Warum uns die Autos der 90er zu Tode langweilen

Gast-Post von Gerhard

Knapp zwei Drittel (63%) der Youngtimer-Blog-Facebook-Fans sind vor 1982 geboren, also im Jahr, in dem der Ford Sierra erschien, der BMW E30, der Audi 100 Typ 44 und der Baby Benz Mercedes 190 die Mercedes Palette „nach unten“ abrundete – heute kann man die Modelle unterhalb des heutigen 190ers kaum noch im Kopf behalten…

Youngtimer sind sehr oft die Autos unserer Eltern, klar. Für die Mehrheit der Leser, die im Mittel in der ersten Hälfte der 70er Jahre geboren sind, sind das eher die Autos der frühen 80er. Die fremdeln dann naturgemäß ein wenig mit den E39er, dem W210 oder dem frühen A6. Nicht nur aus Gründen der Kindheitserinnerung – unzweifelhaft änderte sich in dieser Phase des Automobilbaus vieles nachhaltig in eine Richtung, die nichts mit Kindheitserinnerungen zu tun hat, sondern mit mangelnder Zugänglichkeit, Idiotien wie Scheinwerferbirnen, die man nur mit Spezialwerkzeug wechseln kann und dem Einzug massiver und empfindlicher frühdigitaler Technik.

Youngtimer in Bremen

Automobile Vielfalt – kennste?

Die abzulehnen hat oft viele praktische und nachvollziehbare Gründe. Aber fremdeln wir deshalb mit den neueren Fahrzeugen? Werden wir einfach nur älter und bekommen die Kindheitsbeziehung zu diesen Autos nicht mehr hin?

Wir müssen den Bogen etwas weiter spannen.

Jede Industrie hat eine Frühphase, in der es um die Erzeugung des Produktes geht. Dann kommt eine Phase des Experimentierens, konnte man vor etwa 15 Jahren sehr schön bei Websites beobachten. Und irgendwann sammelt man sich dann zusammen, schaut, was bei einem selbst funktioniert hat und was bei den wichtigsten Mitbewerbern. Dann kommt Gewinn-Optimierung und leider auch Gleichmacherei. Da der Automobilbau eine vergleichsweise schwerfällige Industrie mit ausgeprägt langen Entwicklungszyklen ist, dauerte das alles eben nicht 15 Jahre wie im Internet, sondern mehrere Jahrzehnte, bei denen auch noch 2 Kriege dazwischen kamen und die Produkt- und Entwicklungsprioritäten stark veränderten. Nach der frühen Massenmotorisierung und der Entdeckung der Frau als Kundin, kam die Automobil-Industrie in die erwachsene Phase der Konsolidierung.

Auch der Windkanal spielte eine große Rolle bei der Gleichmacherei

Und die ging zu allem Überfluss einher mit dem Einzug zweier weiterer Disziplinen in die Automotive-Industrie: Marketing und Pocket-Controlling. Tatsächlich: Marketing gab es oft noch nicht in den 70er Jahren – da gab es eine Verkaufsförderung und eine Werbeabteilung – die einen kümmerten sich um Prospekte für die Showrooms, die damals freilich auch noch nicht so hießen, die anderen kümmerten sich um Anzeigen in der ADAC Motorwelt.

Pocket-Controlling bedeutete im damaligen Branchen-Sprech: Du nimmst nicht mehr alle Einnahmen und stellst sie allen Deinen Ausgaben gegenüber und wenn etwas übrig bleibt, freuen sich alle – vielmehr schaute man sich nun die einzelnen Pocktes an, überlegte und verglich und stellte Fest: Auto A verdient mehr pro Stück als Auto B und stellte fortan alles mögliche an, um mehr von Auto A zu verkaufen und Auto B profitabler zu machen.

Und da, wo in den 70ern noch jugendlicher Pionier- und Forscher-Geist in der Branche den Ton angaben, gab es jetzt Produktmanager, die ihre Pläne vor Produktkommissionen verantworten mussten und Business-Cases rechnen mussten, Zielgruppengrößen und Segmente analysieren mussten und Absatzprognosen erstellen mussten.

Youngtimer Rover SD1

Individualität bringt dich in der Auto Motor Sport nicht auf Platz 1 im großen Vergleichstest

Die freilich waren lange Zeit noch frei erfunden und zusammengelogen, professionalisierten sich aber – schließlich ging es hier um Millionenbeträge. Hattest Du vorher noch 4-5 Motoren angeboten, die dir sinnvoll erschienen, musstest Du nun beweisen, dass alle 5 notwendig waren und musstest erklären, warum weniger Menschen die 75PS Motorisierung wollten und ob man die nicht eigentlich auch weglassen könne, um Fantasilliarden zu sparen.

Die brutale Effizienz der Japaner drückte die Branche in ihrem gesättigten Markt weltweit weiter in diese Spirale hinein. Und nun musstest Du dich fragen lassen, ob denn wirklich 22 bunte Farben notwendig seien, wo Kaminrot, Safrangelb und Alpinweiss doch bereits 71% der Kunden glücklich machten.

Die Branche steckte sich selbst ins Korsett – das Korsett des gesättigten Marktes gepaart mit der Angst vor falschen Prognosen. Und irgendwann sagst Du dir als Mitarbeiter „Machen wir es mal vorsichtshalber so, wie es die Erfolgreichen auch machen….“. Die betriebswirtschaftlichen Folgen davon sind bekannt und nennen sich „Marktbereinigung“ – in anderen Worten „Wenn eh alle das gleiche bauen – warum brauche ich dann diese ganzen verschiedenen Marken?“

Citroen C6

Wir hätten den gestützt – aber die Mutigen wurden nun nicht mehr belohnt, sondern der mainste Mainstream

Mutige Autos wie ein Alfasud, wie ein NSU Ro80, ein Opel Monza oder ein Renault R30 mit Schrägheck können in einer solch uniformierten Umgebung nicht mehr entstehen. Und genau das zeigte der Markt ab den 90er Jahren immer öfter. Waren Mercedes 190, BMW E30 und der Audi 80 noch vollkommen unterschiedliche Fahrzeuge, so sind die Modelle heute teilweise millimetergenau gleich, haben exakt die gleiche PS-Zahl, dasselbe Drehmoment, der eine bei 1750, der andere erst bei 1800 Umdrehungen – Hooka Hey – mit ein wenig Glück ist das im starren Vergleichsraster der AMS dann noch einen Punkt mehr wert. Das mag mathematisch praktisch, handlich und abwaschbar sein – ist aber ein dramatisches Nadelöhr für Individualität, durch das dann ein Saab 900, ein Subaru mit seinem Boxermotor einfach nicht durch passen wollen. Und irgendwann schaust Du dir eine C-Klasse an und fragst Dich, warum einer diesen Stern auf den Audi montiert hat…

Mutige Entwicklung hört praktisch von jetzt auf gleich auf. Hier und da tauchten coole Ausnahmen wie der Mazda Mx5 auf – aber spätestens Ende der 90er sahen alles Autos der Golfklasse aus wie der Golf, unterschieden sich Mondeo, Passat und Carina lieber in Nuancen als in relevanten Details.

Nichts war mehr echt und alles war Golf. Die seelenlosen Zombies aus dem Dorf der Verdammten hatten Einzug gehalten.



2 Gedanken zu „Warum uns die Autos der 90er zu Tode langweilen

  1. Danke für die deutlichen Worte.
    Oh ja, es ist die Angst der sog. Entscheider (manche sagen auch: „Nieten in Nadelstreifen“) vor der Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, die alles lähmt. Da hatte z.B. VW einen nahezu fertig entwickelten Microbus, der sich wunderbar mit einem durchzugstarken und sparsamen 90 PS TDI hätte kombinieren und zum Preis eines Golf Plus oder Tiguan hätte verkaufen lassen- und die stecken den in die Schublade! Wenn man schaut, welche Unsummen Leute für T1 und T2, aber auch schon für den T3 (und T6 sowieso) locker machen, ein echtes Manager-Gate.

  2. Eine schöner Beitrag, wobei ich ihn eher zweigeteilt sehe. Zum einen muss ich euch recht geben ab den 90er oder ab Mitte der 90er wurde es eintöniger ja. Aber dennoch war es gefühlt noch nicht so schlimm wie heute.
    Ich persönlich bin ein Fan der sehr späten 80er und Anfang 90er Autos, wobei bei mir das eben die Kindheitserinnerungen sind.
    Was ich viel schlimmer finde ist das , wenn man mal genau hinsieht, ich selbst mit meinem, nun schon 16jahren alten Alltags VW Bora Variant ,teilweise schon komisch angeschaut werde. Wenn man dann noch die GELBE Umweltplakette sieht (TDI ohne Russpartikelfilter) gilt man ja eh als quasi “Feinstaubterrorist” und schlechter Mensch, da brauch man dann auch nicht mehr versuchen den Leuten die Energiebilanz beim Fahrzeugbau zu erklären. Wo ist die Liebe und Treue geblieben, jeder fährt sein auto quasi nur noch 4 Jahre und holt sich dann wieder nen ” neuen” Langweiler auf 4 Rädern, da der “alte” ja schon 40.000km auf der Uhr hat und 2 neue reifen braucht.

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