Orgien der Hochtechnologie in den 90ern: Knietief im Tode waten…

Niemand soll behaupten, dass früher alles besser war – auch wir nicht….

Kürzlich schaute ich meinem Sohn über die Schulter, als er sich mit einem Kumpel zu PUPGMOBILE verabredete.

Nachricht auf Whatsapp „Kommste PUPG?“

„K“

„I swear that I don’t have a gun… No, I don’t have a gun….“ War wohl gelogen, hm?

Zack, drin, verbunden, zusammen geschlossen, los geht es mit dem Multiplayer-Geballere 2018. Das erinnerte mich an die Zeit, da mein 245er Volvo ein sehr beliebtes Auto war. Den fuhr ich vor 25 Jahren. Mein Sohn war noch nicht geplant – eigentlich war genau genommen in meinem Leben absolut gar nichts geplant.

Wir schrieben das Jahr 1993 – ich war gerade frische 19 Jahre alt, hatte mein Studium vor mir und pokerte, dass die Bundeswehr mich mit meinen 31 Einschränkungen nicht wollen würde. Meine damaligen Helden waren unzweifelhaft Philippe Djan und Kurt Cobain. Letztere Liebe sollte nur kurz halten, weil sein Leben einen historischen Wimpernschlag später beendet sein sollte – aber ich hätte ihn vermutlich eh nicht mehr lange gemocht. Die Plattenlabels hatten Rock und Pop Ende der 80er, Anfang der 90er so sehr kommerziell ausgequetscht, daß Typen wie Haddaway, Dr. Alban und Britney Spears mit zwei Zeilen Text und sechs bis sieben Klangfolgen aus einer exklusiveren Bontempi-Orgel die Hitparaden dominieren konnten – wer hätte da nicht Kurt Cobain gewollt?

Ich steh bis heute dazu: Die Pumpgun (auf der „3“) – das war die Waffe der Wahl

Das Jahr 1993 brachte neben schlechter Musik und einem Volvo Kombi auch den PC in mein Zimmer – und mit ihm meine letzten Helden des Jahres: John Carmack und John Romero – bekannter als „The Two Johns“ – die Masterminds hinter DOOM.

Und mit Doom kam genau das, was ein Sohn heute tut – aber in der Technik-Version von 1993: Die LAN-Party. Und zu der brachte uns gerne mein Volvo 245 – denn während mein Sohn heute sein Device stets in der Hosentasche trägt, hatten 4 meiner Kumpels und ich TOWER-PCs – mit Monitoren zwischen 14 und 17 Zoll, die so tief waren wie ein Bierkasten plus externer Laufwerke, einem Haufen Kabel und hier und da einem Tapeziertisch. Versuch das mal mit dem Polo, den meine Eltern gerne als meinen ersten Wagen gesehen hätten.

Und damit fing der Spaß erst an…

Ich kann mich an keine einzige Session erinnern, die nicht mindestens eine Stunde allgemeiner Konfiguration benötigte.

„Natürlich fährt Dein Rechner so nicht hoch – Du musst den Treiber in den hohen Speicherbereich laden.“

„Das geht nicht, da ist mein ISDN Treiber drin“

„Aber den brauchst Du doch jetzt grad nicht, oder?“

„Auch wahr – dann muss ich aber eine komplette Autoexec schreiben.“

„Quatsch – ich hab hier eine auf Diskette.“

„Warte, Stephan – was hast Du da für einen Rechner??“

„Den von meiner Freundin – meiner hat was mit der Grafikkarte…“

„Aber mit dem rosa Dings klappt das doch nicht, der hat keine Netzwerkkarte“

„Wir gehen einfach über Nullmodem rein.“

„Hey – Stimmt – mit deiner Autoexec geht das mit dem hohen Speicher. Oh Mist – jetzt geht die Grafikkarte aber nur auf Acht mal Sechs. NEIN! Ich hab meine alte Autoexec mit Deiner überschrieben!!!“

„Mit Nullmodem kommst Du da nicht durch – der Datendurchsatz ist viel zu gering, da ruckelt alles….“

Gleichmäßiger Datendurchsatz bei jeder Konfiguration: Volvo 245 – der Wagen, wenn Du vier Tower-Rechner samt Besitzer durch die Gegend fahren wolltest

Wenn Du fünf Stunden Zeit hattest, konntest Du auf die Weise netto eine gute Stunde spielen. Zwischendurch überhitzte dann was (Ich sage nur „Quartz-Oszilator“), eine Verbindung brach zusammen – und wenn alles wieder beisammen war, flog die Hauptsicherung raus. Eine schöne Zeit, da kann man sagen, was man will 😉

Aber irgendwie erinnerte mich vieles daran aus heutiger Sicht an die ersten Samstage meiner Volljährigkeit. Wenn Du zu der Überzeugung gekommen warst, dass die abgegriffene ölige Version von „Jetzt helfe ich mir selbst“ aus der Stadtbücherei oder in meinem Falle „Haynes Repair Manual – Volvo 240“ dich auch über komplexere Mängel bringen würde und du locker ohne eine Werkstatt auskommen würdest… Das war auch höllisch ineffizient – aber lustig. Und alleine warst Du auch nie, denn Stephan, der Typ, der später nie wusste, was in der Config.sys und was in der Autoexec.bat eigentlich genau eingestellt wurde – der war auch damals schon immer dabei. Zwei Jahre älter als ich, fuhr er schon länger alte Volvos – in seinem Falle ein 123GT. Einer dieser wirklich heissen Hobel mit Wolfrace Felgen und abgesägten Federn und ähnlichen Späßen.

Da konntest Du auch einen Samstag verdaddeln, bis alle Zündkerzen getauscht waren und der Vergaser entlang des englischsprachigen Reparatur-Handbuches eingestellt war. Von Haynes Repair Manual haben wir Englisch gelernt.

Eine komplizierte Frage beim Einstellen des Zündzeitpunktes? Da googelst Du nix. Zuerst fragst Du Deinen Vater, der sich 20 Minuten über den Wagen lehnt und dann sagt „Hm… anders als bei meinem. Da musst Du Onkel Karl-Gerd anrufen, der kennt sich mit Schweden aus…“ Und wenn der gerade bei Obi ist oder in seinem Schrebergarten rumhängt – ja, dann ist der Samstag schnell rum…

Also doch alles besser – heute zwischen Google, Motortalk und Erklärvideos? Schneller geht es, ohne Frage. Praktischer auch.

Aber irgendwie lernst Du dabei einfach weniger Leute kennen und lachst weniger.




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