Golf Diesel – Kickoff eines Kulturwandels

Am Anfang schuf Gott den Otto-Motor – und den konnte man schnell überall bekommen. Später sollte der Wankelmotor hinzu kommen – den konnte man praktisch nirgends bekommen. Mit dem Diesel verhielt es sich da etwas anders: Mit dem konnte man sparen, deswegen konnten ihn sich nur reiche Leute leisten…

Der Volksdiesel – keine Selbstverständlichkeit

Obwohl es bereits seit 1898 Diesel-Motoren in Serie gab, lief erst 1937 mit dem Mercedes 260 D die weltweit erste Diesel-Limousine vom Band, war um Längen sparsamer als vergleichbare Benziner und wurde somit praktisch über Nacht zum Liebling der Taxifahrer. Mercedes hat von diesem Start-Vorteil jahrzehntelang profitiert.

Schon mit dem Wagen zeigte sich dennoch ein Problem der Diesel-Fertigung: Zwar waren die Wagen entschieden sparsamer als vergleichbare Benziner, während aber ein Mercedes 230, der stärker und schneller als der 260D war, für knapp 7000 RM zu haben war, rief Mercedes für den Diesel gut 8000 Reichsmak auf – gute 15% mehr. Ein solcher Preisunterschied war schon in der gehobenen Mittelklasse schwer durchzusetzen – aber da hatte man die Chance, auf Fahrer zu treffen, die relevante Strecken zurücklegten, rechnen konnten und erkannten, dass der Diesel für sie billiger war.

Mit kleineren Autos legte lange Zeit niemand lange Strecken zurück, ausser gezwungenermassen einmal im Jahr nach Italien oder so. Lange Zeit gab es daher den Diesel in Fahrzeugen wie dem Strichacht oder dem Opel Rekord – selbst mit dem Ascona oder dem Rekord tat man sich lange schwer.

Noch in den 80er Jahren gab es Autos mit „Dieselbuckel“, die der größeren Bauart Rechnung tragen mussten

Hinzu kam: Bis in Zeiten der ersten Ölkrise galten Diesel als stinkig, laut und langsam und blieben bei den Taxi-Fahrern, den Landärzten und knallharten Vielfahrern – und selbst die mochten sie nicht immer, weil sie langsam waren. Ein 2100er Diesel im Rekord D etwa brachte es auf 125-132 KM/H – das lag auf dem Level des Käfers. Der deutlich billigere 1700S brachte es auf 160 KM/H – für Vertreter auf Autobahnen waren das Welten.

Es brauchte Volkswagen für den Volksdiesel

Wie so oft brauchte es mal wieder Volkswagen, um den Diesel in die Golf-Klasse zu bringen und dort dann gesellschaftsfähig zu machen. Als VW den Golf 1976 als Diesel mit zunächst 50PS, später 54PS auf den Markt brachte, galt das als echter Durchbruch – in Deutschland gab es das nämlich tatsächlich so nicht. Ford und Opel brauchten bis in die 80er, um das Thema für Escort und Kadett D zu kopieren – selbst der Ascona B, eine Klasse höher angesiedelt, erhielt den Diesel erst 2 Jahre nach dem Golf.

Brutal einfach, radikal leicht: Der Golf 1 bot ideale Voraussetzungen für einen drehmomentstarken Motor – und wurde zum Erfolg

Tatsächlich gab es schon Diesel in der Klasse – der Peugeot 304 hatte bereits einen Dieselmotor mit lächerlichen 45PS – und nicht einmal Fiat baute welche.

Erziehungsarbeit und Volksaufklärung

Obwohl Volkswagen ja dafür bekannt ist, nicht gerade der erste zu sein: Hier waren sie es. Und nicht nur das. Der 1,5er Diesel stellte sich nicht nur als sparsam heraus – er war auch noch spritzig, was zunächst niemand hatte vermuten wollen. Tatsächlich aber kamen hier ein sehr leichtes Fahrzeug und ein hohes Drehmoment zusammen – ein Golf wog mit Dieselmotor gerade einmal 795 Kilo – schon der 1100er Golf galt bei gleicher Leistung von 50PS als ungewöhnlich spritzig – vor allem der 54PS Diesel brauchte nominell eine halbe Sekunde länger auf 100, stand dabei aber ungewöhnlich gut im Futter mit rund 100NM. Schon der erste, der 1,5er Diesel ging gut – ab 1980 aber stellte der neue 1,6er mit satten 54PS und vor allem 98NM einen echten Meilenstein dar. Mittlerweile waren andere nachgezogen – der Fiat Ritmo etwa war als Diesel ein Erfolg, die Franzosen legten schneller nach als erwartet. Die Ölkrise hatte das Kaufverhalten geändert:

Kompakt

Die Kunden wollten Autos, die weniger verbrauchten – und manch ein Käufer, der früher einen Passat gekauft hätte, kaufte nun den kompakten Wagen.

Mit dem 54PS Diesel galt der leichte Golf als regelrecht bullig. Nachdem er zunächst überall dort eingesetzt wurde, wo Sparsamkeit, Belastbarkeit und hohe Jahresfahrleistungen eine Rolle spielten, kauften nun tatsächlich auch solche Leute einen Golf Diesel des Typ 17, die diese Art der Motorisierung einfach scharf fanden. Und nicht nur das: Der Wertverlust des Golf Diesel war signifikant geringer als der eines normalen Golf 1.

Und weil das so war und weil die Diesel angesagt waren, legte VW hier noch einmal nach.

Killer: der Golf GTD

Golf GTD 1982

Der erste Spaßdiesel, den die Deutschen sofort begriffen: Golf GTD von 1982

1982 gelang es VW als erstem Hersteller, einen knalligen, einen sportlichen, einen beachteten Diesel auf den Markt zu bringen. Hatte bis dahin noch manch einer die Nase gerümpft, wenn am Stammtisch die Sprache auf den Diesel kam – hier hatte das ein Ende. Der Golf GTD hatte 70PS – und obendrein praktisch soviel Drehmoment wie ein Golf GTI. Und nicht nur das: Er sah auch noch aus, wie der GTI, kam mit der entsprechenden Kriegsbemalung der Doppelstreifen und der schwarz gerahmten Heckklappe daher und durfte sogar das GTI Fahrwerk verwenden.

Und plötzlich war etwas los im Kopf der Deutschen Käufer. Hinzu kam: Es sprach sich schnell rum, dass der GTD durchgängig überdurchschnittlich gut im Futter stand. Immer, wenn sich eine Autozeitung die Mühe machte, das zu messen, waren Werte zwischen 74 und 76 PS die Regel.

Der Doppelte Spaß

Golf Diesel und Golf GTD war gemein, dass sie trotz ihrer Spritzigkeit schier bizarr geringe Verbräuche erreichen konnten, wovon wir uns auf unzähligen Kilometern selbst überzeugen konnten. Der GTD ließ sich dabei tatsächlich noch sparsamer fahren, wenn man es darauf anlegte und das Drehmoment spielen ließ, um weniger Drehzahlen abzufordern – da gingen echte Rekorde. Auf der anderen Seite war der eigentliche Spaß natürlich, dass man im Grunde auch relativ reuelos Vollgas fahren konnte. Da blieb man bei 6 Litern und konnte an deutlich größeren und stärkeren Wagen locker dran bleiben.

Im Golf 2, obwohl der schwerer war, lief der Golf GTD zur Höchstform auf: Strömungsgünstige Karosse und eine verhältnismäßig lange Übersetzung sorgten vor allem bergab für schier unvorstellbare Geschwindigkeiten bei surreal niedrigem Verbrauch

Alles in allem stellte sich diese Paarung als echter Erfolgsgarant dar: Obwohl der Diesel später auf den Markt gekommen war, als der Benziner, setzte Volkswagen von den rund 6 Millionen Golf 1 satte eine Million als Diesel ab – und das teilweise in Zeiten, in denen der Diesel gesellschaftlich noch nicht anerkannt war. Im Grunde muss man sagen, dass der Diesel Golf hier echte Basis Dienste geleistet hat – und der GTD als Spaß-Diesel noch mehr. Autos wie der 524TD oder der 324TD hätten es schwerer gehabt – und all die zahlreichen Nachfolger im Peugeot 205 und ähnlichen Fahrzeugen hätten eine andere Geschichte geschrieben – zumindest auf dem Deutschen Markt.




10 Gedanken zu „Golf Diesel – Kickoff eines Kulturwandels

  1. Mein erstes Auto war auch ein Golf I Diesel. Grün, mit roter Heckklappe. Er hatte nur einen Scheinwerfer, die Handbremse blieb nur oben, wenn man was darunter klemmte. Aber ich habe das Auto geliebt…

  2. Wir waren in den frühen 80ern mit unserem Peugeot 504 Kombi und einem Golf I Diesel Facelift auf Frankreich Urlaub. Wir mußten mit dem Peugeot gut doppelt so oft tanken wie der Bekannte mit dem Golf I Diesel.

    Später 2001 war ich mit meiner marokkanischen Frau, deren Schwester und meinem Schwager auf Marokkofahrt: Toyota Starlet Baujahr 1983 und Ford Fiesta Diesel Baujahr 1986. Das Unterschiedverhältnis war nicht ganz so krass, aber auch ich mußte öfter atnken als er, fuhr mit 4,5 bis 5,5l Diesel / 100km und ich mit ~8l Benzin.

  3. Der „Kulturwandel“ durch VAG lässt sich in der Tat in Sachen Diesel bis in die Jetztzeit fortspinnen. Aber damals waren Stickoxide und Feinstäube halt noch kein Thema…. Von Kultur kann in dem Konzern heute eigentlich nicht mehr die Rede sein.

    Peugeot hatte übrigens nicht nur mit dem 304 sondern auch mit dessen Vorgänger 204 sehr früh einen Kleindiesel am Start, der zumindest in F nicht ohne Erfolg war.

    1. Oh ja…. Der 204er Diesel… völlig verdrängt. Wie viele davon haben es wohl damals nach Deutschland geschafft?

      1. Keine Ahnung. Das waren in D eher homöopathische Dosen.

        Tatsächlich gebürt VAG die Medaille für die flächendeckende Einführung der Kleinnagler.

  4. Wenn man überlegt, dass der Diesel des GTD in meinem VW Bus auch nur 7 – 8 ltr. gebraucht hat. Allerdings hat er bauart bedingt nicht lange gehalten 🙂

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