Fish & Ford & Chips: Youngtimer-Ostern in UK

Nach vielen lustigen Ostern an den abstrusesten Orten gönnen wir uns dieses Jahr mal was. Die Idee entstand irgendwann im vergangenen Herbst, als wir unbedingt an einem Paul Weller Konzert teilnehmen wollten – und die einzigen verfügbaren Karten fielen auf die Oster-Tage.

Standesgemäße Ernährung – Man beachte: Mit ganzen Erbsen oder zerquetschten Erbsen. Feine Unterschiede – und auf jeden Fall mit reichlich Essig. Trendy: Pommes aus Süßkartoffeln

Hm… Dann eben mal in den teuren Apfel beissen und sich was gönnen. Ein paar Tage London, ein wenig britische Countryside – und schließlich wuchsen die Verpflichtungen an: Alte Freunde treffen, Interviews führen, verstehen, was „Kollegen“ in UK eigentlich so machen (Und nein – das sind auch alles keine Millionäre… ;->) Und ganz zum Schluss schält sich noch eine echte Gelegenheit heraus: Wir können ein paar der letzten echten BL-Mitarbeiter treffen. Mit einigen von denen hatten wir ganz früher schon mal Kontakt – ein paar Neue sind hinzugekommen – und am Ende des Tages trennen wir uns leicht angeheitert als Freunde, die sich in jedem Falle noch einmal wieder treffen werden, soviel steht schon einmal fest.

Die ersten Tage in London fragen wir uns sehr ernsthaft, was eigentlich aus den Practical Classics geworden ist, die hier früher im Stadtbild enorm präsent waren. Heute sieht man fast keine. Londons Fahrzeuge bestehen in der Innenstadt zu einem Drittel aus fetten SUV, die von russisch oder arabisch anmutenden Kerlen bewegt werden, zu einem weiteren Drittel aus Taxen (ja, das sind Klassiker…) und einem Drittel aus Toyota Prius. Rätsels Lösung: Der Prius ist von innerstädtischen Strafzöllen befreit – den Russen sind sie wurscht… Youngtimer in der Innenstadt? Nicht mehr gerne gesehen, wegen der Emmissionen. Fährst Du raus nach Notting Hill, nach Greenwich – da siehst Du plötzlich die ersten zwischen den zahlreihen Prius-Modellen – wenn Du mit den Besitzern sprichst, erklären sie dir, dass die Youngtimer hier nicht mehr im Alltag gefahren werden, die Zeiten seien rum. Sie sind in Garagen verstaut und werden im Sommer bewegt.

Findest Du hier auch in besseren Wohngegenden, gilt gerade als reichlich angesagt

Warum? Weil es Wertanlagen sind. Gepflegte Minis aus der Pre-BMW Ära, Ford Cortinas vor der Angleichung an den Europäischen Taunus, die Vauxhall-Modelle, die noch nicht identisch zu den Opel-Modellen sind – und natürlich Britisch Leyland jeder Art. Man darf hier eins nicht vergessen: Wir reden von einem Land, das seine Autoindustrie praktisch vollkommen eingebüßt hat. Mercedes spielt hier nicht so eine große Rolle bei den Youngtimern, BMW – in Grenzen, aber auch nicht so wie hier. Audis gelten als überproportional cool – der Typ43 als Avant – great car, still traded below value.

Britische Youngtimer-Lektüre and a little Bit of loose change…

Rolls und Bentley natürlich. Hier und da tauschen die mal in der Rückscheibe auf – aber wir sind in unseren rechtsgelenkten Mietwagen irgendwie zu beschäftigt mit Fahren auf der „falschen“ Seite.

Zum Verlust der Automobil-Industrie führen wir ein paar Interviews, einige in Solihull – alte Männer im Pub, die diese Zeit hinter sich haben und heute auch kaum glauben können, wie oft sie damals gestreikt haben. Irre Zeiten müssen das damals gewesen sein für alle beteiligten. Ihnen ist klar, dass sie in vielerlei Hinsicht die Industrie ins Aus gestreikt haben. Und dann, erzählen sie uns, „kamen die Japaner. Die waren so viel besser als unsere Autos, das man schier heulen wollte. Die ersten Generationen sahen noch grauenhaft aus, die zweiten Generationen waren schon schöner als unsere Autos. Und weil sie das Lenkrad auf der richtigen Seite hatten, wurden auch die Autos importiert, die nur kleine Stückzahlen versprachen…“

Macht bei unseren Kollegen in UK grad die große Runde… Coldwar-Classics ist hier ein echter Fachbegriff

Hinzu kamen natürlich auch idiotische gesetzliche Regelungen, die die Industrie von innen zerfrassen (Teil IV unserer Großkonzernserie, folgt in Kürze) – über die regen die Leute sich hier noch auf. Und im Grunde sei es dann eigentlich doch auch der Staat schuld gewesen… Hm. Hierüber hat die Geschichte in Teilen sicherlich anders entschieden.

Wir wagen uns nach Stratford upon Avon – Shakespeares Geburtsort, Milton Keynes, Midlands – sterbende Regionen, die einst als „new Towns“ boomten und jetzt mit sterbenden Innenstädten, Überalterung und Abwanderung zu tun haben, weil alle nach London wollen. Alte Autos gibt es hier jede Menge. Sogar einen Montego finden wir hier mal -inzwischen sehr rar und in Deutschland nur noch in Garagen zu finden. Hier fahren die alten Leute auch noch mal den einen oder anderen Rover, die späten MGs – da gibt es noch einen gewissen Stolz. Ein Lokalreporter erzählt uns, dass „grey haired people“ hier und da noch BLs haben und stolz darauf sind – und auch sonst keine große Wahl haben – die Häuser hier geben nicht die Art Altersvorsorge her, für die sie dereinst geplant waren, während diejenigen, die in den 80er jahren nach London gegangen sind, die Preise ihrer Häuser verfünffachen, verachtfachen oder verzehnfachen konnten – in Deutschland fast nicht vorstellbar. Und in Milton Keynes auch nicht.

Gebaut seit immer oder kurz davor – und scheinbar kein Ende in Sicht. Wer genau hinsieht, erkennt natürlich die Fortschritte über die Zeit. Die neuen Modelle sehen primär alt aus und haben immer noch einen bedeutend zu kleinen Kofferraum zugunsten des spektakulären Innenraums

Reading schließlich, die Geburtsstadt von Mike Oldfield, lebt noch ein wenig. So austauschbar, wie man sich das nur vorstellen kann. H&M, Vodafone und alle anderen Geschäfte, die man in ganz Europa in glasüberdachten Innenstadt-Zentren findet. Junge Mütter, substanzielle Arbeitslosigkeit, keine leeren Pubs, aber auch keine so richtig vollen. Ein gutes Hotelzimmer hier: Mit Frühstück immer noch 60% billiger als in London ohne Frühstück. Hier wird für den Mindestlohn von 7 Pfund gearbeitet und von der großen weiten Welt geträumt – reich wird hier niemand. „Youngtimers? Yeah – some of us keep the old Cars to make some Money“ – Garagengold… Triumpf TR, Rover SD1 – das waren die Träume der Gegend, die heute oft verrotten aber eines Tages viel Wert sein sollen. Da gab es auch Fernsehsendungen, die das immer wieder gezeigt haben. Daily Drivers? No way, das ist eher der Vauxhall Corsa und der Ford Fiesta – große Deutsche Autos siehst Du hier nicht. Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll – britische Strassen sind einfach zu schmal. Wir lernen „it was all horse and wagon back then – and houses don’t move“ – also bleiben die Strassen schmal und führen uns Germanen vor Augen, wie sehr wir uns für unsere Autos verbogen haben, damit man ja viel Platz zum Fahren hat. Lieber mal hier und da ein Haus sprengen…

Na gut, zugegeben… wir haben geschaut – aber nicht gekauft

Am Ende treffen wir einen guten Freund. Sein Boot teilt sich die lange hölzerne Garage mit einem MG Cabrio der letzten Serie. „It was a steal!“ wie wir lernen und wechselt nach Ostern den Besitzer. „bought for a little bit over 700 pound, sold for nearly two five!“ Garagengold – hier ist das für die späte Ära der Auto-Industrie Realität. Das nächste Projekt? Ein SD1, ist schon gefunden, steht allerdings hinter Birmingham und wird an den Feiertagen überführt. Kostet keine 2.000 Pfund und soll am Ende möglichst für 4.000 weg gehen – nur wenig dran zu machen.

Einige Leute in den Midlands verdienen so tatsächlich einen Großteil ihres Geldes. Jeder weiss, dass das nicht lange gutgehen kann – aber irgend ein Sammler in Camden findet sich immer… „If you’re a trader at HSBC, that is loose change for you….“

Auch hier ist der britische Markt extrem: Wenn die Preise anziehen, dann richtig. Vor 2 Jahren gab es keine 600 Pfund für den späten Granada 3

Ausserdem im Kommen: Der Granada MK3. Der Was? Genau – wir kennen den hier unter anderem Namen. Zum Beweis finden wir einen Artikel über den in der Practical Classics, immer noch die coolste Youngtimer-Zeitung der Erde, die wir zum Glück schon mal in den 80er Jahren kennenlernen durften.

Vieles hier ist krasser als bei uns, radikaler, schneller und grundlegender in Entwicklung und Veränderung. Youngtimer Fahren als Hobby, vor ein paar Jahren hier noch sehr üblich? Nein – heute nicht mehr, das Thema ist durch, da geht es heute eher um Geld.



3 Gedanken zu „Fish & Ford & Chips: Youngtimer-Ostern in UK

  1. Ich danke für den Einblick in die Youngtimer-Szene auf der Insel.
    Ob uns das auch so blühen wird, dass Altblech in erster Linie für den Profit gehortet und nicht zum Fahren genutzt wird?
    Ich habe die gesamten Osterfeiertage unter meinem S202 verbracht und an die falsche Sparsamkeit der Daimlerleute aus der Zeit gedacht, damit ich mit dem Wagen im Alltag wieder meinen Spaß haben kann. Ob das in die Kiste gesteckte Geld jemals wieder raus kommt, ist mir da egal, ich will billig Benz fahren.

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