Fiat 127 – ein wahrer Volkswagen

Wie so viele Industriegüter werden auch Autos mit der Zahl der gebauten Exemplare im Regelfalle billiger – das erschließt sich auch ohne BWL Studium. Was das angeht, hat der Fiat 127 seinen Job wahrlich gut gemacht: entschieden über 9 Millionen wurden von ihm und seinen Derivaten hergestellt – einschließlich der rund 1,5 Millionen, die allein Seat auf dem Spanischen Markt absetzte, auch hier inklusive der Derivate – und hier sind Späße wie der legendäre Yugo noch nicht eingerechnet.

Der Fiat 127 konnte ab 1970 bestellt werden. Die ersten Modelle wurden im März 1971 ausgeliefert. Satte 17 Produktionsjahre sollte der Fiat 127 durchhalten – und damit fast doppelt so lange wie sein Vorgänger Fiat 850, der schon längst als Legende galt. Mutige Deutsche Urlauber, die mit dem Käfer nach Italien fuhren, brachten stets Bilder dieses lustigen kleinen und allgegenwärtigen Fiat mit.

Jetzt muss man vielleicht eins verstehen: Wir Deutschen glauben, dass die Golf-Klasse die Everynone’s-Klasse ist – in Italien war das nicht der Fall (und in vielen  anderen Ländern übrigens auch nicht). Die Jedermanns-Klasse in Italien war eine Nummer kleiner: der Fiat 127 motorisierte Familien im ganzen Land, weshalb Fiat ihn mit einem für diese äußere Größe mit einem ausnehmend großzügigen Innenraum segnete. Ein Polo der ersten Generation bietet innen nicht mehr gefühlten Raum. Und noch wichtiger für die Fans des Wagens: Die drehfreudigen Motoren gaben eine Menge her. Ein mutig bewegter Fiat 127 mit 45 PS konnte in kurvigen Bergregionen entschieden besser motorisierte Fahrzeuge nass machen…

Die – je nach Markt – nach 6 bis 8 Jahren nachgereichte Sportversion mit ihren 70PS machte den Wagen in den 70er Jahren schon zu einem der richtig Schnellen. Man muss das ins Verhältnis setzen: Ein Mercedes 200D, 3 klassen größer, hatte 55PS, selbst der Benziner startete beim W123 noch mit 94PS zu dieser Zeit. 70PS waren Ende der 70er ein Wort – zumal in einem Wagen dieser Größe. Der Polo brachte es damals gerade mal auf 60 Pferdchen. Und so ein Fiat 127 wog gerade einmal 695 Kilo… Das machte den Wagen am Ende sogar trotz seiner hohen Drehzahlen ziemlich sparsam – jedenfalls entschieden sparsamer als die meisten Autos aus Deutschland zu dieser Zeit – und eine fünftürige Version gab es – die reichte VW beim Polo erst 1995 (!) nach.

Ähnlich wie beim Lancia A112 brachte das jedoch nicht nur Freude: der Fiat 127 mit dieser Motorisierung galt als Risiko-Fahrzeug – junge Leute sollten damit nicht fahren. Viele Deutsche ärgerten sich zudem darüber, dass die Versicherungsklasse der damals möglichen 75PS nicht voll ausgeschöpft wurde. Aber darin lag dann tatsächlich schon viel Neid. Der Fiat 127 war einfach ein konzeptionell gutes Auto, das mit Fahrleistungen und einem soliden Innenraum zu glänzen vermochte. Hinzu kam, dass die Deutschen das ganze ja Anfang der 70er so noch nicht kannten: Der lebendige quer eingebaute Motor in der Kombination mit der leichten Karosse und seinem Frontantrieb – das ließ Käfer, Escort und Kadett B erschreckend alt aussehen. Einen Wimpernschlag nach Erscheinen war zudem eilig ein Modell mit Heckklappe nachgereicht worden, die den Wagen noch einmal entschieden flexibler machte.Die Modelle mit der kleinen Heckklappe der frühen Serie erzielen heute praktisch beliebig wählbare Preise…

Wie diverse Autos seiner Zeit – und nicht nur italienische Autos – rostete der Fiat 127 dennoch gehörig, was ihn in Deutschland kleiner hielt als in manch anderen Ländern. Die Autozeitschriften, die den Wagen zunächst freudig begrüsst hatten, testeten ihn nun gegen die relevante Deutsche Konkurrenz und fanden die langsameren, weniger knackigen Fahrzeuge jetzt besser. Wie immer.

Fiat Oggi – bei uns nicht erhältlich

Fiat besserte qualitativ hier und da nach – nicht nur wegen des Deutschen Gejammers. Die Marktlage hatte sich geändert: War Fiat mit seinem drahtigen Konzept Anfang der 70er noch ziemlich cool, hatte Fiat die Blaupause geliefert, die nun jeder mit Schrägheck, Quermotor und Frontantrieb nachbaute. Prominente Vertreter wie der Renault 5, Polo, Fiesta – nur die Briten kamen in der Klasse nicht recht aus dem Quark – wie so oft in dieser Zeit.

Dennoch: Mit der Qualität wollte es nie durchgängig klappen. Vor allem Rost und alles, durch das Strom floß, wollte artig im Auge behalten werden. EIn Alfasud dieser zeit war natürlich viel schlimmer – aber das scherte der Germane in seinem rostigen Strichachter gerne über einen Kamm: Italiener rosten. Punkt.

Die facegelifteten Modelle mit der rundlichen Plastikfreund, die sicherlich dem Zeitgeist entsprachen, waren nicht nur weniger hübsch, sie waren auch weniger gut. Mechanisch jedoch war der Fiat zäh. Die Motoren waren zäh und belastbar – der kleine Nullneuner meist mehr als der große Motor, was oft jedoch auch an der Art lag, wie dieser genutzt wurde.

In Italien und den Nachbarländern tat das seinem Erfolg keinen Abbruch – hier war witterungsbedingt natürlich auch das Rostproblem ein kleineres.

Wer sich heute nach einem solchen Fiat umsieht, findet daher auch auf dem italienischen Markt sicherlich die reichhaltigste Auswahl des 127, der vor satten 30 Jahren eingestellt wurde, während Seat ihn bis 1992 baute. Sein zweites Leben in Brasilien dauerte gar bis 1997 an, die letzten Verkäufe gar bis 1999, also fast 30 Jahre nach Erscheinen, ähnlich wie beim 128er.In Brasilien wurde mit dem Fiat Oggi sogar quasi ein paralleler 128er entwickelt, ein Fiat 127 mit Kofferraum – nur, dass der Fiat 127 umgekehrt zur Welt gekommen war: Er basierte auf Komponenten des bereits 1969 lancierten Fiat 128.

Ansonsten muss man sagen: Der Fiat 127 ist nicht so rar, wie man meinen würde.



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