Wandelnde Kofferräume: Das Erfolgsbaumuster „Jetta 128“

Ich erinnere mich sehr genau an einen Artikel, den ich, kaum, dass ich lesen konnte, in einer lobbyistischen Autozeitung über den VW Jetta las. Dort wurde für meine Kinderaugen erläutert, dass der Jetta dadurch entstanden war, dass man an den Golf praktisch einen 38 Zentimeter langen Kofferraum dran getackert hätte – und weil der Golf ja selbst schon einen Kofferraum hatte, hatte der Jetta dadurch einen Gigantischen.

Jetta typ17 blau

Beim Jetta Typ17 stimmt die Proportion auch nicht so ganz, aber das geht okay – viel idiotischer war der viel zu kleine Knieraum für die hinten sitzenden, denn bis dahin war der „Mittelklassewagen“ einfach ein Golf

Tatsächlich konnte man im Jetta 1 eine Schweißnaht finden – die Stelle, an der der Golf sozusagen endete. Irgendwie faszinierte mich das – die Naht ebenso wie die Idee, die mir damals ebenso visionär wie einfach erschien.

Ich war ein Kind….

Mein Opa holte mich auf den Boden zurück und erklärte mir 2 Dinge (die erstaunliche Kontinuität haben):

  1. Wie so viele gute Ideen war die Idee nicht von Volkswagen
  2. VW kann kein Stufenheck

Der historische Rückblick wirkt oft verzeihende Wunder – aber der Typ3 war kein wirklich schönes Auto

Tatsächlich hatte VW bis dahin mit Stufengheckmodellen nicht gerade abgesahnt… In der Ahnengalerie der gescheiterten Volkswagen-Limousinen fanden sich zu dem Zeitpunkt so lustige Gesellen wie der VW 1500 als Limousine oder auch der K70. Der Derby fing gerade an zu scheitern (Und der folgte ja demselben Konzept, nur, dass sein Gen-Spender VW Polo statt VW Golf hieß) und der Santana sollte folgen (und scheitern). Im Falle des 1500ers vom Typ 3 war natürlich die Herstellung einer Limousine, die im Kofferraum ihren Motor spazieren fuhr, auch der blanke Unsinn – was VW den Bau von Limousinen grundlegend erschwerte – Meine Eltern hätten zu diesem Zeitpunkt einen viertürigen Käfer schon für eine echte Innovation gehalten – viele VW Mitarbeiter übrigens auch….

Nein… der Piech war es nicht…

Aber tatsächlich: Das Konzept des „angehängten“ Kofferraums war kein sooo neues – der ungemein hässliche Renault 7 etwa hatte hier schon Jahre zuvor gezeigt, wie es geht. Der Fiat 128 fuhr das Konzept sozusagen reverse – und man muss in aller Fairness sagen: Der hatte ausgewogene Proportionen, was man von vielen anderen „Jettas“ nicht behaupten konnte. Aber es kam wie so oft: Wenn VW etwas baut, wird es gesellschaftsfähig. Dem Jetta folgten diverse Jettas anderer Hersteller.

Ford Orion

Der Ford Orion war wirklich nicht der Hübscheste – aber er lief lange und mit teilweise passablen Erfolg – die Opas hielten ihn am Leben. Die erste Serie sieht immer aus, als würde der Wagen gleich nach hinten kippen oder als könnte man mit dem Wagen einen Wheely machen (was durch den Frontantrieb schwierig ist…)

Prominent hierbei sicherlich der Ford Orion, der als einziger für sich beanspruchen darf, ein noch weniger harmonisch angepfropftes Heck zu haben als das bei allen anderen der Fall war. Das wurde in späteren Jahren besser und der Orion lebte auf kleiner Flamme als spießiger Bruder des Escorts weiter, den Leute wie mein Opa immer irgendwie mochten – und gerne mit den makabersten Minimal-Aussatttungen erwarben…. („Was willst Du denn? Der hat doch ein Radio – mit Cassette!„)

Opel brachte verzweifelt den Vauhall Chevette nach Deutschland, dessen Verarbeitung sehr britisch war und ein Stachel im Fleisch der Händler – aber den gab es tatsächlich als Stufenheck-Modell, nachdem Opel gerade mit dem Kadett D als Hatch gekommen war und sich vom Stufenheckmodell abgewendet hatte. Vom E-Kadett gab es dann wieder ein Stufenheckmodell, das wie ein geschrumpfter Omega rüber kam.

Der kleine Omega ist im Rückblick einer der schöneren Jettas

Fiat baute den Regata auf Basis des Ritmo und war damit tatsächlich einigermaßen erfolgreich, die Seat Kopie ging in den frühen 80ern auch gut. Und zahlreiche folgten.

Während es mit den zunehmenden Rundungen der Autos ohnehin schwieriger wurde, schöne Limousinen zu bauen, weil die verbleibenden Flächen nicht ausreichen, ging das bei den Jettas und erst recht den Derbys natürlich noch viel schlechter.

Die schönen Autos dieser Klasse waren rar.

Jettaismus – Warum eigentlich?

Warum die deutschen das so geil fanden? Sie wollten einen großen Kofferraum aber eigentlich noch keinen Kombi  und die Jettas gaukelten ihnen etwas größeres vor. Der Vento mit seinem riesen Rucksack war hier wohl das Show-Highlight – in einem leidlich pervertierten Sinne jedenfalls…

Jetta

Unfassbare Konzerndummheit – warum wurde dieses Auto nie gebaut? Vielleicht hätten die Rentner der Republik ihn einfach nie gekauft. Aber der Kofferraum wäre ein Traum gewesen

Aber dann sanken die Sterne der Jettas. Das „Original“, der Jette selbst, stirbt dieses Jahr endgültig aus – zuerts haben die Kombis das Rennen gewonnen, dann die Vans – und jetzt scheint die ganze Welt nur noch SUV fahren zu wollen…

Der Derby starb noch kometenhafter: Nach 18 guten Monaten waren scheinbar alle potentiellen Käufer mit einem versorgt – von da an ging es bergab. Der zweite Derby, der eigentlich nur aus einem Heck bestand, floppte noch mehr – bis VW ihn verschämt als Polo Stufenheck verkaufte.

VW Derby 1984 rot

Mein Gott… hatten die denn keine Designer damals in Wolfsburg? Na gut… die Frage ziehen wir zurück. Der erste Derby war eigentlich ganz passabel – der zweite sah wirklich schlimm aus

Was übrigens auch nicht wirklich half…

Nur in Südeuropa und in Osteuropa – da sind die Jettas und die Derbys bis heute zuhause – nicht die Youngtimer, nein. Die neuen Modelle, die wirklich wichtigen Verkaufsträger in Ländern wie der Türkei und Polen, sind genau nach diesem Muster gebaut. Da gibt es Clios mit Stufenheck, Abarten Koreanischer Kleinwagen mit unaussprechlichen Namen und gruseligen Heckanbauten, die die Strassen von Istanbul beherrschen. Wer durch Rußland fährt, ist von diesen Fahrzeugen umgeben wie andernorts von SUVs.

Die Ford Orions dieser Welt hingegen sind lange schon gegangen….



6 Gedanken zu „Wandelnde Kofferräume: Das Erfolgsbaumuster „Jetta 128“

  1. Vielen Dank für diesen schönen Artikel! 🙂 Allerdings muss ich sagen, dass mir die meisten hier besprochenen Stufenheck-Autos ganz gut gefallen – aber über Geschmack müssen wir ja nicht streiten 🙂
    Dass ein aus einem Kompakten abgewandelten Stufenheck manchmal etwas komisch aussieht, ist aber auch klar: Die Konzerne modifizieren lieber was bestehendes, als was neues zu entwickeln. Ist ja auch nachvollziehbar, denn immerhin wird da ne Menge Geld gespart.
    Aber man muss sich auch mal andere Fahrzeuge anschauen, die als Stufenheck konzipiert wurden – die sehen stimmig aus, wobei deren Abwandlungen wie Kombi oder Steilheck wieder komisch aussehen (aktueller Skoda Rapid, neuester Fiat Tipo, aber auch die Studie eines 190er Kompaktwagens).

    1. Das stimmt tatsächlich- dem wollen wir uns eh noch einmal widmen. Insgesamt war Lancia in Deutschland nie ausreichend gewürdigt worden – mal ganz jenseits von Qualität hatten die ein paar ebenso eigenständige wie schöne Autos im Programm durch die Jahre

      1. Der letzte Satz berührt mich ganz besonders, hab ich mir doch eben solch einen Ford Orion (Baujahr 1990) zugelegt. Natürlich aus Rentnerhand mit wenigen Kilometern aber ganz Klischee-unüblich mit Vollausstattung. Auch befindet sich in meinem Bestand noch ein Derby 2, also tendenziell kann ich nicht behaupten, diesem „Jettaismus“ abgeneigt zu sein. Im Gegenteil finde ich solche Karosserieformen eine schöne Möglichkeit, seine Individualität zum Ausdruck zu bringen. Gerade und vor allem weil ja die meisten dieser Sorte ausgestorben sind.

  2. Für mich fällt auch ein suv in die kategorie nogo, da vermutlich die unsinnigste jemals gebaute fahrzeugform.
    Mir gefallen kompaktlimosinen auch optisch recht gut, wenn ich auch mit platzfremden teilen wie 2er bmw und a3 limo nichts anfangen kann.
    In der hinsicht bin ich allerdings auch gezeichnet… jetta1, vento und jetzt aktuell bora…

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