Früher war mehr Lametta: Kombi-Kofferräume

Kombis gehen gerade wieder zurück zum Avant

Der Kombi – das war in den 80er mal das Boom-Genre – noch bevor die Vans kamen und dann von den SUV abgelöst wurden und ganz plötzlich verstarben… aber das ist ein anderes Thema.

Während Kombis früher mal als „Handwerker-Auto“ galten, wurden sie Ende der 70er zunehmend populärer und erst recht in den 80er Jahren, als sich das Angebot deutlich verbreiterte. Einzelne Hersteller boten zunächst einmal gar keine Kombis an. Wer einen Kombi wollte, musste früher zu Opel, Ford, VW oder Volvo gehen – BMW, Mercedes, Audi, Saab – sie alle taten sich zunächst schwer mit dem Handwerker-Heck.

Die Illusion: Klar hatte der Avant mehr Laderaum als der traditionelle Audi 100 Typ43 – ein Kombi war er nicht

Lange Zeit war so ein Kombi auch gar nicht nötig – die Ansprüche waren einfach anders. Du brauchtest den großen Kofferraum vielleicht 3 oder 4 Mal im Jahr: Urlaub im Sommer, möglicherweise Ski fahren und Weihnachten und Ostern zu den Großeltern. Dafür packtest Du 4 braune, abgewetzte Lederkoffer in den Kofferraum Deiner Rekord Limousine (und natürlich eine Thermoskanne und hartgekochte Eier…) und nahmst mit, was da gerade so rein gepasst hat. Erst als Leute auf die Idee kamen, ihre Mountainbikes und ähnliches Zeug überall hin mit zu schleppen, Beistellbetten für die Kleinen mitzunehmen und hier und da noch ein paar Sachen „für den Fall der Fälle“ – da kamen die Kombis in den Mainstream.

Bei manchen Kombis war Platz für eine weitere Sitzreihe – die würde heute auch noch in einige Kombis passen – aber die hinten sitzenden könnten nicht atmen…

Und dann wuchsen sie auch. Hatte beispielsweise Audi zunächst noch versucht, die Leute mit dem Schrägheck zu bedienen und mit dem Typ43 Avant eine Art Passat XL auf den Markt gebracht, näherten sich die wahren Kombis zunehmend der Linie, die Volvo vorgegeben hatte: Dem senkrechten Heckabschluss, wie etwa der BMW E30, der Ford Granada, der Ford Escort.

Riesige Gepäckräume entstanden auf diese Weise und man war alle seine Ladesorgen los, wenn man einen Kombi hatte. Wie die Gegenwart zeigt, war das Glück jedoch von kurzer Dauer…

Moderne Beispiele wie etwa der aktuelle Skoda Superb Kombi entwickeln sich bereits wieder in die Richtung des ersten Audi Avant – zumindest sind die Heckabschlüsse im Rahmen der heutigen Aerodynamik beinahe wieder dort angekommen, wo Audi in den siebzigern war oder Beispielsweise Saab. Auch die modernen SUV neigen zunehmend zum Schrägheck und schränken Transportqualitäten teilweise erheblich ein. Zumal dann, wenn sperrige Dinge verladen werden sollen.

Wer richtig Spaß haben will, versucht eine Hundebox in seinen Wagen zu laden. Da gerät selbst der Skoda Superb ins Straucheln – und das ist einer der größten Kombis, die man heute kaufen kann. Da reicht zwar die Länge des Laderaums auf dem Boden locker aus – wer aber die Klappe schließen will, riskiert, dass die Heckscheibe an der Hundebox zersplittert – sie ist einfach nicht mehr senkrecht genug.

Warum ist das eigentlich so?

Hier kommen mehrere Facetten zusammen, die einem leicht bizarr vorkommen mögen.

  1. Gegenüber den 80er Jahren haben die Familienstrukturen sich geändert – die Familiengröße schrumpft – Familien mit zwei und mehr Kindern sind zunehmend exotischer. Das schränkt angeblich das Bedürfnis nach großen Kofferräumen ein.
  2. Sportgeräte wie Fahrräder brauchen die Laderaumhöhe am Heck nicht so sehr – und die Single- oder Zweipersonenhaushalte klappen eh die Rückbank um.
  3. Abgeschrägte Heckabschlüsse werden als sportlicher wahrgenommen. Speziell Männer – und die sind nach wie vor die meisten Autokäufer – wollen innerlich oft nicht als Familienväter wahrgenommen werden und suchen nach dem sportlichen Erscheinungsbild.

    Traditionalist: Car-a-Van

  4. Glas ist das schwerste Material im Auto und bei einem senkrechten Heckabschluß ist es am weitesten von der Hinterachse entfernt, erzeugt also die maximale Menge an Fliehkräften – oder in anderen Worten: Mit einem abgeschrägten Heck schaffst du im praxisfernen Wedeltest der Automotorsport eventuell eine um 0,6KM/H höhere Spitzengeschwindigkeit.
  5. Sachlich: Ein kürzeres Dach, die Annäherung an die Tropfenform, ist besser für die Aerodynamik des Wagens, wie man beispielsweise am Typ44 erkennen kann, der sich sehr streng an solche Vorgaben hielt.
  6. Total grotesk: Der senkrechte, ladetechnisch sinnvolle Heckabschluß, wird nicht incentiviert. Nach Norm wird der Kofferraum mit nicht umgeklappter Bank bis zu Fensterunterkante angegeben, der zweite Norm-Wert gibt den dachhohen Laderaum bei umgeklappter Bank an. Der Kofferraum, der bei voller Besetzung dachhoch vorhanden ist, wird nirgends aufgelistet (ausser freiwillig von ein paar wenigen Herstellern) – Ein Autohersteller gewinnt beim Kunden daher an der Stelle nicht mit einem solchen Kofferraum
  7. Die Marktforscher sagen außerdem, dass speziell bei Premium-Marken die Käufer lieber mehr Innenraum als mehr Kofferraum haben – wenn du mal jemanden mitnimmst, soll der es hinten bequem haben – und das ist wichtiger als Gepäck.

    Senkrecht: Kadett D-Caravan Heck

All das gemeinsam führt dazu, dass Laderäume immer kleiner werden und vor allem weniger nutzbar. Kühlschrank und Waschmaschine? Kannst Du oft schon vergessen. Den typischen Umzug von Freunden machst Du lieber mit deinem alten 740er Volvo, deinem 89er Passat und Deinem Ford Granada – die können das noch und stehen auch formal dazu.



15 Gedanken zu „Früher war mehr Lametta: Kombi-Kofferräume

  1. Einen Kombi habt Ihr glatt vergessen, den Citroen CX!
    2 Meter ladelänge, durch Hydopneumatik 700 Kg Zuladung und ein Fahrkomfort der mit nichts zu vergleichen ist.
    Leider war der Citroen eher der Lastesel und Handwerkerkombi.
    Für (französische) Großfamilien gab es noch eine Ausfürung mit 3 Sitzreihen, Auch beim Peugeo 504 gabs die.
    Erst zum Ende der Bauzeit gab es luxuriösere Ausstattungen und Rücksitze auf denen auch Erwachsene länger sitzten konnten. Bauzeit von 1976-1991, abgelöst vom XM der dann eher ein Lifesyle Kombi war, auch mit 6 Zylindern. Aber weniger Laderaum.

  2. Rischtisch! Der CX : Mehr Kombi geht nicht. Aber auch GS und BX waren nicht zu verachten. Oder der Buckelvolvo (Duett) als früher Vertreter der Zunft.

  3. Wie schon an einem oberen Bild zu erkennen: Opel und Ford (auch andere) bauten jede Menge dreitürige! Kombis. Nicht recht praktisch, aber aus heutiger Sicht sehr begehrenswert, da schrullig.

  4. Ein oft unterschätzter Kombi ist der Astra G Caravan. Ladefläche zwar relativ kurz aber Höhe und Breite des Laderaum sind Spitzenklasse Daneben wirkt von hinten betrachtet der Skoda Superb wie ein Kleinwagen. Vergessen hier in der Auflistung wurde auch der Peugeot 505 der noch einen Deut besser zu beladen war als der CX. Peugeot bot damals die Niveauregulierung zum Schnäppchenpries mit an. Auch der Fiat Marea bietet viel Kombi-Spass dazu noch die „amerikanische“ Heckklappe bei welcher ein Teil nach unten wegklappt wie einst beim Citroen DS. Ein vollwertiger Kombi mit einem Hauch von Lifestyle auch der Peugeot 406. Mein aboluter Favorit ist jedoch der Citroen C5. Die erste Generation kann alles. Lifestyle,Lasten schleppen und repräsentieren. Den C5 ziehe ich dem CX vor weil er zwar noch über die Hydropneumatische Federung verfügt, sich aber ansonsten wie ein stinknormaler PKW bewegen lässt. Ein Fahrzeug dass dich speziell mit den Dieselmotoren total entschleunigt und relaxen lässt.

  5. Der „Kombi-Zwang“ herrscht aber teilweise noch immer. Werde ich so richtig nie verstehen…

    Zwei meiner Freunde, jeweils 2 Personen, Kinder aus dem Haus, Mietwohnung, keinen Garten – „Wenn man mal was zu transportieren hat, oder für den Urlaub.“ Regelmäßig Neuwagen – immer Kombis. Urlaub in der Regel per Flieger…

    Oder Handwerker (allerdings der Chef, schraubt nicht selbst) – immer Leasing der neuesten „Sports-Tourer-Fast-Back-Avant-Hyper-Dingens“ als Kombi. Da liegt hinten ein Regenschirm und ein Laptop drin…

    Als ich meine 5er e34 Limo in einen Kombi der gleichen Modellreihe „tauschte“, war die Anschaffung eines großen Hundes der Grund. Hat sich echt bewährt. Meine Bilanz in 7 Jahren: 1x Dämmwolle, 20 Hundetransporte; (sauschwere) E-Heckklappe mehrmals defekt (Kabelbaum), vorhandene Niveauregulierung nie nötig.
    Und der Kofferraum war exakt so lang und breit wie bei meiner geliebten Limo. Prima geeignet für Baumaterial fast jeder Art, bei umgelegten Rücksitzen.

    Hundi fährt jetzt mittels einfacher Sonderkonstruktion im e38 sicher mit.

    Mein Fazit: (Nur) Der letzte Wagen ist immer ein Kombi!

    1. Freuen wir uns! Umso günstiger sind gebrauchte Limousinen, weil sie eh keiner haben will.
      (Habe als Dienstwagen bewusst Stufenheck genommen.)

  6. Natürlich sprechen auch optische Gründe für einen Kombi. Nach meiner Ansicht sehen sogar hässliche Limousinen als Kombi meistens ganz passabel aus.

    1. Peugeot hatte lange ein gutes Händchen für Kombis – obwohl wir ja immer vom 604 als Kombi geträumt haben 😉

  7. Stimmt aber nur teilweise. Große Laderäume finden sich bei Fiat Stilo MultiWagon oder Renault Megane. Außerdem gibt es eine neue Fahrzeugkategorie, billige Kompakttransporter: VW Caddy, Opel Combo, Fiat Doblo, Renault Kangoo etc. Simpelste Bauart, günstiger Kaufpreis, Platz satt, zu Not mit dem Stapler beladbar. Die kinderreichen Familien können sich doch ohnehin keinen Neuwagen leisten und wenn dann nur sowas. Rein laderaumtechnisch kann da kein noch so steilheckiger “Normalkombi“ mithalten.

    1. Stimmen wir zu – wenn auch mit Einschränkungen. Die Caddys (mit Ausnahme der sünhaft teuren Langversionen) gewinnen ihren Laderaum primär durch Höhe. Dinge wie 2 Große Hunde kann man aber schlecht senkrecht von der Decke hängen lassen… 😉

  8. Der Audi 100 Typ 43 hatte als Avant übrigens einen wesentlich kleineren Kofferraum als die Limousine.. Zumindest so lange die Rücksitze nicht umgelegt waren. Es war eher eine Schrägheck Limousine als ein Kombi. Ähnlich gestrickt waren auch Renault R20 und R30 und später der Ford Scorpio. Der Typ 44 war dann schon eher ein Kombi, auch wenn er noch ein relativ schräges Heck hatte.. Die Grundfläche war riesig..

  9. Einen Kombi-Nachteil gibt es noch: Frauen neigen gerne dazu, Autoinnenräume mit allerlei Zeugs zuzumüllen (kann jeder TÜV-, GTÜ- oder sonstwas Prüfer bestätigen) und das wird mit Kombi eher nicht besser 🙂

  10. Nicht zu vergessen die 1. Generationen des Seat Toledo. Fließhecklimousine mit riesiger Heckklappe und sehr großen Kofferraum. Bei umgeklappter Rückbank konnten 2 Erwachsene darin schlafen. Langstreckenurlaube mit 2 Erwachsenen und 3 Kindern waren locker drin.

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