Zwischen Kurt Cobain und Pappbechern: Ist der Mercedes W211 der Strichachter der Gegenwart?

Der Mercedes W211? Das ist doch kein Youngtimer, das ist ja lächerlich.

Die ältesten davon sind ja gerade mal 16 Jahre alt… Der W202 – ja klar, über den kann man ja mittlerweile gesellschaftsfähig reden. Wir erinnern uns gut daran, dass das mal sehr anders war. Der W201 war auch so ein Kandidat – den wollte zuerst keiner so richtig als alten Benz ernstnehmen – ist auch schon ein paar Jahre her und jetzt zahlen sie für den mal wieder die Höchstpreise, die wir schon ganz früh prognostiziert hatten.

Und noch länger her ist das Jahr 1988, als ich mit meinem Dad darum rang, mir einen Strichachter zu kaufen, weil das ein cooler Youngtimer war. Ich war gerade 18 geworden und der Benz war Baujahr 1972 – jünger als ich und somit 16 Jahre alt – und neben dem zeitgenössischen W124 war der Strichachter plötzlich ein cooler Hingucker geworden. Und er hatte genau das Alter, das heute die ältesten W211er haben…

wie alt ist eigentlich alt?

 

Aber ist das wirklich vergleichbar? Schließlich wissen wir, dass 20 Jahre nicht gleich 20 Jahre sind. 1988 war der W124 wie gesagt der aktuelle Benz – ein Wagen, so weit vom Strichachter weg wie… Naja… Wie weit ist der aktuelle W213 (was immer noch nach Zahlendreher aussieht) von so einem W211 eigentlich weg? Vom W210 ist der W213 sehr weit weg – vor allem vom W210 der ersten Jahre vor der Modellpflege, die die Hightech im Wagen deutlicher integrierte und serienmäßiger machte. Bei den Kids von heute – so erfahren wir kürzlich während unserer Schaffenspause, in der wir viele lustige Interviews in Europa geführt haben, auf einer ASTA-Party – ist der frühe Mercedes W210 durchaus beliebt. Der beschissene Ruf des Wagens ist denen egal – Rost beheben sie, der Rest des Wagens gilt bei den überlebenden Exemplaren zunehmend als solide und vor allem als total simpel im Verhältnis zu heutigen Fahrzeugen. Obendrein ist der Wagen zurzeit auch einfach spottbillig, was vermutlich in jeder Studentengeneration als attraktiv galt.

Nur die blöden ollen Diesel mit ihren hässlichfarbenen Plaketten will dann doch keiner mehr so richtig haben, erzählt man uns bei Bier aus dem Pappbecher – in unserer Zeit trank man das auf der ASTA Party stets aus der Flasche – aber da galt Kurt Cobain auch als aufstrebender Künstler und der olle W210 war noch nicht mal auf dem Markt…

Relativität.

Ein 19jähiger Typ, der tatsächlich ausgerechnet Kevin heißt, erklärt mir an seinem Mercedes W211 von 2003, den er als angenehm alt empfindet, dass der 211er der derzeit beste Benz sei, den man für Geld kaufen kann. Der hat akzeptabel viel Technik und rostet weit weniger als der W210. Billig ist er dennoch – für seinen W211er hat Kevin letztes Jahr 1800 bezahlt – und das ist ein Kombi, 220CDI mit Automatik. 412.000 auf der Uhr – aber „der Tacho ist stehen geblieben – dürften jetzt so 430.000 sein – aber wer will das schon wissen?“ In den Semesterferien will er den Wagen wieder schön machen „Der hält noch zwei, drei Semester, da bin ich sicher.“

Showroomig – aber klar: Der sieht sehr sehr heutig aus

Irgendwie kommen uns diese Gedanken alle so bekannt vor, auch wenn wir mittlerweile mal eher doppelt so alt sind, wenn wir fair runden.

Kevins Kumpel Nils ist 1998 geboren und hat einen 2004er E270CDI Avantgarde – als Limousine. Mit dem hatte er schon 2 mal Ärger, weil man „Mit den alten Dieseln ja immer mal irgendwo aneckt…“ Der Wagen hat vergleichsweise lächerliche 208.000 auf der Uhr – „Wenn er 211.211 drauf hat, mach ich ein Bild für Insta!“ lacht er. Auf Insta(gram) findet man den #W211 tatsächlich auch erstaunlich oft – und bei den Bildern wird eins schnell klar: Der W211 steht tatsächlich genau dort, wo der Strichachter damals stand, als ich Abi gemacht hab: Ein paar hippe Kids haben den begriffen und erkennen die Chance des Marktes.

Speziell im Heck ist der W211 dem modernen W213, wie man ihn heute kaufen kann, tatsächlich sogar überlegen. Der Laderaum ist besser beladbar und faktisch größer. Um den Laderaum-Ausschnitt beneidet Dich heute jeder W213 Fahrer. Und auch heute bekommst Du hier noch alle Dosenbier-Paletten für die nächste Asta-Party rein. Das war beim W115 noch viel schwieriger in unserer Jugend: Da gab es keinen Kombi…

Die geleckte silberne Limousine von Nils hat Anfang des Jahres gerade mal lächerliche 2600 gekostet – mit einer Lederausstattung, deren Rückbank zuvor scheinbar noch nie benutzt wurde. Der Vorbesitzer – Vorstand bei einer kleineren Versicherung – hat den 2004 als Dienstwagen bekommen und dann 2007, als er in Rente ging, einfach behalten. Jetzt ist er 76, hat Probleme mit den Augen und so ist Nils an den gepflegten „Youngtimer“ gekommen. Ein Wort, das von den Jungs keiner so recht in den Mund nimmt, aber sie kennen es.

28 Herzen und keinen Kommentar: Der W211- Bald soll hier das Foto von Nils erscheinen mit dem Kilometerstand 211.211 KM. Erkenntnis: Hätten wir Instagram 1988 gehabt – wir hätten exakt an demselben Quatsch Spaß gehabt 😉

Genauso wie wir damals machen Sie sich um Etiketten keine Gedanken – vielmehr wissen sie alle Farbcodes, damalige Ausstattungen und können solche Dinge runterbeten wie „Iridiumsilber war damals die wichtigste Farbe“ oder „Die Sitzbelegungserkennung ist der letzte Rotz – am besten deaktiviert man die gleich, sonst hat man immer Stress“. Gerne auch „Die alte Automatik hier hat nur 5 Gänge! Bei dem Mercedes von meinem Vater sind es mittlerweile fast doppelt so viele!“ Das bleibt uns ein wenig im Halse stecken, die wir noch mit 3 Gang-Automatik groß geworden sind und die Digitalität des W211 schon ziemlich atemberaubend finden.

Mercedes Strichacht Mercedes W115

Boah – das war die Linie des träumenden 18jährigen. Neben dem neumodischen, glatt geleckten W124 mit all seiner Hightech wirkte so ein W115 irre freundlich, technisch überschaubar und hatte so etwa trotziges gegenüber den Eltern, die dich lieber in einem Polo oder Golf gesehen hätten

Klar wird aber auch: Diese Szene organisiert sich längst. Die Jungs geben uns die Adresse von einem Laden, der sich auf die gesamten Wehwehchen des W211 spezialisiert hat. Der verfügt über einen stattlichen Friedhof „alter Benze“ und kann beispielsweise die Sitzbelegungserkennung deaktivieren. Der Besitzer des Ladens, Christian, erklärt uns „Das dauert ein paar Minuten, kostet dich einen 20er und hält Dir den ganzen Ärger vom Hals. Reparieren ist nämlich enorm teuer bei dem ganzen Mist. Und der W211 ist gegenüber dem W213 noch total übersichtlich.“

Ergonomie und Sitze sind top – nur die Sitzbelegungserkennung des Mercedes W211 gelten in dem Bereich als die Pest. Einige andere teile auch. Aber ganz ehrlich: Die Dinge gab es beim Strichachter auch. Rost beispielsweise war eines seiner schlimmsten Probleme. Probleme wie defekte Multikontursitze kannte der Strichachter natürlich nicht, klar. Und die, man ahnt es, gelten auch als die Pest…

Während wir die Zeit unserer Kreativpause nutzen und Leute wie Christian treffen, der vielleicht 10 Jahre älter ist als Nils und Kevin, wird uns der Audi A8 geklaut. Das ist enorm ärgerlich und bringt uns eine Menge Stress, weil der Wagen ausgerechnet dort gestohlen wird, wo uns schon einmal ein Wagen geklaut wurde – und wie krass ist das: Der Polizist, der das aufnimmt, ist auch derselbe wie damals, erinnert sich daran und schöpft Verdacht. Auch das noch. Am Ende dauert das ganze ziemlich lange und nervt.

Wir „fliehen“ mit einem neumodischen Wagen und dem Zug für ein paar Tage in unser Refugium in den Niederlanden, was ohnehin stets ein guter Punkt auf der Weltkarte ist.

Beim Reflektieren fällt auf, dass es der W211 tatsächlich zu Lebzeiten gar nicht mal nur leicht hatte. War er zu Beginn seiner Karriere noch die unangefochtene Nummer 1 der Klasse, nahm das ziemlich schnell ab. Hier griffen auch ein paar hässliche Mechanismen, für die der W211 selbst gar nichts konnte: Die Qualitätsprobleme des Vorgängers hatten ein paar Fuhrparkmanager zum Teil erheblich gegen den Wagen aufgebracht. Noch schlimmer für den Wagen gestaltete sich allerdings der BMW E39 und noch mehr sein Nachfolger, der einen ganz und gar massiven Schritt darstellte. Der und der Audi A6 hatten hier ihren Wendepunk: Zu Beginn der W211-Karriere brachten es die beiden Wagen zusammen nicht auf die Verkaufszahlen der Mercedes E-Klasse – zum Ende der W211-Bauzeit wurden von jedem einzelnen der beiden Mitbewerber mehr Autos verkauft als von der E-Klasse.

bisserl verlebt von einer Familie mit jungen Kindern – aber 224PS. So sehen wir einen E320 in den Niederlanden

Der Antriebsstrang und die Getriebe galten schnell als problematisch, die SBC-Einheit gilt vor allem in den frühen Baujahren als schlimme Fehlerquelle – und Christian, der Wissende, nennt uns noch ein paar andere schlimme Teile – betont aber auch: „bei kaum einem Wagen ist die Ersatzteillage so ausgezeichnet – für Audi und BMW gilt genau das nämlich nicht. Für den Benz gibt es auch weit mehr Nachbau-Ersatzteile, die etwas taugen – gilt übrigens nicht für Bremsbeläge, die taugen allesamt nichts“ – Christian rät eh dazu, gleich Taxi-Bremsen einzubauen – wobei das ein erheblicherer Umbau ist, als beispielsweise noch beim W124.

Wir geraten in Diskussionen, die uns allesamt sehr bekannt vorkommen 😉 Ist der W211 deshalb ein Youngtimer, ein Alltimer, ein Junger Klassiker, ein Newtimer, Eine Hipster-Schleuder, ein Whateverer? Hm… In erster Linie ist er wahrscheinlich ein bezahlbarer Benz der gehobenen Mittelklasse, was in den meisten Gesellschaften dieser Erde auch heute noch für einen gewissen natürlichen Nimbus sorgt. Und er erfüllt vieles, was auch in der heutigen Zeit gut und richtig erscheint zu einem ungewöhnlich vernünftigen Preis.

Die Limousine hat noch etwas stattlicheres als manche der heutigen Modelle, die praktisch keinen sichtbaren Kofferraum mehr haben, sondern alle dem optischen Muster folgen, das einst der Ford Sierra unter Uwe Bahnsen ausgeprägt hat

Und braucht denn alles den richtigen Deutschen Stempel?

In den Niederlanden läuft uns wenige Tage danach unerwartet ein W211er zu – für 2100€. Ein E320 mit stattlichen 224PS, der eigentlich deutlich mehr kostet – aber jetzt haben wir einmal Glück und bekommen den „nur für Export“ Preis… 😉  Wir nehmen den Wagen für den Rückweg mit, fahren mit dem gelben Kennzeichen für ein weiteres Interview nach Belgien, schließlich nach Frankreich und kommen dann nach Germanien zurück und erledigen die Formalitäten. Schauen wir also mal, wie sich das so anfühlt.