Der letzte echte Volvo – gab es den schon?

Wenn Du die Leute nach dem letzten echten Benz oder dem letzten echten Opel fragst, dann gibt es da oftmals die typischen Einschnitte, an denen Fans festmachen, was sie als den Breakpoint sehen können – etwa „Abschaffen des Heckantriebs“ oder ähnliches. Das scheint Sinn zu geben – aber wie wir mittlerweile gesehen haben, verschwimmen und verändern sich diese Grenzen – teilweise auch stark abhängig davon, wie alt diejenigen sind, die Du fragst.

Und natürlich tut sich hier und da was – vielleicht werden wir in 10 Jahren hören, dass der letzte echte Opel der vor der Peugeot-Übernahme war oder Ähnliches.

Klassiker 🙂

Fragst Du Volvo-Fans, sieht das eigenartiger Weise etwas anders aus. Theoretisch könnte man hier doch durchaus Momente finden, die etwas signifikant verändert haben – etwa der Frontantrieb im Volvo 850, das US-Heck des 700ers, der Verkauf an die Chinesen – da sollte es doch eindeutige Momente geben, oder?

Volvo Fans sind da nicht so binär eindeutig… Klar, der Wegfall des 240ers war ein Einschnitt für viele. Tatsächlich hat Volvo den vorsichtshalber ewig weiter gebaut und vorsichtshalber nicht die Produktionsstraße an Lada verkauft, die den kantigen Schweden nur zu gerne weiter gebaut hätten. Außerdem haben kluge Volvo Händler die komplette letzte Serie gehortet und teilweise noch 2 Jahre nach Einstellung des Modells an religiöse Fans verkauft. So weit, so gut. Aber dann kamen der 7er, der 8er, der 9er… Und alles schien okay zu sein – zumal ja daneben noch unglaublich viele 2er Volvos unterwegs sind.

Brachial-Klassiker aus einer anderen Zeit

Dann kam die neue Nomenklatur. V70. Das war zwar zuerst nur ein 850 mit ein bisserl Kosmetik, klang aber schon deutlich neuer irgendwie. Dann kam der S80, der wahre Bruch mit der Kante, die Jan Wilsgaard geprägt hatte – ein gänzlich anderer visueller Anspruch kehrte bei Volvo ein. Das war 1998, ab 2000 folgte schließlich der wichtigste Wagen: Der neue V70 im Design des Volvo S80; der große Kombi – also der Wagen, der Volvo seit Jahren ausmachte.

Und was geschah? Nichts. Der Wagen verkaufte sich gleichmäßig gut, traditionalistische Volvo Fans brauchten 2 Jahre, um sich an das neue Design zu gewöhnen – und weiter ging es.

Dass Volvo 1999 an Ford verkauft wurde, schmerzte, dass Volvo dann aber 2009 ausgerechnet an Geely verkauft wurde, traf in erster Linie die Schweden ins Herz. Saab ging den Bach runter, die heimische Automobilindustrie stand vollumfänglich zur Disposition – kein gutes Gefühl für ein Land – zumal Geely damals in Europa noch als schlimme Lachnummer galt. Ford hatte schon weh getan – aber das…

Und was geschah dann?

Gar nichts. Mittlerweile baut Volvo dicke SUV und Fahrzeuge der Golf-Klasse, die weit mehr Respekt geniessen, als die Volvos, die aus der Feder asiatischer Techniker stammten und in den Niederlanden zusammengeschraubt wurden.

Geely lässt Volvo machen – im besten Sinne des Wortes. Die Marke Volvo, urschwedische Autokraft, wird respektiert und das mit viel mehr Liebe als GM je für Saab hatte erübrigen können.

Volvo Personvagnar hat mit Håkan Samuelsson einen schwedischen Geschäftsführer, der in hohem Maße handlungsfähig ist und Ruhe bewahrt hat. Volvo hat sich keine hektischen Fehler in der Markenführung erlaubt, wie Opel, wie Saab, wie diverse andere, die wir heute nicht mehr sehen. Und sie leben noch.

Und das hätte durchaus anders aussehen können. Volvo baut in guten Jahren eine gute halbe Million Autos – für einen Totgesagten ist das ein überaus anständiges Ergebnis. Eines, das zeigt, dass der Erhalt und die Pflege einer Marke eben doch einen reellen Wert haben. Volvo weiss beispielsweise sehr genau, dass die Volvo Käufer von heute ganz oft die Kinder der Volvo Käufer aus den 70ern und 80ern sind. Die wollen das gleiche, wie ihre Eltern damals – nur jetzt eben für ihre eigenen Familien. Das hat geprägt und offensichtlich steht Volvo immer noch für diese Werte, auch wenn das alles moderner und zeitgemäßer geworden ist. Wie man so schön sagt: Es geht eben nicht darum, die Asche aufzuheben, sondern vielmehr darum, das Feuer weiterzugeben. Vielleicht gibt es deshalb noch keinen letzten echten Volvo, sondern immer neue.




4 Gedanken zu „Der letzte echte Volvo – gab es den schon?

  1. Auch wenn es (zumindest bei 2 von 3) inzwischen nur noch sentimentale Überlieferungen sind:

    Ein Mercedes ist ein Mercedes.
    Ein Golf ist ein Golf.
    Ein Volvo ist ein Volvo.

  2. So lange Volvo Fahrzeuge baut gibt es auch richtige Volvo’s. Volvo steht immer noch für Sicherheit, Zuverlässigkeit und Innovation. Alles andere ist in meinen Augen reine Geschmackssache und das ist auch gut so. Ich bezweifle zwar das es von heutigen Modellen irgendwann Youngtimer oder sogar Oldtimer geben wird, aber das hat eher was mit der Elektronik zu tun als mit Liebhaberei. Ich wünsche allen die einen Elch in Ihrem Besitz haben viel Freude damit und werde alles versuchen meinen 96er Volvo 850 Kombi zum H-Kennzeichen zu bringen.

  3. Hm,
    der letzte echte Volvo stirbt mit den letzten echten Volvisti.
    War der typische Käufer bis in die 90er noch derjenige, der sich für Langlebigkeit, Qualität, Solidität und Sicherheit entschieden hatte, wurde dieser durch den Lifestyler mit Leasingvertrag ersetzt, der keinerlei Beziehung zu seinem Auto mehr hat, es nicht als Familienmitglied ansieht und entsprechend seine Fürsorge auf tanken und Waschanlage beschränkt- es gibt ja schliesslich alle drei Jahre etwas Neues!
    Rein optisch, innen wie aussen, bedeutet m.E. das Ende der Ära Wilsgaard eine Zäsur: Der S 80 sieht aus wie ein Passat, Avensis etc. Die S/V 90 und 850 dagegen noch wie ein unverwechselbarer Volvo.

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