportsitze, die so sehr nach Scirocco in dieser biederen Hülle rochen – und ich hatte eine klare Vision: Eines Tages würde er mir gehören…. 😉

Der Jetta TX war der allerallercoolste Jetta, den es aus meiner Sicht je gab – da konnte auch der erste GLI nicht mithalten. Der TX brachte irgendwie Vernunft und Unsinn in ein eigenartiges Gleichgewicht – Sportsitze, 85PS, Doppelvergaser – aber dennoch irgendwie bieder. Kurz vor meinem 18. Geburtstag jedoch geschah das unfassbare: Während ich den Jetta TX schon mental auf meine Bedürfnisse einrichtete, zerstörte meine ältere Schwester den Ur-Jetta unserer Familie und weil die Arme jeden Tag 60 Kilometer zur Arbeit fahren musste, gab mein Vater den TX weiter an sie und erwarb einen Jetta II mit lächerlichen 55PS – kategorisch untermotorisiert, aber erst 8.000 Kilometer auf der Uhr – vom gleichen Werksangehörigen wie die anderen Jettas.

Die beste Version von allen - schon wegen der großartigen Sitze, die es mit diesem Bezug sonst nie gab

Die beste Version von allen – schon wegen der großartigen Sitze, die es mit diesem Bezug sonst nie gab

Ich spürte, dass das mit mir und dem Jetta nichts werden sollte. 23.10. – der Vorabend meines 18. Geburtstages. Nachdem ich allen Anwesenden vorgeheult hatte, dass der coole Jetta TX nun in anderen Händen war, schlägt es 12, ich werde 18. Ich bekomme alle möglichen Geschenke. Und dann, so gegen 00:21 überreicht mein Vater mir ein Etui mit einem Autoschlüssel. Ich muss den Wagen draussen suchen – und er parkt um die Ecke: Ein zweitüriger Jetta CL in mexicobeige mit dem 1,3 Liter und gerade mal 60PS. Aber hey: ich stehe kurz vor dem Abi, werde bald studieren und da zählt das Argument günstiger Versicherung. Über die kommenden 4 Jahre lerne ich auch diesen Jetta zu lieben.

Mein Vater kauft mittlerweile seinen ersten Neuwagen: einen VW Vento, den ich damals nicht leiden kann – schon wegen des hohen Hecks. Ich zahlte mit einem Lottogewinn einen Toyota Carina E an – Traumwagen für Hundebesitzer – und das wurde ich in der Zeit. Und erst als mein Vater den Bora erwarb – mittlerweile war ich beruflich ziemlich sattelfest – fuhr ich an diesem marsroten Jetta für 600 Mark vorbei – mit 2 Jahren TÜV!!

VW Vento

Die Werbefotografie der 90er setze das Heck charmanter in Szene als es in der Realität der Fall war. Ein Großer Kofferraum ist das eine – aber das Heck des Vento ging vielen einfach zu weit. Der Nachfolger war auf andere Weise häßlich…

Der Verkäufer war der Enkel des Besitzers, sein Opa ins Heim gekommen. Der Wagen stand an einer menschenleeren Landstraße entlang der A31, wo ich gerade verzweifelt eine Tankstelle suchte (Nix Smartphone, nix Navi….) Ich kaufte den Wagen 10 Minuten Später. 66.000 Kilometer – innen roch der Wagen noch nach den gleichen Weichmachern, wie der meines Vaters damals, 20 Jahre zuvor.

Dem roten folgte ein Alpina-weißer und noch einer in Blau Metallic – alle mit dem 1,5er und 70PS – einer eigenartiger Weise mit einem Choke, den sonst keiner hatte. Irgendwann hatte mein Vater dann den neuen Jetta, als der wieder so hieß und ich hatte den ersten. Schon eine komische Sache.

Und nun wird die Geschichte zu Ende gehen.

Später wurde der Jetta I gerne zum Tuning-Opfer der Generation der Söhne

Später wurde der Jetta I gerne zum Tuning-Opfer der Generation der Söhne – und in marsrot kam er am besten rüber

Nach den Werksferien 2017 ist Schluß für den Jetta in Deutschland. Er passt nicht mehr ins Modellprogramm, das sie nach #Dieselgate straffen müssen. Der Jetta verkauft sich immer noch hervorragend in den USA und in einigen südlichen Ländern, in denen kleinere Limousinen wichtiger sind, lief er lange Zeit gut bis sehr gut. Nun aber laufen ihm dort der günstigere Skoda Rapid, respektive Seat Toledo den Rang ab und all die anderen kleineren neu aufgelegten Stufenheckautos wie etwa der neue Fiat Tipo. Bei all jenen Autos kann der Jetta preislich schon lange nicht mehr mithalten – im Grunde bräuchte man für die Zielgruppe längst einen Wagen auf der nächstkleineren Plattform, also einen Derby.

Der Jetta ist nicht mehr wirklich nötig – oder wann hast Du den letzten live auf der Strasse gesehen? Volkswagen stützt den Wagen mit Eigenzulassungen – und selbst das reicht nicht mehr aus. Der Jetta hat Charme und Wettbewerbsvorteile eingebüßt, ihm fehlt das Einmalige.

Und mein Dad? Hat sich mit knapp über 70 einen Seat Ateca bestellt. Nicht wegen der Enkel, nicht wegen der seniorengerechteren Sitzposition, nicht wegen des Allrad-Antriebs oder der günstigeren Einstiegspreise, nicht, weil sein ehemaliger VW-Händler jetzt Seat verkauft. Er hat den Ateca bestellt, weil er den cool findet…




6 Gedanken zu „Das Deutsche JetSet stirbt…. ;-)

  1. „Ateca“ heißt der! Seat Ateca! 🙂
    Toller Artikel!
    Und: ich fahre einen Bora Variant BJ 2002. 2004 gekauft, weil den nicht jeder hatte….

Die Kommentare sind geschloßen.