Ab 100.000KM geht es mit Autos bergab!

Tachostände sind ja immer wieder so ein Thema bei Gebrauchtwagen – bei sammelnswerten Youngtimern umso mehr – ganz gleich, wie sinnvoll das sein mag. Jahrelang galt – vor allem in den 70er und 80er Jahren – die sechsstellige Zahl auf dem Tacho als ein Malus. Man erinnere sich: Viele Fahrzeuge wurden lange Zeit noch mit fünfstelligen Tachos gebaut – ganz so, als wollte man sagen: 100.000 Kilometer schafft der doch eh nicht.

Die magische Grenze: 100.000 Kilometer. Ein Mercedes-Tacho zeigte die an – viele Tachos kleinerer Wagen hatten nur 5 Stellen

Woher kommt das eigentlich? Ist das nur die Magie der sechsstelligen Zahl?

100.000 Kilometer schaffen manche Dienstwagen noch in ihrer 3jährigen Leasingfrist heutzutage… Aber vor 30, 40 Jahren schien bei 100.000 Kilometern etwas zu passieren. Mein Vater etwa und sein Vater, beide im Alter lediglich 19 Jahre auseinander, verkauften ihre Autos stets bei spätestens 90.000 Kilometern, denn scheinbar wusste jedes Kind „Ab 100.000 geht es bergab!“ Warum sollte das eigentlich so sein?

Ein freundlich lächelnder älterer Herr, Jahrgang 1937, der noch täglich seinen W202 bewegt, klärte uns kürzlich einmal auf:

„Die 100.000 Kilometer-Lüge hab ich erfunden“

What?

Fangen wir mal am Beginn an. Wir haben ja nach all den Jahren öfter mal Kontakt zu komischen Leuten gehabt – und hin und wieder redet da ja mal jemand Mist. Auf der anderen Seite haben wir Leute wie Gerhard kennengelernt, die wir nicht mehr missen möchten. Der Kontakt zu dem freundlichen älteren Herren kommt zustande über einen gemeinsamen Freund: einen unserer Lehrer von der Journalisten-Schule – heute selbst auch schon ein Stückerl über 70, aber immer noch aktiv und gut vernetzt, ganz speziell im Automotive Sektor, wo er bis heute Schulungen zum Thema Pressearbeit und ähnliches durchführt und vermutlich pro Stunde soviel verdient wie wir pro Woche oder so… 😉

Ohne seine Vermittlung hätten wir das Gespräch nie recht geführt, aber so erfahren wir eine Geschichte, die wir irgendwie immer gespürt hatten….

Der Shell Ratgeber Nummer 7 war wohl ein Meilenstein bei der Verbreitung der Idee…

„Was soll das bedeuten – die ‚100.000 Kilometer-Lüge erfunden‘?“

„Na ja… Eine richtige Lüge war es eigentlich nicht, mehr eine …. Geschichte,“ grinst „Aber ich bin drauf gekommen und ich hab sie wissenschaftlich untermauert“.

„Wie sah das aus?“

„Ich war damals ein junger Journalist und hatte einen blöden Job bei einer technischen Fachzeitschrift. Sehr langweilig, aber so satt von der Industrie bezahlt… Und dann traf ich auf einer Messe ein paar Leute aus der Auto-Industrie. Es gab einen dieser langen Messe-Abende, wie man sie früher hatte – Wein, Weib, Gesang – und am Ende der Nacht war mir eines der größten Probleme der Auto-Branche klar geworden.“

„Was war das?“

„Die Autos waren besser geworden und hielten länger. Aber Du konntest Sie nicht schlechter bauen, das fiel auf. Du musstest den Leuten eine guten Grund geben, sich ein neues Auto zu kaufen. Ein Grund, der in ihrem Kopf steckte, etwas sehr subtiles. Und so erschufen wir die ‚Badewannen-Kurve für Autos‘.“

„An die erinnern wir uns – wir dachten immer, die habe der ADAC erfunden oder Shell.“

„Ha ha… Die Mineralöl-Leute – und da nenne ich mal keine Namen – waren die ersten, die auf die Sache gehüpft sind. Die fingen an, teurere Schmierstoffe auf den Markt zu werfen, die keiner wollte. Wenn Du aber irgendwie subtil klar machen konntest, dass das teure Öl gut dafür sei, dass dein Motor länger lebt, dann lief die Sache“ kichert „wie geschmiert sozusagen. Bis heute kann dir kein normaler Kunde sagen, was an einem Synthetischen Schmierstoff eigentlich besser sein soll als an einem mineralischen – aber sie kaufen ihn dennoch.“

„Und wie lief das damals? Das kann man ja nicht einfach so abdrucken, oder?“

„Damals hatten die Firmen ja noch kein Marketing, schon gar nicht diese strategischen Abteilungen, die sie heute haben – also leisteten wir die Vorarbeit. Wir gingen mit einem 150seitigen Dokument – Schreibmaschinenseiten! – zu allen möglichen Leuten in der Industrie und zeigten ‚wissenschaftlich‘ auf, dass ganz neue Autos eine höhere Neigung zu Problemen hatten, dass dann eine lange Phase kam, in der sie ziemlich fehlerfrei liefen und dann, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten, häuften sich nicht etwa die Reparaturen, sondern die Wahrscheinlichkeit für teure Reparaturen. Das war ein feiner, aber wichtiger Unterschied. In den 70er Jahren kauften sich immer mehr Leute Autos, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die schafften zwar die normalen Unterhaltskosten – aber die Angst vor einem Austauschgetriebe oder Austauschmotor war sehr groß.“ (Ein Exemplar der Schreibmaschinenseiten bekommen wir zu sehen… Aus heutiger Sicht unfreiwillig komisch)

WOW!! Über 100.000 – geht das wirklich??? 😉

„Und die Badewanne zeigte das?“

„Genau! Die Badewanne war das Bild, das man brauchte. Die ging am Ende steil bergauf – und davor hatten die Leute Angst. Autos, die im Neuzustand Probleme hatten, hatten schon damals Garantien und Gewährleistungen. Aber wenn sie älter waren… Das erzeugte Unsicherheit.

Tatsächlich gibt es ja wissenschaftliche Untersuchungen dazu – die sogenannte Ausfallverteilung lässt sich nachweisen. Bei Autos ist sie nur vollkommen anders als bei Maschinen, die jahrelang am selben Ort das gleiche tun. Und die 100.000 waren auch quatsch – unsere Auswertungen hatten viel höhere Zahlen gezeigt und sie waren enorm breit verteilt.

Die 100.000 kamen zuerst auch nicht von mir – das hätte ich mich nie getraut. Aber je öfter die Badewanne irgendwo gezeigt wurde, je öfter die Presse dieses Bild benutzte, umso mehr häufte sich die Frage, WANN GENAU denn nun die Kurve zu steigen begann. Die 100.000 hat meiner Erinnerung nach tatsächlich der Shell Ratgeber hinzu gefügt. Auch nicht so ganz klar – aber die standen nun mal vorne auf dem Heft – und dann war diese Verbindung irgendwie geboren. Und Ihr dürft eins nicht vergessen: Shell Ratgeber waren kostenlos! Die hatten effektiv eine höhere Auflage als die Bild-Zeitung. Ganz am Rande: Die Bild Zeitung brachte die Sache mit der Badewanne einmal pro Jahr – lange, bevor es die Autobild gab.“



„Sie brauchten da also eigentlich gar nichts mehr zu tun?“

„Im Grunde nicht. Allerdings war das auch blöd – viel verdient hab ich an der Geschichte nicht. Ich habe die Studie einige Male verkauft, alles in allem waren das schon wenige Tausend Mark.

Quelle: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Ausfallverteilung

Aber das Ding verselbständigte sich so schnell… Es gab dann auch viele Folgestudien – und der Rest passierte am Stammtisch. Ich hab dann mit meinem wichtigsten Kompagnon irgendwann sogar mal versucht, die Geschichte zu erzählen – aber da hat einem ja keiner mehr zugehört, weil alle über die Geschichte geschrieben hatten und somit mit drin hingen. Das Ding hielt sich ziemlich lange. Ich habe in meinem langen leben jetzt schon mit so viele Leute gesprochen, die bis heute noch ein schlechtes Gefühl haben, wenn sie ein Auto mit sechsstelliger Laufleistung kaufen… An die Badewanne erinnern sich nur noch die Älteren – aber die 100.000 sind ins Kollektive Auto-Gehirn eintätowiert, wenn ihr mich fragt.

„In anderen Ländern auch?“

„Ha… nein – so blöd sind die Leute nicht. Polen hat noch ein wenig was davon abbekommen – vielleicht auch, weil da die Verbindung zu Deutschland recht eng war. Alle anderen Länder haben sich einen Dreck darum geschert. Aber wenn Du den Deutsche eine Zahl gibst…
Sie glauben dran.

„Aber mal im Ernst – hat da nie jemand was dagegen gesagt?“

„Hm… es war tatsächlich zu einfach. Wer hätte denn was dagegen haben sollen? Ein Autohersteller selbst hätte das nie verbreitet – aber wenn es die Presse schreibt, kam es ihnen ganz gelegen. Die Mineral-Öl-Leute fanden es ohnehin hervorragend.

Vor ein paar Jahren hat ein Autohändler zu meiner C-Klasse gesagt ‚Ja – heute schaffen die auch über 100.000 Kilometer – das war ja früher ganz anders…‘ Was willst man da sagen: Meine Lüge ist größer geworden als ich. Ganz viele Leute haben in den 80ern auch gesagt: Schau mal – der W123, der hält auch noch über 100.000 Kilometer – der ist ein viel besseres Auto als die ganzen anderen….‘ Au weia.
Das einzig Gute daran ist: Heute glauben die Leute, dass die Autos viel besser sind, weil sie über 100.000 schaffen“ grinst frech „dabei konnten die Autos der 70er das auch schon hervorragend.“

Eins ist klar: Gespräche mit weiteren Beteiligten folgen….




13 Gedanken zu „Ab 100.000KM geht es mit Autos bergab!

  1. Wenn ich überlege, dass ich früher im Jahr über 150.000 km gefahren bin. 🙂
    Mein jetziger Youngtimer (VW T3) hat schon über 500.000 drauf. (Nein, es ist nicht der erste Motor 😉 )

  2. Nette Story, aber so recht glauben mag ich das nicht. In den 80ern waren die 100 tkm in der DDR genauso eine „Schreckenszahl“, und da gabs keine Shellhefte, Autobild oder sonstwas. Ich glaube eher dass das aus einer Zeit „herübergerettet“ wurde, als man a) viel geringere Jahresfahrleistungen hatte, b) Autos nach dann ca. 10-15 Jahren tatsächlich problematisch wurden (die Werkstoffe und Fertigungsqualität der machanischen Teile haben sich bis heute stark vebessert, Probleme macht eher die das ausnutzende, kostengetriebene Minderdimensionierung) und c) die „Tachopsychologie“ zuschlägt (wenn der Zähler „voll“ ist, hat das einfach ein andere Wahrnehmung als wenn da nur die Zahl wechselt). Da habt ihr schon glaubwürdigere und weniger monokausale Geschichten erzählt.

  3. Die 100 000km waren damals magisch, weil a) meist der Rost plus die schlechte Vorsorge an den Wagen (fehlende Kotflügelinnenverkleidung !) die Fahrzeuge vorher dahin raffte und b) aber z.B. im VW Konzern tatsächlich die Motoren nur 080 000km als Mindestsolllebenslaufleistung konstruiert wurden, wo die Japaner bereits 300 000km vorgaben und das auch Problemlos erreichten. Ich habe mal mit einem geschrieben, der in den frühen 80ern bei Toyota war und man kannte die Vorgaben aus Japan und die aus Ingolstadt. Meine Erfahrungen mit beiden Marken aus der damaligen Zeit (ein Kollege fuhr den aus Ingolstadt, ich meinen kleinen Toyota) bestätigen mir diese Qualitätsunterschiede

    1. Wir haben von Toyota Mal nach der 360.000er Inspektion unaufgefordert ein neues Serviceheft zugesandt bekommen 😉

  4. Sehr schöner Beitrag,

    Ja, meine Eltern und andere Personen sagte, wenn die 100’000 km-Grenze erreicht wäre, da kämen die Reparaturen.

    Einige Personen wechselten nach 3 Jahre das Fahrzeug, da bekamen sie angeblich am meisten Geld.

    Als ich den Artikel eingehend gelesen habe, habe ich ein schöne Foto entdeckt, es ist nämlich der Tacho meines Ford Scorpio.

    Das macht doch einem Freunde.

    Hier wäre alles über mein Ford Scorpio 2.4 i CL:

    https://jpwuethrich.wordpress.com/2015/04/07/die-400-00-chf-limousine-ford-scorpio-mk-1-2-4-i-cl-jg-1989-noch-ab-mfk-tuv/

    Gruss aus der Schweiz

  5. 1982 einen 1300er Taunus gakauft mit 120.00 auf der Uhr. O-Ton Verkäufer: “Der Wagen ist auf, der muss weg.” Gefahren, gefahren, gefahren und 1987 mit 255.000 noch für 250 Mark weiterverkauft.

  6. Ich fahre seit September 2017 einen Ford Scorpio MK1,, BJ. 1990 mit DOHC-Motor, 4-Zylinder. Momentan hat meiner 120.000 km auf dem Buckel. Im 3. Quartal 2018 muss ich jedoch die Kopfdichtung wechseln. Ein Kumpel von mir hat den gleichen Motor (Metalllagen-Kopfdichtung) mit 380.000 km auf der Uhr. Mit 100.000 km ist der DOHC-Motor 2.0i mit 120 PS gerade mal eben eingefahren. Aber eine gepflegte Rentner-Limousine (rostfrei) gibt es nicht zum Nulltarif. Unter 10.000 € fange ich erst gar nicht an, Mit dieser Summe muss man in 5 Jahren schon rechnen (Generalüberholung, Austausch diverser Aggregate, Sensoren, Hohlraumversiegelung, Trockeneis strahlen, 8-fache Neubereifung und vieles mehr. Dafür hat man wenig Ärger mit der Elektronik. 70% der neueren Youngtimer werden ja wegen elektrischer Probleme geschrottet und nicht etwa wegen der Karosserie.

  7. Als Saab Fahrer kann ich da nur müde lächeln…
    Meine Saabs haben alle mindestens 300.000 auf der Uhr und fahren besser als zuvor.;-)

  8. Guten Tag! Wie bei allem im Leben, es kommt drauf an. Zum Beispiel 100.000 Kilometer in der Großstadt gegen 100.000 Kilometer auf der Autobahn – das macht doch einen ganz wesentlichen Unterschied und damit meine ich nicht nur die Kupplung & Bremsen an der Ampel sondern viel mehr das ständige Bordstein rauf & wieder runter sowie die Rundumversorgung mit Blechküsschen auf den viel zu engen Parkplätzchen. Aus meiner Sicht kommt es aber nicht so sehr darauf an wie viele Kilometer ein Wagen gelaufen ist sondern eher wo er hauptsächlich gestanden hat. Wer rastet der rostet – nicht nur W202 & W210, dies gilt für alle! Vor allem draußen unter feuchten Bäumen, idealerweise abgestellt bei einem nebeligem Gewässer in der Nähe – Pfui Teufel! Es macht auch einen relativ großen Unterschied ob jemand eine Standalone-Garage oder eben im Haus eingebaut hat.
    Ich freue mich auf jeden Fall das mein frisch restaurierter BA3 2102 noch einen klassichen fünfstelligen Wegstreckenzähler hat. Damit wird das Prachtstück demnächst wieder zum “Neuwagen”. Vielleicht ging es damals auch einfach nur darum, dass es schwerer nachvollziehbar sein sollte wie viel er denn nun wirklich gelaufen ist. Im Sinne von: falls nun etwas unerwartet verschleißt, dann naturgemäß darin begründet, dass durch schlechte Pflege und unsachgemäß Behandlung und nicht in Korrelation zur aktuellen Kilometerzahl im Cockpit.
    Viele Grüße
    Tobias Topyla

  9. Vor 2 Wochen haben ich ein Ford Scorpio 2.9 i GLX, Stufenheck, Jg. 1992 (März 1992) entdeckt auf einer Inseratenseite in der Schweiz.. Da mein 1. Ford Scorpio ein Ford Scorpio 2.4 i GL, Automat, Jg. 1990 im Jahre 1995, ich hatte diesen einige Jahre später verkauft, fand ich per Zufall diesen Ford Scorpio 2.9 i GLX, Stufenheck, Rostfrei mit 321’489 km, mit lückenlosen Wartungsheft von der Ford Werkstatt gewartet:

    https://jpwuethrich.wordpress.com/2018/04/20/ford-scorpio-mk-1-2-9-i-glx-frueher-gl-jg-1992-stufenheck-321000-km-rostfrei-wie-neu-mit-lueckenlosen-wartungsheft-von-ford-werkstatt-gewartet/

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